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Brehme, Tuchel, DFL – eine Fußballwoche mit viel Dramatik

Ein Typ, den man vermissen wird: Andreas Brehme, hier im Trikot von Inter Mailand (1989)| Foto: wikipedia / Pubblico Dominio / CC BY-SA 3.0

Thomas Tuchel muss bei den Bayern gehen, die DFL sagt ihre Vermarktungspartnerschaft ab und WM-Held Andreas Brehme stirbt mit 63 Jahren an plötzlichem Herzstillstand. Thommy Junga und Peter Hesse probieren das Wichtigste in dieser Fußballwoche zu sortieren.

Thommy Junga: An die Vorstellung eines souveränen Meisters Leverkusen müsste man sich erstmal gewöhnen, aber der Hamburger Sportverein wartet mit einem weiteren fantastischen und kuriosen Experiment für das Saisonfinale auf. Stand jetzt ist eine Relegation zwischen Köln und dem HSV denkbar, bei der Steffen Baumgart mit seinem neuen auf seinen alten Arbeitgeber treffen würde. Mehr Drama geht nicht, oder?

Peter Hesse: Sowohl beim SC Paderborn, mit dem Baumgart von der Dritten Liga in die Bundesliga aufstieg, als auch Köln ließ der Mann mit der Mütze attraktiven Offensiv-Fußball spielen. Seine vorherigen beiden Teams schafften das, was seine neue Mannschaft so häufig vermissen ließ: Sie fanden eine gute Balance zwischen Angriff und Verteidigung. Ob Baumgart bei seinem ersten Heimspiel gegen Elversberg am Sonntag eine hanseatische Prinz-Friedrich-Carl-Seglermütze statt seines geliebten Golfplatz-Cappi trägt, ist ebenfalls noch unbekannt. Glück wird er brauchen – es sind noch 12 Spieltage. Und der HSV ist gerade in den letzten Jahren oft mental eingebrochen. Ich weiß nicht ob es für den Aufstieg reicht – die Konkurrenz aus Hannover, Kiel, Fürth und St.Pauli wird ebenfalls alles dransetzen.

Trainer Steffen Baumgart ist von Köln zum HSV gewechselt| Foto: Sandro Halank, Wikimedia Commons, CC BY-SA 4.0

Thommy Junga: Mit 63 ist der Finaltorschütze der WM 90, Andi Brehme, von uns gegangen. Mir hat sich auch sein Treffer gegen die Niederlande im Achtelfinale eingebrannt. Ein echter Gänsehautmoment meines Fanlebens. Unvergessen auch seine Tränen nach dem Abstieg des FCK 1996. Womit bleibt dir Inter-Andi in Erinnerung?

Peter Hesse: Das Tolle an Brehme, war seine Nahbarkeit – er war ein allürenfreier Fußballer, angesiedelt irgendwo zwischen Rudi Völler und Uwe Seeler. Brehme besuchte in Hamburg Barmbek-Uhlenhorst die Hauptschule und absolvierte danach eine Lehre als Automechaniker. Diese Working-Class-Wurzeln prägten ihn und machten ihn einzigartig. Sein Vater Bernd trainierte schon mit dem Medizinball und perfektionierte seine Schusstechnik – er hatte einen unglaublich strammen Schuss. Vater Bernd trainierte übrigens bis zum Jahr 2012 noch als 74-Jähriger die A-Jugend von Barmbek-Uhlenhorst. In der Kalli Feldkamp-Ära kam Brehme zum 1. FC Kaiserslautern und prägte dort an der Seite von Spielern wie Ronnie Hellström, Hans-Peter Briegel, Hannes Bongartz, Norbert Eilenfeldt oder Friedhelm Funkel den Prototypen des modernen Verteidigers, der immer Dampf nach vorne macht und dessen Schusskraft links wie rechts raketenmäßige Schubkraft hatte. 1982 schickten die Lauterer mit Brehme im Team Real Madrid mit 5:0 UEFA-Cup nach Hause, das war wirklich Wahnsinn – hier eine Kostprobe. Auch in Italien stand man Kopf, als Brehme von 1988 bis 1992 für Inter Mailand auflief. Und spätestens als WM-Held 1990 ist er ein Hero für die Geschichtsbücher. Ich bin traurig, dass er nicht mehr da ist – ich werde ihn vermissen. Spätestens bei der EM im Juni werden wir an ihn denken, dass wir so einen verantwortungsvollen Teamplayer und abgezockten Elfmeter-Schützen aktuell nicht im Team der Nationalmannschaft haben.

Wo geht die Reise hin für König Fußball? Stadionbild vom SV Sodingen in Herne | Foto: Peter Hesse

Thommy Junga: Der Ton im Kampf gegen das Investorenmodell der DFL wird schärfer, die Protagonisten des Verbandes und des verbliebenen potenziellen Investors CVC geraten nun auch persönlich in den Fokus der Fan-Aktivisten. Aber auch die Tennisbälle-Werfer ernten jetzt spürbar mehr Pfiffe und Kritik aus den Vereinen. Sind das die ersten Abnutzungserscheinungen, die auch die Klimaaktivisten derzeit erleben und sie zu neuen Formen des Protest zwingen?

Peter Hesse: Im Rahmen einer außerordentlichen Sitzung des DFL-Präsidiums wurde am Mittwochnachmittag „einstimmig beschlossen, den Prozess zum Abschluss einer Vermarktungspartnerschaft nicht weiterzuführen“, so teilte es der Ligaverband in einer Pressemitteilung mit. Auch wenn jetzt die Fußball-Nostalgiker und Kapitalismus-Kritiker jubeln, dieses Urteil wird den Fußball nicht gerechter oder gewissenhafter machen. Es wird demnächst neue 50+1 Verhandlungen geben – und ich glaube, dass es dann nicht gut um die „Cash-Cow Bundesliga“ bestellt sein wird. Ende der 70er-Jahre, mit Margaret Thatcher in Großbritannien und Ronald Reagan in den USA, setzten sich die entschiedensten Verfechter eines unregulierten freien Marktes weltweit durch. Das Zeitalter globaler Deregulierungen begann. Nie zuvor konnte die Finanzwirtschaft so ungehemmt agieren wie am Ende des 20. und zu Beginn des 21. Jahrhunderts. Und das Fußball-Business funktioniert auch leider so „neoliberal“, wie es Mario Adorf als Generaldirektor Heinrich Haffenloher in der TV-Serie „Kir Royal“ dargestellt hat: vielleicht kann man dreimal die Annahme eines Geldkoffers samt Inhalt verweigern. Aber irgendwann ist man mürbe – und dann wird zugeschlagen. Auch wenn im letzten Jahr das Bundeskartellamt die 50+1-Regel im deutschen Profifußball erhalten konnte. Die Strahlkraft von Investoren ist zu groß, sie werden irgendwann eine komplette Übernahme von Profivereinen hinbekommen.

Thomas Tuchel verlässt den FC Bayern im Sommer | Foto: wikipedia / Sandro Halank / CC BY-SA 4.0

Thommy Junga: Drei Pflichtspielniederlagen in Folge, keine Stabilität und fragwürdige taktische Entscheidungen – der Serienmeister aus München geht am Stock. Jetzt der erwartest Paukenschlag: Trainer Thomas Tuchel geht zum Saisonende seiner Wege. Der Umbruch in Münchens Kader wurde direkt mitangekündigt. Vorgänger Nagelsmann hatte die Kabine zuletzt nicht auf seiner Seite und auch Tuchel fremdelte unübersehbar mit seiner Mannschaft. Seine jüngsten Versuche das Schlamassel nun Murphy‘s Law in die Fußballschuhe zu schieben lagen irgendwo zwischen verblendet und arrogant. Das war schon annähernd imageschädigend. Die Meisterschaft scheint unerreichbar, nach dem Pokalaus hat man nur noch Aktien in der Königsklasse – wie soll ein derartig beschädigter Trainer jetzt das Ruder herumreißen?

Peter Hesse: Die Münchner suchen verzweifelt nach ihrer verloren gegangenen DNA, ihrem „Mia san mia“. Dem Selbstverständnis, auch widrigen Umständen zum Trotz am Ende stets zu triumphieren, weil sie eben die Bayern sind. Mit 2,02 Punkten im Schnitt weist Tuchel die schlechteste Bilanz aller Bayern-Trainer seit Jürgen Klinsmann auf. Seit er Ende März 2023 das Zepter von Julian Nagelsmann übernahm, gab es regelmäßig Rückschläge. Die Bayern waren unter Tuchel immer nur in kurzen Phasen wirklich überzeugend. Nun ist „ausgetuchelt“, der Querkopf und selbsternannte Fußballprofessor wird zum Sommer die Säbener Straße verlassen. Wir dürfen gespannt sein, welcher Trainer sein Nachfolger wird. Hier schießen die Spekulationen hoch: Hansi Flick, Mourinho, Zinedine Zidane? Warten wir es einfach mal ab.

Wo endet die Reise für Pep Guardiola? |  Quelle Wikipedia, Foto: Football.ua, Lizenz: CC BY-SA 3.0

Thommy Junga: Pep Guardiola hat sich dieser Tage für einen Faux Pas aus der Vergangenheit entschuldigt. Vor zwei Jahren hatte er noch seinen Wunschspieler Kelvin Phillips für 50 Scheich-Millionen unter viel Tam-Tam von Leeds Utd losgeeist, Verwendung hatte er für den zentralen Mittelfeldspieler jedoch eigentlich nie. Als dieser von der Katar-WM zurückkehrte attestierte ihm der Spanier ein kapitales Übergewicht sowie Mängel in der Professionalität und stellte den Nationalspieler endgültig auf das Abstellgleis. Der Gemobbte flüchtete per Transfer nach West Ham. Nun, ein Jahr später hat Guardiola um Verzeihung gebeten, tatsächlich war der WM-Fahrer mit beeindruckenden 1,5 Kilo mehr auf den Rippen zurückgekehrt. Ich musste unweigerlich an Wolfram Wuttke, an Ailton und Ansgar Brinkmann denken. Wie wäre Guardiola, dem zu aktiven Zeiten immer zu wenig körperliche Durchsetzungsfähigkeit nachgesagt wurde, wohl mit diesem Trio umgegangen?

Peter Hesse: Hierauf kann ich nur mit einem Zitat von Andy Brehme antworten: „Einfacher ist es als Spieler – auf der Trainerbank wird man manchmal bekloppt.“ ManCity ist gerade mit vier Punkten Abstand nur Tabellenzweiter in der Premier League – und das restliche Programm hat es in sich. Stand jetzt wird Liverpool Meister – und die hätte sich Jürgen Klopp so kurz vor seinem Sabbatical auch verdient. Guardiola wurde mit ManCity schon fünfmal Meister – vielleicht ist er im nächsten Jahr wieder an der Reihe. Und an Spielertypen wie Wuttke oder Brinkmann wäre selbst ein Guardiola verzweifelt.

 

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