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Immer am 11. September läuten die Glocken der Christuskirche in Bochum

Christuskirche Foto: Ayla Wessel Lizenz: Copyright

Die Glocken der Christuskirche Bochum läuten nur einmal im Jahr: immer am 11. September von 14:46 bis 15:03 Uhr. Sie erinnern an die Opfer des Terrors und daran, dass es an diesem Tag vor 19 Jahren etwas gegeben hat, was es nie zuvor gegeben hat: ein weltweites Mitfühlen, das Menschen über alle Unterschiede hinweg miteinander verbunden hat. Als hätte die Menschheit für einen Moment die Augen aufgeschlagen. Heute flirtet eine Hautevolee mit Achille Mbembe, dem Philosophen des Terrors, er nennt die liberalen Demokratien „demokratische Regime“.  Von unserem Gastautor Thomas Wessel.

“Ort: Bochum. Bezeichnung: Christuskirche. Zeitpunkt des Luftangriffs: Nacht vom 13. zum 14. Mai 1943. Art der Beschädigung: T.” Eine dürre Mitteilung auf dünnem Papier. T steht für “Totalverlust”, darunter der Zusatz “bis auf den Turm”. Die Bochumer Presse  –  Guernica lag zerbombt, Rotterdam, Warschau, Coventry  –  empörte sich über „das kulturschänderische Wüten der Angloamerikaner“, Bomben auf Bochum nannte sie „Terror“. Wenige Wochen zuvor hatte Joseph Goebbels vom „jüdischen Terror“ gesprochen und „Gegenterror“ angekündigt, nämlich  –  seine berüchtigte Rede im Berliner Sportpalast  –  den „totalen Krieg“. Und drei Wochen nach den Bomben auf Bochum erklärte der Propagandachef des Regimes: „Wir wissen, daß es gegen den britisch-amerikanischen Bombenterror nur ein wirksames Mittel gibt: Gegenterror! [Heilrufe, starker Beifall, Zurufe] Das ganze deutsche Volk ist heute nur von dem einen Gedanken beseelt: Gleiches mit Gleichem zu vergelten! [Heilrufe, Beifall.]“

„Terror und Gegenterror“, schreibt Achille Mbembe 73 Jahre später, „sind die beiden Gesichter ein- und derselben Realität, der Beziehung ohne Begehren. Der terroristische Aktivismus und die gegen den Terror gerichtete Mobilisierung haben mehr als nur eine Gemeinsamkeit.“ (Seite 65)

Der Gegenschnitt der beiden Zitate zeigt, welchen Sinn es hat, Terror und Terror-Bekämpfung zu unterscheiden. In Politik der Feindschaft, Mbembes 235 Seiten starken Werk aus 2016, vernebelt der Historiker allerdings jede Differenz. Am Ende landet er  –  immer im Namen von Humanismus und weltweiter Freiheit  –  da, wo ein Vergleich mit Goebbels nicht so abwegig ist, wie es scheint.

(I)

Terror und Gegenterror, so Mbembes Gedankengang in Politik der Feindschaft, sei gemeinsam, dass beide die Freiheitsrechte angriffen (65): Maßnahmen gegen den Terror tendierten zu einer „Verdopplung der terroristischen Institution und Mechanik“ (66). Dies sei

„vor allem in Afrika“

der Fall und folge

„einer erbarmungslosen Logik der Abtrennung, Strangulation und Vivisektion, wie man sie gegenwärtig auf allen Schauplätzen des Terrors und des Gegenterrors beobachten kann“ (73f).

Mit allen Schauplätzen ist auch Europa gemeint, Mbembes Ortsangaben sind  –  mit einer Ausnahme  –  durchweg diffus:

„Fast überall ist die Rede von Aufhebung, Einschränkung, Rücknahme oder schlicht Abschaffung der Verfassung, des Rechts, der Freiheiten …“ (76)

Das alles spiele sich, soweit Mbembes Zeitangabe, in der Gegenwart ab, sie sei

„eine Zeit der paranoiden Dispositionen, der hysterischen Gewalt, der Verfahren zur Vernichtung all derer, die von der Demokratie zu Staatsfeinden erklärt werden“. (79; vgl. 82)

Tatsächlich aber, schreibt Mbembe, würden die liberalen Demokratien nur eine

„permanente Simulation des Ausnahmezustandes“ (74)

betreiben, sie würden lediglich „Schreckgespenste fabrizieren“, die „keinerlei Übereinstimmung“ mit der Realität besäßen (96f), und sie betrieben diese Simulation  –  nächster Gedankenschritt  –  mit Kalkül. Ihr Zweck sei es, dass sie

„den ‚Krieg gegen den Terror‘ rechtfertigt – einen …“  –  er fügt dies unmittelbar an  – „einen grenzenlosen, absoluten Ausrottungskrieg …“ (74)

Mit absoluter Ausrottungskrieg ist Mbembe sprachlich dicht an Goebbels heran gerückt. Etwas verhaltener Mbembes Summar:

„Sowohl die meisten aktuellen Kriege als auch die damit verbundenen Formen von Terror zielen … auf die Schaffung einer von Beziehungen freien Welt.“ (76)

Damit schließt er den Kreis zu seiner anfänglichen Behauptung, Terror und Gegenterror stellten eine „Beziehung ohne Begehren“ dar. Völlig unvermittelt stellt er jetzt allerdings fest, dass es sehr wohl „ein Begehren“ gebe, das Terror und gegenterror antreibe, es basiere auf einem „Trieb“ (82)  –  gemeint ist hier vermutlich, was er später mit Freud „den Todestrieb oder den Zerstörungstrieb“ (128) nennt. Dieser „Trieb“ sei eine „fundamentale Kraft“ sei, die fließe nun also

„in ein Begehren, und zwar bevorzugt in einen Herrschaftswunsch“ (82).

Dieser Wunsch wiederum  –  bei Mbembe ist es wie beim Halma, man hüpft vom „Prinzip“ zum „Trieb“ zur „Kraft“ in ein „Feld“, vom „Wahn“ zum „Wunsch“, vom „Begehren“ zur „Bewegung“, von der „Phantasie“ zur „Struktur“ usw., das alles auf einer ½ Seite Text (82f)  –  jetzt also der „Herrschaftswunsch“, er suche sich ein Objekt, als Beispiele nennt er

„Islam, Muslim, Araber, Ausländer, Immigrant …“.

Da nun aber, weil simuliert,

„dieses Objekt in Wirklichkeit niemals existiert hat, nicht existiert und auch niemals existieren wird, muss es unablässig erfunden werden“. (83)

Unterm Strich: keinerlei Bedrohung, Schreckgespenster eingebildet, der Wunschzettel des Westens sei pathologisch, Mbembe listet auf:

„der Wunsch nach einem Feind, der Wunsch nach Apartheid und Ausrottungsphantasien“ (83) plus „Vernichtungsangst“ (84).

Soweit Mbembes gedankliche Zuwegung, und jetzt wird es tatsächlich konkret: „Ein Beispiel“, schreibt er, es wird sein einziges bleiben,

„ein Beispiel dafür sind die palästinensischen Wohngebiete …“ (84)

Folgt der Abschnitt, der Mbembe in aller Höflichkeit um die Ohren geflogen ist: Wegen seiner Behauptung, Israel sei schlimmer als usw., sei ein Apartheidsstaat usf., wo man ja nun doch wisse, dass auch Auschwitz aus einem „Trennungswahn“ geboren sei … Das alles ist  –  antisemitisch, ja, aber  –  ihm in der Tat nicht wichtig, wie er betont. Wichtig ist ihm, dass die palästinensischen Gebiete, von den Israelis angeblich „kolonisiert“, heute ein

„Versuchslabor“

seien für das, was er die „nekropolitische Macht“ nennt, die, so Mbembe, eine Weltmacht sei „für Verfahren und Techniken der Zerstörung von nahezu allem“. Sein Abbinder:

„Der nicht zu unterdrückende Wunsch nach Feinden, der Wunsch nach Apartheid und die Ausrottungsphantasie … prägen die vorherrschende affektive Stimmung unserer Zeit … In letzter Konsequenz münden sie nahezu unvermeidlich in Zerstörungslust  –  Blutvergießen, das Blut verschafft sich Geltung, in ausdrücklichem Anschluss an das Talionsprinzip des Alten Testaments.“ (92)

Unfassbar. Ein Blick in die englische Übersetzung:

“Pushed to their ultimate consequences, they lead almost inexorably towards a wish for destruction, one according to which blood (spilt blood) makes law, in an explicit application of the ancient dictum of retaliation, the eye-for-an-eye or lex talionis of the Old Testament.”

Mbembe ist gelandet. Neben Goebbels. Im ausdrücklichen Anschluss an „das Blut“. Das Recht setze. In expliziter Anwendung des „Gesetzes der Vergeltung“. Das ein spezifisch jüdisches sei. Womit Juden  –  „in letzter Konsequenz“  –  die „Zerstörungslust“ weltweit in Gang gesetzt hätten und ausdauernd befeuern. Wenn Goebbels behauptet hat,

„das ganze deutsche Volk ist heute nur von dem einen Gedanken beseelt: Gleiches mit Gleichem zu vergelten“,

behauptet Mbembe, heute sei das psychische Leben aller Nationen vom Vergeltungsgedanken beseelt, der ein jüdischer sei. Wörtlich:

„In dieser depressiven Phase des psychischen Lebens der Nationen ist das Bedürfnis oder auch das triebhafte Bedürfnis nach Feinden … gleichsam ein anales, ontologisches Bedürfnis“. (92)

Jetzt könnte man, auch wenn man keine Vorstellung hat davon, was ein quasi-anal need for ontology“ sei, zu Mbembes Gunsten einwenden, er beziehe sich  –  anders als Goebbels  –  in kritischer Absicht auf die Talion …

… kurzer Einschub: Talion in der Hebräischen Bibel regelt das gerade Gegenteil von Vergeltung, nämlich einen Schadensausgleich, wie wir ihn heute bei jedem Verkehrsunfall vornehmen, das alles weiß auch Wikipedia …

… allerdings ändert eine wie immer kritische Absicht nichts daran, dass beide, Goebbels wie Mbembe, alles den Juden als eine Art erste Beweger des Hasses zuschieben. Auf dem Grunde von „Prinzip“ und „Struktur“ und all dem begrifflichen Halma, das Mbembe spielt, tritt das jüdische Gesetz als Letztbegründung auf.

Diesem Gesetz wiederum stellt er wenige Zeilen später (93) Carl Schmitt zur Seite, den großen Juristen und allergrößten Antisemiten, Mbembe tut dies ohne erkennbare Abgrenzung („as Carl Schmitt argued, at least“): 1927 hatte Schmitt die Unterscheidung zwischen Freund und Feind zur Grundlage von Politik erklärt  –  was, nebenbei bemerkt, passgenau zu jener Unterscheidung steht, die Hitler zur Grundlage seiner Politik gemacht hat, nämlich die zwischen „arischer Rasse“ und „Gegenrasse“. Jetzt Mbembe:

„In der Welt Schmitts, die nun die unsere ist, muss der Begriff ‘Feind’ in seiner konkreten existenziellen Bedeutung verstanden werden und nicht als Metapher … Der Feind, von dem Schmitt spricht, ist kein bloßer Konkurrent oder Gegner … Der Begriff verweist vielmehr auf einen Antagonismus höherer Art.“ (93)

Und so, zwischen jüdischem Gesetz und Carl Schmitt  –  in Mbembes Logik ließe sich auch sagen: zwischen Terror und Gegenterror  –  postiert er seine zentrale These (92f):

„Einen Feind zu haben … ist nachgerade der obligatorische Übergang in die Konstituierung des Subjekts.“

Woraus er folgert:

„Keinen Feind zu haben … heißt, jener Hassbeziehung beraubt zu sein, die dazu berechtigt, allen erdenklichen, ansonsten verbotenen Wünschen freien Lauf zu lassen.“

Ohne Feind kein Ich, ohne Feind keine Lust. Das ist Mbembes Formel, die er sofort verallgemeinert: Nicht nur der Einzelne werde durch das „Bedürfnis nach einem Feind“ konstituiert, behauptet er, sondern tatsächlich seien sämtliche Gesellschaften, gerade auch die demokratischen, auf diesem „Bedürfnis“ aufgebaut. Seine Analyse habe bewiesen,

„dass die Feindschaft heute den Nerv der liberalen Demokratien bildet“ (121).

(II)

In seinem Aufsatz „Necropolitics“ geht Mbembe denselben Gedankenweg ab (hier die englische Übersetzung), auch hier beschreibt er die „Nekro-Macht“ zunächst an einem afrikanischen Beispiel, dem der Townships im früheren Südafrika, und erklärt im Anschluss:

„Die vollendetste Form der Nekro-Macht ist die derzeitige koloniale Besetzung Palästinas.”

Israel, so Mbembe, sei ein „Kolonialstaat“, der auf der Idee basiere, Israel hätte

„ein göttliches Recht zu existieren“.

Folglich seien

„koloniale Gewalt und Besatzung zutiefst geprägt vom heiligen Terror der Wahrheit“.

Auch hier also die mbembsche Abfolge: „Todesmacht“ + „Israel“ + „göttliches Recht“ = „heiliger Terror“. Anders als in Politik der Feindschaft vertieft sich Mbembe jetzt aber  –  Alan Posener hat es hier im Detail analysiert  –  nicht in die soziale Psyche einer liberalen Demokratie, sondern in die

„Logik des Martyriums“,

sprich: des islamistischen Selbstmordattentats. Und auch hier, im Psychohaushalt eines Terroristen, der  –  „kehren wir zu dem Beispiel Palästina zurück“  –  wehrlose Zivilisten „an der Bushaltestelle, im Cafe, der Diskothek“ in die Luft spengt, ortet Mbembe einen Wunsch, den

„Wunsch nach Ewigkeit“.

Hier also, bei den Killern, ein edler Wunsch, der dazu führt, Israelis zu ermorden  –  dort, bei den Israelis, der „Wunsch nach einem Feind“. Hier, auf Seite der Terroristen, ein „Selbstopfer“  –  dort, auf Seiten der Demokratie, der „heilige Terror der Wahrheit“. Hier ein „transzendentaler Nomos“, dort ein „ancient dictum of retaliation“. Hier „eine Vision der Freiheit“, dort „Ausrottungsphantasien“.

Ein Stellungsspiel, das Mbembe auch mit anderen Begriffen aufführt, dem mbembeschen „Subjekt“ beispielsweise: Während sich, wie oben gesehen, die Bürger liberaler Demokratien nur dadurch als Subjekt konstituieren würden, indem sie sich einen Feind erfinden, um ihn zu unterjochen, konstituiere sich der Selbstmordattentäter als Subjekt, indem er „seine eigene Sterblichkeit überwindet“, wörtlich:

„In diesem Sinne kann der Märtyrer, der einen Moment der Vorherrschaft geschaffen hat, in dem das Subjekt seine eigene Sterblichkeit überwindet, als Arbeiter im Zeichen der Zukunft angesehen werden.“

Hunderte Israelis sind „im Zeichen der Zukunft“ ermordet worden, über die Mörder schreibt Mbembe seifig, sie seine bereit,

„die Tür vor der Möglichkeit des Lebens für alle zu verschließen“.

Mbembe weiter:

„Was Terror, Tod und Freiheit verbindet, ist eine ekstatische Vorstellung von Zeitlichkeit und Politik. Die Zukunft kann hier authentisch vorweggenommen werden, aber nicht in der Gegenwart. Die Gegenwart selbst ist nur ein Moment der Vision  –  die Vision der Freiheit ist noch nicht gekommen. Der Tod in der Gegenwart ist der Mittler der Erlösung.“

Nirgends lässt Mbembe, der Mittler, Distanz erkennen. In Politik der Feindschaft erklärt er, die Überzeugungen der Killer

„haben nichts mit krankhaftem Wahn oder barbarischen Irrsinn oder Delirien zu tun, sondern mit einer ‚inneren Erfahrung‘“ (98),

einer völlig souveränen, ihrer selbst bewussten

„Begeisterung, die das Tor zur großen Entscheidung öffnet“ (98).

Die Tür geschlossen, das Tor geöffnet. Und wieder  –  das ist der mbembesche Dreh  –  bringt er die demokratischen Gesellschaften in ein direktes Tête-à-Tête zu dieser „‘Gemeinschaft der Märtyrer‘“: Auch sie, die liberalen Demokratien, seien von einem „mythisch-religiösen Denken“ getrieben und würden nicht zögern,

„auf große myhologische Ensembles zurückzugreifen. Kaum eine, die heute nicht an Kriegsbegeisterung appellierte … Jeder Anschlag mit einigen Toten führt automatisch zu einer Trauer, die sich wie auf Befehl einstellt. Die Nation wird aufgefordert, öffentlich Zornestränen zu vergießen und sich gegen den Feind zu stellen …“ (99)

Liberale Demokratien nennt Mbembe denn auch rundheraus

„die demokratischen Regime“ (92).

Wenn wir an 9/11 die Glocken läuten, erinnern wir daran, dass es nur einen Unterschied gibt, der es erlaubt, zwischen Terror und Terrorbekämpfung zu unterscheiden, es ist der zwischen Terror und liberaler Demokratie, sie schließen sich gegenseitig aus.

(III)

Frage von Thomas Schmid: „Hat denn niemand das perfide Werk gelesen?“ Doch, Stefanie Carp hat, wie sie dem DLF mitteilte: Mbembes Werk, berichtet sie, umfasse 5000 Seiten,

„ich habe nun wirklich jedes einzelne Buch von Achille Mbembe gelesen“,

zur Politik Israels habe er lediglich

„drei Sätze“

geschrieben, drei Sätze später erhöht Carp auf „vier“. Das sind präzise Angaben, die Frage ist also, wie es kommt, dass sie  –  und viele andere der kulturellen Hautevolee, die Mbembe so entschieden verteidigt haben  –  ebenso entschieden alles überlesen, was Mbembe über das „Versuchslabor“ schreibt, das Israel betreiben würde mit dem Ziel, die ganze Welt in eine „Gesellschaft der Feindschaft“ zu verwandeln? So sehr viel anders alsx in den „Protokolle der Weisen von Zion“ klingt das nicht, wieso gehen nicht überall im Lande die Alarmglocken an?

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