intensiv erklärt (6)


Auch in Deutschland werden mittlerweile viele Patienten wegen Covid-19 auf einer Intensivstation behandelt. Die Deutsche Interdisziplinäre Vereinigung für Intensiv- und Notfallmedizin (DIVI) verzeichnet in ihrem Intensivregister mit dem Stand vom 26.04.2020 um 9:15Uhr 2541 intensivmedizinisch behandelte „Corona-Patienten“. Da nicht alle Kliniken in Deutschland an dieses Register melden, ist diese Zahl nicht absolut.
Doch was bedeutet das überhaupt? Warum müssen Covid-19-Patienten auf die Intensivstation? Was ist maschinelle Beatmung? Wie funktioniert ein Beatmungsgerät? Wie sieht die Behandlung eines Covid-19-Patienten auf einer Intensivstation aus? Warum liegen die Patienten alle auf dem Bauch? Wer arbeitet auf einer Intensivstation?
Diese und weitere Fragen wollen wir in unserer neuen Rubrik „intensiv erklärt“ für Laien verständlich beantworten.

Im ersten Teil haben wir erklärt, was ein Beatmungsbett ist und wie ein Beatmungsgerät überhaupt funktioniert. Im zweiten Teil, warum manche Patienten überhaupt künstlich beatmet werden müssen und im dritten Teil ging es nochmal genauer um das schwere Lungenversagen, welches offenbar auch durch Covid-19 ausgelöst werden kann, und warum diese Patienten häufig auf dem Bauch liegen. Wer auf einer Intensivstation arbeitet, war Thema in Teil vier. Teil fünf behandelte das komplexe Thema der Patientenautonomie.

In diesem Artikel wollen wir gesammelt Fragen klären, die nach den bisherigen Teilen aufgekommen sind und gestellt wurden.

Mich würde mal interessieren, wie oft werden „normalerweise“ (in pandemiefreien Zeiten) notwendige Schutzmittel wie Masken mit Filter gewechselt? Benutzt man da eine Maske pro Dienst oder pro Patienten-Kontakt?

Die genannten Materialien, also z.B. Masken, Kittel, Handschuhe, Schutzbrillen usw. werden zusammenfassend als persönliche Schutzausrüstung (PSA) bezeichnet. In der Regel sind diese Materialien Einmalmaterial und werden nach einmaligem Gebracht weggeworfen. Man verbraucht also eine Maske, einen Kittel usw. pro Patientenkontakt. Das Ab- und erneute Anlegen der PSA geht häufig mit einer Keimverschleppung einher, sodass davon ein erhöhtes Risiko für eine Infektion einhergeht. In Zeiten von Covid-19 kam und kommt es allerdings lokal zu Engpässen in der Versorgung mit notwendiger PSA. Um diese Ressourcen zu schonen, werden Materialen länger getragen oder mehrfach gebraucht bzw. wieder aufbereitet. Ein gutes Beispiel dafür sind die sich in aller Munde befindlichen FFP-Masken. Der Helios-Konzern, einer der größten Kranknehausbetreiber in Deutschland und Europa, hat ein Verfahren entwickelt und validiert FFP-Masken wieder aufzubereiten und – das ist ein Novum – teilt dieses Wissen mit der „Konkurrenz“.

Welches genau sind die subjektiven und objektiven Risiken von Überdruckbeatmung, Sicherung des Atemweges mittels endotrachealer Intubation bzw. Kanülierung und eröffneter Luftröhre?

Über Risiken der Beatmung haben wir in Teil zwei und drei bereits gesprochen, aber auch die Sicherung des Atemweges – also das Einführen eines Beatmungsschlauches in die Luftröhre durch den Mund bzw. die Nase bzw. durch einen Hautschnitt am Hals – ist eine risikobehaftete Maßnahme. Beginnend bei Verletzungen der Schleimhäute, die kleine Blutungen auslösen können, bis hin zur Situation, dass es unerkannt bleibt, dass der Beatmungsschlauch fälschlicherweise in die Speise- und nicht in die Luftröhre eingeführt wurde oder es nicht gelingt den Beatmungsschlauch in die Luftröhre einzuführen, was innerhalb weniger Minuten bis zum Tod des Patienten führen kann, ist die Spannweite der möglichen Komplikationen breit. Das Auftreten solcher schweren Komplikationen ist aber sehr selten. Die Empfehlungen der medizinischen Fachgesellschaften, wer eine solche Maßnahme zur Atemwegssicherung durchführen darf, ist recht streng. Für die Intubation, also das Einführen eines Beatmungsschauches in die Luftröhre durch den Mund, ist zum Beispiel beschrieben, dass man diese Maßnahme mindestens 100x erfolgreich durchgeführt haben muss, um als erfahren zu gelten. Komplikationen können also schwerwiegend sein, diese sind allerdings äußerst selten.

Woher kommen diese erschreckend hohen Infektionen beim medizinischen Personal? Mangelhafte Schutzausrüstung, weil nichts Ordentliches da ist, oder reichen die Vorgaben doch nicht?

Das Problem liegt vermutlich darin, dass das medizinische Personal zum einen eine lange Zeit infektiösen Menschen ausgesetzt ist und andererseits auch Materialen mit einer hohen Virusanzahl, also Speichen und Sekreten aus der Lunge. Damit eine Infektion stattfinden kann, und das gilt nicht nur für SARS-CoV-2, sondern eigentlich für jedes Virus und auch jedes Bakterium, muss man eine gewisse Zeit einer bestimmtem Keimzahl ausgesetzt sein, bzw. eine bestimmte Keimzahl aufnehmen. Darin unterscheiden sich dann die verschiedenen Viren und Bakterien. Das gefürchtete Norovirus, welches eine fiese Durchfallerkrankung auslösen kann, ist so hochinfektiös, weil eine ganz geringe Virenanzahl für eine Infektion ausreicht. Bei SARS-CoV-2 ist es offenbar so, dass die Virusanzahl in den Sekreten sehr hoch ist, in Kombination mit einer langen „Kontaktzeit“ zum Virus erhöht sich das Risiko für medizinisches Personal.
Eigentlich sollte die Schutzausrüstung nicht mangelhaft sein, dies setzt jedoch den korrekten Umgang damit voraus. Besteht da ein entsprechendes Defizit, schützt die Ausrüstung natürlich nicht in dem Maße, in dem sie es sollte. Die meisten Kontaminationen und darüber dann auch Infektionen scheinen sich auch beim Ablegen der Schutzausrüstung zu ereignen.

Was stellt man mit einem Asthmatiker an? Wenn die Bronchien dicht sind, hab ich Probleme mir vorzustellen, wie da Beatmung überhaupt funktionieren könnte?

Beim Asthmatiker ist ja das führende Problem, dass eine Obstruktion – also eine Verengung – der Bronchien vorliegt. Der mechanische Vorgang des Ein- und Ausatmens (siehe Teil eins) ist gestört. Nun ist es so, dass Asthmatiker dieses Problem in einer schweren Ausprägung ja nicht immer haben, sondern nur im aktuken Anfall, und dass auch Patienten mit einem akuten Asthmaanfall in der Regel nicht künstlich beatmet werden müssen, und wenn doch, dann nicht über einen längeren Zeitraum. Zur Therapie des Asthma und auch des akuten Anfalles gibt es gute und gut wirksame Medikamente, die dafür sorgen, dass die Bronchien sich wieder weiten. Muss ein Patient mit akutem Asthmaanfall maschinell beatmet werden, stellen wir häufig fest, dass ein höherer Druck genutzt werden muss, mit dem die Atemluft in die Lunge „gepumpt“ wird. Das erklärt sich physikalisch recht einfach: Hier hilft wieder das Bild des Strohhalmes aus Teil zwei. Je enger der Strohhalm (die Bronchien) ist, desto mehr Druck braucht man, um Luft hindurch zu pusten. Da diesen Patienten aber – wie bereits erwähnt – in der Regel rasch medikamentös geholfen werden kann, löst sich dieses Problem meist zügig.
In Kombination mit einer z.B. durch Covid-19 ausgelösten Lungenentzündung wird es dann wieder komplexer. Einerseits haben wir dann wieder zwei Probleme bei der Atmung, erstens auf dem Weg der Atemluft in die Lunge (durch das Asthma) und zweitens beim Transfer von Sauerstoff ins Blut in der Lunge (durch Covid-19). Andererseits kann die Entzündung der Lunge auch zu einer Verschlimmerung des Asthmas sorgen. Auch aus diesem Grund gelten Menschen mit Vorerkrankungen der Lunge als Risikogruppe. Nun muss sich aber nicht jeder Asthmatiker riesige Sorgen machen, die wenigsten leiden unter einem sehr schweren Asthma. Die Patienten mit schwerem Asthma sind sich der Problematik ohnehin bewusst, sie sollten sich auch unabhängig von SARS-CoV-2 und Covid-19 vor einer Atemwegsinfektion schützen.

Im nächsten Teil beschäftigen wir uns mit der „Extracorporalen Membranoxigenierung“ (ECMO). Ein kompliziertes Wort für eine komplizierte Maßnahme. Vereinfacht ausgedrückt handelt es sich um eine Herz-Lungen-Maschine. Wie sie funktioniert, wann und warum sie angewandt wird, erklären wir in der Fortsetzung.
Gibt es weitere Fragen, die wir klären sollen, oder gibt es Unklarheiten zu bereits thematisierten Dingen? Einfach als Kommentar unter diesen Artikel, wir versuchen dann, Klarheit zu schaffen.

Unser Autor Simon Ilger ist Krankenpfleger und arbeitet seit vielen Jahren auf der Intensivstation.

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