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Gründer-Debatte: „Kraft wirkt grotesk hölzern und altbacken“

Moritz Körner

Moritz Körner

Christian Lindner beschreibt das, was junge Gründer und Gründungswillige in unserem Land täglich erleben müssen: Wer erfolgreich ein Unternehmen gründet und damit Arbeitsplätze und Innovationen schafft, der kommt ins Visier der Politik. Unser Gastautor Moritz Körner ist Landesvorsitzender der Jungen Liberalen in NRW.

Hohe Steuern und Abgaben, dazu ein immenser Bürokratieaufwand sind die Folge. Wer aber scheitert, dem wird ein Stigma auferlegt, dem er so schnell nicht entfliehen kann. Christian Lindners Gründung ist nun 15 Jahre her – doch die politischen Wettbewerber verspotten ihn bis heute dafür.

Der Erfolg des Redeausschnitts aus der Landtagsdebatte zeigt zwei Dinge:

Erstens: Liberale und ihre Politik sind weder kalt noch unemotional. Das hat Lindner mit seiner Wut-Rede eindrücklich bewiesen. Freien Demokraten geht es um Respekt für Menschen, die sich mutig trauen ihren eigenen Weg zu gehen. Das betrifft nicht nur Gründer, sondern eigentlich jeden von uns. Hinfallen und danach wieder aufstehen, die Möglichkeit Chancen im Leben selbst zu ergreifen, auch wenn es dabei zwei oder drei Chancen bedarf – das meint Freiheit. Dass sie im höchsten Maße emotional ist und Menschen berühren kann, zeigt der Social-Media-Hype um das Video deutlich.

Zweitens: Start-Ups und ihre Innovationen sind die eigentliche Triebkraft, auf die ein Land ohne Rohstoffe, wie Deutschland eines ist, in Zeiten der Globalisierung setzen muss. Wir müssen den Mutigen und Risikobereiten dieser Gesellschaft sagen, dass wir Sie unterstützen in dem, was Sie tun! Dazu gehört auch eine fortgeschrittene Fehlerkultur, wonach ein Scheitern immer auch der Anfang von etwas Neuem sein kann statt ein Stigma für das Leben. Wir wollen kein Land, in dem der sichere Beamtenjob Beschäftigungsziel einer ganzen Generation wird. Es ist Zeit, Eigeninitiative und Risikobereitschaft wieder stärker zu fördern und zu fordern.

Das Thema Fehlerkultur ist also emotional und bewegt Menschen auch über die Start-up Szene hinaus. Außerdem ist es eine riesige Zukunftschance für NRW. Davon, ob gerade das Ruhrgebiet es schafft, sich dem digitalen Strukturwandel erfolgreich zu stellen, hängen tausende Chancen, Jobs und Innovationen in der Region ab. Dass Hannelore Kraft den digitalen Wandel nun zur Chefsache erklärt, ist soweit löblich. Nur muss die Frage erlaubt sein, warum Rot-Grün fünf wertvolle Jahre verschwendet hat, bevor dieses Thema auf die Agenda kommt. Wenn Kraft Sätze wie „NRW muss the place zu be werden“ oder „Wir wollen die kalte Welt des Digitalen nutzen, um die warme Welt der Heimat zu verbessern.“ sagt, wie in der Regierungserklärung am Donnerstag geschehen, wirkt das geradezu grotesk hölzern und altbacken, angesichts dieses dynamischen Themas.

Ich will daher einen Staat und eine Verwaltung, welche es jungen Start-Ups leicht machen. Dazu sollten wir jungen Unternehmen im ersten Jahr einen Teil der Sozialabgaben erlassen. Um dem Bürokratie-Irrsinn in den verschiedenen Verwaltungen zu entgehen, bräuchte es Wirtschaftsförderer und feste Ansprechpartner seitens der Behörden, die jungen Gründern bei allen Fragen rund um die Bürokratie zur Seite stehen. Des Weiteren sollten wir mutige Ideen fördern: Sparkassen sollen an vielversprechende Start-Ups günstige Kredite im Rahmen der Wirtschaftsförderung vergeben.

Es braucht eine wirkliche Diskussion über eine neue Gründerkultur in NRW, damit die Rede von Lindner nicht nur ein Internethype bleibt, sondern zu einem wahren Gründerhype führt.

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11 Kommentare zu “Gründer-Debatte: „Kraft wirkt grotesk hölzern und altbacken“

  • #1
    Sarah Lechner

    Finde ich super! Das hört sich endlich mal nach Politik an, die dem Bürger selbst Verantwortung zutraut.

  • #2
    keineEigenverantwortung

    Eine tolle Vision für NRW, aber Schröder hat sich ja zum Thema Visionen geäußert. Der Wähler auch. Er mag das Gefühl, von der starken sozialen Welt zu profitieren.
    Griechenland zeigt ja auch, dass ein hoher garantierter Lohn und Arbeit beim Staat als Wahlgeschenk für die Anhänger auch bei den nicht-etablierten Parteien zum Erfolg führt. Was wurde über die alten Seilschaften gelästert. Jetzt wandern auch die neuen Parteien auf alten Pfaden.

    Eigenverantwortung wird nicht gefordert, sie auch überwiegend nicht gewünscht. Schließlich gibt es Regeln und Prozesse, die selten hinterfragt werden. Diese Regeln sichern Jobs. Wer kann sich noch an die Hoheitsaufgabe der Post erinnern, einen Telefonanschluß zu aktivieren. Dafür war ein Beamter notwendig. Kritisch wird es, wenn sich der Markt ändert oder neue, schlanke Akteure mitmischen. Das erleben wir jetzt in vielen Bereichen. Die Betriebe lernen, der Staat sichert weiterhin viele staatliche Jobs mit unsinnigen Beschäftigungsprogrammen. Die PKW-Maut wird so ein Monster. Viel Aufwand, der Bürger zahlt, aber kein erkennbarer Sinn. Das Kanal-TV war ähnlich gelagert.

    Es darf natürlich nicht vergessen werden, dass die FDP wenig getan hat, garantierte Gebührenordnungen für viele Jobs abzuschaffen (Juristen, Medizinbereich). Wer wenig Staat und Markt will, sollte dies auch in den Hochlohn-Bereichen durchsetzen. Schließlich muss der Maurer, der unter Wettbewerbsdruck steht, diese künstlichen Preise zahlen.

  • #3
    Franz Przechowski

    Die Reaktion auf Lindners Rede zum Thema offenbart zunächst die Sehnsucht der Menschen nach rhetorisch brillianter Auseinandersetzung im Parlament. Die einschläfernden Ringelrein-Reden der GroKo Protagonisten. das dilettantische Gequake der Grünen und das antiquierte Parolen Gekreische der weiblichen PDS Nomenklatura, läßt ja die Lust zur Teilnahme am parlamentarischem Geschehen so schnell schwinden, wie seinerzeit Sex im VW Käfer mitten im Winter. Lindner, ich bin dankbar für meine frisch aufkeimende Hoffnung auf Besserung im politischem Diskurs.
    Zur Gründer-Debatte kann ich nur auf die Sonntagsreden der etablierten Parteien im Spektrum von Grün, Rot und Schwarz verweisen. Wer potentielle Gründer mit der aktuellen Novelle der Arbeitsstättenverordnung abschreckt, die u.a. Sichtachsen in Waschräumen, Mindesttemperaturen im Aktenlager oder Blendfreiheit im Home Office einfordert, verliert die Glaubwürdigkeit bei Einzelkämpfern und gewinnt nur die Herzen seiner Bürokraten-Armee,

    Glückauf
    Franz Przechowski, Gründer, 66 Mitarbeiter und unter heutiger Gesetzeslage bei der Gründung 1983 illegal als Scheinselbstständiger aktiv.

  • #4
    WALTER Stach

    Was Moritz Körner ab….Zweitens…vorträgt, ist nicht nur nicht neu, es ist in den meisten Kommunen des Landes gängige Praxis, z.B. auch den“festen Ansprechpartner“, den „Lotsen“,der die Neugründung durch das „Behördendickicht“ füht.
    Insofern verstehe ich auch nicht, warum es einer neuen Gründerintiative bedarf, es sei denn, man braucht sie. um sich mit ihr „zu schmücken“ , oder man hält sie für wünschenswert, damit man sich ‚mal wieder bemerkbar machen kann -Lindner und die FDP. Auch die Welt des „Digitalen“ bedarf insofern keine neuen Gründerintiative.

    Wenn Neugründungen in NRW im allgemeinen, im Ruhrgebiet im besonderen relativ selten sind -im Ländervergleich?-, dann liegt das m.E. primär nicht an mangelhaften Rahmenbedingungen seitens des Landes, dann liegt das ganz und gar nicht an der Wirtschaftsförderung vor Ort im Verbund von Kommunen, Sparkassen, IHK, Handwerskammer pp., sondern m.E. in erster Linie daran, daß es an denm notwendigen Maß an Risikobereitschaft bei den Menschen in NRW, vor allem im Ruhrgebiet (!!) mangelt, denn ohne diese Bereitschaft gehen alle Hilfeleistunge/Hilfestellungen des Landes, der Kommunen, der Sparkassen fehl.
    Warum diese mangelnde Risikobereitschaft?
    Wie kann „man (?)“ ihr abhelfen?
    Darüber wäre m.E. primär nachzudenken.

    Moritz Körner stimme ich ohne Wenn und Aber zu, wenn er a.) auf nicht vorhandene sog.Fehlerkultur im privaten und im öffentlichen Sektor in <NRW verweist und b.) diesbezüglich zurecht -indirekt jedenfalls- den einschläügigen Zwischenruf eines SPD-Genossen im Landtag bezogen auf den "Neugründer Lindner" zurückweist.

  • #5
    Reinhard Matern

    Ich möchte zunächst Walter Stach Recht geben. Es ist in den vergangenen Jahren ja geradezu ein Gründer-Hype entstanden, auch in NRW — was hingegen vorgeworfen werden kann, dass sich dieser Hype primär auf Branchen und Produkte konzentriert, in und mit denen, Prognosen nach, in kürzester Zeit ‚Erfolge‘ verzeichnet werden können. Ein erforderlicher, marktbedingter, langjähriger Aufbau fällt dabei heraus. Start Up – oder Down 😉

    Mit Lindner glänzte mal wieder die FDP-Ideologie! Er hatte zwar Recht, gegen den plumpen Einwurf des SPD-Abgeordneten vorzugehen, doch einen sozialen Aufstieg durch mögliche Einkünfte als Selbständiger und durch die Schaffung von neuen Arbeitsplätzen anzuführen, wäre allenfalls etwas für die Klatsch-Presse. Es hat sich leider politisch durchgesetzt, die soziale Stellung mit den Einkommensverhältnissen gleichzusetzen, nur beginnt mit dieser mangelhaften Differenzierung bereits die Ideologie. Hinzukommt, dass sämtliche Prognosen über einen unternehmerischen Weg, der Beschäftigten-Zahlen beinhalten würde, nicht besser wäre als Kaffeesatzleserei.

    Ich habe das Gefühl, dass in Deutschland ein pragmatischer Umgang mit Selbständigkeit und den Möglichkeiten fehlt!

  • #6
    TuxDerPinguin

    „Start-Ups und ihre Innovationen sind die eigentliche Triebkraft,“
    also das wirkt echt ein, zwei Kategorien übertrieben. Die eigentliche Triebkraft sind Start-Ups mit Sicherheit nicht, das wird der Mittelstand sein. Start-Ups sind halt eine Triebkraft…

    Wer gründet, sollte auch genug Selbstständigkeit besitzen, sich Ansprechpartner selber zu suchen. Wobei es ja heute schon überall den zentralen Ansprechpartner gibt. Als ich damals gegründet habe, wurden mir auch direkt x Finanzierungsmöglichkeiten von Sparkasse bis Business Angel angeboten/vorgestellt…

    Nimmt man also das leere Politker-Sprech weg, bleibt der Wunsch mit dem unternehmerischen Scheitern lockerer umzugehen… dem kann ich zustimmen. Ich hab die genauen Zahlen vergessen, aber mindestens die Hälfte der Start-Ups überlebt keine 5 Jahre. Und trotzdem ist es gut, dass die Leute gegründet haben. Sicherheit gibts bei unternehmerischen Entscheidungen nicht, weshalb die staatliche soziale Absicherung ja gut sein muss, um den Menschen den Raum zu geben, sich auszutoben, neues zu probieren etc.

  • #7
    Klaus Lohmann

    Ein Paradebeispiel eines grandios gescheiterten, mit der SPD in Dortmund und dem gesamten Ruhrgebiet bis nach Düsseldorf, der hier immer noch bestimmenden Großindustrie in „Personam“ von ThyssenKrupp und menschenverachtenden, mit blonden Hünen und Walküren Eindruck schindenden Beratern ala McKinsey verknüpften Gründerhypes war und ist der StartUp-Wettbewerb „start2grow“ im Rahmen des unseligen „dortmund-project“.

    Da Niemand der örtlichen SPD-Kommunalen irgendeine tiefergehende Ahnung von den Wirtschaftsfeldern hatte, auf die sich der Wettbewerb konzentrierte (IT, Mikro-/Nano- und Biotechnologie, Logistik), konnte TK diesen Ahnungslosen mittels McKinsey völlig ungeeignete Kontrollinstrumente aufschwatzen und die „professionellen“ Wettbewerbs-Hopper aus ganz Deutschland sahnen hier regelmäßig Preisgelder ab, ohne arbeitsplatzwirksam zu gründen.

    Platz für Neugründungen im Bereich Kleinstunternehmen, sei es Fläche oder einfach nur 2RaumBüros, wird bei der Dortmunder Wirtschaftsindustrie gehortet, als gelte es, evt. nach einem neuen Weltkrieg sofort mit vieeel Angebot für Niemand parat zu stehen. Aktuell profitiert in der „Herzkammer der Sozialdemokratie“ Niemand so richtig vom auch im hochgelobten Technologiepark grassierenden Leerstand. Hier wird studiert und dann sind die Meisten weg nach BaWü/Süddeutschland/Ausland.

    Die SPD – zumindest die im Ruhrgebiet – kann nicht auf höhere Bildung, auf Förderung neuer Technologien, auf Risiko statt Gewerkschaftsbeitritt oder auf Imageförderung als Gründerland.

  • #8
    John Matrix

    So sehr ich das altbackene Wirken der SPD in NRW verabscheue, so sehr Herr Lindner Recht hatte, was den dummen Zwischenruf anging, so sehr ich mir von politischer Seite Förderung von Selbstständigkeitswilligen wünsche (bzw. mind. die Abschaffung bürokratischer Hürden und sinnloser Ordnungspolitik): Die FDP nutzt diesen Fall nun einmal mehr, um sich wieder ins Gespräch zu bringen und sich auf die Seite der vermeintlich „benachteiligten“ Gründer zu schlagen.

    Nach wie vor hat die Partei jedoch ihre gewohnten Riesenprobleme, dass sie ihr „reiche Schnösel, die sich nur um sich selbst kümmern-Image“ nicht loswird und sich nie eindeutig dazu äußert, wie ihr ökonomischer Liberalismus davor bewahren soll, dass ein großer Teil Arbeitnehmer in prekäre Lebensverhältnisse durch unsichere und oder gering bezahlte Beschäftigungen gerät. Nicht nur die gering Qualifizierten. Mann muss sich, neben dem notwendigen Schrei nach mehr Gründermentalität, auch dessen bewusst werden, dass nicht jeder Gründer sein kann und oder will, dass nicht jeder IT-Spezialist, Kommunikationsdesigner oder Marketinganalyst sein kann.

    Wie dafür Sorge tragen, dass erfolgreiche / etablierte Gründer dann auch geregelte Arbeitsplätze schaffen und sich nicht jeden möglichen Cent in die eigene Tasche wirtschaften? So kurbelt man die Wirtschaft auch nicht an und Bsp. dafür gibt und gab es genug. Das FDP-Argument „der Mensch ist gut und der verantwortungsvolle Unternehmer-Patriarch wird schon für seine Kinderlein sorgen“ unterliegt selbiger Problematik, die dem Kommunismus inhärent ist.

  • #9
    Klaus Lohmann

    @#8: Es wäre auch für die Dortmunder SPD in deren Gründerwettbewerben zum dortmund.project ein Einfaches gewesen, die nicht unerheblichen Gewinnsummen nur bei IHK-relevanter Anstellung von z.B. zwei neuen Mitarbeitern auszuzahlen bzw. den Wettbewerb dementsprechend auszuschreiben. Gefordert wurde aber nur eine lokale Adresspräsenz für mind. ein Jahr, was natürlich einige Gewinner mittels toter Briefkästen umgangen wurde. Die hiesige FDP hat letzteres damals bemängelt und ersteres gefordert.

    Wir können aber auch ganz allgemein diese geldgeilen, arbeitnehmerfeindlichen und sonstwie inhumanen Monster namens „Gründer“ in die Nachbarländer und -staaten verbannen, dann ist die SPD endlich mit ihren Wählern allein. Nur – über wen sollen die dann ihren Neid und ihr Unwissen auskübeln??

  • #10
    John Matrix

    Klaus Lohmann: Da haben Sie absolut Recht.

    Dennoch sehe ich die FDP leider nicht als das geeignete Heilmittel an.

    Das von Ihnen genannte Beispiel ist ein gutes für die fehlerhafte SPD-Politik, was „relevante Anstellungen“ in diesem Kontext bedeutet hätten, steht auf einem anderen Blatt.

    Und nur damit wir uns nicht missverstehen: Ich bin kein SPDler, Sympathisant bzw. Wähler. Was ich aber bin oder habe: Erfahrung mit FDP-Gründern als Arbeitgeber (Medienbranche). Darüber können wir uns gerne mal austauschen. Nur so viel: Das Gericht entschied auf Sittenwidrigkeit der Löhne. Und das mitten im Ruhrgebiet, wo die FDP, nach Meinung ihrer Anhänger, mal gebraucht würde.

    Nein, damit möchte ich nicht alle FDPler verdammen und es gibt sicherlich auch SPD- oder CDUnahe Unternehmer, die sich Ähnliches zu Schulden haben kommen lassen…

  • #11

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