8

Jeff Bezos: Missbrauchsopfer sind nicht selbst schuld – auch nicht wenn sie Milliardär sind

Hort der Heuchler. Foto: Haxorjoe CC BY-SA 3.0

Der Hort der Heuchler. Foto: Haxorjoe CC BY-SA 3.0

Amazon-Gründer Jeff Bezos wird mit Nacktfotos erpresst. New York Times und Konsorten denken, er sei selbst schuld. Er habe schlechtes Urteilsvermögen, sei hormongesteuert und schmutzig. Eine Verteidigung von Jeff Bezos Menschenwürde.

Amazon-Gründer und Multimilliardär Jeff Bezos hat – offenbar in beidseitigem Einverständnis – Nacktfotos von sich an seine Geliebte Lauren Sánchez verschickt. Sánchez reichte diese, wie nun bekannt wurde, ohne Bezos Wissen an ihre Freundinnen weiter. Auf irgendeinem Weg gerieten diese nun an das Boulevardblatt National Inquirer, das Bezos mit den Aufnahmen zu erpressen versuchte.

Vermeintlich renommierte Blätter mit hohen journalistischen Standards, wie die Neue Zürcher Zeitung, die New York Times oder das Wall Street Journal schreiben äußerst bemerkenswerte Dinge über diesen Vorfall.

„Genital-Selfies eines hormongesteuerten Multimilliardärs“ schreibt die NZZ. „Jeff Bezos, bitte veröffentliche deine schmutzigen Selfies. Es ist das Beste für das Land und besonders für deine Kinder.“ schreibt die New York Times. „Jeff Bezos Urteilsvermögen, wem er vertraut, ist eine legitime Sorge seiner Investoren“, schreibt das Wall Street Journal. Eigentlich sollte man denken, dass das Vorgehen dieser Bollwerke des Qualitätsjournalismus heutzutage nicht mehr denkbar sei.

Es ist nämlich schlicht das, was man mittlerweile victim blaming nennt. Nicht diejenigen, die die Intimssphäre des Opfers verletzten, ohne Einwilligung Nacktaufnahmen des Opfers herumreichten, das Opfer mit der Veröffentlichung der Nacktaufnahmen erpressten und das Vertrauen des Opfers missbrauchten sind Schuld. Nein, glaubt man New York Times und Konsorten, dann ist das Opfer Schuld. Hormongesteuert sei das Opfer und schmutzig, ein schlechtes Urteilsvermögen habe das Opfer und das Opfer solle doch bitte die privaten Aufnahmen gleich selbst veröffentlichen, zum Wohle des gesamten Landes und der Kinder des Opfers .

Der Umgang mit Jeff Bezos zeigt die Heuchelei der Qualitätsmedien

Vor einigen Jahren gab es eine Welle der Solidarität in Medien und Gesellschaft, als Hacker intime Fotos etlicher Schauspielerinnen stahlen und veröffentlichten. Das war unbedingt richtig. Zu versuchen, Menschen auf diese Art zu erniedrigen und zu missbrauchen ist abstoßend und verdient deutliche Missbilligung unserer Gesellschaft und eine entsprechende strafrechtliche Verfolgung.

Die Schauspielerin Jennifer Lawrence, die damals betroffen war, äußerte sich so: „Nur, weil ich in der Öffentlichkeit stehe, nur weil ich Schauspielerin bin, heißt nicht, dass ich so etwas will […] Es ist mein Körper, und es muss meine Entscheidung sein. Und die Tatsache, dass es das nicht war, ist einfach widerlich. Ich kann nicht glauben, dass wir in solch einer Welt leben. Allein schon, dass jemand sexuell ausgebeutet und so verletzt werden kann. Und dann ist das erste, an das irgendeiner denkt, daraus auch noch Profit zu schlagen. Das ist jenseits meiner Vorstellungskraft. […] Ich kann mir nicht vorstellen, wie man so taktlos und gedankenlos und innerlich leer sein kann.“

Die genannten Blätter haben sich damals derartiges victim blaming verkniffen, es sogar scharf kritisiert. Nun jedoch rauscht es höhnisch durch den Blätterwald. Denn Jeff Bezos ist ein Mann und noch dazu stinkreich. Mit einem wie ihm kann man es ja machen.

RuhrBarone-Logo

8 Kommentare zu “Jeff Bezos: Missbrauchsopfer sind nicht selbst schuld – auch nicht wenn sie Milliardär sind

  • #1
    Promis sind doof

    @ Robert Herr

    wie beknackt muss man denn sein, Nacktfotos von sich zu verschicken?

    schon als "normaler Sterblicher", aber als "Person des öffentlichen Lebens"?

  • #2
    FrankN.Stein

    Penisbilder lösen in der öffentlichen Debatte eine gewisse Kurzschlussreaktion aus, weil wir meistens nur von solchen reden, die Männer ungefragt an fremde Frauen schicken. Wenn DIE in der Öffentlichkeit landen, ist der Betreffende tatsächlich selber Schuld. In diesem Fall hat er sie an seine Freundin geschickt, die offenbar einverstanden war. Das ist nicht hormongesteuert und schmutzig, das ist zwischen Erwachsenen vollständig in Ordnung.

  • #3
    Arnold Voss

    Er hat sie an seine Geliebte verschickt, nicht ins Internet gestellt. Sie, bzw. ihre Freundinnen haben sie dann, sehr wahrscheinlich zu ihrem eigenen Vorteil, an Leute weiter gegeben, die dann genau damit gedroht haben. Damit hätte er bei seiner gesellschaftlichen Stellung eventuell rechnen müssen. Hat er aber nicht, weil er seiner Geliebten offensichtlich völlig vertraut hat. Das ist grundsätzlich kein Vergehen und soll auch bei sehr reichen Menschen vorkommen. Einen moralischen Vorwurf kann deswegen Niemandem daraus herleiten.

  • #4
    ke

    Natürlich sind solche Fotos Privatsache.
    Natürlich passe ich als dermaßen öffentlicher Mensch mit viel Vermögen auf, dass ich nicht angreifbar bin.

    Natürlich ist Bezos ein Mann von Interesse. Natürlich werden Schwachstellen gesucht. Insbesondere wenn man die Berichte über Amazons Steuerstrategie liest.

    http://www.spiegel.de/wirtschaft/unternehmen/amazon-bezahlt-keine-steuern-auf-multimilliarden-gewinn-a-1253643.html

  • #5
    Nina

    Zitat: " Nun jedoch rauscht es höhnisch durch den Blätterwald. Denn Jeff Bezos ist ein Mann und noch dazu stinkreich. Mit einem wie ihm kann man es ja machen."
    Den Text find ich gut, aber dieser Schluss ist nicht stichhaltig. Um aus einem Opfer einen Täter zu machen muss man weder Mann noch Frau sein.

  • #6
    Helmut Junge

    Was erwachsene Partner untereinander machen, sollte eigentlich niemanden etwas angehen. Aber es geht um Menschen, die man nicht mögen muß, und deshalb stellen moralheuchelnde Feinde und weil es ja mit Sex zu tun hat, natürlich auch Spanner, einen großen Markt dar.

  • #7
    abraxasrgb

    #6 Helmut
    Eben, wer möchte schon Jeff Bezos nackt sehen? 😉
    Spannend wäre doch die Frage, ob mit den Nacktbildern bedruckte Kaffeetassen, bei Amazon als Handelsplattform, vertrieben werden dürfen bzw. ob gewerkschaftlich organisierte Mitarbeiter während der Arbeitszeit (inkl. Pausen), aus solchen Tassen trinken dürfen?

  • #8
    Helmut Junge

    abraxasrgb, nach meiner Einschätzung wollen die modernen legalen Spanner nur gucken, und dann die Nase rümpfen. Sie wollen dabei aber nicht selber gesehen werden. Würde aber jemand aus ihren Reihen mit solchen bedruckten Kaffeetassen im Pausenraum seinen Kaffee trinken, könnte er womöglich selber öffentlichen Heuchelobjekt werden. Solche Tassen stehen dann wohl eher im privaten Küchenschrank zur gelegentlichen einsamen Verwendung.

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.