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Cama tov schebata ha‘baita, Hengameh


Vorab keine Entschuldigung: auf Grund der Zuspitzung des allgemeinen Wahns in den sozialen Medien und fehlendem taz-Abo gelangte der Text erst kürzlich in die Hände der Redaktion. Wir werden auch weiter, trotz (oder wegen) des Geschwindigkeitsrausches der oszillierenden Meinungen, erst nach der Reflexion des ersten Impulses etwas schreiben. Wir hoffen sie können diese Ungleichzeitigkeit unseres Vorhabens tolerieren. Von unseren Gastautoren von Lesezirkel Tubi 60.

Kama tov sche’bata ha‘baita, Hengameh.

Wir wissen zwar nicht wirklich was es bedeuten soll, eine Bezeichnung aus der eigenen Jugendzeit zu reclaimen – wie sagte Horkheimer einst: „Dafür ist mein Denken jedoch zu sehr materialistisch verseucht.“1Wir behaupten allerdings sehr wohl zu wissen, was hinter eben jener Bezeichnung steckt. Aus diesem Grund möchten wir dich herzlich einladen. Schließlich scheinen wir gemeinsame Ziele zu haben. Auch wir wollen„antideutsch Gelabeltes, das unverzichtbar ist“2 – kurz den radikalen und destruktiven Gehalt der antideutschen Kritik – von jenem „Rattenschwanz“3 aus identitären Szenecodes, politischem Kalkül und Ressentiments im entsprechenden Jargon zu trennen.

Die Notwendigkeit dessen haben vor allem deine Texte mehr als einmal gezeigt. Sie provozierten oft genugReaktionen, die tief in die Abgründe dieser Szene blicken ließen. Wie angekündigt hüpft auch dieses Mal einer nach dem anderen brav über das Stöckchen und offenbart wenig mehr als identitäres Zugehörigkeitsgefühl und Unbehagen gegenüber deiner versuchten Aneignung. Dies folgt einer Logik, denn zum marktkonformen Spiel mit den Identitäten gehörte schon immer die Abwehr fremder Eindringlinge in die eigene Identitätsgruppe, wie die identitätspolitischen Konterrevolutionen weltweit beweisen.

Deswegen teilen wir deine Meinung, dass kritische Begriffe gegen ihre identitäre Vereinnahmung verteidigt werden: „Auch hinter dem Label „Feminist_in“ kann eine böse Überraschung stecken“4 – die radikale feministische Kritik lässt sich davon hoffentlich ebenso wenig beeindrucken wie die antideutsche Kritik von den „Schmusereien mit Rechten“5 ehemaliger Genossen, die immer noch eine antideutsche Identität zu Markte tragen.

Gerade der, von dir empfohlene, „Blick auf die Entstehungsgeschichte“6 ist dabei unser zentraler Gegenstand. Wir freuen uns schon auf gemeinsame Lesekreise mit dir und schlagen als erstes die Broschüre Mit den überlieferten Vorstellungen radikal brechen7 aus dem Jahr 1989 vor, die wir als Teil dieser Entstehungsgeschichte betrachten. Dort zu lesen sind unter anderem treffende Bemerkungen über die Degeneration der Kritik zum Ritual, wie:

„Ganze Wälder fielen der Produktion der unzähligen Kritikpapiere zum Opfer, die alle Symptome des Niedergangs einer Bewegung vollständig aufzählen – um dann „solidarische Kritik“ zu äußern, das heißt, ab Therapie gegen die grassierende „Unverbindlichkeit“ eine weitere Dosiserhöhung der Szenedroge „Identität“ zu verschreiben, womit gesichert ist, daß das immer gleiche Ritual weitergeht.“

Oder über die objektiven Gründe der Identitätssuche:

„Wenn Marx konstatiert, daß der Struktur der gesellschaftlichen Produktion „bestimmte gesellschaftliche Bewußtseinsformen entsprechen“, dann ist die Vorstellung von Identität garantiert eine dieser Bewußtseinsformen. Die Identität der einzelnen Individuen in der kapitalistischen Gesellschaft ist als reine inhaltslose Form, als negative Identität durch die Struktur dieser Gesellschaft immer schon gegeben. […] Die Identität ist eine gesellschaftliche Form, deren Inhalt selbst nur ein Mangel ist, der Verlust nämlich unmittelbarer gesellschaftlicher Beziehungen. Der Inhalt der Identität ist den einzelnen Individuen aber nicht als dieser Mangel bewußt, sondern wird in der tagtäglichen Erfahrung der kapitalistischen Realität als unbewußte Bedrohung der eigenen Person empfunden. Je mehr die realen sozialen Bindungen zerstört werden, als desto bedrohlicher wird dieser Mangel empfunden. “

Wir freuen uns, dass du von nun das destruktive Geschäft der radikalen Kritik betreiben möchtest; dass du dich der Denunziation sämtlicher identitätspolitischer Augenwischereien anschließt, mit keinem anderen Ziel als der Abschaffung der kapitalistischen Vergesellschaftung und all ihrer Ausdrucksformen – Staaten, Kulturen, Religionen und wie sie alle heißen; dass du aus den gedanklichen Tautologien ausbrechen möchtest, vor denen kein Denken gewahrt ist und das sich bei dir vor allem in Form der Sprechakttheorie zeigt.

Denn wenn du der Überzeugung bist, dass vor allem Juden wissen was Antisemitismus ist, dann ist es eine selffullfilling prophecy, dass du am Ende von eben jenen das meiste über Antisemitismus lernst. Die Erfahrung eines Individuums ist sicherlich ein Faktor der Erkenntnis, aber doch nicht der alles entscheidende. Klar, ohne die Erfahrung des Exils hätten einige deutsche Juden in Kalifornien sicherlich durchaus andere Elemente des Antisemitismus benannt. Jedoch resultierten diese nicht unmittelbar aus der Erfahrung, sondern aus der Reflexion der Erfahrung.

Wenn man so will wurde die Wut zum Antrieb des Denkens über Antisemitismus. Dennoch ist wer denkt nicht (mehr) wütend. Weiter wird Erfahrung sogar nahezu verunmöglicht, wenn sie zum Geburtsmerkmal wird, dass man in die Waagschale des kapitalen Konkurrenzverhältnisses wirft, anstatt Teil eines Reflexionsprozesses. Am Ende treten wir sonst wieder in die selben Fallstricke der Identität, aus denen wirdoch eigentlich entfliehen wollten und zwingt Juden zum Outing, ehe man ihnen die Möglichkeit gibt über Antisemitismus zu sprechen.

Mit solidarischen Grüßen,

dein Lesezirkel Tubi 60

post scriptum: Wir freuen uns schon auf zukünftige Kolumnen von dir über den Antifaschismus von George W. Bush junior, über die muslimischen SS-Brigaden und den inhärenten Antisemitismus des Intersektionalismus.

1Zitiert nach Seite 107, Tiedemann, Rolf: Dialektik im Stillstand.
2Yaghoobifarah, Hengameh: Ab heute bin ich dann wieder antideutsch (Taz, 14.12.2018). 
3Yaghoobifarah, Hengameh: Ab heute bin ich dann wieder antideutsch (Taz, 14.12.2018). 
4Yaghoobifarah, Hengameh: Ab heute bin ich dann wieder antideutsch (Taz, 14.12.2018). 
5Yaghoobifarah, Hengameh: Ab heute bin ich dann wieder antideutsch (Taz, 14.12.2018).
6Yaghoobifarah, Hengameh: Ab heute bin ich dann wieder antideutsch (Taz, 14.12.2018).
7Siehe: http://archivtiger.de/downloads/beitraege/beitraege5.pdf 
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Ein Kommentar zu “Cama tov schebata ha‘baita, Hengameh

  • #1
    Daniel

    Diese/s/r X ist nach meiner Auffassung vorrangig psychisch besonders. Daher ist die Auseinandersetzung mit solchen Texten leider häufig nicht sehr hilfreich. Interessant finde ich eher den ambitionierten Niveaulimbo der taz.

    Schöne Feiertage, egal woran sie glauben!

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