Hier rollt der Ball – und der Einkaufswagen

Stadion an der Hafenstraße in Essen Foto: Jöran Steinsiek


Eine grenzüberschreitende Betrachtung zwischen Ruhrpott-Romantik und Schweizer Sachlichkeit. Von unserem Gastautor Jöran Steinsiek.

Als Kind des Ruhrgebiets hat man gelernt, dass Stadien irgendwie immer gebaut werden. Und zwar aus Prinzip. Rechnet sich das? Ach, Watt! In Essen hat man einst mit großen Worten und Thomas Strunz versucht, Bundesliga-Fußball aus dem Hut zu zaubern. Geblieben ist davon nicht viel – außer einem Stadion, das mit Steuergeldern gebaut wurde, der Stadt gehört und sich bis heute wirtschaftlich nicht trägt.

Und jetzt will man weiterbauen. Geplant sind geschlossene Ecken, zusätzliche Sitzplätze, neue Hoffnung auf Einnahmen – obwohl schon der laufende Betrieb nicht kostendeckend ist. Und das alles mit öffentlichen Mitteln, versteht sich. Dass dabei auch Infrastruktur wie Parkplätze, Verkehrsanbindung oder Gastronomie angepasst werden müsste? Geschenkt. Es ist das gute alte Prinzip Hoffnung – diesmal mit mehr Schalensitzen auf Kosten aller.

Und dann stehe ich plötzlich im Kybunpark in St. Gallen – und staune nicht schlecht. Kein einsames Betonoval im Gewerbegebiet. Kein trauriger Bratwurstduft montags um zehn. Nein, hier liegt das Stadion über einem Einkaufszentrum. Mitten im Leben. Und ja, man kann vor dem Spiel noch schnell den Mantel tauschen oder ein Päckli Ricola holen.

Romantik? Vielleicht nicht für Traditionalisten. Aber mal ehrlich: Was bringt das schönste Fußballmärchen, wenn am Ende keiner zahlt? In Essen wurde einst auf die große Rückkehr gesetzt – und als der Flaschengeist dann doch nicht kam, war’s eben wieder nur Regionalliga. Hätte man damals statt in Thomas Strunz lieber in ein Einkaufszentrum mit Stadion investiert, man hätte heute vielleicht nicht nur Zuschauer, sondern auch Laufkundschaft.

St. Jakob-Park in Basel Foto: Jöran Steinsiek

In Basel läuft das seit Jahren. Und keiner beschwert sich. Der St. Jakob-Park ist mehr als ein Stadion – er ist ein städtischer Begegnungsort mit echter Atmosphäre. Die Stimmung ist einmalig. Die Gastronomie läuft nicht nur an Spieltagen, die Parkplätze werden das ganze Jahr über genutzt, und die ganze Anlage ist eingebettet in das urbane Leben. Und es ist kein Einzelfall – auch in Bern, Luzern, Thun oder Schaffhausen setzt man längst auf multifunktionale Stadionkonzepte, die Stadt und Fans gleichermaßen nutzen.
Und fast überall gilt: Schweizer Stadien werden eben nicht aus Steuergeldern finanziert, sondern durch private Investoren oder öffentlich-private Partnerschaften getragen.

Ein Beispiel dafür ist das Stade de Suisse in Bern – oder, für alle Fußball-Nostalgiker aus Deutschland, einfach das gute alte Wankdorf-Stadion. Die Gesamtanlage kostete rund 350 Millionen Franken – wobei das Stadion selbst nur ein Teil davon war. Der Rest steckt in Wohnungen, Geschäften und Infrastruktur. Und bezahlt wurde das Ganze nicht etwa von der Stadt, sondern von Versicherungen, Handelsketten und Investoren. In Essen hätte man dafür vermutlich erst einmal eine Machbarkeitsstudie beauftragt, dann eine Arbeitsgruppe gegründet – und am Ende den Parkplatz teurer gemacht.

Vielleicht sollten die Verantwortlichen aus Politik und Stadtverwaltung mal eine kleine Dienstreise in die Alpenrepublik unternehmen – nicht zum Wandern, sondern zum Lernen. Wobei: Ein bisschen Höhenluft würde dem Realitätssinn vielleicht auch ganz guttun.

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