„Es handelt sich offensichtlich um rein private Streitigkeiten“

Koblenz Foto: Holger Weinandt Lizenz: CC BY-SA 3.0 de


Nach dem Bericht unseres Autoren Ludwig Greven hat uns einer unserer Leser seine Geschichte geschickt. Auch in seinem Fall hatte niemand ein Interesse daran, zu ermitteln.
  Der Name ist der Redaktion bekannt.

Im Februar dieses Jahres, wurde ich, als ich am helllichten Tag durch die Koblenzer Innenstadt lief, aus einem vorbeifahrenden Firmenwagen einer ortsansässigen Firma unvermittelt wüst beschimpft. Kurz darauf stiegen die beiden Fahrzeuginsassen auch aus und versuchten mir – ohne Erfolg – mein Handy zu entreißen. Sie flüchteten, als es mir gelang den Notruf zu wählen. Ich stellte mich vor ihr Auto, um sie an der Flucht zu hindern. Daraufhin stiegen sie wieder aus, um mich gewaltsam aus dem Weg zu befördern. Was ihnen irgendwann auch gelang.

Ich blieb vor Ort um auf die Polizei zu warten, die auch kurz darauf kam und sich auf die Suche nach den geflüchteten Tätern machte. Die Polizei konnte sie tatsächlich auch noch fassen. Aber nur, weil die beiden Täter auf der Flucht vor der Polizei nochmal langsam an mir vorbeifuhren, das Fenster runterkurbelten und mir lachend zuriefen, dass die Polizei sie nicht erwischt hat – woraufhin die Polizei sie dann erwischt hat.

Natürlich habe ich wegen aller in Frage kommender Delikte Anzeige erstattet. Vier Monate später bekam ich Post von der Staatsanwaltschaft, dass das Ermittlungsverfahren gegen einen der beiden Täter eingestellt wurde. Ermittelt hat man wohl lediglich wegen Beleidigung, da der Polizist mir bereits bei der Aufnahme meiner Aussage mitgeteilt hatte, dass ich ja so schlimm nicht verletzt wurde.

Die Staatsanwaltschaft erklärte, es gebe kein öffentliches Interesse. So weit so üblich. „Es handelt sich offensichtlich um rein private Streitigkeiten“, schreibt der Staatsanwalt.

Das Ding ist nur, ich kannte die überhaupt nicht. Und die Frage, die sich mir die ganze Zeit über stellte war – was sollte das? Was wollten die von mir? Ich konnte ja nur spekulieren. Bin ich ihnen zu langsam über den Fußgängerüberweg gelaufen? Hat ihnen meine Nase nicht gepasst? Einfach schlechte Laune gehabt?

Im Brief der Staatsanwaltschaft stand der volle Name des Täters. Meikel Heinz P. (Name geändert). Wo er arbeitet wusste ich ja sowieso, weil sie im Firmenwagen unterwegs waren. Durch die Kombination von beidem habe ich sein Facebookprofil gefunden. Alles voller geteilter AfD-Sharepics, Nius-Beiträge, Geschichtsrevisionismus, Russlandpropaganda, Hass und Verschwörungstheorien gegen ukrainische Geflüchtete.

Ich kann daher also davon ausgehen, dass sie nicht einfach schlechte Laune gehabt haben, oder meine Nase ihnen nicht gepasst hat, sondern dass mein Engagement in einer demokratischen Partei und mein öffentlicher Einsatz für die Ukraine die ausschlaggebende Rolle gespielt haben.

Wenn man mich also vor einem halben Jahr gebeten hätte, aus dem Bauch heraus zu sagen, ob ich nachts eher einem biodeutschen Mittfünfziger im Blaumann aus dem Weg gehen würde, oder einem aggressiv auftretenden, jungen, männlichen Migranten, dann hätte ich nicht lange überlegen müssen. Die Realität ist aber, dass ich von Letzterem bisher noch nicht auf offener Straße überfallen wurde, vom biodeutschen AfD-Fan im Firmenauto allerdings schon.

So läuft jetzt ein radikalisierter und gewaltbereiter Alltagsrechtsextremist durch die Gegend, der von einer deutschen Staatsanwaltschaft die Botschaft erhalten hat, dass es okay ist, einfach so mitten am Tag Leute zu überfallen.

Aber wohin hätten sie ihn auch abschieben sollen?

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Karsten Eggers-Mark
Gast
Karsten Eggers-Mark
5 Monate zuvor

Eine sehr ähnliche Erfahrung haben wir vor einigen Jahren im Ruhrgebiet auch gemacht. Es war die gleiche Klientel: aggressive Typen, die ausschließlich im Blaumann herumlaufen und mit Firmenkarren unterwegs sind. Privat hat man sich gerne mit Leuten aus der Rocker- und Hooliganszene getroffen. Bloß hatten wir diese Leute irgendwann direkt in der Nachbarschaft. Einen ganzen Naziclan. Anzeigen wegen übler Bedrohungen und Beleidigungen wurden von der StA Essen als „normaler Streit unter Nachbarn“ abgeschmettert. Wir haben daraufhin das Ruhrgebiet endgültig verlassen. Dafür war es ohnehin höchste Zeit.

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