Europa im Oktober: Die Antilopen Gang hat das Stück geschrieben, auf das viele Menschen gewartet haben

Antilopen Gang Foto: Richard Diesing

Das Beste was man über die Kulturszene in Deutschland nach den Pogromen der Hamas schreiben kann war, dass es meistens ruhig blieb. Meldeten sich „Kulturschaffende“ doch einmal zu Wort, war entweder eine klammheimliche Freude über die Judenmorde zu spüren oder man sorgte sich darum, dass Israelhass künftig nicht mehr mit Steuergeldern finanziert wird. In großen Teilen der linke Szene sah das nicht anders aus und je länger die israelische Armee braucht, um die Geiseln zu befreien und die Hamas zu vernichten umso schlimmer wird es. Dass die Antilopen Gang nun mit „Europa im Oktober“ ein Stück veröffentlicht hat, das den wachsenden Antisemitismus auf den Straßen, in der Politik und auch im Umfeld der Band zum Thema macht, ist gut und leider auch mutig. Hört euch das Stück an. Viele Menschen haben  lange darauf gewartet:

Der Text:

Oktober in Europa

Keine Sonne auf der Sonnenallee
Du gehst mit Kippa noch nicht mal auf die Champs-Élysées
Die Zeiten sind rau und ich weiß nicht genau
Ob ich mich trau‘, morgen nochmal in die Zeitung zu schau’n
Und ich dreh‘ meine Runden
Seit dem 7.10. will ich das Gespräch nicht mehr suchen
Überraschung: Auch Greta hasst Juden
Damals war’n ganz schnell die Täter verschwunden
Heute sind die größten Antisemiten
Alle Antirassisten, gegen Hass und für Frieden

Und der Kanzler hört sich so bestürzt an
Danach trinkt er Tee mit den Mördern
Es ist ein Irrgarten, es ist das nackte Grau’n
Du denkst schon lang daran, mit dein’n Kindern abzuhau’n
Es hieß doch „Nie wieder Ohnmacht“
Es wird Oktober in Europa

Es wird früher dunkel, in den Straßen schwarzer Rauch
Zorniges Geschrei, die Fassaden flackern blau
War das jetzt ein Böller oder war das schon ein Schuss?
Stolpersteine werden dieses Jahr nicht mehr geputzt
Es ist kalt geworden, sie macht die Heizung an
Und bringt die Klein’n dann ins Bett, sagt ihn’n: „Keine Angst“
Dann nimmt sie die Mesusa aus dem Türrahm’n
Dafür steht hinter der Tür jetzt ein Schürhaken
Mein Taxifahrer redet wie ein Nazi
Führe lieber keine Diskussionen auf der Party
Freunde und Freundinnen mit starken Überzeugungen
Hamas-Propaganda an Kreuzberger Häuserwänden
Osama wird auf TikTok zum Superstar
Linke Tasche Pepperspray, rechte Tasche Kubotan
Zieht sich die Kapuze tiefer ins Gesicht
Omas Kette mit dem Stern trägt sie lieber wieder nicht

Im September hab‘ ich vor der roten Flora noch Klavier gespielt
Siebentausend Antifas machen ein’n auf Wir-Gefühl
Trän’n fließen bei dem Lied „Mein Vater wird gesucht“
Und ein’n Monat später waren alle seltsam ruhig
Ist auch kompliziert, muss man einfach beide Seiten seh’n
Wenn Terroristen Frau’n in Leichenhaufen vergewaltigen
Davidsterne werden an die Haustüren gesprüht
Ist das jetzt diese sogenannte Israel-Kritik?
Zivilisten in Gaza sind Schutzschild der Hamas
Schutzschild der Nachfahr’n der Juden-Vergaser
Schutzschild der sonst immer so Mutigen
„Blabla, nie wieder Blabla“-auf-Instagram-Sager
Berkeley näher an Tehran als an San Fran‘
Also an den Mullahs und nicht den Studenten
Ich wollt ja zur Antifa-Demo gegen Judenhass
Aber gab keine in Berlin, gute Nacht

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