Autoritäre Träume: Stadtbewohner zu Ökobauern

Bauern – Ziemlich CO2 neutral Foto: Narcyz Witczak-Witaczyński – https://audiovis.nac.gov.pl/obraz/253284/ Lizenz:: Gemeinfrei

Der Klimawandel führt nicht nur zu den Problemen, die von steigenden Temperaturen ausgehen und denen man mit technischen Möglichkeiten wie dem Ausbau von Erneuerbaren Energien und Kernkraft, dem Einsatz gentechnisch verändertem Saatgutes oder einem Ausbau des Nahverkehrs vernünftig begegnen kann. Er führt auch zu autoritären Träumen, macht den Weg zur Abschaffung jeder Freiheit, ja zu ihrer Verächtlichmachung frei. Da war der Plan zur „Großen Transformation“ des Bundesumweltamtes, der mit der Denunzierung von Journalisten einherging oder die dümmliche Vorstellung, Deutschland müsse China folgen, weil es sich angeblich auf dem Pfad in eine leuchtende Zukunft als Ökodiktatur befindet, was Unsinn ist. Eine Diktatur ist China wie eh – und je und es baut Kohlekraftwerke im Rekordtempo.

Die Diskussion über den Klimawandel löst nicht nur Verbotsphantasien aus. Die Debatte wird zu einer Generalabrechnung mit Demokratie und Kapitalismus genutzt, jenem Ideenpaar, das in den vergangenen gut 200 Jahren die Welt zu einem besseren Ort machte und große Teile der Menschheit aus dem Elend befreit hat, in dem sie sich seit ihren Anfängen befand.

Einmal mehr zeigt sich, dass eine Politik die auf Angst beruht, immer zu autoritären Lösungen führt. Sie ist der Hebel, über denn ihre Protagonisten hoffen, die Menschen in das Reih und Glied ihrer Gesellschaftsentwürfe zu zwingen. In der Welt schreibt der Philosoph Slavoj Žižek in einem Beitrag über die britische Labour-Partei in dem er die politischen und wirtschaftlichen Vorstellungen von Thomas Piketty lobt, deren Umsetzung nur global funktionieren können: „Solch eine Weltmacht ist aber unvorstellbar in den Grenzen des heutigen globalen Kapitalismus und den politischen Mechanismen, die er beinhaltet – kurz gesagt, gäbe es eine solche Macht, wäre das grundlegende Problem schon gelöst worden.“
Der politische Mechanismus, den Žižek meint und dessen Funktionsfähigkeit er in Abrede stellt, ist die Demokratie.

Auch für Ulrike Herrmann muss es mit dem Kapitalismus schnell zu Ende gehen, denn er ist ihrer Ansicht nach Schuld am Klimawandel. In der taz träumt sie den kambodschanischen Traum der Roten Khmer: Ein mächtiger Staat soll die Menschen aus den Städten aufs Land treiben: „Dieser Umbau ist nur möglich, wenn der Staat steuert. Noch ist unvorstellbar, dass die Bundesregierung diskutiert, wie sie Stadtbewohner zu Ökobauern umschult. Doch erst wenn diese Debatten einsetzen, wurde das Klimaproblem verstanden.“
Nun können Žižek und Herrmann gerne ihr Leben in Gummistiefeln auf lehmigen Äckern verbringen, wenn es sie danach gelüstet. Der Versuch, die Menschheit davon zu überzeugen wird ebenso scheitern, wie es keinem Staat gelingen wird, seine Bürger wieder in Bauern zu verwandeln, die am Rande des Existenzminimums vegetieren. Selbst wenn er es mit Gewalt versucht, wird er schon mittelfristig am Widerstand der Menschen scheitern. Wir können uns viel Zeit und viele Tote durch autoritäre Gesellschaftsexperimente sparen, wenn klar ist, dass Demokratie und Freiheit, und das muss auch wirtschaftliche und technologische Freiheit einschließen, nicht infrage gestellt werden dürfen. Allen autoritären Gedankenspielen muss eine Absage erteilt werden.

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Thomas
Thomas
4 Jahre zuvor

Bei dem Artikel von Ulrike Herrmann war mein erster Gedanke auch die Roten Khmer.

Arnold Voss
4 Jahre zuvor

Die Wiederkehr des Landlebens passiert heutzutage schon, ohne das der Staat, oder wer sonst, es befiehlt . Wer z.B. in Berlin Geld genug Geld hat, hat auch noch ein mehr oder weniger großes Anwesen im weiteren, aber gut erreichbarem Umland und macht dort Öko-Landwirtschaft als Freizeitbeschäftigung.

Da, wo überhaupt keiner hin will, ziehen mittlerweile die zu , sich nicht mal mehr leisten können, am äußeren Rande Berlins zu wohnen. Die machen in abgelegenen Dörfern, wo es noch bezahlbare Wohnungen / Häuser mit großem Garten gibt, kleinteilige Selbstversorgungslandwirtschaft, und zwar weil sie es es müssen. Mit dem Klimawandel hat beides allerdings überhaupt nichts zu tun.

Gerd
Gerd
4 Jahre zuvor

"Nun können Žižek und Herrmann gerne ihr Leben in Gummistiefeln auf lehmigen Äckern verbringen, wenn es sie danach gelüstet."

Dass die das für sich wollen, halte ich für höchst unwahrscheinlich. Was diese Verbote i.d.R. gemein haben ist, dass sie Mittel- und Unterschicht träfen, während die Oberschicht ihr Luxusleben wie bisher weiter leben kann. Höhere Preise für Lebensmittel und Mobilität können die sich problemslos leisten.

Thomas Weigle
4 Jahre zuvor

Ja, die roten Khmer übernehmen das Kommando und widerspenstige Lügenjournalisten werden zur Abschreckung mit dem Kopf nach unten aufgehängt. Auch in Bochum,da ganz besonders.
Geht`s nicht `ne Nummer kleiner? Ich mache mir da mehr Sorgen um die Armseligen und deren wachsenden Einfluss.

paule t.
paule t.
4 Jahre zuvor

Indem dieser Kommentar hier die Aussagen Herrmanns zur Problematik des Klimawandels komplett (!) ignoriert, ist er ein exzellentes, wenn auch natürlich unfreiwilliges Beispiel für ihre Aussagen.

Der Rote-Khmer-Vergleich zeigt darüberhinaus ebenso den Unwillen des Autors, sich mit Herrmanns Argumenten irgendwie auseinanderzusetzen, wie seine argumentative Hilflosigkeit: Nicht nur bezieht sich dieser Vergleich nur auf einen kleinen Aspekt des ganzen Textes, er verzerrt diesen Aspekt auch noch geradezu verleumderisch.

Was Herrmann schreibt, ist, dass in einer CO2-neutralen Wirtschaft mutmaßlich bestimmte Berufe weit weniger gebraucht werden werden, andere – wie eben Tätigkeiten in einer Öko-Landwirtschaft – dafür weit mehr; und dass deswegen Umschulungen sinnvoll sein werden. Umschulungen für Leute, die wenig gebrauchte Berufe gelernt haben, sind aber nun wirklich keine diktatorische Idee, sondern schon jetzt ganz alltägliche Praxis in den Jobcentern dieses Landes. Der Autor kann ja gerne mal deren Mitarbeitern erzählen, dass sie quasi Handlanger eines völkermörderischen, diktatorischen Regimes sind, wenn sie gelernten Bergleuten oder Schriftsetzern Umschulungen in heute mehr gebrauchte Berufe vermitteln.

Der Verweis auf die vielen Dinge, in Bezug auf die die Welt besser geworden ist, ist ferner zwar inhaltlich völlig richtig, hat aber nur leider mit Herrmanns Text nicht das Geringste zu tun. Oder wo zweifelt sie irgend etwas davon an? Und dass die Welt in Bezug auf viele Dinge besser geworden ist, stimmt zwar insofern hoffnungsvoll, dass die Menschheit anscheinend in der Lage ist, auch schwierige Probleme erfolgreich anzugehen – ändert aber daran, dass die Menschheit genau das in Bezug auf das Problem des Klimawandels bis jetzt nur in völlig unzureichender Weise tut, leider überhaupt nichts.

Ferner ist der Verweis auf diese Fortschritte für die Argumentation des Textes insofern nur mäßig hilfreich, als ein ganz erheblicher Anteil dieser Fortschritte (wie der Reduzierung extremer Armut oder der Bekämpfung des Analphabetismus) gerade auf das Konto Chinas gehen dürfte.

Psychologe
Psychologe
4 Jahre zuvor

"Was diese Verbote i.d.R. gemein haben ist, dass sie Mittel- und Unterschicht träfen, während die Oberschicht ihr Luxusleben wie bisher weiter leben kann."

Es ist ja noch viel perverser: Die Oberschicht jettet dann um die Welt und erzählt sich abends beim Strand-Barbecue, was sie gutes für das Klima getan hat. Es gibt da durchaus Exemplare, die das bierernst meinen. Die sehen das dann noch als völlig legitim an, da sie ja A) selber CO2-Ablassbriefe für ihre Flüge kaufen und B) durch die ökonomische Diskriminierung dafür sorgen, dass der CO2-Ausstoß im Ganzen gesunken ist.
Das wird nur noch von irgendwelchen Popstars übertroffen, die auf Instagram schmalzige Beiträge über Greta posten und in den übrigen Bilderserien ihr Leben im Privatjet thematisieren.

Annette Berger
Annette Berger
4 Jahre zuvor

Meinen Sie denn, in der aktuellen Welt entscheiden die Leute völlig frei nach Laune, welchen Beruf sie ergreifen? Es wird doch sowohl vom Markt gesteuert als auch durch die Politik – z.B. mussten in den letzten Jahrzehnten ein Großteil der damaligen Bauern aufgeben, allein aus Marktgründen, Stichwort Strukturwandel. Das war nicht deren Entscheidung, im Gegenteil, die meisten wollten weitermachen.
Zugleich setzen sich Regierungen ein, um Jugendlichen z.B. technische Berufe schmackhaft zu machen, weil da Fachkräfte gebraucht werden.
Ist das alles auch diktatorisch? Wenn nein, wo ist der Unterschied, zumal Herrmann ja nichts von Zwang geschrieben hat? Viele Menschen würden gern auf dam Land arbeiten. Tatsächlich finden heute viele Jungbauern kein Land, das sie bezahlen können, aufgrund von Marktbedingungen.

Davon abgesehen: Ist es nicht sinnvoll, wenn eine Gesellschaft überlegt, welche Arbeitsfelder im Hinblick auf Nachhaltigkeit und Zukunft sinnvoll sind und vergrößert werden sollten und welche verkleinert werden sollten, und dann Maßnahmen trifft, die Arbeit auch entsprechend zu verteilen? Das kann ja auch wunderbar demokratisch passieren. Wäre das nicht sinnvoller – und demokratischer – , als Marktkräfte und einer am Bedarf der Wirtschaft ausgerichteten Politik die Steuerung zu überlassen? Eine Steuerung und damit eine gewisse Unfreiheit gibt es so oder so; trotzdem könnten Leute in diesem Rahmen entscheiden, was sie tun wollen, und niemand muss mit Gewalt gezwungen werden.

paule t.
paule t.
4 Jahre zuvor

@#9
Ja, weil "mehr Nahrungsmittel" ja auch das einzige Thema der landwirtschaftspolitischen Diskussion ist. Und so viel mit den Argumenten aus #8 zu tun hat.

Thomas Weigle
4 Jahre zuvor

Ich habe mir gerade die TAZ aus der Papierkiste gezogen und verstehe in keinster Weise die Aufregung. Erst mal ist der Vergleich mit den Khmer der blanke Unfug. Sicher, Herr Laurin war in deren Blütezeit noch Kind oder sowas und hat nicht mitbekommen, was da ablief. Nur so lässt sich der blanke Unfug erklären, der ihm da in die Tasten gegriffen hat. Die Khmer haben nicht diskutiert, sondern waren eine durch langen Bürgerkrieg traumatisierte Bande, die mit der Waffe in der Hand die Mao-Losung, dass politische Macht aus den Gewehrläufen kommt, auf schlimmste Weise umsetzte.
Allerdings je mehr zugewartet wird in Sachen Klimaschutz, desto härter werden die Maßnahmen sein, die dann ergriffen werden (müssen).
Dass Maßnahmen zum Klimaschutz zu allererst die Menschen treffen wird, die sich das am allerwenigsten leisten können, ist richtig. Nur: sie werden auch die Ersten sein, die die Folgen der kommenden Wetterkatastrophen werden ausbaden müssen. Die reiche Oberschicht wird sich am längsten in Gebiete und Maßnahmen retten können, die ihnen die harten Konsequenzen des Klimawandels vor der Hand erstmal erspart.

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