Für den Economist ist das Ruhrgebiet ein Vorbild für Deutschland

Typische ‚Bude‘ im Ruhrgebiet. Quelle: Wikipedia, Foto: Hans-Jürgen Wiese, Lizenz: CC BY 3.0


Der Economist hält das Ruhrgebiet für ein Modell für die Zukunft Deutschlands. Ein guter Grund, Angst zu haben.

Der Economist zählt zu den wichtigsten Wirtschaftsmagazinen der Welt. In einem im Februar erschienenen Artikel wird das Ruhrgebiet als Zukunftsvision für Deutschland bezeichnet. Die Stimmung in der Bundesrepublik sei wegen der Deindustrialisierung schlecht, schreibt das Magazin, die Sorgen vor einem wirtschaftlichen Abstieg groß. Alles nicht nötig, denn die „Widerstandsfähigkeit des alten Kernlandes der Stahlindustrie ist ein Modell für die Zukunft.“

Im Gegensatz zu den alten Industrieregionen der USA wie Pittsburgh, deren Einwohnerzahl um die Hälfte zurückgegangen sei, hätte das Ruhrgebiet in den Jahrzehnten des wirtschaftlichen Umbruchs nur zehn Prozent seiner Einwohner verloren. Die riesigen Fabriken hätten sich zu „schrulligen Museen“ gewandelt und die Halden zu bewaldeten Hügeln. Und das sei nicht alles: „Riesige Investitionen in die Hochschulbildung (die Region beherbergt 260.000 Universitätsstudenten) haben sie zu einem Zentrum für Forschung und Entwicklung gemacht. Eine erstklassige Lage und eine dichte Verkehrsinfrastruktur haben Logistikunternehmen angelockt, die heute der größte private Arbeitgeber der Region sind.“ Das Ruhrgebiet sei jetzt auch ein viel schönerer Ort zum Leben als in jenen Tagen, in denen Stahlwerke und Zechen die Region prägten. Nicht nur Dortmund und Essen, sondern auch Duisburg würde florieren. Sicher, es gäbe Probleme: Der nördlich der A40 gelegene Teil des Reviers, der am längsten durch den Bergbau geprägt worden sei, hätte noch immer große Schwierigkeiten. Der Versuch Gelsenkirchens zum Zentrum der Solarwirtschaft zu werden, sei an versiegenden Subventionen und billigen chinesischen Solarmodulen gescheitert. Etwas Wasser in den Wein gießt Christoph M. Schmidt, der Präsident des Essener Wirtschaftsforschungsinstitutes RWI: Für das Ruhrgebiet seien staatliche Förderungen entscheidend gewesen. Etwas mehr „schöpferische Zerstörung“ hätte den Anpassungsprozess vielleicht beschleunigt.

Voller Lobes ist der Economist für die Bestrebungen der Region im Bereich der Wasserstoffwirtschaft. Als Beispiel wird das Thyssenkrupp Spinn-off Nucera genannt, das Elektrolyseure entwickelt und herstellt. Wegen des langfristigen Mangels an Elektrolyseuren, die für die Herstellung von Wasserstoff unabdingbar sind, tatsächlich ein gutes und wohl auch sicheres Geschäft. Typisch für das heutige Ruhrgebiet sei, dass Nucera nichts mehr herstellt, weiß das Magazin. Die 500 Mitarbeiter am Hauptsitz in Dortmund entwerfen und vermarkten komplexe Prozesse, die auf ebenso komplexe Lieferketten angewiesen seien. „Natürlich kann es vorkommen, dass einige Betriebe außerhalb Deutschlands verlagert werden.“, sagt Christoph Noeres, der „Head of Green Hydrogen“ bei Thyssenkrupp Nucera dem Economist. „Aber hier sind wir Transformationen und Innovationen gewohnt. Es liegt in unserer DNA.“ Die 500 Mitarbeiter am Hauptsitz in Dortmund seien vor allem in der Entwicklung und dem Vertrieb tätig.

Sicher, im Vergleich zu Pittsburgh hat das Ruhrgebiet wenig Einwohner verloren. Aber heute gehört die Stadt zu den weltweit beliebtesten Zielen qualifizierter Zuwanderer, während Städte wie Gelsenkirchen und das angeblich „florierende“ Duisburg von Armutseinwanderung geprägt sind. Auf einem Ranking der 100 innovativsten Städte der Welt findet sich Pittsburgh auf Platz 21. Dortmund, die einzige Ruhrgebietsstadt, die es überhaupt auf diese Liste geschafft hat, findet sich auf Platz 66. Detroit, auch eine Stadt, die hart mit einem Strukturwandel zu kämpfen hat, liegt auf Rang 30.

Im 2022 erschienen Zukunftsatlas des Beratungsinstitutes Prognos finden sich Städte wie Essen, Bochum und Dortmund nicht in den Top-Ten des Bereichs „Wettbewerb & Innovation.“ Nach einer Studie der gewerkschaftsnahen Hans Böckler Stiftung aus demselben Jahr gehören Gelsenkirchen, Duisburg, Herne und Oberhausen zu den zehn Städten in Deutschland, in denen die Menschen über die geringsten Einkommen verfügen. Keine Stadt aus der Region schafft es beim Einkommen in die Spitzengruppe und Essen, Bochum und Dortmund gehören zu den 100 Städten und Kreisen von über 400, in denen am wenigsten verdient wird.

Auch auf dem Arbeitsmarkt sieht es nach wie vor nicht rosig aus: Im Dezember 2023 lag die Arbeitslosenquote ruhrgebietsweit bei 9,6 Prozent. Im Land NRW lag sie damals bei 7,2 Prozent. Bundesweit waren es nur 3,1 Prozent. Ein Studie der Ruhrgebiets-Wirtschaftsförderung Business-Metropole-Ruhr aus dem Jahr 2019 zeigt zudem dass nirgendwo in Deutschland in den Boom-Jahren vor Corona weniger Jobs geschaffen wurde als im Revier.

Der Artikel im Economist liest sich schön und die Bezeichnung Duisburgs als florierende Stadt mag ein Beispiel für den britischen Humor sein. Es kann gut sein, dass das Ruhrgebiet einen Ausblick auf die Zukunft Deutschlands bietet: Die Folgen von Deindustrialisierung und mangelndem Innovationswillen kann man hier gut studieren.

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