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Katastrophenschutz: Hochkarätige Unterstützung für Nordrhein-Westfalen

Feuerwehrfahrzeug bei Hochwasser-Einsatz Foto: AlanyaSeeburg Lizenz: CC0 1.0

Die Hochwasserkatastrophe diesen Jahres hat vor Augen geführt, dass es im Bereich des Katastrophenschutz für das Land Nordrhein-Westfalen viele Versäumnisse gibt. Mit dem Strategiepapier “Katastrophenschutz in Nordrhein-Westfalen” legten Anfang Oktober der Verband der Feuerwehren in NRW (VdF NRW), die Arbeitsgemeinschaft der Leiter der Berufsfeuerwehren in NRW (AGBF NRW) und die Arbeitsgemeinschaft der Leiter hauptamtlicher Feuerwachen in NRW (AGHF NRW) ihre Analyse dessen vor. Darin sind “zahlreiche Erfahrungen geflossen, die insbesondere in der Hochwasserlage 2021 gewonnen wurden.” Die Feuerwehren weisen darin – wie häufig schon in der Vergangenheit – auf notwendige Weiterentwicklungen hin, deren Fehlen sich “in der diesjährigen Hochwasserlage” bestätigten.

Seit dem 08.10.2021 untersucht nun auch der Landtag in Nordrhein-Westfalen die Hochwasserkatastrophe von Mitte Juli auf. Die NRW-Landesregierung steht unter Druck, weil sie die Gefahren falsch eingeschätzt haben soll. Aus dem Umfeld des Katastrophenschutz wird nun ein “Think Tank” aufgelegt, der sich mit den Themen rund um das Thema “Bevölkerungsschutz” beschäftigen wird. Die Ruhrbarone haben sich mit den Initiatoren Manuel Mahnke, Hartmut Ziebs und dem unseren Lesern aus vielen Interviews bekannten Magnus Memmeler unterhalten.

Ruhrbarone: “Think Tank Bevölkerungsschutz” ist ein starker Begriff. Was dürfen wir von einem Expertenkreis aus dem Bereich des Bevölkerungswachstum- und Katastrophenschutz erwarten?

Hartmut Ziebs: Der Think Tank Bevölkerungsschutz ist eine übergreifende virtuelle Diskussionsplattform rund um das Thema Schutz der Bevölkerung.

Ziebs: Der Schutz der Bevölkerung, landläufig auch als Katastrophenschutz bezeichnet, beschränkt sich nicht nur auf die reinen Blaulichtthemen. Schon der Begriff Katastrophenschutz ist nicht mehr zeitgemäß. Wir müssen vernetzter denken, wenn wir über den Bevölkerungsschutz reden. Nehmen wir das Beispiel der Corona-Pandemie. Eine Pandemie bedroht die Gesundheit der Bevölkerung. Zum Schutz der Bevölkerung vor den Folgen einer pandemischen Lage, sind ganz unterschiedliche Ressorts zu beteiligen. Die Bereiche Gesundheit, Bildung, Wirtschaft, Verkehr, Finanzen, Inneres, Forschung, Außen und Verteidigung sind einige Beispiele hierfür. Dies lässt sich problemlos auf das Ereignis Hochwasser 2021 übertragen.

Memmeler: Der Austausch im Think Tank soll Anregungen geben, die bereits vorhandenen Erkenntnisse, die zum Beispiel aus Forschungsaufträgen resultieren, im Handeln der Beteiligten zu verstätigen und die Politik für das Thema Bevölkerungsschutz zu sensibilisieren.

Mahnke: Gedankenaustausch und Diskussionsplattform sind aus meiner Sicht genau die richtigen Punkte. Mir geht’s wie meinen beiden Kollegen um den Austausch. Es ist wichtig, dass wir alle Ebenen miteinander vernetzen. Die Gedanken aus dem Ortverband oder der Feuerwache müssen genauso in der Politik ankommen wie die Forschungsergebnisse eben auch beim Helfer an der Basis gut andressiert sind. Die Führungskräfte der Behörden und Organisationen brauchen dann noch die Gedanken und Impulse unserer externen Experten, die nicht selten selbst ehrenamtlich aktiv sind. Dies gemeinsam muss dann zu einer interdisziplinären Diskussion führen dürfen. Diesen übergreifenden Ansatz sollten wir nicht nur im Stabsraum leben, wenn die Katastrophe eingetreten ist. Hierzu möchten wir anregen, motivieren und den Anstoß geben.

Ziebs: Wir müssen den Katastrophenschutz anders denken. Eigentlich keine neue Erkenntnis, nur noch nicht konsequent gelebt.

Ruhrbarone: Keine neue Erkenntnis?

Ziebs: Schon zu Zeiten des kalten Krieges waren die Katastrophenschutz- oder Zivilschutzstäbe bereichsübergreifend aufgestellt. Nachdem die Dienstvorschriften Führung, also die DV 100 eingeführt waren, wurden die Katastrophenschutzstäbe und Verwaltungsstäbe neu definiert, immer mit Fachberatern aus vollkommen unterschiedlichen Bereichen. Also Ressortübergreifend. Nur gelebt wurde dies kaum. Bei den Übungen des BBK, den Lükex-Übungen, wurde bei allen Szenarien ressortübergreifend gedacht und geplant. Nehmen wir das Beispiel Stromausfall. Hier wurde auch die Bundesbank beteiligt, um die Bargeldversorgung der Bevölkerung zu planen.

Memmeler: Das Wissen der Expertinnen und Experten ist vorhanden. In meinen Interviews zur Pandemie habe ich sehr oft die Bundestags Drucksache 17/120551 als Drehbuch bezeichnet. Gleiches gilt nun beim Starkregenereignis im Juli, denn die gleiche Drucksache behandelt auch ein Hochwasserereigniss. Seit dem Hochwasserereignis 2002 werden Erkenntnisse aus den diversen Schadenslagen gezogen und darauf verwiesen, dass diese Erkenntnisse konzeptionell Umsetzung finden müssen. Der Einsatz von Spontanhelfern ist seit geraumer Zeit sogar durch die DIN EN ISO 22319:2021-02 geregelt und dennoch war die Zusammenarbeit von Blaulichtorganisationen, zivilen Helfern und Behörden wieder durch viele Missverständnisse geprägt, da vorhandene Erkenntnisse nicht in übergreifenden Konzepten berücksichtigt, trainiert und angewendet wurden.

Mahnke: Nein, definitiv keine neuen Erkenntnisse. Ich kann mich sehr wohl daran erinnern, dass viele Themen die ich heute in meinen Funktionen egal ob hauptamtlich oder ehrenamtlich höre die ich bereits vor vielen Jahren/Jahrzehnten als junger Soldat oder Feuerwehr von meinen Vorgesetzten gehört habe. Sicherlich hat sich vieles seitdem verändert – ein Punkt scheint sich aber bis heute wie ein roter Faden durch den Bevölkerungsschutz zu ziehen – viel Expertenwissen aus der Basis, aus den ehrenamtlichen Strukturen aber auch aus den vielen Ebenen unserer hauptamtlichen Strukturen bleibt ungehört/ungelesen. Das können wir eigentlich viel besser!

Ziebs: Es ist also nicht neu, bei Bedrohungslagen für die Bevölkerung vernetzter zu denken und zu planen.


Magnus Memmeler (53 Jahre) lebt in Kamen. Seit über 31 Jahren arbeitet er im Rettungsdienst und Katastrophenschutz. 25 Jahre davon hat er diverse Leitungsfunktionen eingenommen. Er war beauftragt zur Organisation des Sanitätsdienstes beim DEKT in Dortmund und Verantwortlicher einer großen Hilfsorganisation bei der Versorgung und Unterbringung von Geflüchteten in den Jahren 2013 – 2018. Er war zudem Mitglied bei der Stabsarbeit von Bezirksregierungen und in Arbeitskreisen des Innenministeriums bei der Konzeption von Katastrophenschutzkonzepten.

 

 

 


Ruhrbarone: Wenn diese Erkenntnisse nicht neu sind, warum braucht es dann diesen Think Tank?

Ziebs: In der Politik und der Verwaltung erfolgt nicht die erforderliche konsequente Umsetzung. Zudem hat sich die Bedrohungslage verändert. Nicht mehr allein Krieg, Explosionen oder Wetterereignisse bedrohen uns. Cyberangriffe, Terrorangriffe, Stromausfall und pandemische Lagen sind beispielhafte Szenarien, die uns vor andere Herausforderungen stellen.

Mir hat vor einigen Tagen jemand gesagt: Zunächst haben wir die Corona-Lage. Dann kommt im Juli 2021 das Hochwasser in Teilen von NRW und Rheinland-Pfalz und als Sahnehäubchen obendrauf dann noch wenige Tage später die Explosion in Leverkusen. Drei Lagebilder gleichzeitig. Als Übungskünstlichkeit bei Lükex denkbar, aber nun auch in der Realität eingetreten.

Memmeler: Große Schadensereignisse sind in der Vergangenheit eher selten gewesen, weshalb der notwendige und auch kostspielige Schutz im politischen Denken eher als unattraktiv galt. Die Häufung von Schadensereignissen und der immense Schaden durch diese Ereignisse schafft neue Relevanz. Als Think Tank Bevölkerungsschutz ist es uns deshalb ein Anliegen, dieses Bewusstsein im politischen Denken und Handeln zu etablieren. Gleiches gilt aber auch für das erforderliche Bewusstsein in der Bevölkerung, den Selbstschutz mit zu denken.

Mahnke: Weil eben mein roter Faden knallharte Realität ist. Viel Wissen bleibt auf der Strecke. Viele tolle Ergebnisse von guten Forschungsvorhaben bleiben ungenutzt in Abschlussberichten. Wir haben scheinbar ein Strukturproblem, dass wir zu viele nicht vernetzte Player im Bevölkerungsschutz haben. Das hat natürlich an vielen Stellen Vorteile aber eben auch den Nachteil, dass viele Möglichkeiten entstehen an denen wichtige Impulse, Vorhaben und Konzepte auf der Strecke bleiben. Was fehlt ist eine gute Vernetzung und entsprechende zukunftsorientierte Formate zur produktiven Zusammenarbeit!

Ziebs: Wir wissen eigentlich wie es geht und was wir zum Schutz in der Bevölkerung machen müssen. Nur an der Umsetzung hapert es. Dies liegt zu großen Teilen an der Politik. Die Politik traut sich nicht, den ganzheitlichen Ansatz zum Schutz der Bevölkerung umzusetzen. Vielleicht fehlt es auch in Teilen der Politik an dem Wissen, wie man Katastrophen effektiv begegnet.

Ruhrbarone: Also richtet sich der Think Tank hauptsächlich an die Politik?

Ziebs: Ja und an alle anderen im Bevölkerungsschutz beteiligten Menschen. Politik muss die Instrumente zum Schutz der Bevölkerung verstehen. Und gleichzeitig gibt es Optimierungsbedarf. Nehmen wir die strikte Trennung von Katastrophenschutz und Zivilschutz.
Katastrophenschutz gilt im Friedensfall, Zivilschutz im Verteidigungsfall. Aber in beiden Fällen bedient man sich der gleichen Akteure. Im Katastrophenfall sind die Länder zuständig, im Zivilschutzfall der Bund.

Dabei ist man immer davon ausgegangen, dass Katastrophen regional begrenzt sind. Die Hochwasser an der Elbe haben aber das Gegenteil aufgezeigt. Die Corona-Pandemie war eine bundesweite Lage und das Julihochwasser 2021 hat mehrere Bundesländer getroffen. Und mittlerweile ist zu Recht die Theorie verfolgt worden, ob es nicht den hybriden Verteidigungsfall geben wird. Es beginnt mit der moralischen Zersetzung eines Staates, bevor der tatsächliche militärische Angriff erfolgt. Zunächst muss also Politik sensibilisiert und dann müssen die vorhandenen Gesetzeslagen zusammen mit den Fachleuten den sich verändernden Szenarien angepasst werden.

Mahnke: Natürlich brauchen wir die Politik an ganz vielen Stellen. Aber wir benötigen eben auch wie bereits an ganz vielen Stellen gesagt auch die Expertinnen und Experten, die hauptamtlichen Führungskräfte, die ehrenamtlichen Einsatzkräfte oder auch die vielen Spontanhelfenden wie zuletzt beim Hochwasser gesehen. Wir alle müssen dafür sorgen, dass wir in unserem Land einen guten Bevölkerungsschutz haben.

Memmeler: Wie meine beiden Kollegen bereits erwähnt haben, die Politik muss das Zuhören lernen und auch Ehrenamt und Bevölkerungsschutz als Lobby begreifen, die über sehr viele Experten verfügt. Alte Denkblockaden müssen überwunden werden – wie zum Beispiel die nicht stattfindende Vernetzung von Bund und Ländern.


(c) Manuel Mahnke

Manuel Mahnke, 40 Jahre, hauptamtlich Berufssoldat, Fachkrankenpfleger für Psychiatrie und ehrenamtlich Verbandsführer Feuerwehr im Bereich der Führungsunterstützungsarbeit in Charlottenburg-Nord (FF3601). Seit dem 10. Lebensjahr in der Freiwillige Feuerwehr. Seit 2002 bei der Berliner Feuerwehr, seit 2016 stellv. ständiger Vertreter des Landesbeauftragten FF in Berlin und zuständig für die Aus- und Fortbildung der ehrenamtlichen Einsatzkräfte. Seit März 2020 als Pandemiefeldwebel im Pandemiestab Bundeswehrkrankenhaus Berlin.

 

 

 

 


Ruhrbarone: Wie ist es dazu gekommen, dass die Idee entstand, einen “Think Tank” gründen?

Ziebs: Zunächst haben sich drei Akteure mit Erfahrung im Bereich Bevölkerungsschutz gefunden.Nach einer Analyse der Corona-Pandemie kamen wir drei zu dem Schluss, wir müssen etwas tun. Also haben wir zu einem ersten virtuellen Think Tank Akteure aus der Politik und dem Katastrophenschutz eingeladen. Nach einer kurzen Einführung in das Thema entstand sehr schnell eine Diskussion mit dem Tenor: Hier ist Handlungsbedarf. Noch vor der Bundestagswahl 2021 folgten zwei weitere Think Tanks.

Ein Ergebnis daraus ist, dass wir nun diesen relativ geschlossen Kreis öffnen werden. Damit soll die Diskussion in die Breite der Politik und der Akteure im Bevölkerungsschutz getragen werden. Wichtig ist uns, dass wir dabei parteiübergreifend die Politik einbinden. Uns geht es nicht darum aufzuzeigen, wer wann wo mögliche Fehler gemacht haben könnte. Ziel muss es sein, dass wir uns auf allen Ebenen optimal aufstellen.

Memmeler: Das Papier „Katastrophenschutz in Nordrhein-Westfalen – Vorschläge für eine Weiterentwicklung“ ist ja nicht die einzige Bewertung der Schadenslage Starkregenereignis Juli 2021. Inzwischen gibt es zahlreiche Umfragen zur Auswertung der Ereignisse, die sich an Einsatzkräfte wenden, um Korrekturbedarfe zu ermitteln. Ziel muss es am Ende sein, alle Umfrage- und Forschungsergebnisse in die nun erforderliche behördliche und politische Diskussion einzubeziehen, um den bestmöglichen Bevölkerungsschutz zu erreichen, der realistisch umsetzbar erscheint. Um diese Diskussion zu unterstützen, wollen wir mit dem Think Tank Anreize zum sachlichen Dialog von Experten und Politik beitragen. Und natürlich, um der Bevölkerung nahe zu bringen, dass es bei manchen Schadensereignissen keinen Vollkaskoschutz gibt.

Mahnke: Als erstes würde ich sagen, wir haben einfach mal angefangen. Natürlich gibt es auch hier kritische Stimmen, warum genau die Drei, warum war ich noch nicht eingeladen oder warum in solch einem geschlossenen Format. Die Idee war spontan und schnell entstanden. Dann kann man sich lange hinsetzen und Konzepte für ein solches Format schreiben oder eben einfach mal mutig sein und anfangen. Nun, mit dem nächsten öffentlichen Schritt zu TwitterSpace, wagen wir uns an das nächste Experiment und freuen uns auf diese Weiterentwicklung und den guten Austausch mit den Menschen in der digitalen Welt.

Ziebs: Nur wenn die Bevölkerung der Politik und dem Staat in der Krise vertraut, dann wird man auch den bestmöglichen Schutz gewährleisten können.

 


(c) Hartmut Ziebs

Hartmut Ziebs, 62 Jahre, Dipl.-Ing. Bauingenieurwesen Seit 1977 Feuerwehr Schwelm, Leiter der Feuerwehr Schwelm a.D., Bezirksbrandmeister der Bezirksregierung Arnsberg a.D.
Von 2003 bis 2015 Vizepräsident Deutscher Feuerwehrverband. Vom 1.1.2016 bis 31.12.2019 Präsident Deutscher Feuerwehrverband Von 2019 bis 2020 Vizepräsident CTIF (internationaler Feuerwehrverband)


Ruhrbarone: Gibt es dazu Erfahrungen?

Ziebs: Obwohl wir die Corona-Pandemie mehr oder weniger gut überstanden haben, hätte man viele Abläufe optimaler gestalten können. Bund und Länder haben sich einen förmlichen Wettbewerb geleistet, wer mit den besseren Maßnahmen die Pandemie in den Griff kriegt. Die Presse hat dies natürlich aufgegriffen und für noch mehr Verunsicherung gesorgt.

Trotz der föderalen Staatsstruktur wäre es besser gewesen, man hätte mit einer Stimme gesprochen. Nehmen wir das Hochwasser im Juli. Das Hochwasser wäre nicht zu vermeiden gewesen. Bei einer übergreifenden Lagebewertung, hätte man schneller, strukturierter und zielgerichteter die Hilfe organisiert bekommen.

Memmeler: Auf die Vielzahl vorhandener Erkenntnisse hatte ich bereits hingewiesen. Spitz ausgedrückt könnte man sagen, dass es sich nicht wiederholen darf, dass Forschungsprojekte finanziert werden, um dann teuer erkaufte Erkenntnisse in Schubladen verstauben zu lassen.

Mahnke: Klares Ja! Natürlich und selbstverständlich könnte man ja fast sagen. Wie die Bevölkerung mit Krisen umgeht, konnten wir in den letzten anderthalb Jahren ja sehr gut live im Alltag oder in den sozialen Medien beobachten. An vielen Stellen kommen dann noch die Titelseiten der Boulevardpresse hinzu, die nicht wirklich für vertrauen sorgen. Da fehlen an vielen Stellen eine gute Kommunikation und eine klare Krisenbewältigung. Aber auch verbindlich geregelte Prozesse sind hier nicht immer ganz klar. Welche Fachgruppen THW kann ich anfordern, was können die Schnelleinsatzgruppen der Hilfsorganisation in welcher Zeit leisten, wie kann ich Feuerwehren aus anderen Bundesländern einbinden bis hin zu dem Punkt, ob eine Luftbildaufklärung der Bundeswehr möglich ist.

Memmeler: Wären klare Prozesse definiert, hätte es nicht eine Woche gedauert, bis Tornados die ersten Luftbilder zur Lagebewältigung hätten beitragen können. So hat man auf den gewartet, der den richtigen Menschen kennt oder den Mut hat, einen teuren Einsatz anzufordern.

Ruhrbarone: Nun wird die Hochwasserlage in NRW von einem parlamentarischen Untersuchungsausschuss aufgearbeitet. Dies erscheint doch vollkommen richtig zu sein, oder?

Ziebs: Ja und Nein! Ziel eines parlamentarischen Untersuchungsausschusses ist das Aufzeigen von Fehlern der Exekutive.

Dies erzeugt auf der einen Seite einen Angreifer und auf der anderen Seite einen Verteidiger. Dies mag im politischen Geschäft durchaus Sinn machen. Hier aber nicht. Egal wer jetzt Angreifer oder Verteidiger ist.
Das in NRW gültige Gesetz bei Katastrophen, kurz BHKG, wurde erst vor einigen Jahren von der jetzigen Opposition mit den Stimmen der damaligen Opposition eingeführt. Wenn also das Gesetz mangelhaft ist, dann hat sich hier keine Partei mit Ruhm bekleckert.

Memmeler: Hier muss ich ergänzen Hartmut. Das BHKG wurde von einer sehr breiten Koalition befürwortet, die deutlich über die Regierungskoalition hinausging. Und das war auch gut so, denn es war ein deutliches Zeichen, dass der Katastrophenschutz von uns alle mitgetragen werden muss.

Ziebs: Stimmt. Wäre die Exekutive auch nur ansatzweise von der gültigen Gesetzeslage abgewichen, hätte dies politische Konsequenzen gehabt. Die Frage ist also eher, wo die Fehler in den gesetzlichen Rahmenbedingungen liegen und wie schnell man diese beseitigen will.

Nun kommt erschwerend hinzu, dass vielfach ehrenamtliche Kräfte in der Hochwasserkatastrophe Verantwortung übernommen haben. Diese ehrenamtlichen Kräfte, in der Regel Ehrenbeamte, werden nun vor den Untersuchungsausschuss gezerrt und müssen aussagen. Ehrenamtliche Kräfte sind zweifelsfrei genauso wie hauptamtliche Mitarbeiter zu einer bestmöglichen Leistung in der Katastrophe verpflichtet. Nun wird aber auch deutlich, dass ein Ehrenamt im Katastrophenschutz auch eine politische Verantwortung zur Folge hat. Bislang hat man wohlweislich genau diese Verantwortung vom Ehrenamt ferngehalten. Mit dem Untersuchungsausschuss tut man dem Ehrenamt und der Sache keinen Gefallen.

NRW steht kurz vor Landtagswahlen. Nun wird die Aufarbeitung des Hochwassers in den Wahlkampf gezogen. Vermutlich mit keinem Ergebnis vor der Wahl. Besser wäre eine gemeinsame Aufarbeitung der Ereignisse über Parteigrenzen hinweg, zusammen mit den handelnden Akteuren. Dies geht schneller und führt zu einem Handlungskonzept mit zügiger Umsetzung.

Memmeler: Ich gebe Hartmut vollkommen Recht, dass es bei jeder Form der Aufarbeitung gilt, dass hochmotivierte und sehr gut geschulte Ehrenamt zu schützen. Sehr wohl müssen wir aber die vorhandenen Strukturen gemeinsam und ergebnisoffen betrachten, die diesen wichtigen ehrenamtlichen Einsatz regeln und die Ressourcen für diesen Einsatz legitimieren. Hier ist die BRD noch ein Flickenteppich und auch die betroffenen Bundesländer NRW und Rheinland-Pfalz müssen sich hinterfragen, warum einige Dinge gelaufen sind, wie sie gelaufen sind.

Mahnke: Einsatznachbereitung ist wichtig – natürlich kann ein Untersuchungsausschuss seinen Teil dazu beitragen. Es sollte aber nicht diese eine schuldige Stelle/Behörde/Organisation gesucht werden. Wichtig ist es, Fehler zu analysieren, aufzubereiten und mit Experten zu bewerten. Bestenfalls entwickeln wir dann daraus Lösungen und setzen diese dann mit den Vertreterinnen und Vertretern in den Parlamenten um. Ohne die notwenigen Mittel und entsprechenden Voraussetzungen werden die Behörden und Organisationen mit ihren Einsatzkräften die nächste Katastrophe nicht bewältigen. Das wird dann im nächsten Untersuchungsausschuss wieder Thema sein. Unser gemeinsames Ziel sollte sein, das zu verhindern.

Ruhrbarone: Ist es dann noch zu verantworten, ehrenamtliche Führungskräfte an verantwortlicher Stelle einzusetzen?

Ziebs: Durchaus. Einerseits gibt es zu wenige hauptamtliche Kräfte mit der entsprechenden Motivation. Bei dem jetzt schon vorhandnen Mangel an Fachkräften in der freien Wirtschaft, lässt sich dieses Problem auch nicht lösen. Andererseits baut der Katastrophenschutz zu Recht auf das Ehrenamt. Also in letzter Konsequenz auch auf ehrenamtliche Führungskräfte. Alles andere wäre unlogisch.
Aber dann muss man diesen Führungskräften nicht nur verbal den Rücken freihalten. Nicht nach dem Motto: Was ich in der Sonntagsrede verspreche, halte ich montags nicht mehr ein.

Die fachliche Verantwortung können ehrenamtliche Führungskräfte übernehmen. Dies wird seit Jahrzehnten bewiesen. Die politische Verantwortung haben Politiker und das Hauptamt zu übernehmen. Mit Sicherheit ist das aber auch eines der schwierigsten Spannungsfelder im Katastrophen- und Bevölkerungsschutz.

Mahnke: Definitiv ja – dafür bin ich ausgebildet worden. Selbstverständlich verantworte ich meine Entscheidungen auch. Ich sagte ja – alleiniges Ziel eines Untersuchungsausschuss sollte nicht die Identifizierungen von schuldigen Menschen sein. Er sollte viel mehr für Aufklärung und Erkennen von Defiziten dienen. Diese müssen wir dann gemeinsam hauptamtlich, ehrenamtlich und politisch beseitigen. Ohne Ehrenamt ist allerdings ein gut funktionierender Bevölkerungsschutz nicht handlungsfähig. So ist unser Staat auch an vielen anderen Stellen aufgebaut. Wir müssen eben dafür sorgen, dass wir die optimalen Voraussetzungen für eine wichtige ehrenamtliche Arbeit schaffen!

Memmeler: Meine Haltung zum Ehrenamt ist nicht erst seit unseren gemeinsamen Interviews bekannt. Ohne Ehrenamt ist kein Staat zu machen.

Es ist uns wichtig, dass die Aufarbeitung von Starkregenergeignis und Pandemie nicht mit gegenseitigen Vorwürfen abgeschlossen werden darf, sondern einen konstruktiven Dialog eröffnet, der möglichst auch in den jetzt laufenden Koalitionsverhandlungen Berücksichtigung findet, damit zum Beispiel dem BBK eine eindeutige und in abgestimmten Prozessen zugewiesene Rolle zugewiesen wird, die auch im föderalen System Katastrophenschutz sinnstiftend genutzt werden kann. Unter den richtigen Rahmenbedingungen und mit abgestimmten Führungsverantwortungen zwischen Bund, Ländern und Kommunen, ist das Ehrenamt auch weiterhin ein Zukunftsmodell.


Save the Date: Am 02.November 2021 laden die Gründungsmitglieder des Think Tank Bevölkerungsschutz zum nächsten Think Tank mit Interessierten ein und wollen ab 20:00 Uhr über Twitter Space mit Politik und Bevölkerungsschützern in den Austausch kommen. Der Link zu diesem Twitter Space wird selbstverständlich bekannt gemacht und in diversen Foren veröffentlicht.


 

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