Erfundener Terroranschlag: Der Orson Welles für Arme aus Mannheim

Falschmeldung des Rheinneckarblogs auf Twitter.

Das Rheinneckarblog machte in der vergangenen Nacht mit einer erfundenen Geschichte auf: 50 Angreifer mit Macheten sollen mindestens 130 Menschen getötet haben, eine blutrünstige Fantasie, die sich im Kopf von Hardy Prothmann, dem Chef des Blogs abspielte, der sich gerne in der Rolle des großen Belehrers anderer Journalisten sieht und einer Kollegin schon einmal  „journalistische Blowjobs“  vorwarf. Lesern des Rheinneckarblogs aber auch der Facebookseite und des Twitteraccounts erschloss sich erst einmal nicht, dass die Geschichte erfunden war – das erfuhr nur, wer den ganzen Artikel las, der hinter einer Bezahlschranke steckte. Mag sein, dass sich Hardy Prothmann ein wenig wie Orson Wells vorkam, der 1938 mit seinem Hörspiel „Krieg der Welten“, gesendet in Form einer fiktiven Reportage, zahlreiche Amerikaner in Angst und Schrecken versetzte, obwohl mehrfach auf den fiktionalen Charakter der Show, in der es um einen Angriff der Marsianer ging, hingewiesen wurde.

Angeblich wollte Prothmann mit dem Text darauf hinweisen, das keine deutsche Stadt auf so einen Anschlag vorbereitet ist, was nicht ganz stimmt: Innerhalb kurzer Zeit wären bewaffnete Beamte vor Ort und würden die Machetenmänner mit Schusswaffen versuchen zu stoppen. Aber klar ist auch, es gäbe viele Opfer. Zu verhindern wäre ein solche Anschlag nur mit nachrichtendienstlichen Mitteln während der Planung. Der Erkenntnisgewinn ist also gleich Null.

Es gibt für den Artikel keinen vernünftigen journalistischen Grund. Ihn auf der Homepage, Twitter und Facebook zu bewerben, ohne darauf hinzuweisen, dass er fiktional ist, ist zudem schlicht unverantwortlich. Wenn Prothmann nun versucht sich herauszureden, in dem er die Fake-Geschichte als Reportage im Gonzo-Stil verkauft, ohne offenbar zu wissen, was Gonzo ist, zeigt sich, was der Grund für die Veröffentlichung ist: Prothmann überschätzt sich maßlos, ist resistent gegen jede Kritik und nicht in der Lage einzusehen, dass er einen Fehler gemacht hat, wie er auf Facebook deutlich macht:

(hp) Für alle Kleingeister nochmals im Klartext: Wir haben keine „Fakenews“ veröffentlicht, sondern eine fiktionale Story im Gonzo-Stil. Klar erkennbar für jeden bei Sinn und Verstand. Der Kern der Story ist relevant wie man aus vergangenen Terrorakten weiß – oder will jemand die vielen Toten und das Chaos in Paris, Madrid, Nizza, London, Brüssel bestreiten? Und ja – wir haben unser Ziel erreicht: Aufmerksamkeit für ein umfangreiches und komplexes Thema. Keine Stadt in Deutschland wäre einer koordinierten Terrorattacke gewachsen. Alle deutschen Sicherheitsbehörden zusammen war noch nicht mal in der Lage, den Einzeltäter Anis Amri zu stoppen, noch festzunehmen. Ein italienischer Polizist hat ihn erschossen – zufällig.
Sich nicht mit einer solchen Konstellation auseinanderzusetzen, ist grob fahrlässig und menschenverachtend.
Alle mal durchatmen und nachdenken.

Ok, durchatmen und nachdenken – Prothmann, der Orson Welles für Arme aus Mannheim, sollte sich einen anderen Job suchen. Mit Journalismus hat das, was er macht, nichts mehr zu tun. Er ist an seiner eigenen Arroganz gescheitert.

 

 

 

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11 Kommentare

  1. #1 | Bebbi sagt am 25. März 2018 um 17:26 Uhr

    Was um alles in der Wellt sind journalistische Blowjobs? Besonders einfühlsame, gelungene Berichte?

  2. #2 | Wells Fargo sagt am 25. März 2018 um 21:28 Uhr

    Nur mal so am Rande: Der "Krieg der Welten" geht auf das Konto von H. G. Wells. Orson Welles hat damit nichts zu tun.

  3. #3 | Stefan Laurin sagt am 25. März 2018 um 21:31 Uhr

    @Wells Fargo: Nur mal so am Rande: Orson Welles hat "Krieg der Welten" Als Hörspiel ins Radio gebracht: https://de.wikipedia.org/wiki/Der_Krieg_der_Welten

  4. #4 | Gerd sagt am 25. März 2018 um 22:23 Uhr

    #1:

    ARD/ZDF/WDR Interview mit der Deutschen Umwelthilfe, Foodwatch, Claudia Kemfert, …

  5. #5 | E. Ditor sagt am 25. März 2018 um 23:22 Uhr

    Über die Integrität eines Vollpfostens

    Bei den Baden-Württembergischen Kommunalwahlen 2009 kandidierte Prothmann auf der Liste der FDP für den Gemeinderat Heddesheim. Die FDP errang mit dem Nichtmitglied Prothmann drei Mandate und damit Fraktionsstatus. Bereits eine Woche nach der Wahl trat Prothmann aus der Fraktionsgemeinschaft mit der FDP aus und setzte sich, als Nichtmitglied, zu den GRÜNEN im Heddesheimer Gemeinderat. Als Politiker bloggte er als Journalist auf seinem (damaligen) HEDDESHEIM BLOG, vermutlich mit Insiderwissen als Mandatsträger. Prothmann bloggte vor der Wahl gegen die Ansiedelung eines Logistikunternehmens, was ihm die nötige Popularität einbrachte. Seine Mandatszeit endete vorzeitig, da er nach Mannheim verzog. So viel zur Integrität des Journalisten, der andere gerne mit der Moralkeule prügelt. Broder (2012) Über Prothmann: "… aus dem eindeutig hervorgeht, dass er kein Judenhasser und Antisemit, sondern ein Antisemit und Judenhasser ist und ein Vollpfosten dazu." | Quellen zur Geschichte in Heddesheim im Archiv des MANNHEIMER MORGEN und das Zitat von Broder findet sich auf ACHGUT.

  6. #6 | Sven Temel sagt am 26. März 2018 um 12:36 Uhr

    Danke für diesen Kommentar!

  7. #7 | Bebbi sagt am 26. März 2018 um 17:28 Uhr

    @Gerd: Aber was will er damit sagen?

  8. #8 | Gerd sagt am 26. März 2018 um 23:09 Uhr

    #7: Hofberichterstattung start kritischer Nachfragen?

  9. #9 | Bebbi sagt am 27. März 2018 um 02:58 Uhr

    Ah, ok. Danke.

  10. #10 | Gonzo macht Presse gaga – SpiegelKritik sagt am 28. März 2018 um 02:36 Uhr

    […] Prothmann, der Orson Welles für Arme aus Mannheim, sollte sich einen anderen Job suchen. Mit Journalismus hat das, was er macht, nichts mehr zu tun. Er ist an seiner eigenen Arroganz gescheitert. (Stefan Laurin, Ruhrbarone) […]

  11. #11 | Sven Temel sagt am 8. Mai 2021 um 07:38 Uhr

    Mittlerweile rechtskräftig vorbestraft.
    https://kommunalinfo-mannheim.de/2021/04/29/karlsruhe-verwirft-revision-rhein-neckar-blogger-nunmehr-rechtskraeftig-verurteilt

    Die Tagessätze wurden im Nachhinein den Einkommensverhältnissen das Beklagten angepasst und nur deswegen halbiert. Das Strafmaß (Zahl der Tagessätze) blieb unverändert.

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