Duisburg Hochfeld: „Das Ziel ist nicht Gentrifizierung“

Duisburg Hochfeld Foto: Laurin

Der Initiativkreis Ruhr will in den kommenden Jahren das Duisburger Problemquartier Hochfeld zu einem lebenswerten Stadtteil entwickeln. Am Ende soll es ein Rezeptbuch geben, in dem gezeigt wird, wie heruntergekommene Viertel gemeinsam den Bewohnern aufgewertet werden können.

Selbst an dem grauen und kalten Novembermorgen ist auf den Straßen Hochfeld viel los. Menschen führen ihre Hunde aus und schwatzen mit den Nachbarn. Kinder spielen zwischen den Autos und an viele Ecken stehen Männer in größeren Gruppen zusammen. Das Leben spielt sich in Hochfeld auf der Straße ab. „Hier ist auch morgens um vier etwas los“, sagt Michael Willhardt. Der Inhaber einer PR-Agentur, die vor allem für Unternehmen aus dem Bereich von Öko-Baustoffen arbeitet, besitzt zwei Häuser in dem Stadtteil in denen er auch wohnt und arbeitet. Er gehört zu den Bürgern, die sich für das Quartier seit Jahrzehnten engagieren: Mit Freunden verteilt er kleine Flyer, auf denen erklärt wird, wie das mit dem Entsorgen von Abfall funktioniert und dass man nicht in der Öffentlichkeit pinkeln sollte. Vieles, was in anderen Wohnquartieren eine Selbstverständlichkeit ist, muss in Hochfeld erklärt werden. Und das hat mit den in den vergangenen Jahren zugezogenen Bewohnern zu tun: 60 Prozent der Einwohner sind Migranten, ein großer Teil von ihnen Roma aus Bulgarien. Willhardts Verhältnis zu den Neubürgern ist gut. Er kennt mittlerweile viele von Ihnen persönlich. Sein Blick auf sie hat sich im Laufe der Zeit geändert: „Das Problem ist nicht, ihre Herkunft. Das größte Problem in Hochfeld ist, und das ist keine Frage der Ethnie, die niedrige Bildung – bei den Deutschen und den Bulgaren.“ In seinen liebevoll und aufwendig renovierten Häusern gibt es keinen Leerstand. Auch für über sechs Euro den Quadratmetern findet er Mieter. „Es gibt mittlerweile auch Menschen, die sich bewusst für Hochfeld entscheiden. Es ist ein wachsender Stadtteil mit vielen Kindern. Aber es muss etwas geschehen, damit das Viertel nicht kippt.“

Daran will der Initiativkreis Ruhr (IR) in den kommenden Jahren arbeiten. Der Zusammenschluss von über 70 großen Unternehmen wie Vonovia, Siemens, ThyssenKrupp und der Deutschen Bank aber auch den Universitäten des Ruhrgebiets und Vereinen wie Schalke04 und Borussia Dortmund will den Stadtteil mit seinen gut 18.000 Einwohnern in Zukunft zu einem lebenswerten Stadtquartier entwickeln. Seit 1989 arbeitet der IR daran, das Ruhrgebiet beim Strukturwandel zu unterstützen. Für Aufsehen sorgte in der Vergangenheit das Projekt Innovation City, bei dem es innerhalb von zehn Jahren gelang, in Bottrop den CO2-Ausstoss zu halbieren. Nun läuft „Urbane Zukunft Ruhr“ an, die Umgestaltung Hochfelds. Es passt zu dem Vorhaben, dass der Moderator, so werden beim IR die Chefs genannt, ein ausgewiesener Immobilienfachmann ist: Rolf Buch, der Vorstandsvorsitzende des DAX-Konzerns Vonovia, ist Herr über 400.000 Wohnungen. „Wir wollen am Beispiel Hochfeld zeigen“, sagt Buch, „wie man einen Stadtteil entwickeln kann, ohne seine Bewohner zu vertreiben. Wenn uns das gelingt, kann Hochfeld ein Vorbild für andere Quartiere im Ruhrgebiet und darüber hinaus werden.“ Gentrifizierung, der Austausch der alten, armen Einwohner gegen hippe Großstadtbewohner, sei nicht das Ziel. „Gentrifizierung löst keine Probleme, sie verschiebt sie nur.“

Buch weiß um die Probleme des Viertels: Viele Häuser sind in einem schlechten Zustand. Die Schulen sind nicht ausreichend ausgestattet. Das Bildungsniveau ist niedrig, die Arbeitslosigkeit ebenso hoch wie die Kriminalität. Auf den Straßen wird mit Drogen gehandelt. „Die Probleme, die wir in Hochfeld haben, gibt es so ähnlich in einigen Quartieren im Ruhrgebiet. Zum Beispiel um das geografische Zentrum des Reviers zwischen A40 und A2.“ Buch und der IR wollen nun einen Scheinwerfer auf Hochfeld richten und zeigen, dass man etwas verändern kann. Alle Maßnahmen sollen sich auf das Viertel konzentrieren und die so erzeugte Aufmerksamkeit auch dafür sorgen, dass möglichst viele Akteure mitmachen.

Die Stadt Duisburg und ihr Oberbürgermeister Sören Link (SPD) sind von Anfang an mit dabei und freuen sich auf die Zusammenarbeit mit dem IR. Für die Freude gibt es gute Gründe: Die Unternehmen sind nicht nur groß, sondern auch bereit, in Hochfeld zu investieren. Dass neben Vonovia mit Vivawest, der LEG und der Fakt AG weitere Immobilienunternehmen an Bord sind, ist für das Stadtentwicklungsprojekt ein Vorteil. Die Mitglieder des IRs sind gut vernetzt, es gibt Kontakte zur Landes- und Bundesregierung und zur Europäischen Union. Es gibt viel zu tun: Ekelhäuser sollen aufgekauft und renoviert, Bildungsprojekte angestoßen und Menschen für Hochfeld begeistert werden: Wichtig wird, Studenten davon zu überzeugen, nach Hochfeld zu ziehen. Ich kann mir Modelle vorstellen, bei denen Studenten kostenlos wohnen und sich dafür im Bildungsbereich engagieren,“ sagt der Moderator des Initiativkreises Ruhr und Vonovia-Chef. Mit Initiativen, die es in dem Viertel gibt, sucht man den Schulterschluss.

Wie lange der IR braucht, um Hochfeld auf die Beine zu helfen, weiß auch Buch nicht. „Aber wenn Besucher 2027 durch Hochfeld zum Gelände der dann in Duisburg stattfindenden Internationalen Gartenbauausstellung fahren, sollen sie das Viertel spannend und urban finden.“

Dann will die Stadt auch den Teil Hochfelds, der an den Rhein grenzt, neugestalten: Wohngebäude und Parkflächen sollen das einstige Industrieareal aufwerten.

Von den Plänen des Initiativkreises hat Ramos Rosenov bislang nichts gehört. Er betreibt den Hartz-IV-Kiosk an der Brückenstraße. Ein kleiner Park ist in der Nähe. Männer stehen auf der Straße und lassen den Tag vorbeiziehen. Sein Geschäft liegt in der Nähe Der Bulgare beklagt, dass alles in Hochfeld teurer geworden sei: „Die Mieten haben sich seit ich 2008 hier ankam fast verdoppelt.“ Er würde gerne zurück nach Schemen ziehen, aber seine Frau und seine drei Töchter wollen in Deutschland bleiben. Rosenov arbeitet den ganzen Tag, was nicht die Regel in Hochfeld ist. Und weil es in Deutschland bleiben wird, möchte er ein Haus kaufen: „Aber nicht in Hochfeld. Es ist kein guter Stadtteil, wenn man Kinder hat. Auf der Straße wird mit Drogen gehandelt und auf der Schule gibt es keine deutschen Kinder mehr.“ Gefragt, was er davon hält, dass nun Menschen und Unternehmen, die bislang mit dem Viertel nicht viel zu tun hatten, sich hier engagieren wollen zuckt er mit den Schultern: „Abwarten!“

Der Artikel erschien in ähnlichen Version bereits in der Welt am Sonntag

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Klaus-Dieter
Klaus-Dieter
2 Jahre zuvor

Wieder einer dieser naiven Deutschen, der meint man könne das Ruder noch irgendwie rumreissen. Die Geburtenraten der "Ungebildeten" werden über die Zukunft des Ruhrgebiets bestimmen und nichts und niemand anders

Philipp
Philipp
2 Jahre zuvor

Schöner Artikel. Man kann wirklich nur hoffen, dass sich Duisburg auf niedrigem Niveau stabilisieren kann und nicht wie die Emscherzone völlig abkackt.

Wir werden sehen.

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[…] werden. Die Solidarische Gesellschaft der Vielen (SGDV) bietet hier Hilfestellung in einem der sozialen Brennpunkte von Duisburg: „Wir machen hier Bürokratiearbeit, besonders für die rumänischen und bulgarischen Leute. […]

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