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Deniz Yücel in Bochum:  „Die größte Angst aller Inhaftierten ist es, draußen vergessen zu werden“

Deniz Yücel Foto: Urban Zintel


Die Leserreise von Deniz Yücel zu seinem Buch geht langsam ihrem Ende entgegen. Gestern Abend besuchte er die Bochumer Kammerspielen.

Ab Ende 2016 suchte das Erdogan-Regime Deniz Yücel, den Türkei-Korrespondenten der Welt, im Februar 2017 wurde er, als er freiwillig zur Polizei, ging festgenommen. Die Vorwürfe waren Willkürlich und wechselten. Am Ende ging es um Artikel, die er für die Welt geschrieben hatte. Es sollte über ein Jahr dauern, bis er aus der Haft entlassen wurde. Seine Festnahme sorgte für die schwerste Krise in den deutsch-türkischen Beziehungen, die es jemals gab, löste die bislang größte Solidaritätswelle für einen inhaftierten Journalisten aus und machte den Demokratieabbau und den Unterdrückungscharakter des Erdogan-Regimes zum Thema. In zahlreiche Städten gab es Autokorsos für Yücel. Welt, Bild, taz und Jungle World veranstalteten in Berlin ein großes Solidaritätskonzert. Auftritte von AKP-Politiker in deutschen Städten wurden untersagt und kaum ein Bundespolitiker wurde in dieser Zeit nicht ständig von Journalisten gefragt, was er denn gerade für Deniz Yücels Freilassung unternimmt.

Auch der Inhaftierte ließ sich nicht zum Schweigen bringen und schmuggelte immer wieder Texte aus der Haft.

Im Herbst veröffentlichte Yücel mit dem Buch Agentterrorist, das Wort mit dem Erdogan ihn bezeichnete, nicht nur einen Bericht über seine Zeit in den türkischen Knästen, sondern auch eine Geschichte der Unterdrückung in den Gefängnissen der Türkei. Auf seiner Lesereise machte er gestern Station in den Bochumer Kammerspielen.

Was die Besucher erlebten war klassische Lesung. Nur zwei Passagen aus seinem Buch  las Deniz Yücel während er über zweistündigen Veranstaltung vor: Eine eindrückliche Beschreibung aus seiner Zeit im Polizeigewahrsam, in dem er zusammen mit verschiedenen Gang-Mitgliedern saß und einen Ausschnitt aus der Haftzeit im Hochsicherheitsgefängnis Silivri Nr. 9.. Dafür redete Deniz Yücel viel, erklärte, wie die Verfolgung von Journalisten nach dem Putsch im Sommer 2016 immer schlimmer wurde, aber auch von seiner ersten Lesung im Gefängnis in Moabit. Sein Fazit: „Die Haftbedingungen sind in Deutschland nicht immer besser als in der Türkei.“ In Moabit gäbe es Mitten im Raum Toiletten, so dass die Gefangenen perfekt zu kontrollieren sein. „Das erinnert dann an das Panoptisches Gefängnis, das Foucault in „Überwachen und Strafen“ beschrieben hat.“

Yücel lässt seine Erlebnisse lebendig werden, ist selbstkritisch, beschreibt auch das Schicksal vieler seiner Freunde und Kollegen in der Türkei und die Willkür des Justizystems. Pressefreiheit habe es in er Geschichte der Türkei nie gegeben, sagt er. Nur Phasen mehr oder weniger starker Unterdrückung.

Seine Verhaftung war für den Journalisten eine Geiselnahme. Erdogan sei eine Mischung aus Gangster und Teppichhändler, der für ihn einen möglichst hohen Preis erzielen wollte. Yücels Reaktion aus der Haft heraus: Den Preis für Erdogan so hoch zu treiben, dass sich das Geschäft für den türkischen Präsidenten nicht mehr lohnt.

„Die größte Angst aller Inhaftierten ist es, draußen vergessen zu werden“, sagt der Journalist und erzählte, wie sehr ihm das Wissen um die zahlreichen Aktionen geholfen hätte, die für seine Freilassung unternommen wurden. Künstler wie Grönemeyer, Sting und Isabel Allende hätten sich für ihn eingesetzt, aber da er nicht glaubte, dass Erdogan weiß wer Isabel Allende ist, hatte er eine Idee: Große, deutsche Unternehmen sollten in der Türkei ein Anzeige für Pressefreiheit und Rechtstaatlichkeit einsetzen. „Der Springer-Verlag fand die Idee gut und sprach DAX-Unternehmen an“, erzählte Yücel. Die Deutsche Bank sei sofort bereit gewesen, mitzumachen. Andere nicht. Ein Münchener Unternehmen, das nicht BMW gewesen sei, hätte sich quer gestellt. Ob es Siemens war? Das wird nicht klar, aber ausgeschlossen ist es nach den Yücels Andeutungen nicht.

Es wurde viel gelacht bei der Lesung. Anders als im Buch wurde das Grauen, das Deniz Yücel während der Haft erzählte, oft nur angedeutet.

Nach der Lesung bleiben genug Gründe, das Buch zu kaufen. Der Krimi seiner Entlassung un Ausreise aus er Türkei, die Foltererfahrung, das oft nicht einfache Zusammenspiel Deniz Yücels mit allen, die sich für seine Freilassung einsetzten: Seinen Anwälten, seiner Frau Dilek, die er im Gefängnis heiratete, dem Axel Springer-Verlag und der Bundesregierung, wurden in den Kammerspielen nur kurz gestreift.

Wer Deniz Yücel live erleben will, hat heute in Nordrhein-Westfalen dazu die Gelegenheit im ZAKK in Düsseldorf und morgen im Keuning-Haus in Dortmund. Dort wird sein Gesprächspartner Aladin El-Mafaalani sein, der, im Gegensatz zur Moderatorin in Bochum, der stellvertretenden Schauspielhausintendantin Susanne Winnacker, Agentterorist sicher nicht nur überflogen haben.

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