11

Freistatt – Evangelische Zwangs-Erziehungsarbeit im Moor

Mittleres Wietingsmoor  bei Freistatt Foto: losch Lizenz:

Mittleres Wietingsmoor bei Freistatt Foto: losch Lizenz: CC BY-SA 3.0

Im Juni kommt ein von Arte mitproduzierter Film in die Kinos, der sich mit  Freistätter Jugendheimen Ende der 60er beschäftigt. Von daher möchte ich vorab einen kurzen Blick auf die „Erziehung“ auffällig gewordener Jugendlicher im Freistatt der 50er und 60er Jahre werfen. Von unserem Gastautor Thomas Weigle  

Sommer 1968 in Deutschland. Der 14 jährige Wolfgang(Louis Hofmann) wird von seinem Stiefvater Heinz (Uwe Bohm) in das Erziehungsheim „Freistatt“) abgeschoben. Dort herrscht militärischer Drill. Die Erzieher zwingen die Jungen zu Arbeitseinsätzen in den Mooren. Doch der rebellische Wolfgang gibt seine Sehnsucht nach Freiheit nicht auf. Mit seinem Freund
Anton(Langston Ubel) wagt er den Aufstand. Regisseur Marc Brummund vereint in seinem sensiblen Jugenddrama den Kontrast von Liberalisierung und repressiven System Ende der 1960er. Ab 25.Juni im Kino“.

„Heiligenstatt lag im Moor. Es war bedeutend größer als das Landesjugendheim, Heiligenstatt war eine ganze Gegend, rechts oder links von der Bundesstraße, je nach dem von welcher Seite man kam. Hinter dem Gutshof begann das Moor, eine weite, mit niedrigen Birken und Büschen bewachsene Landschaft, in die ein mit Schlaglöchern übersäter Weg hineinführte. An einer Seite des Weges verliefen die Schienen einer Feldbahn.“ So beginnt Michael Holzner, der einige Zeit in Freistatt verbrachte, seine Beschreibung der mehr als unschönen Zeit, die er dort im Moor verbringen musste (M.Holzner:“Treibjagd“, für wenig Geld im Internet zu haben). Freistatt selbst, an der B 214 im Landkreis Diepholz gelegen ist  unter dem Namen „Kleinsibirien“ Eingeweihten wohl bekannt. Selbiger Landkreis war einst eine Hochburg der Nazis und später der NPD, dann tiefschwarz.

Freistatt, 1899 von Bodelschwingh für die „Brüder der Landstraße“ gegründet, beherbergte auch  Heime für auffällig gewordene Jugendliche und diente als „Strafkolonie“ für in Bethel missliebig gewordene Diakone, sie wurden zur Bewährung nicht in die Produktion, sondern ins Moor geschickt.

In vier Häusern lebten 1970 etwa 200 Fürsorgezöglinge, zwei der Heime wurden als geschlossene Häuser geführt, in denen die Jugendlichen abends in zellenartigen Zimmern eingeschlossen wurden, deren Fenster vergittert waren. Bis in die 60er galt in der evangelischen Jugenderziehung weitgehend noch, was die „Vorsteherkonferenz“ 1922 zum Thema Strafe beschlossen hatte:

„Gegen die Anwendung der körperlichen Züchtigung und der Einschluss in die Isolierzelle sind wegen beklagenswerter Missbräuche oder auch aus grundsätzlichen Erwägungen Bedenken erhoben. Wir lassen sie uns zu ernster Prüfung dienen, sind aber der Ansicht, dass die Betonung der Würde der Kinder und Jugendlichen nicht übertrieben werden darf und Gefahren der Züchtigung sich vermeiden lassen, wenn man das Recht dazu nur dem Lehrer und Hausvater überträgt…“ Nun muss man wissen, dass der Hausvater so etwas wie der Stellvertreter Gottes war, dessen Worte und Taten kaum in Zweifel gezogen wurden, weder von den ihm unterstellten Mitarbeitern noch von den Zöglingen. Gehorsam ihm gegenüber wurde  täglich eingefordert und erwartet. Und er erwarb das Recht zur Züchtigung durch „väterliche Liebe….man umbinde die Rute mit Seufzen zu Gott“, beruft sich die Vorsteherkonferenz auf eine Schulordnung aus dem Jahre 1730.

In „Endstation Freiheit“ heißt es hierzu: „Der Hausvater forderte dieses Verhalten, die Leitung deckte es im Einvernehmen mit der Aufsicht führenden Behörde, die religiöse Gemeinschaft, der die Erzieher angehörten, verlangte Gehorsam gegenüber den Vorgesetzten und legitimierte die Gewalt gegen Zöglinge als „liebevolle Zucht“  im Sinne „tätiger Nächstenliebe“ Dass unter diesen Umständen auch  die „Erziehungspolitik“ der Nazis auf wenig Widerstand stieß, soll erwähnt werden, aber Hauptthema dieses Beitrages ist die „Erziehung“ in Freistatt in den 50ern bis in die beginnenden 70er.  Der erste Anstaltsleiter von Lepel war ein unbedingter Befürworter  härtester Zwangsmaßnahmen gegen die Klienten Freistatts, eine unschöne Tradition, die  bis weit nach dem 2. Weltkrieg tiefe Spuren ins dortige Moor grub. Überhaupt war das Moor das alles beherrschende Thema. Das Torfstechen war schwerste körperliche Arbeit, nicht jeder der Jugendlichen schaffte das vorgegebene Pensum und wie im Gulag oder KZ litt das jeweilige Arbeitskollektiv unter den Folgen der minderen Arbeitsleistung einzelner Jugendlicher – mit den entsprechenden Folgen für den Betroffenen, der dann u.a. auf der Toilette nachts Schläge erhielt.  Beschwerten sich Jugendliche bei dem für sie zuständigen Jugendamt, verwies die Anstalt solche Erzählungen unberechtigterweise in das Reich der Fabel, was von den Behörden gerne akzeptiert  wurde – durchaus auch wider besseres Wissen. Pastor Lähnemann stellte gerne klar, dass man von jedem Jungen nur das verlange, „was man von ihm nach seiner körperlichen Verfassung und Entwicklung erwarten dürfe“ und „ein Junge, der vorher keinerlei Verhältnis zur Arbeit hatte, empfindet es natürlich als hart, wenn jetzt bestimmte Forderungen an ihn gestellt werden. Einzelne Jungen versuchen dann wohl auch durch renitentes Verhalten sich der Arbeit zu entziehen.“ Sich beschwerende Jugendliche wurden auch schon mal als notorische Lügner und Querulanten von der Anstaltsleitung bei den zuständigen Behörden denunziert.

Für Neuankömmlinge wirkte schon die Ankunft als Schock, der rüde Umgangston des Hausvaters in den Anstaltsgebäuden, die Einkleidung in „Anstaltskluft“, die vergitterten Fenster u.ä. machten dem Neuankömmling schnell klar, wo er sich befand. Ein Jugendlicher wurde mit Schlägen empfangen, die ihn begleitenden Polizisten wandten sich ab, um die brutale Begrüßung nicht zur Kenntnis nehmen zu  müssen. Ein anderer, der angab katholisch zu sein, wurde so lange mit kaltem Wasser „getauft“, bis er zugab, evangelisch zu sein. Ein anderer wurde wie folgt vergattert:  „Wir sollen hier einen Menschen aus Dir machen und das werden wir. Du wirst arbeiten bis zum Umfallen. Bete und arbeite, dann hast du es hier gar nicht so schlecht.“ Sonntags war natürlich Kirchgang für alle Pflicht, wobei der Pastor  diejenigen Pflichtvergessenen bei den begleitenden Diakonen denunzierte, die statt zu beten eindösten. Nicht gut für die Schläfer, denn die Ahndung erfolgte umgehend. Im Haus Wegwende war es üblich, nachts den Neuen den „Heiligen Geist“ zu verabreichen, der darin bestand, dass jeder dem verängstigtem Jugendlichen Schläge verabreichte, ohne dass die Erzieher einschritten. Ein Hausvater, „Himmler“ genannt, ein Hüne, der immer von einem Schäferhund begleitet wurde, schlug Zöglinge zur Abschreckung gerne vor versammelter Mannschaft zu Boden: „So ergeht es jedem, der nicht pariert“ kommentierte er sein erzieherisches Tun.

Dass die Jugendlichen Rechte hatten, wurde in den ersten Nachkriegsdekaden weitgehend ignoriert, Vorbereitung aufs Leben draußen, etwa durch Schulbesuch und Ausbildungsmöglichkeiten, war bis um 1970 kaum ein Thema. Denn  Freistatt war ein sich selbst tragendes Wirtschaftsunternehmen, da minderte Schulbesuch und Ausbildung der Jugendlichen den Profit, der durch die unbezahlte Zwangsarbeit   im Moor erzielt wurde. Wie in den KZs trat man vor dem „Ausrücken“ ins Moor zum Appell an. Ebenso erinnerten die Arbeitsbedingungen an noch nicht lange zurückliegende braune Zeiten.

Briefgeheimnis: Fehlanzeige. Erst ab 1970 wurde die Kontrolle der aus -und eingehenden Post der Jugendlichen nach und nach abgeschafft. 1969 wurde die „Isolierung“ auf 24 Stunden begrenzt, von Ausnahmen natürlich abgesehen, die aber von der Leitung genehmigt werden mussten.

Die Umorientierung hin auf moderne, die Würde des Menschen einbeziehende Pädagogik nahm um 1970 Fahrt auf, so beschloss in jenem Jahr die Hausväterkonferenz sich nicht mehr um die Haarlänge der Jugendlichen zu  kümmern, denn „ästhetische Kategorien können nicht Maßstab für unsere pädagogischen Maßnahmen sein.“ Die Zwangsarbeit im Moor wurde abgeschafft, ebenso der obligatorische Gottesdienstbesuch. Überrascht stellte man fest, dass eine nicht geringe Anzahl Jugendlicher die Gottesdienste besuchte, obwohl der Sonntag nun „offiziell“ als Ausschlaftag galt.

Ab 1971 standen die Freistätter „Besinnungsstübchen“  nicht mehr der Justiz zwecks Verbüßung von Arreststrafen Jugendlicher zur Verfügung, denn dass Freistatt damit in Nähe einer Strafvollzugsanstalt gerückt wurde, passte einfach nicht mehr in die Zeit.

Wie schon erwähnt, waren Diakone und Diakonenschüler nicht unbedingt freiwillig in Freistatt, denn ein Diakon wurde gesandt oder eben auch strafversetzt. Ein Diakonenschüler erinnert sich.“ Die ältesten Jungs waren 21 und ich gerade 24 und mußte mit 24 von diesen Jungs alleine in einem Raum sein. Da wurde mir schon mulmig zu Mute. Da hat man dann Methoden entwickelt, von Seiten der Erzieher, die wir Jungen dann übernommen haben, um erst einmal zu überleben.“ Später kamen dann Ersatzdienstleistende, die noch jünger als der obige Diakonenschüler waren, dies in einer Zeit, in der die Volljährigkeit bis zum 31.12.74 erst ab 21 Jahren galt.

Einige Jugendliche aus den 50er und 60er Jahren erinnern sich auch an Erzieher, die sich der Gewalt in der Erziehungsarbeit verweigerten. Auf der anderen Seite wissen die befragten Jugendlichen, dass sich die körperliche Gewalt nicht auf die erlaubten „Backenstreiche“ beschränkt hatte. Immer wieder erwähnen ehemalige „Zöglinge die entwürdigende und sarkastische Behandlung seitens der Diakone. Besonders unbeliebt war das Rauchverbot, besonders bizarr: es wurde auch in einem Anstaltshaus verhängt, wenn dessen Fußballteam gegen ein anderes Haus verlor. Die Verlierer wurden verprügelt, keiner wollte mehr im Hausteam spielen. Weitere Strafen waren das Essen im Stehen, Sprechverbote, Bettenbau üben, Torfsieben, Kartoffelschälen, Latrinendienst. Unbeliebt waren auch die bis auf einen Hocker und die Bibel völlig leeren Arrestzellen, nachts wurde ein Feldbett in die „Besinnungsstübchen“ gestellt.

Zum Erziehungskonzept gehörte, nicht nur in Freistatt, die „Erziehung in der Gemeinschaft durch die Gemeinschaft“, dass strikte und gewalttätige Strukturen unter den Jugendlichen entstehen ließ, so dass  Körperstrafen durch die Jugendlichen selbst vollzogen wurden. Hier spielte, wie bereits erwähnt, die Erlaubnis bzw. das Verbot des Rauchens eine dominierende Rolle. Das Rauchen selbst war seit Mitte der 50er  zum Zwang durch Gruppendruck geworden, dem sich kaum ein Jugendlicher entziehen konnte. Auch Essensentzug, der auch kollektiv als Strafeverhängt wurde, wurde dem Verursacher rabiat heimgezahlt. Aus den zitierten Akten ist zu entnehmen, dass sich Jugendliche öfters über das knappe und wohl auch nicht besonders schmackhafte Essen beschwerten. Ein Beschwerdeführer, der von Hungerrationen sprach, wurde gezwungen, alles was auf den Tisch stand zu verzehren, die anderen durften ihm hungrig zusehen. Die Folgen für den Esser kann man sich ausmalen.

Diese gewollte und seitens der Diakone lange Zeit geförderte Selbstjustiz ließ eine Art Gangsystem entstehen und Hans Werner Schmuhl zieht die bittere Bilanz: „Die Kultur der Gewalt war zur Aufrechterhaltung der Ordnung geradezu notwendig, erlaubte sie doch, die Erziehungsarbeit mit viel zu wenigen, pädagogisch nicht vor gebildeten Mitarbeitern in überfüllten Häusern durchzuführen. Hier zeichnet sich eine klare Kontinuitätslinie aus der Zeit vor 1945 bis weit in die 1960er Jahre  ab.“ Ein ehemaliger Jugendlicher beschreibt es so: „Nicht dass alle Erzieher geprügelt hätten, sondern die hatten sich Gruppen geschaffen, die schon länger da drin waren, die haben für Ordnung gesorgt.“ Ein anderer: „ Immer hat es die Schwächsten erwischt..“ Allerdings waren  die „Hilfserzieher“, so wie Kapos in Gefängnissen und KZs auch,  immer in Gefahr ihren Posten  wegen Aufsässigkeit oder anderem Fehlverhalten zu verlieren, dieser Druck sorgte für zusätzliche strikte Ausübung der „hilfserzieherischer Gewalt.“

1968 immerhin beschloss die Hausvaterkonferenz: „Bei der Belehrung der neuen Erzieher ist darauf hinzuweisen, dass auf Tendenzen der Selbstjustiz unter den Fürsorgezöglingen zu achten ist und solche durch entsprechende erzieherische Maßnahmen abgebaut werden.“ Allerdings die Gewalt blieb unter und zwischen Jugendlichen  in Freistatt ein tägliches Problem.

Es ist nicht so, dass Freistatt ein schwarzes Schaf unter den damaligen Erziehungsheimen in der DDR und der Bundesrepublik war, sondern eher die Regel, wenn auch Regel unter den verschärften Bedingungen der landschaftlichen Gegebenheiten dort im Moor und Torfwerk. Auf Abgelegenheit und Isolation setzten damals viele Fürsorgeeinrichtungen. Die im Buch „Endstation Freistatt“  zu Wort kommenden ehemaligen „Fürsorgezöglinge“ zeichnen, ebenso wie die umfangreich zitierten Akten, ein mehr als trübes Bild evangelisch-diakonischer „Erziehung.“ Junge Menschen sollten zu Untertanen gemacht werden, denen jedes Aufbegehren gegen die Obrigkeit ausgetrieben werden sollte. Natürlich waren und sind in der öffentlichen Erziehung schwierige, gewalttätige und kriminelle Jugendliche, die heute auch die ganze Frau und damals nur den ganzen Mann forderten, denn lange war die „Erziehung“ in Freistatt Männersache. Um so mehr schlug negativ zu Buche, dass die Brüder Diakone von moderner Erziehung so wenig bis gar nichts ahnten und nur eine Antwort auf abweichendes Verhalten kannten: Bestrafung! Heute gibt es sehr viel mehr Antworten als damals, gerade auch in Freistatt, denn seit Ende der 60er, als nicht nur die APO bis in die öffentlichen und diakonischen Erziehungsheime wirkte und Insassen im Wortsinne befreite, kam durch die vielen Ersatzdienstleistenden ein völlig neuer Stil nach Bethel.

Aber auch in der Bruderschaft Nazareth begannen Strukturen zu wanken, denn „auf der anderen Seite stand eine engagierte Generation von jungen Diakonen, geprägt von dem gesellschaftlichen und politischen Veränderungen der Zeit, mit dem festen Willen, dem Modifizierungsdefizit in Bethel entgegenzutreten“  Die Zeit  befehlsgewohnter Hausväter ( „Der unzufrieden scheidende Hausvater Herzig, der 73 in der Leitungsarbeit durch vier Diakone ersetzt wurde, bemerkte verbittert: „Ganz früher war die Hausvaterkonferenz der Ort der Befehlsausgabe.“) und Anstaltsleiter, die autoritäre und repressive Erziehungsarbeit bevorzugten, ging zu Ende. Mit dem Wechsel von Pastor Lähnemann zu Pastor Kämper 1978779 in der Anstaltsleitung, letzterer hatte in den Jahren  zuvor als Freistätter Erziehungsverantwortlicher diesen Wechsel eingeleitet, dieser war unumkehrbar geworden, auch weil in dieser Zeit  die Auflösung der großen Häuser in vollem Gange war. „Allerdings“ so resümiert Schmuhl: „Die über Jahrzehnte hinweg gewachsenen Strukturen in der Erziehungsarbeit Freistatts konnten jedoch innerhalb weniger Jahre hinweg nicht aufgelöst werden.“ Ältere Mitarbeiter konnten sich mit der neuen Zeit nicht anfreunden, zogen sich verbittert zurück. Auch die neuen elanvollen Mitarbeiter  die von Hoch- und Fachschulen kamen, hatten ihre Schwierigkeiten, denn sie kamen von den „Höhen der Revolution“ und mussten erkennen, dass die „Mühen der Ebenen“ viel Geduld und Kraft erforderten, der täglicher Kampf auch mit den „Kräften der  Beharrung“ ließ manchen Freistatt enttäuscht verlassen. Aber wie auch immer, sie haben „ihren Teil dazu beigetragen, das bis weit in die die 1960er Jahre in Freistatt herrschende menschenunwürdige pädagogische Regime zu stürzen“ schließt Schmuhl.

„Menschenunwürdig“ war es in der Tat, aber pädagogisch? Diese Frage mag sich jeder selbst beantworten- Unter dem Stichwort Diakonie Freistatt findet man im Netz weitere Informationen zu Freistatt, aber überhaupt auch zur öffentlichen und kirchlichen Fürsorgeerziehung

Benad, Schmuhl und Stockhecke: Endstation Freistatt, Verlag für Regionalgeschichte, Bethelverlag Bielefeld 2011

Holzner: Treibjagd rororo, Hamburg 1980, wurde auch verfilmt.

RuhrBarone-Logo

11 Kommentare zu “Freistatt – Evangelische Zwangs-Erziehungsarbeit im Moor

  • #1
    Achim

    Das System der Fürsorgeerziehung wie im Artikel beschrieben führt zur Enstehung einer grossen westdeutschen Gruooe von Trebegängern. Diese Minderjährigen lebten auf der Strasse oder kamen bei Freiern unter.
    In Köln enstnd dann die staatlich geförderte Sozialpädagogische Sondermassnahme Köln(SSK), aus der sich später die eher verfolgte Sozialistische Selbsthilfe Köln (SSK) entwickelte.

    Während dieser Zeit gab es viele Veröffentlichungen.

    Achim

  • #2
    Helmut Junge

    "Ein anderer, der angab katholisch zu sein, wurde so lange mit kaltem Wasser „getauft“, bis er zugab, evangelisch zu sein." Der Satz paßt, obwohl heute alles ganz anders ist, aber dennoch irgendwie gespenstisch ähnlich. Kein Wunder, daß man den aufsässigen Jungen gezwungen hat zuzugeben, daß er evangelisch ist. Denn auch, wenn heute die Kirchen die größten Arbeitgeber in der Republik sind, bekommt dort, Kirchenasyl hin, Kirchenasyl her, niemand falschen Glaubens eine Arbeit. Bei den Evangelen muß man schon evangelisch sein. Das war früher so, und das ist heute so.
    http://www.focus.de/finanzen/karriere/arbeitsrecht/tid-16756/arbeitgeber-kirche-von-naechstenliebe-keine-spur_aid_468469.html
    Schöner Artikel Thomas Weigle

  • #3
    thomas weigle

    @ Helmut Junge In der Not frisst der Teufel Fliegen und so hat Bethel eine Zeit lang sogar konfessionslose Mitarbeiter genommen. Dies war vor allem in den 70ern der Fall, heute ist das wieder anders.

  • #4
    Rainer Möller

    Es ist ein bisschen sehr viel "Geschichte der Sieger" dabei, und man hätte gerne mehr aus der Perspektive der besiegten älteren Generation gehört.
    Was in solchen Büchern systematisch ausgeklammert wird, ist die Geldfrage. Bis in die 60er Jahre waren die meisten Leute ernsthaft gezwungen zu arbeiten, um zu überleben. Die Heime mussten sich selbst tragen und auch die Jugendlichen sollten auf ein echtes Arbeitsleben vorbereitet werden. Im Rückblick werden dann gern die Maßstäbe von heute angelegt, wo ein Überschuss an Staatsknete halbparasitäre Lebensweisen zulässt – aber wie lange noch? Und wie wird die Heimerziehung wohl aussehen, wenn es mit unserem unfundierten Wohlstand vorbei ist?

  • #5
    Stefan Laurin

    @Rainer Möller: Der Wohlstand ist nicht unfundiert und sondern das Ergebnis des Kapitalismus.

  • #6
    thomas weigle

    Rainer Möller Mein Thema waren die Kids in Freistatt, die waren damals keine "Sieger der Geschichte" und sind es auch heute nicht, obwohl die Bedingungen dort seit längerem ganz andere und bessere sind.

  • #7
    Martin MITCHELL

    Short English language summary of the German CINEMA-FILM "FREISTATT" by film director Marc Brummund.

    Full length MOVIE, set in the year 1968, about a still existing WEST-GERMAN EVANGELICAL-LUTHERAN INSTITUTION FOR TEENAGE BOYS – „FREISTATT“ – in Lower Saxony ( County of Diepholz ) – part of the "von Bodelschwinghschen Antalten, BETHEL" ( = "HOUSE OF GOD" ) ( founded in and existing since 1899 !! ) – situated in a peat bog, run and ruled throughout "with an iron fist" by ʻbrethren of the evangelical-lutheran faithʼ as a lucrative peat-harvesting-and-manufacturing-enterprise. A LITERAL CHILD WELFARE HELL-HOLE OF THE WORST KIND !!
    This full length MOVIE "FREISTATT", named after the INSTITUTION „FREISTATT“, which literally translated means, of all things, "REFUGE", depicts the indescribable suffering of the boys undergoing this slave labour in this Christian institution more than two decades after the Fall of the Third Reich.

    I myself, born in July 1946, was interned in this institution and subjected to this slave labour and abuse in this very peat bog in 1963.

    The BETHEL-OWNED peat manufacturing plant in „FREISTATT“ did not cease production until 1995.

    In Australia, where I fled to/migrated to in March 1964 and have lived ever since, the Film is not being shown.

  • #8
    thomas weigle

    @ Helmut Junge Danke für das Lob.
    Ich war letzte Woche in Freistatt und bin durch die Filmkulisse gegangen, die zu besichtigen ist. Es war für mich ein durchaus zwiespältiges "Vergnügen", denn ich habe von 9/78 bis 7/86 an der dortigen Heimschule gearbeitet. Selbige war von 74 bis Jänner 83 in eben jenem Haus Moorhort, in dem sich dies zugetragen hat, untergebracht. Seltsamerweise war die spezielle Geschichte dieses Hauses nie Thema im Kollegium.
    Bethel hat den Film mit 50.000 Euro unterstützt, was angesichts der Finanzlage der Diakonie durchaus bemerkenswert ist. Auch sonst wurden die Dreharbeiten in jeder Hinsicht unterstützt. Zum Film selbst ist zu sagen, dass er auch Ereignisse aus anderen "Lagern" verarbeitet. Die "Moorsoldaten" wurden in Freistatt nicht gesungen, auch kein Zögling lebendig begraben. das ändert natürlich nichts an der Gesamtlage.
    Aus der Schule wurde ein Schulverbund an mehreren Orten, und der schreibt schwarze Zahlen. was auch daran liegt, dass die Lehrer deutlich schlechter bezahlt werden als wir damals.

  • #9
    Helmut Junge

    @thomas weigle, ich bin 1956 als Bergarbeiterkind für 6 Wochen in einem "Erholungsheim" auf Wangerooge gewesen. Bruchstückhaft kann ich mich noch an die Behandlung dort erinnern.
    Wäre das, oder auch nur ein Teil davon meinen Kindern geschehen, wäre es zur Strafanzeige gekommen. Aber meine Eltern, und die Eltern der anderen Kinder, haben in solchen Fragen eine andere Sichtweise gehabt.

  • #10
    thomas weigle

    @ Helmut Junge ich war von 54-61 insgesamt 4x wg. einer Bronchitis verschickt, besonders unangenehm ist mir in Erinnerung, dass ein Junge sein Erbrochenes essen musste, sonderlich empört hat uns 6-8 jährige das damals nicht. Auch nicht wirklich schön. Beim ersten Mal 54 in Herrenalb musste ich eine Nacht in einem zu renovierenden Zimmer verbringen. Warum weiß ich nicht mehr, schön war es jedenfalls nicht. 7 und 5 Wochen Spiekeroog dagegen waren nur gut. ich hatte Windpocken bekommen, konnte nicht pünktlich nach Hause fahren. Um die neue Truppe nicht anzustecken, war ich mit einem "Leidensgenossen"außerhalb in einem Pumphäuschen einquartiert und wir waren eine knappe Woche uns selbst überlassen, mussten nur 3x am Tag in der Küche erscheinen. Sagenhaft!!!!!
    Was die Eltern angeht, kann ich Dir nur beipflichten. "Gelobt sei, was hart macht."

  • #11
    Helmut Junge

    @ thomas weigle "unangenehm ist mir in Erinnerung, dass ein Junge sein Erbrochenes essen musste, "
    Genau das habe ich auch erlebt. Jetzt kommt die Erinnerung zurück. Wir mußten jeden Abend Haferflocken essen (trockene Haferflocken!) Dazu gab es genau eine Tasse Milch zum Trinken. Wasser aus der Leitung zu trinken war verboten. Und dann ist das mit dem Jungen passiert. Genau so.
    Man leidet allerdings schon, wenn man das erlebt. Aber danach wird es wohl verdrängt. Vermutlich ist das Verdrängen im Gehirn als Schutzmaßnahme so angelegt.

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.