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Geschichts-Revisionisten treffen sich in Witten

Protest gegen den "Tag der Heimat" in Witten

Protest gegen den "Tag der Heimat" in Witten

Gestern trafen sich rund 100 Mitglieder des „Bund der Vertriebenen“ (BdV) in Witten, um ihren „Tag der Heimat“ im Rathaus zu begehen. Die Organisation war nach 1945 ein wichtiges Auffangbecken für ehemalige Nazi-Funktionäre und anderer Personen, die sich am Holocaust beteiligten. Vor allem in den ersten Jahrzehnten des Verbandes dominierten NS-Funktionäre den Verband; die ideologischen Kontinuitäten werden von Kritikern bis heute gesehen. Die Stadt Witten und die Lokalpresse hätten das wissen können.

„Die Bürgermeisterin der Stadt Witten und die Verwaltung müssen sich die Frage gefallen lassen, warum der BdV ohne weiteres den Ratssaal zur Verfügung gestellt bekommen haben“, sagt Tessa König. Die Studentin ist am vergangenen Sonntag zum Wittener Rathaus gekommen, um gegen die BdV-Veranstaltung zu protestieren. „Einschlägige Studien belegen die personelle NS-Kontinuität des Verbandes“, sagt König.

Und tatsächlich: Bis Mitte der sechziger Jahre war die Führungsriege durchzogen von NS-Verbrechern, von SA- und SS-Führern, NSDAP-Funktionären, Antisemiten und anderen Beteiligten der Judenvernichtung. Das angebliche Ziel des BdV ist es, Erinnerungen an „Flucht und Vertreibung“ wachzuhalten und auf eine „Aussöhnung“ hinzuarbeiten. Der Duktus ist klar: Es gibt immer noch „deutsche Ostgebiete“, etwa in Polen und Russland, die Deutschland nach dem zweiten Weltkrieg widerrechtlich genommen wurden. Man selbst ist nicht etwa an Kriegsausbruch und Holocaust beteiligt gewesen, sondern vielmehr selbst Opfer des Krieges. Umso zynischer klingen dann Angebote zur „Aussöhnung“ mit osteuropäischen Ländern seitens des BdV. Vor allem in Polen kommt Derartiges weniger gut an, auch, seit die Vorsitzende des BdV, Erika Steinbach, Polen für den Ausbruch des zweiten Weltkrieges verantwortlich gemacht hat. Revisionismus pur. Klar, dass immer wieder Verbindungen zu Neonazis ans Licht kommen.

„Heimat in der Nacht – Heimweh“

Doch nicht nur bei der Stadt, auch in der Lokalpresse scheint dies alles unbekannt zu sein. In einem völlig unkritischen Bericht wird etwa der Wittener BdV-Vorsitzende, Norbert Buchmann, mit den Worten zitiert: „Erinnerung ist immer auch Mahnung, Werte wie Freiheit und Demokratie, Wahrheit und Gerechtigkeit zu achten und zu verteidigen.“ Dass es ebenjene „Deutsche aus den Ostgebieten“ waren, die der einmarschierenden Wehrmacht am Wegesrand zujubelten, spielt überhaupt keine Rolle. Lieber ergötzt man sich an der nationalistischen Folklore eines „Akkordeonensemble, ‚Aquarell‘“, eines Chores von Russlanddeutschen, die “Stücke wie ‚Heimat in der Nacht – Heimweh‘“ schmettern.

Täter-Opfer-Umkehr

Gegen derlei Aktivitäten, die ihrer Meinung nach nichts als NS-Verherrlichung und Täter-Opfer-Umkehr sind, protestierte am Sonntag eine Gruppe Antifaschistinnen vor dem Wittener Rathaus. Auf einem Transparent forderten sie „Opfermythen angreifen!“ Sie wenden sich auch gegen die beständige Alimentierung des BdV aus öffentlichen Mitteln. Diese resultiere laut Kritikern auch aus dem Frisieren von Mitgliederzahlen. „Ihre Mitgliederstärke erreicht der Verband auch dadurch, dass er den Status des ‚Vertriebenen‘ an die jeweils nächste Generation vererbt“, sagt Tessa König. So würde die Zahl der „Vertriebenen“, auch 67 Jahre nach Kriegsende, stetig wachsen.

Nun wird von Witten kein neuer Sturm auf Polen losgehen; diese Provinzposse aber zeigt erschreckend deutlich, wie ungeniert NS-Verherrlicher und Revisionisten in der deutschen Öffentlichkeit agitieren können. Wobei dies in der SPD-Hochburg Witten auch nicht unbedingt verwundert: Noch am 8. Juni 1963 sagte der damalige Regierende Bürgermeister Willy Brandt (SPD) in einem Grußwort an das Schlesiertreffen: „Deutsche Ostpolitik darf nie hinter dem Rücken der Vertriebenen gemacht werden. Wer die Oder-Neiße-Linie als Grenze betrachtet, die von unserem Volk akzeptiert ist, belügt die Polen.“  Für eine Stellungnahme war die Stadt Witten nicht zu erreichen.

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5 Kommentare zu “Geschichts-Revisionisten treffen sich in Witten

  • #1
    Aus Maus

    Ach, diese Heinis sterben doch eh aus. Die Jüngeren dürften bei weitem weniger revisionistisch sein. Lasst den albernen Trachtenträgern doch ihren Spaß…

    …aber – tatsächlich – bitte nicht in den öffentlichen Räumlichkeiten der Kommunen.

  • #2
    Martin Budich

    @ Martin
    An anderer Stelle wird heute bei den Ruhrbaronen problematisiert, welche subtilen Inhalte über Begriffe transportiert werden können.
    In diesem Fall ist es recht einfach: Von „Kriegsausbruch“ zu sprechen, bedeutet, davon abzulenken, dass Kriege von Menschen gemacht werden. Beim 2. Weltkrieg war es besonders offensichtlich, dass der Krieg nicht irgendwie ausgebrochen ist. Die Armee des faschistischen Deutschlands hat Polen überfallen.

  • #3
    Martin Niewendick Beitragsautor

    @ Martin B.

    Da stimme ich dir durchaus zu. Nur dein Hinweis auf den „Inge“-Artikel (den du wahrscheinlich meinst?) passt dann irgendwie nicht. Ich habe den nämlich so gelesen, dass man eben nicht auf Formulierungen herumreiten sollte. Bei „Kriegsausbruch“ hast du allerdings recht.

  • #4
    Andreas Lichte

    „Die NAZIS waren eine linke Partei. Vergessen? NationalSOZIALISTISCHE deutsche ARBEITERPARTEI…“

    Erika Steinbach, Vertriebenen-Funktionärin, auf twitter

    „manche meinen /
    lechts und rinks /
    kann man nicht velwechsern /
    werch ein illtum“

    Ernst Jandl, „lichtung“

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