
Die Frauen-Union will sie verbieten – die Vollverschleierung im öffentlichen Raum. Dazu liegt von der Organisation der Frauen in der CDU ein entsprechender Antrag für den CDU-Bundesparteitag Ende Februar vor. Wie kommen die christlich-demokratischen Frauen darauf? Setzen sie hier ein Zeichen für konservative Werte? Oder für Intoleranz? Wird dieser Vorstoß von manch einem gar als AfD-Kuschelei gelesen? Nein, die Frauen der CDU setzen ein Zeichen für Feminismus, indem sie gegen dieses Symbol der Unterdrückung der Frau vorgehen.
Als ich den Artikel zu dem Vorstoß der Frauen-Union gelesen habe, gingen mir zwei Dinge durch den Kopf: die Frauen in Afghanistan und meine beiden syrischen Kolleginnen.
Die Frauen in Afghanistan leben, seitdem die Taliban dort im Land wieder an die Macht gekommen sind, in zunehmender Repression. Sie sind nahezu sämtlicher Rechte beraubt. Man könnte hier fast schon von Versklavung sprechen. Grundlegende Rechte wie Bildung, Arbeit, Reisen, Rechtsschutz, Gesundheitsversorgung bleiben diesen Frauen verwehrt. Nichts von ihrem Körper oder ihrem Gesicht darf in der Öffentlichkeit erkennbar sein. Nicht einmal ihre Stimme dürfen sie erheben. Das Haus dürfen sie nur in eine Burka gehüllt verlassen. Ob Burka oder Abaya mit Buschia oder Niqab – all diese Kleidungsstücke sind so gefertigt, dass sie Frauenkörper und -gesicht komplett verbergen. Sie sind Zeichen für die schlimmste Repression der Frau, die man sich in aufgeklärten Ländern, wo Gleichberechtigung herrscht und zu denen Deutschland bislang noch zählt, vorstellen kann.
Und dann fielen mir meine beiden syrischen Kolleginnen ein. Eine trägt Kopftuch, die andere nicht. Beide sind das, was man unter gut integriert versteht. Sie haben ihre Kultur nicht etwa aufgegeben, sondern verknüpfen sie mit der unseren, ohne dass die deutsche Kultur dabei Schaden nimmt. Beide sind sehr selbständige, selbstbewusste Frauen, die erfolgreich eine anspruchsvolle Ausbildung abgeschlossen und unsere Sprache gelernt haben. Sie sind eine Bereicherung für unser Apothekenteam. Sie sprechen in der Apotheke bei Bedarf mit arabischen Müttern in ihrer Muttersprache und nehmen Komplimente der älteren deutschen Herren dankbar an. Wie würde ich ihr Lächeln vermissen, wenn sie komplett verschleiert wären. Mit Niqab oder Burka könnten sie diese Art von Arbeit allerdings auch gar nicht ausführen.
Mit Niqab oder Burka darf auch heute schon aus guten Gründen keine Frau in Deutschland Auto fahren. Dass Frauen vollverschleiert einer Arbeit nachgehen, ist ziemlich schwer vorstellbar. Selbst in Abu Dhabi sollen Mitarbeiterinnen im öffentlichen Dienst kein Niqab tragen. Dass Frauen in Deutschland vollverschleiert arbeiten gehen, ist allerdings auch ziemlich unwahrscheinlich. Denn es ist von ihrem Umfeld gar nicht gewollt. Laut Islamismus-Experte Eren Güvercin gilt die Vollverschleierung hauptsächlich im salafistischen Islam als Pflicht. „Die überwiegende Mehrheit der Muslime weltweit und in Deutschland lehnt dies als religiöse Verpflichtung ab“, so Güvercin. Das Argument der Religionsfreiheit ist also eigentlich vom Tisch.
Und die Vollverschleierung ist auch kein exotischer Ausdruck einer fremden Kultur oder hat irgendetwas Geheimnisvolles wie etwa der Mandalorianer bei Star Wars, der seinen Helm niemals absetzen darf.
Sie ist mit unseren westlichen Werten einfach nicht vereinbar. Auch der Extremismusforscher Ahmad Mansour sagt zu einem Verbot der Vollverschleierung: „Absolut dafür! Wir sollten unsere Werte verteidigen! Burka ist eine sichtbare Ablehnung dieser Werte!“ Unser Grundgesetz schützt die Religionsfreiheit, aber auch die Rechte der Frau. Wenn durch falsch verstandene Toleranz unsere grundlegenden Werte infrage gestellt werden, ist es wichtig, Grenzen zu setzen.
In anderen europäischen Ländern wie Frankreich, Belgien, Österreich, Dänemark, Schweiz, Niederlanden, Bulgarien und Italien ist das Tragen eines Ganzkörperschleiers in der Öffentlichkeit längst verboten oder stark eingeschränkt. In Deutschland gilt zumindest in den Schulen in Baden-Württemberg, Bayern, Hamburg, Schleswig-Holstein und Niedersachsen ein Verschleierungsverbot. Bundesweit ist für Beamtinnen, Soldatinnen und Richterinnen eine komplette Verschleierung nicht gestattet. Diesen deutschen Flickenteppich wollen die Frauen in der Union nun vereinheitlichen und generell eine Vollverschleierung in der Öffentlichkeit verbieten.
Die Staatsministerin im Auswärtigen Amt, Serap Güler (CDU), sagt: „Ich finde dieses Bild alleine als Frau mehr als befremdlich, auf unseren Straßen umso mehr. Deshalb wird der Antrag auch meine Unterstützung bekommen.“ Es sollte eigentlich eine Selbstverständlichkeit sein, dass Frauen in Deutschland Gesicht zeigen. Denn in Deutschland sind Frauen gleichberechtigt. Dass ausgerechnet die konservativen Frauen der CDU diesen wichtigen Vorstoß für Feminismus wagen und Feministinnen anderer Parteien dies noch nicht einmal in Erwägung ziehen, ist bezeichnend. Dieser Vorstoß der Frauen-Union ist ein wirklich progressives Signal. Ich kann das nur begrüßen: Vollverschleierung – nein. Kopftuch – von mir aus. Integration braucht Kompromisse, aber keine Toleranz um jeden Preis.
