„Das Echo des Holocaust“

Stefan Hensel Foto: Senatskanzlei Hamburg Lizenz: CC BY-SA 4.0


Der Rücktritt des Antisemitismusbeauftragten Hamburgs und ein Blick zurück in die 1990er Jahre Von unserem Gastautor Roland Kaufhold.

Irgendwann, nach zahlreichen mahnenden Briefen an die zuständigen Hamburger Behörden, war es dem Hamburger Antisemitismusbeauftragter Stefan Hensel zu viel: Im Oktober 2025 teilte er mit, dass er sein Amt aufgeben werde.

Zuvor war der teils antizionistisch konnotierte Gegenwind gegen Stefan Hensel, der als junger Mann mehrere Jahre in Israel gelebt hatte, auch von der „eigenen“ Seite indirekt verstärkt worden: Ein sehr kleiner jüdischer Verband aus Hamburg (der „Israelitische Tempelverband“), der aktuell für eine Anerkennung als öffentliche Körperschaft in Hamburg kämpft, kritisierte den gewählten Hamburger Antisemitismusbeauftragten. Das Motiv für diese zusätzliche Attacke in düsteren Zeiten dürfte profan sein: Sie beanspruchten den Posten für sich selbst.

Die Zahl der antisemitischen Übergriffe habe auch in Hamburg seit dem Hamas-Pogrom vom 7.10. massiv zugenommen, führte Stefan Hensel in seinem Abschiedsbrief aus: „Die ständige Konfrontation mit Hass, Hetze und antisemitischen Übergriffen und Bedrohungen – besonders seit dem 7. Oktober 2023 – sowie der enorme zeitliche Aufwand dieses Ehrenamts“ hätten ihn zu seinem Schritt bewegt, das – generell eher symbolische – Amt des Antisemitismusbeauftragten von Hamburg aufzugeben. Zukünftig wolle er sich als Jude nur noch den positiven Seiten des jüdischen Lebens widmen.

Seit Juli 2021 hatte Stefan Hensel das Amt des Antisemitismusbeauftragten inne – und erlebte auch persönlich antisemitische Bedrohungen. Im Mai 2025 hatte er gemeinsam mit seiner kleinen Tochter im Auto israelische Musik gehört – und wurde deshalb auf offener Straße massiv bedroht.

Ein Blick zurück – Helmut Schreier und die „Aufarbeitung“ der Shoah

Ich möchte diesen bundesweite Entwicklung hin zu einem inzwischen unverstelltem Hass auf Israel und auf Juden, auch im relativ liberalen Hamburg, zum Anlass nehmen, um einen Blick zurück zu werfen: Anfang der 1990 Jahre organisierte der Hochschullehrer Helmut Schreier, ein Erziehungswissenschaftler, mehrere Jahre lang eine international besetzte Vorlesungsreihe zu den Folgen der Shoah und deren interdisziplinäre „Aufarbeitung“. Die Vorträge wurden von ihm in mehreren Büchern publiziert. Hieran möchte ich in diesem Beitrag erinnern. Er zeigt zugleich auf frappierende Weise, dass gesellschaftlich und kulturell offenkundig nahezu nichts erreicht wurde – so erscheint es mir zumindest.

1994: „Das Echo des Holocaust“

In dem Band Das Echo des Holocaust. Pädagogische Aspekte des Erinnerns (Schreier & Heyl 1994) finden sich 20 Beiträge. Im Vorwort erwähnt Helmut Schreier die Mahnung der Schriftstellerin und Shoah-Überlebenden Cordelia Edvardson (1929 – 2012), als schwedisch-israelische Schriftstellerin engagiert beim kleinen aber sehr feinen Exil-Pen von Ralph Giordano, Guy Stern, Herta Müller, Ruth Weiss, Günter Kunert und Peter Finkelgruen.

Unter der „glatten Wohlstandsfassade“ der Bundesrepublik der 1990er Jahre, ein halbes Jahrhundert nach der Shoah, liege vermutlich eine Ansammlung von Skeletten: „Das wird Euch alles einmal auf den Kopf fallen“, hatte Cordelia Edvardson ausgeführt  (S. 7) Es gelte, gerade als Pädagogen, die „inneren Barrieren“ abzubauen, um aus der Korrespondenz, dem Austausch mit Shoah-Überlebenden und Wissenschaftlern insbesondere aus Israel eine „Bewältigung“ des Holocaust zumindest ein klein wenig anzuregen.

Cordelia Edvarson, die Auschwitz überlebt hatte, so sei nachgetragen, war auch mit dem Kölner Journalisten und Schriftsteller Peter Finkelgruen eng verbunden. In Finkelgruens großem, wegweisendem und in Köln aus konservativen und geschichtsleugnenden Motiven stark bekämpftem Buch über die Kölner Edelweißpiraten (Finkelgruen 2020, Kaufhold 2020) hat dieser sich auch an Edvardson erinnert:

„Am Türrahmen meines Zimmers ist eine Mezuzah angebracht (siehe Foto), die mir meine Freundin Cordelia Edvardson am Abend der Welturaufführung des Theaterstücks „Schöner Toni“ von Joshua Sobol im Mai 1994 in Düsseldorf schenkte. Cordelia kam zur Premiere extra aus Jerusalem angereist. Dort hatten meine Frau Gertrud und ich sie während der achtziger Jahre kennen- und schätzen gelernt. Cordelia Edvardson, die schwedisch-israelische Autorin und Korrespondentin, war 1944, im Alter von 15 Jahren, nach Auschwitz gekommen. Die Gestapo hatte ihrer Mutter, der Schriftstellerin Elisabeth Langgässer, zuvor angedroht, Cordelias Geschwister der Mutter ebenfalls zu entreißen. Aus Cordelias Erzählungen erfuhr ich, dass sie meine Großmutter Anna, die ebenfalls in Auschwitz inhaftiert gewesen war, dort kennengelernt hatte.

Bereits in Jerusalem hatte ich Cordelia von meinem Bemühungen den Kölner Edelweißpiraten die ihnen zukommende Anerkennung zu verschaffen erzählt, ebenso wie von den Begegnungen mit Dr. jur. Richard Dette. Ob sie es witzig gefunden hätte, dass er zuletzt in einer Straße gelebt hat, die den Namen ihrer Mutter trug? Ich werde es nie erfahren: Cordelia starb 2012 im Alter von 83 Jahren in Stockholm. Als Gertrud und ich wieder in Köln lebten, kam Cordelia immer wieder mal zu Besuch und wir erzählten einander von unseren Erlebnissen.“ (Finkelgruen 2020).

Zu weiteren Buchbeiträgen: Die 1922 in der Tschechoslowakei geborene Ruth Elias ging nach ihrer Befreiung aus Auschwitz nach Prag und 1949 nach Israel. Sie machte in dem ein Jahr zuvor gegründeten jungen jüdisch-demokratischen Staat eine medizinisch-pharmazeutische Ausbildung und wurde Musikerin. Immer wieder hielt Ruth Elias Vorträge über den Holocaust und publizierte ihre Erinnerungen in dem Buch „Die Hoffnung hielt mich am Leben“.

In ihrem Buchbeitrag erinnert sie sich in der Retrospektion an ihre anfänglichen Gefühle nach der Shoah. Am dichtesten ist ihr anhaltendes Entsetzen über die „unbeschreibliche Gründlichkeit und Planung“ (S. 11), mit der die Deportationen der Juden durch die Deutschen ab den 1930er Jahren durchgeführt wurde: „Jede Siedlung, jedes Dorf, jede Stadt wurde „judenrein“ gemacht. Mit einer erstaunlichen Präzision wurde jeder registriert und auf unerlaubtes Gut im Gepäck kontrolliert.“ (S. 11) Fast täglich mussten sie als Häftlinge Abschied nehmen von Freunden und Leidensgenossen, von geliebten Personen, „die ins Unbekannte gingen und von denen wir nie wieder etwas hörten.“ (S. 12) Ruth Elias erinnert sich an den Geruch von verbranntem Fleisch, der Tag und Nacht über Auschwitz schwebte – eine Erinnerung, die sie mit dem Psychoanalytiker und Überlebenden Ernst Federn (1914 – 2007) teilt (Federn 2014, Kaufhold 2001). Es sei ihr bis heute nicht gelungen, ihren Verfolgungserinnerungen, die sie auch im Schlaf ereilten, loszuwerden. Die Gefahr eines neuen Holocaust sei immer noch gegeben. Erst in Israel habe sie ihre Wurzeln gefunden, nur dort habe sie eine Familie aufbauen können.

Der 1909 geborene niederländische Arzt und Psychotherapeut Elie Cohen war von 1942 bis 1945 Häftling in mehreren Konzentrationslagern. 1952 trat er als Zeitzeuge beim Prozess gegen die IG Farben auf. Im gleichen Jahr erschien sein Werk „Das deutsche Konzentrationslager.“ Elie Cohen wurde in den Niederlanden ein Pionier einer psychotherapeutischen Arbeit mit Überlebenden. Seine Besuche in Deutschland etwa im Jahr 1987 seien letztlich dennoch glücklich verlaufen. Zwei Jahre später, bei einem weiteren Besuch, fühlte Elie Cohen hingegen Ängste. Sein Hass gegen das deutsche Volk sei groß und nehme nicht ab, da er noch nie einem Deutschen begegnet sei der zu ihm sagte: „Ich fühle mich schuldig für das, was wir den Juden getan haben“ (S. 19) erinnert er sich in Helmut Schreiers Buch Das Echo des Holocaust.

Der niederländische, in Berlin aufgewachsene Psychoanalytiker und Schriftsteller Hans Keilson (1909 – 2011), gleichfalls über Jahrzehnte in seinem Exil-PEN engagiert, steuert gleich zwei Buchbeiträge bei. Er erinnert sich an seine Tätigkeit als junger Lehrer im Berliner Landschulheim Caputh. Dort habe er, als bereits rassistisch bedrohter jüdischer Lehrer, erste „Wetterleuchten der Schoah“ erlebt (S. 27). Bei einem Besuch einer Ausstellung über Caputh, viele Jahrzehnte später, spürte Hans Keilson seine verdrängten frühen Ängste. Er begann für Schreiers Buch mit dem Abfassen einer „Kleinen Chronik der Zerstörung des Landschulheims in C.“. Dann bemerkte er jedoch, dass er eigentlich keine Chronik der Zerstörung zusammenstellen, sondern lieber beschreiben wollte, wie in den Jahren der Verfolgung die jüdischen Kinder und Erwachsenen in seinem Berliner Landschulheim zusammen gelebt hatten. „Ich bezweifle, ob ich es je noch einmal aufnehmen und vollenden werde“ beschliesst er seine Erinnerung (S. 27). In Hans Keilsons zweitem Buchbeitrag, betitelt mit „Was bleibt zu tun?“ , versucht er aus psychoanalytischer Perspektive, die Brücke zu schlagen zu seinen Erfahrungen als verfolgter Jude und der Gegenwart 40 Jahre später, nach der Niederschlagung des deutschen Faschismus: „Ich bin der Meinung, daß nur eine Kenntnis von dem, was sich in Deutschland im Laufe von Jahrhunderten zwischen Juden und Nicht-Juden abgespielt hat, die Möglichkeit bietet, einigermaßen zu begreifen, wie es zu diesem Ende kam“, hebt Keilson hervor (S. 235). Er beschreibt im Weiteren die antisemitischen Wahnvorstellungen der Deutschen in den Jahren bis 1945 – die in einer subtilen Weise bis heute – 1994 aber auch 2026 – fortwirken. Der Antisemitismus war nie weg. Heute, im Jahr 1926, nach dem mörderischen Pogrom der Hamas vom 7.10.2023, ist er so stark wie noch nie seit 1945. Offenkundig hat es keine überdauernde, tragende „Aufarbeitung“ der Schoah gegeben.

Auch die übrigen Beiträge dieses Hamburger Bandes sind anregungsreich – und aktuell bis heute. Johannes Lansen, ehem. Direktor der Jüdischen Psychiatrischen Klinik „Sinai Centrum“ in den Niederlanden und Berater von ESRA, beleuchtet konkret wie das „Leben nach dem Überleben“ für Juden in den Niederlanden aussah. So hatte er Patienten, die nach der Wiedervereinigung Deutschlands diffuse, kaum verbalisierbare Ängste bekamen. Zuvor hatte er alle Sprachen der Welt geliebt – nur kein Deutsch. Er selbst komme mit einzelnen Deutschen meist gut zurecht. „Zehn Deutsche zusammen aber können unter Umständen unangenehm sein.“ (S. 33)

Der Hamburger Psychoanalytiker Dierk Juelich schreibt über die „Wiederkehr des Verdrängten, aus sozialpsychologischer Sicht. Die Identität der Deutschen nach Auschwitz.“ Zvi Rix Bonmot, dass die Deutschen den Juden Auschwitz niemals verzeihen werden, bleibe gültig. Die wenigen hier lebenden Juden – aber vor allem die Juden in ihrem eigenen demokratischen Staat Israel, so müsste man heute hinzu fügen – seien die größte Bedrohung für die Identität wohl der Mehrzahl der Deutschen. Die Gefühle der Scham über die Verbrechen der eigenen Großeltern würden geleugnet, die Abspaltungen setzten sich fort – wodurch sich das destruktive Erbe der NS-Zeit fortsetze.

Wolfgang Kraushaar, dessen wegweisenden Studien zum „linken“ deutschen Terrorismus immerhin teilweise innerhalb „der“ Linken rezipiert, aber vom heutigen „BDS-Lager“ weiterhin  vollständig in sehr deutscher Weise geleugnet werden –  schreibt über „Philosemitismus und Antisemitismus“ anhand des Kampfes zwischen Horkheimer und Adorno und der 68er Studentenbewegung. Er rekonstruiert die Aktionen vieler 68er gegen Adorno, die faktisch einer erneuten, zweiten Vertreibung des prominenten jüdischen Philosophen durch linke Studenten entsprach. Kraushaar erinnert auch an das aggressive, nach antisemitischer Tat drängende Wirken des bekennenden Antisemiten Kunzelmann.

Einige weitere Referenten des Bandes seien genannt: Emanuell Hurwitz über „Friedensliebe und Aggression“, Judith Kestenberg über eine Möglichkeit, wie man mit Kindern über den Holocaust sprechen solle, Martin Wangh: „How to teach the Holocaust“ sowie Helmut Schreier über die „Kategorie Verantwortung und die Forderung nach einer „Erziehung nach Auschwitz““: Der nachwachsenden deutschen Generation komme eine besondere Verantwortung zu, „dass die Geschichte sich nicht wiederhole.“ (S. 199)

Ein Jahr später, 1995, folgte der noch umfangreichere Hamburger Band „„Dass Auschwitz nicht noch einmal sei…“  Zur Erziehung nach Auschwitz“ von Schreier und Heyl, gleichfalls erschienen beim Krämer Verlag.

Nun drei Jahrzehnte später, nach dem Pogrom der Hamas vom 7.10., ist der Hass gegen Juden so stark und bedrohlich wie noch nie – auch in Hamburg.

Erinnertes Buch:
H. Schreier / M. Heyl (Hg): Das Echo des Holocaust. Pädagogische Aspekte des Erinnerns. Hamburg: Kraemer Verlag, 1994.

Federn E. (2014): Versuche zur Psychologie des nationalsozialistischen Terrors, Hrsg. R. Kaufhold, Gießen: Psychosozial-Verlag.
Finkelgruen, P. (2020): Soweit er Jude war…“. Moritat von der Bewältigung des Widerstandes. Die Edelweißpiraten als Vierte Front in Köln. Herausgeber: Roland Kaufhold, Andrea Livnat und Nadine Engelhart. Books on Demand. Norderstedt 2020.
Kaufhold (2001): Bettelheim, Ekstein, Federn: Impulse für die psychoanalytisch-pädagogische Bewegung. Gießen: Psychosozial-Verlag.
Kaufhold, R. (2020): Die „Kölner Kontroverse“? Bücher über die Edelweißpiraten. Eine Chronologie. In:  S. 217-342, in: Finkelgruen (2020): „Soweit er Jude war, S. 217-342.

Der Text erschien bereits auf Hagalil

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