
Mitten in einem Wohngebiet, von Mehrfamilienhäusern umgeben, steht ein geducktes, langgestrecktes Fachwerkhaus aus dem 18. Jahrhundert: Hier, in Oberhausen-Osterfeld, befindet sich die Keimzelle des Ruhrgebietes, der Ursprung der Eisen- und Stahlindustrie, worüber die Dauerausstellung des LVR-Museums anschaulich informiert. Die aktuelle Fotoausstellung nimmt jedoch einen Ursprung ganz anderer Art in den Blick, nämlich das Grundgesetz der Bundesrepublik Deutschland. Von unserer Gastautorin Christiane Jochum.
Hat das Navi mich in die Irre geschickt? Wo soll denn hier ein Museum sein? Die Fragen stelle ich mir, während ich der Straße folge, die sich zwischen mehrstöckigen Häusern in einer ruhigen Wohnsiedlung in Oberhausen-Osterfeld abwärts windet und vor einem Fachwerkhaus endet, das so gar nicht in die Gegend passen will. 1758 floss hier zum ersten Mal im Ruhrgebiet Roheisen und wer sich für die Historie der Eisen- und Stahlindustrie interessiert, findet in der St. Antony-Hütte viele Möglichkeiten, sich mit Hilfe moderner Medien, aber auch bei speziellen Themenveranstaltungen selbst ein Bild der damaligen Verhältnisse zu machen.
Mein Interesse gilt heute jedoch der aktuell gezeigten Ausstellung der beiden Fotografinnen Anne Winterer und Erna Wagner-Hehmke. Vor genau 100 Jahren gründeten sie ein gemeinsames Fotoatelier in Düsseldorf, welches sie gemeinsam zehn Jahre betrieben. Die „Lichtbildwerkstatt Hehmke-Winterer“ ist sozusagen das Bindeglied zwischen den unterschiedlichen Arbeitsschwerpunkten der beiden Fotografinnen, die durchaus als Pionierinnen gesehen werden können.
Anne Winterer stammte aus Konstanz am Bodensee, war ausgebildete Fotografin und kam 1915 nach Düsseldorf, wo sie zunächst in verschiedenen Fotoateliers arbeitete. Als sie und Erna Hehmke einander 1924 kennenlernen, überzeugt Anne Winterer die Jüngere von der Idee eines eigenen Ateliers und bildet sie zeitgleich zur Fotografin aus. Trotz dieser „Lehrerin-Schülerin“-Situation führen beide Frauen das Fotoatelier von Anfang an gleichberechtigt. In den 1920er Jahren entwickelte sich die Berufstätigkeit von Frauen in einer ungeahnten Dynamik, neue Berufsbilder entstanden und trotz vieler Vorbehalte und Irritationen beim Vordringen in „männliche Domänen“ behaupteten sich Frauen zunehmend in Berufsfeldern, die fern der klassischen weiblichen Tätigkeiten lagen. So fotografierten Anne Winterer und Erna Hehmke im Auftrag verschiedener Industrieunternehmen und Verlage Menschen und Industrieanlagen im Ruhrgebiet. Die ständig steigende Zahl von Werkszeitschriften und anderen Publikationen sorgten für eine große Nachfrage an Fotografien, die das Leben der Menschen im Ruhrgebiet dokumentierten, so dass die Auftragsbücher der „Lichtbildwerkstatt“ gut gefüllt waren.
Neben den eher dokumentarischen industriellen Fotografien von Anne Winterer finden sich jedoch Bilder ganz anderer Natur in der Ausstellung. Wir sehen Menschen in ihrem Alltag, in ihrer Freizeit, können sozusagen in ihr Leben eintauchen. So finden sich aus Winterers Werk beispielsweise Bilder von einem jungen Paar, vor einer Industrieanlage sitzend oder von zwei Fischern am Rhein, die gerade den Fang aus den Netzen klauben. Der Bilderbogen aus den 1920er bis 1930er Jahren umspannt Leben und Arbeiten der Menschen an Rhein und Ruhr aus dem Blickwinkel einer dokumentarisch arbeitenden Fotografin, die auch die scheinbar nebensächlichen Alltagssituationen lebendig werden lässt.
1935 endet die gemeinsame Zeit im Düsseldorfer Fotoatelier, Anne Winterer zieht zurück in ihre Heimatstadt Konstanz. Erna Hehmke (seit ihrer Heirat 1932 Erna Wagner-Hehmke) führt zukünftig die „Lichtbildwerkstatt“ allein, behält jedoch den bisherigen Namen „Hehmke-Winterer“ bei. Ihre Bilder, im Stil der klassischen Reportagefotografie der 1920er Jahre gehalten, bestechen durch scheinbar zufällig eingefangene Perspektiven, deren Atmosphäre den Betrachter regelrecht in die Szene eintauchen lässt.

Dieses Stilmittel findet sich ebenfalls in der wohl bedeutendsten fotografischen Dokumentation aus den Anfängen der Bundesrepublik. 1948 erhielt Erna Wagner-Hehmke von der Landesregierung Düsseldorf den Auftrag, die Arbeit des Parlamentarischen Rats in Bonn zu dokumentieren. Ihre Bilder zeigen Ausschnitte aus dem Arbeitsalltag der Politiker, der schwierigen Verhandlungen über das Grundgesetz, aber auch Szenen abseits der offiziellen politischen Räume. Wir sehen Mitglieder des Parlamentarischen Rates in informellen Gesprächen in Cafés und Biergärten und können beinahe spüren, wie intensiv und ernsthaft diese Diskussionen geführt wurden. Erna Wagner-Hehmke hat es meisterlich verstanden, Stimmungen fotografisch einzufangen und dadurch die historische Bedeutung dieser Zeit lebendig werden zu lassen.
Vor allem der historische Wert der Fotografien von Erna Wagner-Hehmke ist nicht hoch genug einzuschätzen, da die Film- und Tonaufnahmen des Parlamentarischen Rates nur ca. 10 Minuten umfassen. Der gesamte Bestand der Aufnahmen befindet sich im Bonner Haus der Geschichte; die Ausstellung in der St. Antony-Hütte umfasst eine kleinere Auswahl der Dokumentation. Besonders, da zum Thema „Pionierinnen“ passend, ist die Bilderserie von 18 Motiven, die die „Mütter des Grundgesetzes“ zeigen: Helene Wessel, Helene Weber, Friederike Nadig und Elisabeth Selbert setzten die sprichwörtlichen Meilensteine unseres Grundgesetzes für die Gleichberechtigung von Frauen und Männern. Die historisch bedeutende Leistung dieser vier mutigen Frauen sollte uns Erinnerung und Mahnung zugleich sein.
Erna Wagner-Hehmke arbeitete bis 1977 als Fotografin, ihre „Lichtbildwerkstatt“ in Düsseldorf existierte bis 1986. Anlässlich des 100jährigen Jubiläums des Ateliers ist eine Bildauswahl der beiden Fotografinnen gemeinsam an einem Ort zu sehen.
Die Ausstellung „Der Weg zum Grundgesetz. Fotografien von Erna Wagner-Hehmke“ ist noch bis zum 28. September 2025 zu sehen.
Die Fotos von Anne Winterer „Rheinland und Ruhrgebiet im Blick“ mit Motiven aus den 1920er und 1930er Jahren werden noch bis zum 28. Juni 2026 gezeigt.
Nähere Informationen zur Ausstellung unter www.industriemuseum.lvr.de
