Grillen grillen

Eine Wanderheuschrecke der Art Locusta migratoria Foto: http://www.tiermotive.de Lizenz: CC BY-SA 2.0 de

Vorweg: es hat sich eigentlich nichts geändert. Auf dem deutschen Markt werden Insekten als Lebensmittel verkauft. Das ist nicht neu und wird nicht verheimlicht, aber wenn jemand vorhätte, es zu verheimlichen, hätte er es schon längst getan und man hätte es nicht mitbekommen; ein maßgebliches Zeichen jeder Heimlichtuerei. Was jetzt passiert, ist allerdings alles andere als heimlich. Durch die Zulassung neuer Insektenarten und das verstärkte Marktangebot schlagen die Wogen hoch. Wer sich dieser Tage in sozialen Netzwerken umsieht, kommt aus dem Staunen nicht mehr heraus. Von unserer Gastautorin Gudrun Beer.

Da werden Umstände in Zusammenhang gebracht, die nichts miteinander zu tun haben, Dinge erfunden, dass sich die Balken biegen, Halbwahrheiten verbreitet, Schlafschafbildchen gepostet, und wer nicht entrüstet gegen den Verkauf von Insekten Sturm läuft, ist selbstverständlich ein Menschenfeind. Klingt bekannt? In der Tat, dieselbe Klientel, die bereits bei der Covidimpfung in hysterische Zustände verfallen ist, vermutet auch hier einen großangelegten Plan der Regierung, uns zu kontrollieren. Wo kommt diese Angst her? Werfen wir erst einmal einen Blick auf die Situation.

Der Verkauf von Insekten als Nahrungsmittel war bis vor ein paar Jahren weder in Deutschland noch in der EU geregelt, es durften also Nahrungsmittel mit Insekten verkauft werden und wurden verkauft. Ja, auch in Deutschland. 2018 ist dann die Novel Food-Verordnung der EU in Kraft getreten, die besagt, dass Lebensmittel, die als neuartig gelten, sprich bisher nicht oder nicht in nennenswertem Umfang in der EU verzehrt wurden, einer Zulassung bedürfen. Die erste Zulassung dieser Art ging im Mai 2021 an den Gelben Mehlwurm. Die Lebensmittel, für die Anträge gestellt, aber noch nicht erteilt wurden, dürfen bis zur Entscheidung weiterverkauft werden. In den jeweiligen Verordnungen sind die erlaubten Zubereitungsformen genau bestimmt.

Für drei Insektenarten ist eine Zulassung bereits erfolgt: Mehlwürmer, Wanderheuschrecken und Grillen. Die Zutat als solche muss, wie bei allen Lebensmitteln, in der Zutatenliste aufgeführt werden. Für die Produkte, die bereits zugelassen sind, ist auch eine Allergenkennzeichnung Pflicht. Alle anderen, die sich im Verkauf befinden, fallen unter die Übergangsregelung; hier besteht dringend der Bedarf nach einer vollständigen Kennzeichnung, die aber erst erfolgen muss, wenn der Antrag genehmigt wurde. Dennoch haben die Verbraucherzentralen bei einem Marktcheck im Jahr 2020 in jedem untersuchten Produkt Hinweise auf eine mögliche allergische Reaktion bei bestehender Allergie gegen Schalen- und Krustentiere gefunden, immerhin bei 72 Prozent einen Hinweis auf bei Hausstaubmilbenallergie.

Nun erlangt das Thema erneut mediale Aufmerksamkeit, und die Reaktionen sind erstaunlich. Wer Insektenverzehr skeptisch gegenübersteht und damit rechnet, gemeinsam mit der Internetgemeinde in wohligem Ekel zu erschauern, wird enttäuscht; in den Kommentarspalten tummelt sich eine bunte Bande aus Migrationskritikern, Verschwörungstheoretikern und Pandemieleugnern. Grob heruntergebrochen geht es den Leuten darum, dass die Regierung uns jetzt dieses Wildenessen vorsetzen will, und weil’s gerade so schön passt, wird auch noch gleich der Plan der Regierung aka Führendes Mitglied der Neuen Weltordnung dazu gepackt, uns auf einen engeren Gürtel vorzubereiten.

Tatsächlich werden Insekten als unterstützender Lösungsansatz für den Welthunger seit Jahren diskutiert. Viel relevanter ist aber, dass sie in vielen Ländern zur ganz normalen Nahrung gehören und dort auf Märkten wie Obst und Gewürze verkauft werden. Hierzulande sind sie tatsächlich gewöhnungsbedürftig und gehören zweifelsohne nicht zur einheimischen Standardküche, aber es beschwert sich niemand, dass exotische Papaya, glibberiger Kaviar und neumodische Chiasamen angeboten werden.

Insekten sind proteinreich, enthalten Vitamine, Mineralstoffe und ungesättigte Fettsäuren. Nicht umsonst sind sie Bestandteil der Nahrung von geschätzt ca. zwei Milliarden Menschen dieser Welt, vorwiegend dort, wo sie groß und zahlreich genug sind, um Ertrag zu bringen und gegen Hungersnöte eingesetzt werden können. Sie gelten allerdings in den vielfältigsten Variationen in vielen Ländern durchaus als Delikatesse. Die meisten Insekten werden wild gesammelt, doch Zuchtstationen sind auf dem Vormarsch.

Auch in hiesigen Gefilden gibt und gab es vereinzelt den Verzehr von Insekten, auf Sardinien und in Frankreich gibt es den als Delikatesse angebotenen Casu Marzu, in dem sich Fliegenlarven entwickeln, bis Mitte des 20. Jahrhunderts war in Deutschland und Frankreich noch die Maikäfersuppe bekannt.

Nun ist es also per Zulassung erlaubt, eine Gruppe von Lebensmitteln zu verkaufen, die auch vorher schon ohne Zulassung verkauft wurde und von einem Viertel der Menschheit mehr oder minder regelmäßig verzehrt wird. Man könnte meinen, dass sich die Leute nun freuen würden, dass der einzige Amtsschimmel, der dem Deutschen echte Konkurrenz macht, jetzt endlich für Recht und Ordnung sorgt, damit längst auf dem Markt angebotene Produkte deutschen Lebensmittelstandards entsprechen. Aber weit gefehlt.

Von Zwang ist die Rede, von Bevormundung, von Kontrolle und Manipulation. Dass eine Erweiterung des Nahrungsmittelangebots mehr Wahlfreiheit bedeutet, dass niemand gezwungen wird, Insekten zu essen, wird dabei komplett ignoriert. Die Produkte sind klar ersichtlich beschriftet, und wer doch einmal die Lesebrille vergessen und unbedacht zur neuen Nudelsorte gegriffen hat, wird dies gut überstehen. Die unvollständige Allergenkennzeichnung ist ein Scheinargument – Warnhinweise bedürfen immer wieder der Nachbearbeitung, Allergiker sind es aber gewohnt, die Zutatenliste gründlich zu studieren, auch bei ihnen bekannten Produkten. Es mag überraschend klingen, aber die Neueinführung von Produkten auf dem Markt ist nichts Neues.

Wie man es dreht und wendet, ein wirkliches Argument gegen das Angebot von Insekten gibt es nicht; dennoch wirken die Reaktionen geradezu hysterisch.

Die Menschen sind unzufrieden, das Geld wird knapper, die Zukunft ist unsicher und die jüngere Vergangenheit nicht vergessen, und irgendjemand muss ja schuld sein. Insekten vereinen alle Trigger für die Dinge in sich, vor denen der angstanfällige Bürger Angst hat: die Infiltration durch fremde Kulturen, eine drohende Nahrungsmittelknappheit, eine Manipulation der Regierung. Darauf erstmal eine deutsche Banane zur Beruhigung.

Vermutlich werden die Insekten keinen leichten Stand haben heutzutage.

Man hätte sie vielleicht eher als Luxusartikel vermarkten sollen; zu einem Inago-Dinner einzuladen, hört sich nun einmal fancier an, als Mehlschimmelkäferbrot zu kaufen, aber die meisten Leute haben eh kein Geld, und wer noch welches hat, traut sich nicht mehr, das zuzugeben. Im grünen Deutschland müsste ein hochenergiereiches Nahrungsmittel, das gegen den Welthunger eingesetzt werden kann, emissionsarm und nachhaltig ist und nicht endlose Hektar Weidefläche benötigt, eigentlich Hochkonjunktur haben, aber leider ist es nicht vegan. Und für die Art von Experimentierfreudigen, die sich bei Mutproben mit neun Millionen Scoville auf die Schenkel klopfen und deren einziger Kontakt mit verzehrbaren Insekten aus dem Gucken des Dschungelcamps besteht, ist es eben (k)ein gefundenes Fressen. Der Rest ekelt sich einfach. Denn ja, Insekten essen ist hier ungewohnt. Ungesund ist es nicht.

Für all die, die jetzt immer noch in Panik verfallen: Praktisch jeder von uns dürfte schonmal Insekten verzehrt haben, vor allem die ältere Generation. Karminrot, ein natürlicher Farbstoff, der vor dem Feldzug der synthetischen Farbstoffe in vielen Lebensmitteln wie Süßigkeiten, Backwaren und Wurst vorhanden war, aber immer noch regelmäßig verwendet wird, wird aus ausgekochten, getrockneten, zerriebenen Schildläusen hergestellt. Und was soll ich sagen: Hurra, wir leben noch.

 

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