Fußballmuseum Dortmund: Wolf-Dieter Ahlenfelders Malteserpinnchen fehlt

Auch der FC Oerlinghausen ist nicht vergessen Foto: Laurin

Dortmund, Hauptbahnhof. Über den Vorplatz weht ein schneidiger, regnerischer Wind. Selbst Gard Extra stark festigend kommt an seine Grenzen: Das Haar sitzt nicht. Aber zum Glück ist das Ziel nicht weit entfernt. Rechts gegenüber der Bahnstation hat der Deutsche Fußballbund (DFB) im Herbst 2015 das Fußballmuseum eröffnet. Architektonisch weckt es entfernt Erinnerungen an einen Tennisschuh, macht aber als Gebäude trotzdem etwas her. Gut 200.000 Besucher kann das Haus im Jahr verzeichnen. Für alle, die Spaß an diesem Sport haben, lohnt schon der Besuch der Dauerausstellung: Von seinen Anfängen bis hinein in die Gegenwart wird die Entwicklung des Sports, der wichtigsten Teams und der Nationalmannschaften nachgezeichnet. Auf Besucher haben viele der 1500 Ausstellungsobjekte den Charakter von Heiligtümern: Jugendliche Besucher bedrängen denn auch mit weit aufgerissenen Augen die Museumsführer: „Ist das echt das Trikot von…?“ oder „Wurde mit dem Ball wirklich…?“ sind häufig gestellte Fragen. Und ja, fast alles, was dort zu sehen ist, sind Originale, die Fußballgeschichte lebendig machen. Zu sehen sind unter anderem der Endspielball der WM 1954, der Elfmeterpunkt des WM-Endspiels 1990 des Stadio Olympico in Rom und Gerd Müllers Trikot. Auf zahlreichen Monitoren laufen kurze Filme und es gibt ein 3-D Kino.  Ausgefallene Exponate wie das Malteserpinnchen des legendären Schiedsrichters Wolf-Dieter Ahlenfelder such man vergebens, aber es handelt sich ja um ein Museum und nicht um die Dortmunder Version eines Fußball-Bullerbüs, in dem alle Wünsche wahr werden.

Doch der Anspruch des Museums ist höher, es will nicht einfach nur ein großer Showroom sein. Im Museum fanden Konferenzen zum Thema Antisemitismus in der Bundesliga statt, die Lebenswege jüdischer Kicker wurde nachgezeichnet und während der Corona-Pandemie konnte man eine Geschichte des Frauenfußballs präsentiert. Es passt daher ins Bild, das es in den kommenden Monaten gibt neben regelmäßigen Veranstaltungen wie dem Fußball-Quiz mit dem Autor Ben Redelings oder dem Sport 1 Fantalk am 24. April die Veranstaltung „Frau. Leben. Freiheit“ – Iranische Sportler berichten“ geben wird. Im Museum soll iranischen Sportlern eine Bühne gegeben werden. Vorgestellt werden Niloufar Ardalan, Kapitänin der iranischen Frauen-Nationalmannschaft, und der Fußballstar Ali Karimi, Fußballstar, der per Video zugeschaltet werden soll. Lange vor den aktuellen Protesten sorgte Ardalan für Schlagzeilen, als sie ihre Reise zur ersten Frauenmeisterschaft der Asian Football Confederation und dem Futsal-Weltcup in Guatemala gegen den Willen ihres Ehemanns vor Gericht erstritt. Der ehemalige Nationalspieler Ali Karimi unterstützt die Proteste und wird seitdem vom Regime in Teheran verfolgt.

Trotz sportlicher Preise, Kinder und Jugendliche zahlen 15 Euro, Erwachsene 19 Euro Eintritt, nur Kinder unter sechs können das Museum kostenlos besuchen, macht das Museum in den meisten Jahren Verlust. Doch der DFB wäre nicht der DFB, wenn er nicht dafür gesorgt hätte, dass dies für ihn selbst keine Belastung wird: Macht das Museum Miese, muss nicht der reiche Frankfurter Sportverband einspringen, sondern die klamme Stadt Dortmund: Der Bund der Steuerzahler rechnete vor, dass das Museum der Stadt 2019, dem letzten Jahr vor der Pandemie, 900.000 Euro gekostet hat und zeigte auf, dass Dortmund für dieses Geld auch 9.000 Lederfußbälle hätte kaufen können. Der DFB übernimmt nur Verluste bis 250.000 Euro im Jahr, für alles darüber kommt die BVB-Stadt auf. Das hätte dann allerdings Ärger mit Veganern eingebracht, auf die man im Museum großen Wert legt. Stolz verkündet ein Schild „Auch wir sind vegan unterwegs“ und verweist auf die Auswahl an veganen Brötchen im Museums-Restaurant, in dem es neben der obligatorischen Bratwurst auch Hausgemachte Spinat-Lasagne mit Lachsfilet und Chili con Carne gibt.

Wirtschaftlich klug ging der DFB schon bei Planung des Museums vor: 14 Städte bewarben sich. 2007 entschied sich der Fußballbund für einen Standort in Nordrhein-Westfalen. Irgendwo im Ballungsraum Rhein-Ruhr mit seinen 10 Millionen Einwohnern sollte es entstehen. Köln, Oberhausen, Gelsenkirchen und Dortmund kamen in die nähere Auswahl, ein Jahr nach der WM in Deutschland herrschte „Sommermärchen-Euphorie. Am Ende traten Not gegen Elend, Dortmund und Gelsenkirchen, zwei Städte mit wenig Geld, viele Problemen und einer großer Fußballtradition gegeneinander an. Gelsenkirchen wusste damals die FAZ nicht zu überzeugen: „Entschieden sich die Delegierten morgen für Gelsenkirchen, wäre der Geburtsfehler perfekt. Ohnehin interessiert man sich dort – und allem Chaos zum Trotz – nur für Schalke 04, für den nationalen Fußball also bloß in den Zeiten von Welt- und Europameisterschaften.“ Allerdings räumte Autor Jochen Hieber ein: „Zugegeben, das ist bei Dortmund und der Borussia nicht anders.“  Gelsenkirchen warb mit einem Standort naher der Arena, wo es schon damals mit dem Sportparadies und einem Multiplex-Kino zumindest beliebte Sport- und Unterhaltungsangebote gab, wenn auch auf eher rustikalem Niveau. Von der Autobahn war die Fläche nur einen ambitionierten Steinwurf entfernt, mit der Straßenbahn war es jedoch vom Hauptbahnhof aus mit einer Fahrt durch Schalke-Nord zu erreichen, die alle Träume vom erfolgreichen Strukturwandel nachhaltig zerstört hätte.

Dortmund indes hatte die Spendierhosen angezogen und bot kostenlos das Grundstück gegenüber dem Bahnhof. Dass dafür der alte Busbahnhof auf die andere Seite des Hauptbahnhofs ziehen musste, war der Stadt egal. 2009 entschied sich der DFB für Dortmund und 2015 wurde das Museum eröffnet. Viel Geld hatte es den Verband nicht gekostet: Das Museum 40 Millionen Euro teuer. Davon übernahm der DFB gerade acht Millionen Euro. Fast zwanzig Millionen Euro spendierte das Land Nordrhein-Westfalen und von Sponsoren kamen gut zehn Millionen Euro.

Gut gelaunt durchschnitt am 25. Oktober 2015 um 11.03 der damalige Oberbürgermeister Dortmund, Ullrich Sierau (SPD) das rote Band. Mit dabei waren der DFB-Generalsekretär Helmut Sandrock und Ligaverbandspräsident Reinhard Rauball. Rauball, damals auch Präsident des BVB, sagte, was man an solchen Tagen so sagt „Der Fußball bietet seit Generationen dank herausragender Stars und Typen tolle sportliche Leistungen und spannende Unterhaltung. Er liefert unendlich viel Gesprächsstoff, steht für Leidenschaft und Emotion und sorgt für unvergessliche Momente. All das spiegelt sich auch in der Ausstellung des Deutschen Fußballmuseums wider.“

Dortmunds OB gab den Berufsoptimisten: „Das Deutsche Fußballmuseum ist eine Attraktion für unsere Stadt und die Region. Es wird sich auszahlen, dieses Projekt mit Alleinstellungsmerkmal nach Dortmund geholt zu haben. Es ist ein offenes, kommunikatives Museum und eine attraktive Erlebniswelt, in die es sich lohnt einzutauchen.“

Die Zuschüsse, welche die Stadt in den Jahren danach an den DFB zahlen mussten, lassen ahnen, dass Mathematik nicht das Lieblingsfach Sieraus war.

Der Artikel erschien in einer ähnlichen Version bereist in der Jungle World

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