Kanada in der EU – Spinnerei oder smarter Schachzug?

Toronto ist mit 2,96 Millionen Einwohnern die größte Stadt in Kanada | Foto: wikipedia / K6ka / CC BY-SA 4.0

Bereits im April 2025 brachte der frühere deutsche Außenminister Sigmar Gabriel eine provokante Idee ins Spiel: Kanada könne der Europäischen Union beitreten – „vielleicht nicht voll integriert wie alle anderen, aber zumindest teilweise“, sagte Gabriel dem Bremer Weser-Kurier. Was zunächst wie politische Gedankenspielerei klingt, entfaltet bei näherem Hinsehen erstaunliche Tiefe. Ein EU-Beitritt Kanadas wäre zwar ein radikaler Schritt, doch als Gedankenexperiment zeigt er schnell: Eine solche Mitgliedschaft könnte sowohl für Kanada als auch für die Europäische Union handfeste Vorteile mit sich bringen.

Für Kanada läge der größte Vorteil im vollständigen Zugang zum EU-Binnenmarkt. Anders als beim bestehenden Freihandelsabkommen CETA zwischen der EU und Kanada würde eine Mitgliedschaft den freien Verkehr von Waren, Dienstleistungen, Kapital und Personen ermöglichen. Kanadische Unternehmen könnten ohne regulatorische Hürden im europäischen Markt agieren, während Arbeitskräfte und Studierende von einer deutlich erleichterten Mobilität profitieren würden. Auch im Bereich Forschung, Innovation und Bildung würde Kanada profitieren, da der uneingeschränkte Zugang zu EU-Programmen die internationale Vernetzung weiter stärken würde.

Darüber hinaus würde Kanada politisch an Einfluss gewinnen, da es als mögliches EU-Mitglied an der Gestaltung globaler Standards etwa in den Bereichen Datenschutz, Klimaschutz oder digitale Regulierung mitwirken könnte. In einer Zeit wachsender geopolitischer Spannungen braucht Europa starke Partnerschaften – und dringende Alternativen gegenüber der starken wirtschaftlichen Abhängigkeit von den USA.

In seiner Rede beim Weltwirtschaftsforum in Davos erklärte Kanadas Premierminister Mark Carney, die „regelbasierte internationale Ordnung“ – jenes Gefüge aus Regeln und Institutionen, das über Jahrzehnte Stabilität und Zusammenarbeit gewährleistete – sei faktisch zerbrochen. Zusätzlichen Druck erfährt dieses System durch die Drohkulisse von US-Präsident Donald Trump gegenüber den NATO-Verbündeten, durch die offen ausgetragene Aggression von Russland und durch den rasanten Aufstieg Chinas. In einer zunehmend fragmentierten Welt folgen die Großmächte immer häufiger ihrer eigenen Agenda – und immer seltener gemeinsamen Regeln. Carney hat damit unterstrichen, dass Kanada ein politisch stabiles und demokratisches Land mit ähnlichen gesellschaftlichen Werten wie die EU ist.

Zudem verfügt Kanada über bedeutende natürliche Ressourcen wie kritische Rohstoffe, Wasser und Energie, was zur wirtschaftlichen und strategischen Resilienz der EU beitragen könnte. Wirtschaftlich können sich beide Seiten gut ergänzen: Kanada bringt eine hochentwickelte, innovationsorientierte Wirtschaft mit, während Europa von neuen Märkten und technologischer Zusammenarbeit profitieren würde. Darüber hinaus könnten kanadische Erfahrungen in der Einwanderungs- und Integrationspolitik Impulse für den Umgang mit den demografischen Herausforderungen in Europa liefern.

Die Nachteile sind die große geografische Distanz – dies würde zentrale Prinzipien wie Personenfreizügigkeit und politische Integration erheblich erschweren. Hinzu kommt Kanadas enge wirtschaftliche und sicherheitspolitische Verflechtung mit den USA, die durch eine EU-Mitgliedschaft in ein Spannungsverhältnis geraten könnte. Schließlich würde ein solcher Beitritt institutionelle Fragen aufwerfen und einen Präzedenzfall schaffen, der weitere außereuropäische Staaten zur Diskussion stellen würde. In der Praxis ist so ein Schritt rechtlich, geografisch und politisch vermutlich kaum umsetzbar.

Realistischer und wirkungsvoller ist es daher, die bestehende Partnerschaft weiter auszubauen – eine Partnerschaft, die Kanada schon heute eng an die Europäische Union bindet. Wie komplex und langwierig solche Annäherungen sein können, zeigt das jüngst geschlossene Handelsabkommen zwischen der EU und Indien, dem fast 20 Jahre Verhandlungen vorausgingen. Das Abkommen baut Zölle auf einen Großteil der gegenseitigen Exporte ab, öffnet den indischen Markt stärker für europäische Produkte und vertieft die wirtschaftliche Zusammenarbeit. Vor diesem Hintergrund wäre es klug, auch die Beziehungen zwischen der EU und Kanada gezielt zu stärken – insbesondere in den Bereichen Handel, Lieferketten und Schlüsseltechnologien.

 

Dir gefällt vielleicht auch:

Abonnieren
Benachrichtigen bei
guest
0 Comments
Älteste
Neueste
Inline-Feedbacks
Alle Kommentare anzeigen
Werbung