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„Die existierenden Benachteiligungen und die Folgen sind den Meisten nicht bewusst“

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Arik Platzek (HvD) – Mitautor der Studie „Diskriminierung in Deutschland 2015“

Wie leben Konfessionsfreie in Deutschland? Wo werden Sie benachteiligt? Ein neuer Bericht soll dazu Auskunft geben. Wir sprachen mit Arik Platzek vom Humanistischen Verband Deutschlands.

Herr Platzek, Sie sind Mitautor der Studie „Diskriminierung in Deutschland 2015“. Was war das für eine Studie?

In erster Linie enthält der Bericht eine Darstellung und Analyse der derzeitigen gesellschaftlichen Situation, in der konfessionsfreie und nichtreligiöse Bürgerinnen und Bürger durch gesetzliche und politische Rahmenbedingungen systematisch benachteiligt sind. Es ist keine Studie in einem engen Verständnis dieses Begriffs oder in formalisiert-wissenschaftlichen Hinsicht. Aber der Bericht basiert natürlich auch auf empirischen Befunden, die in jahrelange Arbeit entstanden sind.

Hm, also keine echte empirische Arbeit? Worin soll denn dann der Sinn dieser Studie liegen? Sind das dann alles Anekdoten?

Der Bericht basiert selbstverständlich auf echter emprischer Arbeit, wie ich eben schon sagte. Und freilich handelt es sich nicht um Anekdoten, denn der der Ausschluss des Teils der Bevölkerung ohne Konfession aus der öffentlichen Einbeziehung ist ja zuletzt bei den skandalösen Vorgängen um den ZDF-Staatsvertrag exemplarisch sichtbar geworden. Hier hat eine SPD-Ländermehrheit beschlossen, Vertreter der ca. 3 Millionen Muslime in das Gremium einzubeziehen. Auch die etwa 3-5 Millionen LGBTII dürfen hier künftig mitwirken. Aber obwohl es von diversen Stellen wie dem DGB, dem Publikumsrat für ARD, ZDF und Deutschlandradio und den Humanistischen Verband diverse Aufrufe gegeben hat, das Gremium auch im SInne kirchenferner und nichtreligiöser Gebührenzahlerinnen und -zahler zu öffnen, hat sich da nichts gerührt. Fazit: Gleiche Pflichten, halbe Rechte. Ich war bei der entsprechenden Pressekonferenz der Regierungschefinnen und -chefs der Länder in Berlin und habe da natürlich nachgehackt. Die für dieses Thema offiziell zuständige Landeschefin Malu Dreyer (SPD) äußerte sich zerknirscht und offensichtlich problembewusst. Aber nur aus Koalitionserwägungen heraus die Entrechtung der Bürgerinnen und Bürger bzwl. Gebührenzahler fortzusetzen, die keine Konfession teilen, ist schon bemerkenswert.

Was haben denn die LGBTII mit den Konfessionsfreien zu tun?

Große Teile beider Gruppen versuchen, sich rechtlich, öffentlich und gesellschaftlich gegenüber der dominanten christlich-religiös gesprägten Mehrheitsgesellschaft zu emanzipieren. Der Satz „Ja, ich will – gleiche Rechte“ ist für viele Menschen aus guten Gründen verbinded. Für Frauen, für Konfessionsfreie, Nichtreligiöse und LGBT. Der Satz ist natürlich auch eine Bedrohung für viele Menschen, die es ablehnen, Frauen, Konfessionsfreien, Nichtreligiösen und LGBT gleiche Rechte anzuerkennen.

OK, die Konfessionsfreien werden also bei den Öffentlich-Rechtlichen benachteiligt? Wo denn noch?

In zahlreichen weiteren Bereichen. Drei der wichtigsten sind Arbeitsmarkt, Kitas und Schule.
Im Arbeitsmarkt, weil sie aufgrund des kirchlichen Arbeitsrechts nicht die gleichen Jobchancen haben. Bei den Kitas, weil es in vielen Gegenden kaum oder keine Alternativen zu christlich geprägten Einrichtungen gibt – und sie so in ihrem legitimen Bedürfnis nach einer nichtreligiösen Erziehung benachteiligt sind. In den Schulen, weil es nur selten eine vollwertige, nichtreligiöse wertebildende Alternative zu den Religionsunterrichten gibt.
Einige weitere interessante Bereiche sind das Gesundheitswesen, die Begabtenförderung und die Einbeziehung in den offiziellen politischen Diskurs. Seit 2008 gibt es zwar eine Deutsche Islam Konferenz, der Dialog zwischen Bundesregierung und den Menschen, die keiner Konfession angehören findet hingegen bis heute offiziell nicht statt.

Wenn doch so viele Menschen Atheisten sind, wie ihr immer behauptet, wieso reagiert dann die Mehrheitsgesellschaft nicht auf diese Benachteiligungen?

Da gibt es eine ganze Reihe von Gründen: Einer ist, dass den meisten die existierenden Benachteiligungen und deren Folgen nicht bewusst sind. Ein weiterer Grund ist, dass zwar viele Menschen nichtreligiös leben, aber sich natürlich aus guten Gründen weder als Atheisten bezeichnen, noch sich automatisch in Vereinen nichtreligiöser Menschen versammeln, die in politischer Hinsicht die Gleichberechtigung zwischen nichtreligiösen und religiösen Menschen zum Ziel haben.
Das ist absolut verständlich, da ja tatsächlich eine Vielzahl sinnstiftender Lebensauffassungen existiert.

Und nun: was ist eurer Meinung nach nun zu tun? Wollt ihr diesselben Sonderrechte wie die Christen?

„Sonderrechte wie die Christen“ ist ein Slogan aus dem letzten Jahrtausend, wo es die seltsame dichotome Wahrnehmung einer Gesellschaft gab, die aus Kirchenmitglieder und Nichtkirchenmitgliedern bestünde. Die Wirklichkeit ist freilich viel komplexer. Daher muss die Diskussion nicht im Spannungsfeld zwischen vermeintlichen Sonderrechten der Christen verlaufen, sondern darüber, welche Sonderbehandlung legitim ist und welche nicht.

11780518_476949745819664_2129555816_nWieso sollte es denn legitime Sonderbehandlung geben? Und wieso müssen wir Menschen überhaupt über ihre Gruppenzugehörigkeiten definieren?

Das müssen wir nicht. Aber Menschen tun das halt, für sich und in Bezug zu anderen, auch in weltanschaulicher bzw. religiöser Hinsicht. Und das durchaus mit guten Gründen. Denn die Grundfragen des Lebens, des Sinn des Lebens und der Zukunft lassen sich weder mit Floskeln abhandeln noch sollten sie oktroyiert werden.
Und insofern ist es durchaus nachvollziehbar, dass sich zu solchen Fragen Gruppen mit unterschiedlichen Überzeugungen, Werten und Identitäten bilden.

Was machen wir also jetzt mit dem Bericht?

Ich hoffe, er liefert möglichst vielen Menschen einige Anstöße, ihre eigene Situation und das Verhältnis zwischen gläubigen Bürgern, nichtgläubigen Bürger und dem Staat zu überdenken. Klar, die Machtfrage ist immer präsent, und ich bin mir sicher, dass die Vertreter der Kirchen dem kirchenfernen Teil der deutschen Bevölkerung ohne Not nichts zugestehen.
Aber irgendwie muss die Diskussion über eine faire und in der Zukunft tragfähige Anpassung der heutigen Lage beim Miteinander zwischen religiösen, konfessionsfreien und nichtreligiösen Menschen in einer offenen Gesellschaft ja endlich mal fundiert anfangen.

Das hört sich jetzt alles irgendwie nicht sehr konkret an!?

Klar ist das alles sehr konkret. Ich mach’s mal einfach: Gleiche Pflichten, und auch gleiche Rechte, Chancen und Möglichkeiten – wenn wir hier in den Themen öffentliche Einbeziehung, Arbeitsrecht, Schulen und Kita-Wesen, Hochschulen, Gesundheitswesen, Rundfunk, Seelsorge und noch vielen anderen Themen vorankommen, wären das sehr konkrete Fortschritte.

Wird der Bericht nun jährlich fortgeschrieben?

Ja, das ist das Ziel. Deshalb existiert auf der Online-Plattform zum Bericht auch eine Meldestelle. Wir würden unseren Bericht gern ebenso regelmäßig erweitern wie dies beim „Freedom of Thought“-Report der Internationalen Humanistischen und Ethischen Union der Fall ist wie auch beim Bericht des Bundes zur weltweiten Lage der Religions- und Glaubensfreiheit, der ab 2016 regelmäßig erscheinen soll.

Dafür würden wir den Bericht nach der öffentlichen Vorstellung am 17. September gern an möglichst viele Abgeordnete in den Parlamenten auf Bundes-, Landes uns kommunaler Ebene verschicken, aber auch an Stellen bei Ministerien etc., damit in Zukunft niemand mehr sagen kann, er bzw. sie hätte das alles nicht gewusst. Auf der Website www.glaeserne-waende.de zum Bericht gibt es daher auch Informationen, wie man die Initiative in diesem Anliegen unterstützen kann.

Vielen Erfolg dabei – und vielen Dank für dieses Gespräch!

Ich danke Ihnen!

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