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„Jüdische Stimmen sind vor allem willkommen, wenn sie Israel angreifen“

Sigmount Königsberg Foto: Privat

In der vergangenen Woche inititiierte Sigmount Königsberg, der Beauftragte gegen Antisemitismus der jüdischen Gemeinde Berlins, einen Offenen Brief  gegen jeden Antisemitismus. Er war eine Reaktion auf einen Offenen Brief von 60 Intellektuellen aus Deutschland und Israel, der sich gegen Felix Klein, der Antisemitismusbeauftragten der Bundesregierung und den israelischen Politologen und Autoren Arye Shalicar richtete.

Ruhrbarone: Wie viele Medien und welche haben bislang über euren offenen Brief berichtet?

Sigmount Königsberg: Soweit ich es gesehen  habe, waren es die Prinzessinenreporter, die Ruhrbarone und Glocalist. Ansonsten wurde er  vom Offenen Brief des Zentralrats „überlagert“, dem ich inhaltlich ebenfalls zu 100 Prozent zustimmen kann.

Ruhrbarone: Was glaubst Du: warum, war die Resonanz auf den Offenen Brief der 60 gegen Klein so viel größer?

Königsberg: Zum einem, weil es ja kein besseres „Argument“ gibt als Jüdinnen und Juden, die israelbezogenen Antisemitismus mehr oder weniger als Nonsens bezeichnen.  Aber das ist die gelebte Erfahrung.  Erst kürzlich wurde in München ein Rabbiner angegriffen und die Angreifer taten dies anscheinend aus politischen, israelbezogenen Motiven.

Auch wird nicht darauf eingegangen, dass „Kritik an Israel“ Umwegkommunikation für Antisemitismus ist. So haben 2019 im Berlin Monitor fast 30 Prozent der Befragten ohne Migrationshintergrund die Gründung Israels als „schlechte Idee“ bezeichnet. Da geht es also nicht darum, ob Netanjahu eine gute oder schlechte Politik macht, das ist Delegitimierung Israels.

Ruhrbarone: Eine der Unterzeichner des Offenen Briefes gegen Felix Klein und Arye Shalikar war Wolfgang Benz, der lange das Zentrum für Antisemitismusforschung der TU Berlin leitete.

Königsberg: Benz ist eine sehr große Enttäuschung. Anscheinend verknüpft er AS mit Nazis. Ja, seine Werke über die Shoah sind weiterhin lesenswert. Allerdings werde ich das Gefühl nicht los, dass er sich paternalistisch verhält.  Nur, was er als Wissenschaftler als Antisemitismus anerkennt, ist auch ein solcher. Die Erfahrungen der Betroffenen werden von ihm nicht berücksichtigt. Oder noch schlimmer, von manchen seiner  ehemaligen Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter, als Befindlichkeit  abgetan wird – so wie Juliane Wetzel es mehr oder weniger getan hat. Ich stelle mir vor, man würde Frauen ihre Erfahrungen über Sexismus absprechen.  Oder PoC ihre Rassismuserfahrungen.

Jüdinnen und Juden erkennen Antisemitismus sehr gut. Wir brauchen kein wissenschaftliches Testat dafür. Das muss auch anerkannt werden.

Ruhrbarone: Sandra Kreisler kommentierte hier im Blog unter dem Brief: „Auch ich unterzeichne, und möchte noch hinzufügen, dass es auffällt, dass der von uns allen inkriminierte Brief in allerlei Auflagenstarken Medien erscheint, dieser hier wird marginalisiert bleiben. Das ist es, was antisemitische Strukturen ausmachen. “ Stimmst Du ihr zu?

Königsberg: Jüdische Stimmen sind vor allem willkommen, wenn sie Israel angreifen. Das Duo Stein / Zuckermann im Tagesspiegel steht hier nur pars per toto. Hinzu kommt, dass oft Geschehnisse – ich sage es mal – sehr einseitig berichtet wird.

Das Beste ist aber, dass diese Kritiker kontrafaktisch argumentieren. Mbembé hat persönlich dahingehend interveniert, dass eine israelische Wissenschaftlerin, deren Haltung zu Netanjahu übrigens sehr kritisch ist, von einer Konferenz in Südafrika ausgeladen wurde. Das ist für mich antisemitisch. Oder wenn die Situation der Palästinenser als „größte moralische Katastrophe dieser Zeit“ angesehen wird. was ist mit den über 400.000 Zivilisten, die im syrischen Bürgerkrieg von Assads/Putins Soldateska massakriert wurden? Was ist mit dem Genozid in Ruanda? Den Uyguren in China? Den Rohingya in Myanmar? Das sind völlig verschobene Maßstäbe. Es ist Antisemitismus, wenn nur die „bequemen & genehmen“ jüdischen Stimmen gehört werden- nicht aber die, die tagtäglich mit Antisemitismus zu tun haben. Da hat Sandra recht.

Ruhrbarone: Viele haben nachträglich in Kommentaren unterschrieben. Werden die jetzt noch aufgenommen?

Königsberg: Ja, das werden sie. Wir werden den Brief morgen auch erneut verschiedenen Medien zusenden.

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Ein Kommentar zu “„Jüdische Stimmen sind vor allem willkommen, wenn sie Israel angreifen“

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    Helmut Weiß

    Der Versuch, vermeintlich (!) unbegründete Antisemitismusvorwürfe zu einem ernsthaften Problem aufzublasen, läuft notwendigerweise auf eine Bagatellisierung des Antisemitismus hinaus. In einer Zeit, in der antisemitische Verschwörungsmythen Hochkonjunktur haben, ist das, freundlich formuliert, besonders geschmacklos.

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