Der neue Wohlstand – und warum er nicht im Verzicht liegt

Windkraft, Solarzellen und Kernenergie als Grundlage künftigen Wohlstands Bild erstellt mit DALL·E (ChatGPT)

Während hierzulande Verzicht gepredigt wird, entwerfen Vordenker wie Ezra Klein und Derek Thompson eine andere Zukunft: eine, in der Fortschritt wieder möglich ist – und gewollt.

Die beiden amerikanischen Journalisten Ezra Klein und Derek Thompson sind bekennende US-Liberale, auf deutsche Verhältnisse übertragen stehen sie fest im rot-grünen Lager. Beiden sind soziale Gerechtigkeit und der Klimawandel wichtig. Sie wollen Armut bekämpfen und halten das Problem der Obdachlosigkeit für einen unerträglichen Skandal.

Ihr Buch „Der neue Wohlstand“ beginnt mit einer Vision: „Es dämmert. Sie öffnen die Augen und strecken sich. Im Zimmer ist es angenehm kühl. Wenige Meter über Ihrem Kopf, in den Solarpaneelen auf dem Dach, spiegelt sich die Morgensonne. Die dort produzierte Energie fließt in den Strommix ein, den Sie aus diversen sauberen Energiequellen beziehen: hoch aufragenden Windturbinen im Osten, kleinen Atomkraftwerken im Norden, tiefen Geothermiebrunnen im Süden. Vor vierzig Jahren kühlten Ihre Eltern die Wohnung noch mithilfe von Energie, die aus Kohlegruben und Erdölbohrungen stammte. Damals schürfte und verfeuerte man feste Brennstoffe, kleisterte sich die Lunge mit deren Nebenprodukten zu, schloss die Welt – Ihre Welt – in einer chemischen Hitzefalle ein. Heute erscheint das barbarisch. Sie leben in einem Kokon aus Energie, so sauber, dass sie fast gar keinen CO₂-Fußabdruck hinterlässt, und so billig, dass die Kosten auf Ihrer monatlichen Abrechnung kaum ins Gewicht fallen. Es ist das Jahr 2050.“

Weiter geht es in dem Text mit der Beschreibung von „einem hohen, schlanken Gewächshaus (…), wo LED-Module die Pflanzen in festgelegten Intervallen mit genau der richtigen Menge Licht versorgen“, „In-vitro-Kulturen, wo Hühnerbrüste und Rib-Eye-Steaks aus Tierzellen gezüchtet werden“ und modernen Jetlinern, die „routinemäßig Mach 2, doppelte Schallgeschwindigkeit“ erreichen und dank eines „Gemischs aus herkömmlichen und grünen synthetischen Treibstoffen viel weniger CO₂“ ausstoßen.

Klein und Thompson benötigen keine zwei Seiten, um beim durchschnittlichen Anhänger der Grünen oder der SPD Schnappatmung auszulösen und die Schulschwänzer von Fridays for Future zum Weinen zu bringen. Denn nicht obwohl, sondern weil die beiden Umwelt und soziale Gerechtigkeit wichtig sind, setzen sie auf Hightech und Wachstum.

Dass vor allem in den von linken Demokraten regierten Städten wie San Francisco die Obdachlosigkeit hoch ist, weil Nachbarn gegen Neubauten klagen und Auflagen den Bau unbezahlbar machen: „Wie sinnvoll ist es (…), spezielle Luftfiltersysteme für Projekte zu verlangen, die in der Nähe von Autobahnen liegen, wenn die Alternative für viele der potenziellen Bewohner ein Zelt unter der Autobahnbrücke ist?“ In von den konservativen Republikanern regierten Städten wie Austin sei es einfacher zu bauen, der Wohnraum billiger und die Obdachlosigkeit geringer. Schuld an dieser Entwicklung hätte der seit den 60er-Jahren bestehende Hang, möglichst alles durch Gesetze zu regeln. Anfangs, als es kaum Umweltauflagen gab, habe das Sinn gemacht. Doch diese Zeiten seien lange vorbei: „…die Linke muss das dezentralisierte, legalistische Modell des Regierens überdenken, das die von progressiven Kräften angeführte Ausweitung des Staates seit den 1960er-Jahren bestimmt hat; sie muss die Vetomacht aktivistischer Gruppen verringern, den Fokus verlagern von einer Politik, die alle Macht einer progressiven Überprüfung unterwirft, und stattdessen dafür sorgen, dass Macht tatsächlich effektiv ausgeübt werden kann.“ Denn der Staat sei, in Deutschland ist es nicht anders, nicht mehr in der Lage, sinnvolle Projekte wie den sozialen Wohnungsbau oder Zugstrecken in einem angemessenen Zeitrahmen umzusetzen. Um sicherzustellen, dass der Staat liefert, hätten sich Liberale bewusst dafür entschieden, gewählten Politikern und Staatsbediensteten weniger und regulatorischen und juristischen Verfahrensweisen mehr zu vertrauen. Das sei ein Fehler gewesen. „Die Frage, ob es mehr oder weniger Staat braucht, ist die falsche. Der Staat muss vor allem eines sein – besser. Er muss seine Legitimität nicht durch die Vorschriften beweisen, die er befolgt, sondern durch die Ergebnisse, die er liefert.“

Doch Ezra Klein und Derek Thompson setzen nicht nur auf weniger Bürokratie, sie glauben auch, dass Technik der entscheidende Hebel ist, um das Leben der Menschen zu verbessern. Sie setzen auf Forschung und erinnern daran, dass es Behörden wie die DARPA oder die National Institutes of Health (NIH) waren, die mit Steuergeldern Forschungsvorhaben finanzierten und dabei nicht auf Nummer sicher gingen: Das Internet, die Entwicklung von Penicillin und die Raumfahrt sind für sie nur drei von vielen Beispielen. Die Rechten würden solche Entwicklungen heute blockieren, weil sie jedes staatliche Handeln für ineffizient halten, die Linke habe ihr Interesse an technologischem Fortschritt verloren. „Schauen wir einige Generationen in die Zukunft, werden Erfindungen, die wir uns heute kaum vorstellen können, zu den Kernelementen modernen Lebens gehören“, schreiben die beiden. „Umfassende Speichel- und Bluttests zum Nachweis von Krankheiten, Impfstoffe, die ganze Klassen von Viren und Krankheiten ausrotten; Materialien, die stärker sind als Stahl und leichter als Luft; unendliche Mengen sauberer Energie aus Kernfusionsreaktoren.“ Wenn diese Dinge im Reich der physikalischen Wirklichkeit möglich seien, könne man sie auch entdecken.

Postwachstumswirtschaft, beides andere Namen für die Forderung nach mehr Armut, lehnen die Autoren ab: „In manchen linken Kreisen genießt eine wachstumskritische Vision Popularität, die unter dem Namen ›Degrowth‹ bekannt ist.“ Ihre Anhängerschaft sei davon überzeugt, dass der Klimawandel eine Folge des Drangs der Menschheit ist, ihren unmöglichen Traum vom endlosen Wachstum zu verwirklichen. „Demzufolge müssten reiche Länder ihre Produktion einfrieren und ganze Industriezweige abschaffen oder drastisch herunterfahren, und ärmere Länder müssten ihr Wachstum sanfter und umsichtiger gestalten.“ Klein und Thompson haben eine sehr genaue Vorstellung davon, wohin es führt, wenn zum Beispiel die Energiekosten steigen, nämlich in eine Zukunft, die sie als Liberale verhindern wollen: „Wir wissen doch, wie es aussieht, wenn sich politische Empörung öffentlich Bahn bricht, weil die Energiepreise steigen oder Treibstoff rationiert wird. Einer Analyse der BBC zufolge erlebten zwischen Januar und September 2022 neunzig Staaten und Territorien teils gewalttätige Proteste gegen den Anstieg der Spritpreise.“

Der Politikwissenschaftler Erik Voeten habe in einer Analyse der politischen Auswirkungen der jüngsten Klimapolitik herausgefunden, „dass ›diejenigen, die die Kosten der Klimapolitik tragen, […] in wachsender Zahl der extremen Rechten zuströmen‹. Die einzige Möglichkeit, diesem Backlash zu begegnen und ihn zu entschärfen, bestünde darin, Menschen, für die grüne Politik eine zu starke Belastung sei, direkte Ausgleichszahlungen zu gewähren. Man kann aber nicht beides haben – die Bevölkerung reicher Länder für verlorenes Wachstum entschädigen und zugleich Wachstum in diesen Ländern beschneiden.“ Globale Politik zu einem Nullsummenwettbewerb um zugeteilte Energierationen zu machen, werde der Menschheit keine grünere Zukunft bescheren.

Die einfache, naheliegende Lösung seien Investitionen in neue Technologien und ein Staat, der wieder in der Lage ist, Wohnungen zu bauen, Wohnungsbau zuzulassen, moderne Eisenbahnsysteme nicht nur plant, sondern auch auf die Schienen bringt, und eine Gesellschaft, in der die Wirtschaft wächst und der Wohlstand steigt – auch, um soziale Absicherung finanzieren zu können. Wer also nicht nur auf die Omas gegen Rechts, Parolen aus der Mottenkiste der politischen Debatte und Konzepte, die schon in den letzten Jahrzehnten gesetzt wurden, setzen möchte, um den weiteren Aufstieg der AfD zu verhindern, dem gibt das Buch Stoff zum Nachdenken.

Anhänger der Grünen sollten Ezra Kleins und Derek Thompsons „Der neue Wohlstand“ lesen. Für Sozialdemokraten gibt es eine Hörbuchversion. Es zeigt Lösungen aus einem Dilemma, in das sich auch in Deutschland die Linke in den vergangenen 50 Jahren selbst hineinmanövriert hat.

Ezra Klein, Derek Thompson:
Der neue Wohlstand
Hoffmann und Campe
28,00 Euro

 

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Entitaet
Entitaet
4 Monate zuvor

Sehr gut!!eins!!elf!!!

Vor allem das hier:
„Anhänger der Grünen sollten Ezra Kleins und Derek Thompsons „Der neue Wohlstand“ lesen. Für Sozialdemokraten gibt es eine Hörbuchversion.“

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