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Fragen im Kontext der ‚Nächstenliebe‘

Nächstenliebe auszuüben, scheint Menschen zu überfordern. Bereits die jahrhundertelang polemisch geführten Streitigkeiten unter den verschiedenen Religionen über die jeweilige Fassung von Nächstenliebe kann einen Eindruck davon vermitteln, dass eine Abgrenzung, ohne wirklich Differentes anzubieten, lediglich eine soziale bewirkt, die durch nichts zu rechtfertigen ist, lediglich eine Herabsetzung produziert, die der geforderten Nächstenliebe, auch im Namen der jeweils eigenen Religionsgemeinschaft, vehement widerspricht.

Das alttestamentliches Liebesgebot (Lev 19,18: „An den Kindern deines Volkes sollst du dich nicht rächen und ihnen nichts nachtragen. Du sollst deinen Nächsten lieben wie dich selbst. Ich bin der Herr.“) betrifft explizit auch Fremde: „Lev 19,33  Wenn bei dir ein Fremder in eurem Land lebt, sollt ihr ihn nicht unterdrücken. Lev 19,34  Der Fremde, der sich bei euch aufhält, soll euch wie ein Einheimischer gelten und du sollst ihn lieben wie dich selbst; denn ihr seid selbst Fremde in Ägypten gewesen. Ich bin der Herr, euer Gott.“ Es bietet, beschränkt man sich nicht auf einen isolierbaren Vers, den Umfang, den das neue Testament hervorhebt (Mk 12, 31). Auch im Islam wird auf die Nächstenliebe Bezug genommen: „Niemand von Euch hat den Glauben erlangt, solange er nicht für seine Brüder liebt, was er für sich selbst liebt“, Sahih Al-Bukhari, Kitab al-Iman, Hadith no. 13; „Keiner von Euch hat den Glauben erlangt, solange ihr für euren Nachbarn nicht liebt, was ihr für euch selbst liebt“, Sahih Muslim, Kitab al-Iman, 67–1, Hadith no. 45; u. vgl. im Koran Sure 9:6 u. 9:60).

Speziell im neuen Testament richtet sich eine innerjüdische Kritik der Figur Jesus gegen scheinheilige Schriftgelehrte (Mk 12, 38-40), die im Rahmen einer Institutionalisierung jedoch jede entwickelte Religion und Gesellschaft betreffen kann, die sich in soziale Rangunterschiede ausdifferenziert, nicht nur institutionell, sondern auch und besonders der Bevölkerung gegenüber. Scheinheilige Ränge versichern Menschen Eigenwerte, die durch eine Abwertung anderer erfahren werden.

Dieser simple Mechanismus reicht bis in die sogenannten modernen Leistungsgesellschaften, in denen Ränge, die sich durch Ansehen und verfügbares Einkommen statistisch messen lassen, verteilt werden. Doch weshalb ist diese Rangdifferenzierung für Menschen derart wichtig, im Gegensatz zu gesellschaftlich eingebrachten Arbeiten und Sachen, auf die man eventuell zu Recht stolz sein könnte, unabhängig von irgendwelchen personenbezogenen Rängen? Weshalb steht privat als auch gesellschaftlich überwiegend der Wert von Menschen in Frage? Dies beschreibt für mich ein zentrales soziales Problem der Menschheit, an dem sie bislang jedoch regelmäßig scheiterte! Weshalb überfordert eine sachliche Orientierung?

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17 Kommentare zu “Fragen im Kontext der ‚Nächstenliebe‘

  • #1
  • #2
  • #3
    Rainer Möller

    Also wenn unter dem Wert eines Menschen seine funktionale Leistungsfähigkeit für andere verstanden wird – dann müssen wir über den unterschiedlichen Wert verschiedener Menschen reden.
    Theo Sarrazin z.B. war Finanzchef von Berlin, d.h. er musste einnehmen, was die anderen Senatoren ausgeben. Und von daher hatte er ein vernünftiges Interesse daran, dass leistungsfähige/gut einsetzbare Leute nach Berlin kommen, die der Stadt Steuern einbringen (und keine weniger leistungsfähigen/schlecht einsetzbaren, die die Stadt Steuern kosten). Diese Perspektive mach ich mir zwar nicht zu eigen – mir ist das Wohlergehen der Stadt Berlin völlig egal -, aber ich finde, das ist eine legitime Perspektive.
    Was ich damit meine, ist: er konnte sich nicht auf die Diskussion der eingebrachten Leistungsergebnisse beschränken. Das wäre in einer Marktgesellschaft früherer Jahrhunderte möglich. Heute besteht nun mal ein großer Teil der Arbeit aus Vorausplanung; da geht es dann nicht nur um vorhandene, sondern um zu erwartende Leistungsergebnisse, also um Leistungsfähigkeit.

    Tut mir leid, wenn ich den Festtagsfrieden verderbe, aber wir sind hier möglicherweise an einem Angelpunkt der Debatte.

  • #4
    Reinhard Matern Beitragsautor

    @ # 3 Eine ökonomisch relevante „Leistungsfähigkeit“ von Menschen ist zunächst einmal eine Disposition, fasst also eine Möglichkeit. Ob diese zum Tragen kommt oder kommen kann, ist von Bedingungen abhängig, die mit „Vorausplanung“ nur unzureichend beschreibbar sind. Das Besondere an Märkten, also an dem Verhalten von Markteilnehmern ist ja gerade, dass das Verhalten nicht einem ökonomisch rationalen Modell folgt, das den Einsatz einer Glaskugel erleichtern würde. Dies wurde durch die Krisen der letzten Jahre deutlich. Erkannt hatten dies früh bereits Marketing-Firmen, die weitaus stärker auf Emotionen setzten, als dies die ökonomische Theorie erlaubt hätte. Mit Wissenschaft hat die Annahme von einem ökonomisch rationalem Verhalten nichts zu tun, vielmehr mit einer sonderbaren Form von Esoterik. Ökonomisch relevant sind zudem nicht nur Marktverhalten, sondern auch Politik – siehe Ruhrgebiet – und Forschung, deren Entwicklungen sich ebenfalls kaum absehen, geschweige denn planen lassen … Auf eine ökonomische Leistungsfähigkeit als Wert von Menschen zu setzen, würde nichts einbringen, weil sie sich überhaupt nicht abschätzen lässt. Die Worte klingen zwar vergleichsweise modern und medial massentauchlich, sagen jedoch nichts, mal von der grundsätzlichen Einschränkung auf Ökonomie abgesehen. Weil Marktverhalten stets auch Sozialverhalten ist, kann der gewählte Blickwinkel von Beginn an viel, viel zu eng sein. — Auf meine Fragen ist in dem Kommentar übrigens gar nicht eingegangen worden …

  • #5
    Rainer Möller

    Ich denke schon, dass ich auf die von Dir am Schluss gestellten Fragen tatsächlich eine gewisse Antwort gegeben habe. Der Wert von Menschen im Sinne von Leistungsfähigkeit (für vorhersehbare Funktionen) ist wichtig für Finanz- und Sozialminister, für Unternehmer (bzw. Personalchefs) und sogar für Eltern (ich muss vorausplanen, wieweit meine Kinder sich später selbst versorgen können bzw. auf meine Vorsorge angewiesen sind).
    Daneben gibt es vermutlich auch Zusammenhänge, in denen dieser Wert überflüssig ins Spiel gebracht wird. Aber das müsste man konkretisieren, um darüber reden zu können.
    Sollte man die ökonomische Theoriebildung und Prognose grundsätzlich für hoffnungslos erklären? Persönlich setze ich immer noch darauf, dass wir durch Falsifikation schlechter Prognosen zu besseren kommen werden.

  • #6
    Andreas

    @ Rainer Möller

    beim Stichwort „Nächstenliebe“ mit „Leistungsfähigkeit“ (aka „Wertschöpfung“) zu kommen – was ist das?

  • #7
  • #8
    Reinhard Matern Beitragsautor

    @ # 5 Es ist schwer geworden, Ökonomie isoliert zu betrachten. Leider wurde innerhalb der Gesellschaften kaum auf die Krisen geantwortet, die einmal mehr deutlich werden ließen, dass ökonomische Prozesse nicht durch abstrahierende Verfahren erklärt werden können. Diese Verfahren stehen zwar im Dienst einer mathematischen Anschauung, doch leider nicht der Empirie! Prognosen werden unrelevant, wenn die einbezogenen Parameter nicht ausreichen. Reaktionen auf die Krisen kamen nur aus der Verhaltensökonomie, der meiner Ansicht nach spannendste Ausrichtung innerhalb der Ökonomie, weil dort ein Interesse besteht, relevante Parameter ausfindig zu machen: Hier sei knapp auf den Bonner Ökonomen Armin Falk verweisen und auf ein Interview in der ZEIT: http://www.zeit.de/campus/2009/01/interview-gravitas
    Die Antwort in Bezug auf die Frage nach einem Wert von Menschen bezieht sich auf eine fragwürdige Disposition, die auf zukünftiges Verhalten verweist, das zudem von dem Verhalten vieler anderer abhängig ist. Es sagt wenig, so gut wie nichts. Es ist äußerst unterbestimmt. Mein Anliegen war, zwischen Menschen und dem Verhalten / Handeln und den Resultaten zu differenzieren. Nicht Menschen zu bewerten, sondern ein Verhalten / Handeln und Resultate. Wäre dies nicht möglich, würde jeder zumeist erst nachträglich erkennbare Fehler direkt zu einer Abwertung des Menschen führen. Ein ‚Trail und Error‘ wäre z.B. gar nicht möglich. Dass ein ‚Trail und Error‘ überhaupt zugestanden wird, geht über eine Identifikation von Menschen mit Werten hinaus … Das Spannende an irdischen Prozessen sind die Unwägbarkeiten: Neue Verfahren und Produkte lassen sich nicht planen oder prognostizieren. Eine Altersversorgung übrigens auch nicht (mehr).

  • #9
    leoluca

    Könnte hier eventuell Immanuel Kants kategorischer Imperativ helfen? Handle so, dass du die Menschheit sowohl in deiner Person als in der Person eines jeden anderen jederzeit zugleich als Zweck an sich selbst, niemals bloß als Mittel brauchst.

    Ist daher der Kapitalismus ungerecht, unmoralisch, weil er selbst die kreative Arbeit nicht als Zweck an sich selbst sieht, sondern nur als Mittel gebraucht.

    Nicht ganz unsympathisch ist auch die von Karl Marx stammende Utopie einer „Assoziation, worin die freie Entwicklung eines jeden die Bedingung für die freie Entwicklung aller ist“. Die „Entwicklung aller menschlichen Kräfte“ als Selbstzweck. Das wäre zwar noch keine Nächstenliebe, aber ….

  • #10
    Reinhard Matern Beitragsautor

    @ # 9 Kants kategorischer Imperativ lautet eigentlich anders: „Handle nur nach derjenigen Maxime, durch die du zugleich wollen kannst, dass sie ein allgemeines Gesetz werde“. Die oben zitierte ‚Selbstzweieckformel‘ diente der Vorbereitung. Mit ihr wurde ’sichergestellt‘, dass alle Menschen in gleicher Weise umfasst werden, um zu dem ‚allgemeinen Gesetz‘ zu gelangen.
    Der Kapitalismus hat übrigens vielen Menschen erst die Möglichkeit gegeben, selber als Produzent aktiv am Wirtschaftsleben teilzuhaben, weil diese Möglichkeit nicht an einen Stand gebunden war. Historisch eröffnete also der Kapitalismus eine Freiheit, die im bis dahin herrschenden Feudalismus nicht gegeben war. Kants Imperativ war mit dem Feudalismus nicht vereinbar, mit dem Kapitalismus aber schon, soweit es sich nicht um eine Sklavenwirtschaft handelte, wie z.B. beim Zucker- oder dem Baumwollanbau. Es ist kein Wunder, dass Kant den Imperativ zu Zeiten der französischen Revolution ausbildete … die unter anderem eine grundsätzliche Gleichheit der Menschen durchsetzen wollte, auch gegen die feudalen Verhältnisse.
    Es ist durchaus nicht einfach, Kants Imperativ zu diskutieren, dieser schließt jedoch nicht aus, dass Menschen auch Mittel (Beschäftigte) zu etwas sein können, solange sie auch Zweck (durch innerbetriebliche Mitbestimmung oder etwa als Konsument) sind, oder die Möglichkeit haben, den Arbeitsplatz zu wechseln oder sich selbständig zu machen.
    Die Marxsche Assoziation ist mir zu prosaisch, um damit etwas anfangen zu können …

  • #11
    Helmut Junge

    @Leoluca (9)
    „Entwicklung aller menschlichen Kräfte” in einer Assoziation hat es ja noch nie gegeben und nach allem, was bisher geschehen ist glaube ich auch nicht (mehr), daß es so etwas je geben könnte.
    Vor allem deswegen nicht, weil schon behauptet wurde, daß das, was real entstanden ist, also konkret vorhanden war, schon genau das sei. Und wie viele waren zufrieden und haben es trotz aller tiefsten Einblicke in die Wirklichkeit geglaubt. Ja, man hat ihnen eine Diktatur vorgesetzt und sie haben glauben wollen, das das genau diese freie Assoziation der Produzenten sei, und es das ist, worum sie gekämpft und auch gestorben sind.
    Wenn Sie also wollen @Leoluca, dann haben Sie das schon gehabt. Wenn sie das, was schon war aber gar nicht meinen, müßten Sie aber diesen schwammigen (@Reinhard Matern sagt prosaischen) Begriff präzisieren.

  • #12
    leoluca

    #10 und 11

    Die freie Entwicklung eines jeden als Bedingung für die freie Entwicklung aller – das ist natürlich eine Utopie, die auch als solche verstanden werden sollte. Sie lässt sich immerhin aus dem kategorischen Imperativ von Kant ableiten und geht selbstredend weit über unsere gesellschaftliche Realität und das, was wir für machbar halten, hinaus.

    Aber als Denkanstoß, als Werteorientierung ist das für mich nicht weniger bedeutsam als die zehn Gebote des Neuen Testaments.

    Wem das zu schwammig ist, dem sei zum Beispiel das Denken von Erich Fromm empfohlen, eines humanen Sozialisten und jüdischen Sozialphilosophen und Psychoanalytikers aus dem Kreis der Frankfurter Schule. Er hat zum Beispiel aus den philosophischen Frühschriften von Karl Marx ein humanes Menschenbild entworfen, das die Beschäftigung damit gerade heute wieder lohnt.

  • #13
    Helmut Junge

    @leoluca, als ich vor Jahrzehnten Schriften von Erich Fromm las, empfand ich es als Glückstreffer, auf diesen wenig beachteten Autoren gestoßen zu sein. Doch obwohl ich ganz sicher einige seiner Gedanken zu meinen eigenen gemacht hatte, habe ich ihn merkwürdigeweise nie zitiert. Warum das so war, darüber werde ich wohl nachdenken müssen, denn Ihren Lesetipp, Bücher von Erich Fromm zu lesen, kann ich nur voll unterstützen. Und wenn jemand im Zusammenhang mit @Reinhard Materns obigen Artikel erwähnt werden muß, dann er.
    Über die andere Frage sollten wir später diskutieren.

  • #14
    Reinhard Matern Beitragsautor

    @ # 12 u. 13 Im Hinblick auf Fromms Utopie: „Sie lässt sich immerhin aus dem kategorischen Imperativ von Kant ableiten“. Dies würde ich bezweifeln. „Ableiten“ würde aus logischer Sicht bedeuten, dass die Utopie bereits in Kants Imperativ enthalten ist, dafür sehe ich jedoch keinerlei Chance. Worte „ableiten“ sind jedoch – wie eine Reihe anderer auch – auf ein poplarwissenschaftliches Niveau gesunken, auch innerhalb sogenannter Wissenschaften. Um Fromm einzubeziehen, wäre dies jedoch weitgehend egal. Sein Thema ist z.B. „Haben und Sein“ als verschiedene Lebensformen, doch dort wo Kant Freiheit gibt, soweit individelle Ansprüche auch als allgemeine gelten könnten (allgemeines Gesetz), gegen den damals herrschenden Feudalismus, schränkt Fromm die (theoretisch) erlangte Freiheit ein: Es geht ihm um die „wahren Bedüfnisse“ der Menschen, um das „wahre Wohl“ der Menschen. Dieses Motiv, Menschen zu ihrem Glück eventuell zwingen zu müssen, ist ein typisch politisches Motiv, das zwar in unterschiedlicher Weise betrieben wird, aber stets an den Menschen vorbeigeht, ob aus linker, grüner, liberaler, konservativer oder rechtsextremer Perspektive. Sonderbarerweise spielen die Menschen in diesen Planspielen so gut wie keine Rolle: lediglich als Mittel, als Verhandlungsmasse, im Dienste einer fixen Idee 😉
    Die besondere historische Relevanz der Verhaltensökonomie ist, erstmals diese Menschen einzubezogen zu haben, um überhaupt erfahren zu können, welche Parameter z.B. ökonomisch für sie relevant sind. Dass dabei Fairness eine Rolle spielt, kannn durchaus überraschen. Politisch angekommen ist diese Forderung aber noch nicht!

  • #15
    Helmut Junge

    @Reinhard Matern, bei „Die Kunst des Liebens“ von Erich Fromm geht es aber nicht um verschiedene Lebensformen, und ob das bei „Haben und Sein“ darum geht, habe ich z.Z. nicht mehr in Erinnerung, glaube ich erstmal auch nicht. Aber ich habe mir ja vorgenommen Fromm erneut zu lesen. Wenn das geschehen ist, wirst Du sicher eine Replik auf Deinen Kommentar 14 bekommen. Der „kategorische Imperativ“ als Zitat wird allerdings wohl nie mein Thema sein. Den Streit darüber überlasse ich gern Anderen. Zitate waren nie mein Thema, weil ich eine sich ständig verändernde Welt sehe und nach meinem Verständnis in der Dialektik den Schlüssel zur Erklärung dieser Veränderungen gefunden zu haben glaube, helfen mir Zitate konsequenterweise auch nicht weiter, Meist haben sie in ihrem Wahrheitsgehalt nur eine kurze Halbwertzeit. Für jemanden der an das wirksame Prinzip der Dialektik glaubt und bemerkt hat, wie viele sich schon an der Deutung der Zukunft geiirt haben, empfiehlt sich so oder so, bei aller Bescheidenheit, selbst jeden Tag erneut darüber nachzudenken, ob noch alles so stimmt, wie am Tag zuvor, oder ob es neue Geschehnisse gibt, die neue Erklärungen notwendig machen. Das ist wie beim Schachspiel, wo jeder absolvierte Zug das Gleichgewicht der Stellung verändert. In diesem Sinne wünsche ich allen Kommentatoren in diesem Thread einen besinnlichen und guten Rutsch ins nächste Jahr.

  • #16
    Rainer Möller

    Ich fand diesen Gedankenaustausch ganz erhellend und insofern zufriedenstellend. Dass man nicht in vier Beiträgen zu einer gemeinsamen Meinung kommt, sollte ja klar sein.
    Jedenfalls sehe ich vorläufig keinen Grund, den Begriff der Disposition als eines „Zwischendings“ zwischen Mensch und Verhalten abzuschaffen. Und obwohl ich von den Wirtschaftswissenschaften beim augenblicklichen Stand nicht viel halte, würde ich daraus kein Ignorabimus ableiten. Und ich würde auch nicht vorschlagen -was aus Materns Nächstenliebe logisch folgt – alle Einstellungstests abzuschaffen. (Ganz abgesehen von den vielen Alltagssituationen, in denen wir uns an Wahrscheinlichkeiten, Dispositionen und dementsprechenden Erwartungen über unsere Mitmenschen orientieren.)
    Das hat mir alles einen Beigeschmack von sacrificium intellectus.

    Bei diesem Stand kann ich die Diskussion ganz gut „simmern“ lassen. Vielleicht, dass Matern sich im Lauf der Zeit besinnt …

  • #17
    Reinhard Matern Beitragsautor

    Begriffe ‚Dispostion‘ wollte ich keineswegs abschaffen, Rainer Möller, doch um sie zur Bewertung von Personen zu verwenden, halte ich sie für ungeeignet. Das Thema betraf ja den Wert von Personen. Ich würde grundsätzlich von einer Bewertung von Personen absehen, weil sie bloß zu Voruteilen führen können. Handlungen kann man bewerten, Ergebnisse, auch mögliche oder wahrscheinliche Handlungen und Ergebnisse. Eine Disposition wie wirtschaftliche Leistungsfähigkeit sagt hingegen gar nichts. Wie unterschiedlich über wirtschaftlich relevante Parameter geurteilt werden kann, haben die Kommentare doch erbracht.
    Das Thema Fairness begegnet wirtschaftlich übrigens fortlaufend, bei Gehaltsverhandlungen bis hin zu Streiks, bei den Arbeitsbedingungen von Zulieferern aus Asien oder Afrika, sogar bei der Hartz 4 Gesetzgebung, oder der Frage, wie neue Arbeitsplätze geschaffen werden können. Die liberale Position im Hinblick auf neue Arbeitsplätze war die Schaffung eines neuen Niedriglohnsektors, des Prekariats. Schrumpfen ließ dies bundesweit zwar die statistisch erhebbaren Arbeitslosenzahlen, mehr jedoch nicht. — Vielleicht ist unser Blickwinkel unterschiedlich. Sie schauen aus betriebswirtschaftlicher Sicht auf die Gesellschaft, ich aus markoökonomischer Perspektive.

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