Documenta: Kuratorenkollektiv Ruangrupa stellt die Machtfrage

Ruangrupa, v.l.n.r. Ajeng Nurul Aini, farid rakun, Iswanto Hartono, Mirwan Andan, Indra Ameng, Daniella Fitria Praptono, Ade Darmawan, Julia Sarisetiati, Reza Afisina, 2019, Foto: Jin Panji/PR Documenta Lizenz: Copyright

 

Ruangrupa, Mitglieder des künstlerischen Teams der Documenta und mehrere Künstler haben auf der Plattform E-Flux eine Stellungnahme veröffentlicht.

Der Text stammt vom 18. Juli, war bereits in Teilen bekannt und wurde nun vollständig am 27. Juli, dem Tag nachdem bekannt wurde, dass weitere antisemitische Zeichnungen auf der Kassler Kunstausstellung Documenta gefunden wurde, auf der Plattform E-Flux veröffentlicht. Zufall oder nicht? Man weiß es nicht. Die Öffentlichkeitsarbeit der Documenta ist vom ersten Tag an ein Desaster. Den Willen zum Dialog trägt man zwar wie eine Monstranz vor sich her, die offene Debatte indes scheuen alle Beteiligten. In dem Text lehnen die Unterzeichner es ab, dass die Bilder nach antisemitischen Inhalten untersucht werden: „Während wir den Schmerz anerkennen und bedauern, der durch die Abfolge der Ereignisse in Bezug auf Taring Padis Werk „People’s Justice“ verursacht wurde, glauben wir, dass dies nicht zu einer allgemeinen Atmosphäre von Sondierung und Zensur führen sollte.“

Auch die Bilder durch Hinweise in einen Kontext zu stellen, will man nicht: „Wir sind davon überzeugt, dass die Kunstwerke für sich selbst sprechen können“ Damit stellen sich die Documenta-Macher und etliche auf der Show vertretenen Künstlern gegen die Forderungen der Politik und der Gesellschafter der Kunstmesse. Ruangrupa stellt die Machtfrage. Die Gesellschafter und Geldgeber, Kulturstaatsministerin Claudia Roth (Grüne) und die hessische Kunstministerin Angela Dorn (Grüne) werden darauf reagieren müssen.

Die Unterzeichner versichern gegen alle Formen von Diskriminierung „einschließlich Antisemitismus, Rassismus, Fremdenfeindlichkeit, Sexismus, Transphobie, Islamophobie, Anti-Palästinenser-, Anti-Roma-, Anti-Schwarze-, Anti-Asiaten-, Ableisten-, Klassen- und Altersdiskriminierung“ zu sein. Allerdings sehen sie sich in erster Linie selbst als Opfer von Diskriminierung. In dem Schreiben zählen sie mehrere zum Teil schon bekannte Geschehnisse auf und kommen zu dem Schluss:

„Neben diesen direkten rassistischen und transphoben Vorfällen haben Künstler und Lumbung-Mitglieder strukturellen Rassismus und Vernachlässigung erlebt. Diese sind durch Probleme im Zusammenhang mit Visa, Unwirtlichkeit und Vernachlässigung von Daten und Kommunikation im Zusammenhang mit Künstlern und Arbeitern, die sich als BIPOC-, nicht-binäre und Trans-Künstler identifizieren, deutlich geworden. Dies hat ihr körperliches und geistiges Wohlbefinden und ihren künstlerischen Prozess behindert. Dazu gehört, dass mehreren Künstlern und Ruangrupa-Mitgliedern keine Visa oder stattdessen zeitlich begrenzte Visa erteilt wurden, sowie die Unterbringung von Künstlern in entsetzlichen Unterkünften.“

Der Text endet mit einem, wenn auch eingeschränkten, Bekenntnis, die Documenta fortführen zu wollen: „Wir sind hier, um zu bleiben und wollen diese Ausstellung offen halten, aber mit der Garantie der künstlerischen Freiheit. Wir sind davon überzeugt, dass die Kunstwerke für sich selbst sprechen können und glauben an die Handlungsfähigkeit des Publikums, sich als mündige Bürger ohne staatliche Aufsicht mit der Komplexität der Kunstwerke auseinanderzusetzen. Wir sind hier für offene und aufrichtige Gespräche und gemeinsamen Austausch. Wir sind als Menschen mit unseren Verwundbarkeiten, unserer Stärke, unserem Mut und unserer Kunst hier, und wir wollen so lange wie möglich bleiben, um einen kritischen und freudvollen Dialog mit denen einzuladen und zu ermöglichen, die uns in Vielfalt als gleichwertig akzeptieren.“

Eine aktuelle Stellungnahme wäre eine Frage des Respekts gewesen: Gegenüber der jüdischen Community, dem Aufsichtsrat der Documenta und der Politik. Immerhin wird die Show aus Geldern der Steuerzahler finanziert. Zu so etwas ist man bei der Documenta-Showcrew nicht bereit. Arroganz gibt es offenbar auch im Lumbung, der Reisscheune, dem Symbol der Documenta 15.

 

    

 

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Klaus Behrla
Klaus Behrla
6 Monate zuvor

Danke für diesen guten Bericht! In dieser sehr komplexen Diskussion wird der wesentlichen, machvollen Rolle der Documenta Findungskommission zu kaum Beachtung geschenkt. Letzten Endes hat die Documenta Findungskommission die Entscheidung getroffen, das Kollektiv Ruangrupa mit der künstlerischen Leitung der Documenta 15 zu beauftragen. Diese Entscheidung hat sich inzwischen als klarer Fehler herausgestellt. Damit trägt die Documenta Findungskommission eine hohe Verantwortung an der aktuellen Situation.

Esther Schulz-Goldstein
6 Monate zuvor

Wo bleibt die Analyse von Kuratorenkollektiv, wie es geschehen konnte, das ein Bild mit antisemitischen Motiven in einem Land gezeigt werden kann, dessen Antisemitismus 6 Millionen Menschen umbrachte. Wie Ichsynton ist der Antisemitismus in Indonesien. Auf dem Hintergrund des 1965 stattgefunden Genozid in Indonesien erstaunt die Tatsache, dass ein Maler aus dem Volk mit dieser Vergangenheit, ein anderes Volk nämlich Israel verhöhnen kann. Was ist das bisherige Fazit, die Kränkungsebene beider Parteien artikulieren sich und nicht die geistige Durchdringung dieses Konfliktes. Cave: Der entsetzliche Antikommunismus hinter dem sich affektiv der jüdisch-bolschewistische Antisemitismus Amerikas eingenistet hatte, führte zu den Massakern unter Indonesiern, wobei während der Abschlachtung der Indonesier, die paranoiden Kategorien eines Herrn Mc. Carty ihre Anwendung fanden. Dieser Antisemitismus prägt das Bild im Bilde der Ausstellung, wenn die Besetzung des Westjordanlandes als koloniales Problem behandelt wird. Die damit einhergehende Verrohung auf beiden Seiten ist fürchterlich, aber enthebt uns nicht der Aufgabe zu verstehen, warum es dazu gekommen ist.

Weis
Weis
6 Monate zuvor

#2 Ihr Ansatz ist sehr bedenkenswert und ehrenwert aber ich fürchte, Sie geben den Künstlern mehr Kredit als sie verdienen. Diese nehmen rein europäische Bildersprache (der „Ostjude“ mit Schläfenlocken und SS Mütze). Kein Bezug zu Indonesiens furchtbarer Geschichte. Auch nicht zu Istael. Was, wenn nicht nackter Antisemitismus, soll das sein?

SvG
SvG
6 Monate zuvor

Was ist rassistisch daran, jemandem, der für einen klar umrissenen Arbeitsauftrag nach D einreist, ein zeitlich begrenztes Visum zu erteilen?
Was die anderen xyz-phoben Vorwürfe angeht: Wer ständig „Feuer, Feuer“ ruft, muß sich nicht wundern, wenn er irgendwann nicht mehr gehört wird. Das gehört doch mittlerweile zum Standardrepertoire aller sich irgendwie nicht als Mainstream bezeichnenden Gruppen. Deshalb nehme ich die auch mittlerweile zumindest in der Kulturszene und bei den ÖR als Mainstream wahr.

Ralf Marquard
Ralf Marquard
6 Monate zuvor

Die Dokumenta muss abgebrochen werden!

nussknacker56
nussknacker56
6 Monate zuvor

Mich wundert, dass sich die deutschen Rechtsradikalen bei ihren indonesischen Kollegen nicht ein paar Tipps für die Außendarstellung einholen. Diese wirken ganz harmlos.

Das, und viel progressive Tünche, ist das Mittel zum Erfolg.

Markus_xyz
Markus_xyz
6 Monate zuvor

Ich war auf der documenta. Dort wird politische Kunst gezeigt. Die Aussage ist immer dieselbe: Wir wollen euer Geld zu unseren Regeln.

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