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Klaus Alfs: Kritik der vegetarischen Ethik

Klaus Alfs

Das Ende ist nah: Glaubt man den Leitmedien der deutschsprachigen Gebiete, kommen wir nicht umhin, unseren Fleischverzehr drastisch zu reduzieren, damit der Planet vor dem Untergang bewahrt werden kann. Ausser dem gänzlichen Verzicht auf Fleisch und tierische Produkte scheint gegen die Apokalypse kein Kraut gewachsen. Die pflanzliche Lebensweise wird vor allem von jungen, gebildeten Menschen praktiziert, die den Weltuntergang quasi mit der Muttermilch eingesogen haben.  Trotz oder gerade wegen des medialen Trommelfeuers für einen Wohlstandsverzicht um der Tiere willen betrachten viele Menschen jene Entwicklung wohlwollend oder billigend. Auch auf akademischer Ebene bleibt vernehmbarer Widerspruch gegen die Thesen philosophischer Tierrechtler und Tierbefreier aus. Eine systematische Durchleuchtung des ethischen Vegetarismus ist schon aus diesem Grund längst überfällig. Diese Lücke wird nun vom ausgebildeten Landwirt und Soziologen Klaus Alfs geschlossen. Auf über 400 Seiten stellt er den ethischen Vegetarismus systematisch auf den Prüfstand.

Worum geht es in dem Buch?

Im Buch geht es um die Frage, ob ein ethisch begründeter Verzicht auf Fleisch bzw. Tierprodukte überzeugen kann. Ist der ethische Vegetarismus tatsächlich, wie er behauptet, die vernünftigste Position, die man in der Ethik haben kann?

Was meinen Sie genau mit „überzeugen“?

Es gibt verschiedene Möglichkeiten, andere dazu zu bringen, ihre Ansichten zu ändern. Bedeutsam ist hier vor allem der Unterschied zwischen Überreden und Überzeugen. Beim Überreden nutzt man alle kommunikativen Möglichkeiten und spielt auf der emotionalen Klaviatur. Man arbeitet mit Angst, Drohungen, negativen Verheißungen, Berufung auf höhere Mächte, moralischen Anklagen, Empörung und vielem anderen mehr. Wenn die Adressaten auf diese Weise gefügig gemacht worden sind, wehren sie sich nicht gegen autoritäre Maßnahmen von oben, sondern halten sie für angebracht. Es steht außer Frage, dass vegetarische Protagonisten die Mittel des Überredens sehr gut beherrschen. Es steht aber in Frage, ob sie die Ansichten von Bürgern, die sich nicht über den Löffel balbieren lassen, ohne rhetorische Tricks in ihrem Sinne zu ändern vermögen.

„Überzeugen“ bedeutet also: „keine Tricks“?

Das kann man so sagen. Und selbstverständlich darf auch kein Zwang ausgeübt werden. Beim Überzeugen herrscht allein der „zwanglose Zwang des besseren Arguments“, wie der Philosoph Jürgen Habermas es nennt. Ein gutes Argument ist nicht ein Argument mit „gutem“ Inhalt – also zum Beispiel „Ich bin für Tiere!“. Eine gutes Argument genügt bestimmten formalen Anforderungen, also vor allem: Widerspruchsfreiheit, Bruchlosigkeit, Sparsamkeit. Innerhalb einer Argumentation dürfen die Aussagen einander nicht logisch widersprechen, es dürfen keine Argumente aus dem Hut gezaubert werden, und es sollten nicht mehr unsichere Annahmen verwendet werden, als nötig sind. An diesem Maßstab werden die vegetarischen Ethiken gemessen, sofern sie den Anspruch erheben, ihm zu genügen. Können sie ihn nicht einlösen, entfällt damit bereits jeder rationale Grund, die vegetarischen Normen zu befolgen. Mein Fazit ist: Die vegetarischen Philosophen können den Anspruch nicht nur nicht einlösen, sondern haben in der Ethik ein heilloses Durcheinander angerichtet, als dessen Verwalter sie sich zugleich betätigen. Wer die Sache mit emotionalem Abstand betrachtet, kann die Begeisterung der Beteiligten für ihre eigene Arbeit nicht nachvollziehen. „Getret‘ner Quark wird breit, nicht stark“, sagt Goethe.

Gibt es den ethischen Vegetarismus überhaupt? Kann man die unterschiedlichen Ansätze einfach in einen Topf werfen?

Wenn ich von dem ethischen Vegetarismus rede, ist das selbstverständlich eine Vereinfachung. Ich konnte in meinem Buch nicht jeden Aspekt, jede Theorie einzeln besprechen. Dafür ist die Literatur inzwischen viel zu umfangreich. Man kann aber grundlegende Gemeinsamkeiten feststellen und darüber legitime Aussagen machen. Wenn man zum Beispiel über Limonade spricht, muss man nicht jedes Limonadengetränk einzeln würdigen, um über Limonade Aussagen machen zu können –, zum Beispiel, dass sie ein gesüßtes Getränk ist, das keinen Alkohol enthält. Die Kritik, man pauschalisiere zu sehr und liefere ein Zerrbild, kommt grundsätzlich immer, wenn jemand ins Schwarze trifft. Die Protagonisten des ethischen Vegetarismus sind allerdings besonders eifrig darin zu bestreiten, was sie tun, sobald es unangenehm wird. Die meisten wollen ja als Vollender oder Überwinder des Humanismus dastehen und nicht nur als dessen Totengräber. Dass diese „Überwindung“ gravierende negative Konsequenzen für Menschen hat, geben sie nicht gerne zu. Insofern bin ich denjenigen unter ihnen dankbar, die ersteres immerhin offen aussprechen.

Ist angesichts der drohenden Klimakatastrophe nicht alles Theoretisieren ohnehin überflüssig? Muss die Fleischproduktion nicht drastisch reduziert werden?

Nein. Bangemachen gilt nicht. Je größer der öffentliche Druck wird, endlich den Gesellschaftsvertrag mit dem Vegetarismus zu unterschreiben, desto skeptischer müssten die Bürger werden. Gerade weil hier mit allen Mitteln des Überredens und der drohenden Apokalypse zur Unterschrift gedrängt wird, will der Vertrag sehr gründlich gelesen sein. Man wird dann feststellen, dass es weder einen logischen noch einen sachlichen Zusammenhang zwischen der Bekämpfung des Klimawandels und dem Vegetarismus gibt. Der ethische Vegetarismus hat seit je her alles Erdenkliche herangezogen, um sich selbst als Patentlösung für alle Weltprobleme aufzudrängen. Bei der Klimakrise ist ihm dies mit tatkräftiger Hilfe der Medien außergewöhnlich gut gelungen. Die Menschen denken bei „Klimawandel“ reflexartig „kein Fleisch“ und sind damit leichte Beute der ethischen Vegetarier. Mindestens einer von ihnen allerdings – der dänische Statistiker und Politikwissenschafler Björn Lomborg – meint, dass das Klimaargument nicht dazu taugt, den ethischen Vegetarismus zu stützen. Und zwar, so Lomborg, weil die Wirkung des allgemeinen Fleischverzichts gleich null wäre. Das hört die Gemeinde von einem Gemeindemitglied natürlich besonders ungern. Als ausgebildeter Landwirt, der weiß, was ein Nährstoffkreislauf ist, kann ich Ihnen überdies verraten, dass weltweiter Fleischverzicht in eine globalen Ernährungskatastrophe führen würde, und zwar auf schnellstem Wege. Dazu mehr im Buch.

Aber es schadet doch nicht, wenn vegetarische Stimmen mitreden.

Ganz allgemein gilt: Apokalyptisches Denken und monokausale Befangenheit sind der Lösung von Weltproblemen äußerst hinderlich. Wer dennoch darin schwelgt, setzt sich dem Verdacht aus, nicht die Lösung, sondern die Katastrophe zu wollen, um auf den Trümmern eine Herrschaft nach eigenem Gusto zu errichten. Die pauschale Forderung, alle Fleischproduktion zu drosseln, beruht überdies auf purer Voreingenommenheit. Es müsste ja wenigstens nach Fleischsorten differenziert werden. Das wird zumindest in der veröffentlichten Meinung selten gemacht. Doch man könnte auch behaupten, die Pflanzenproduktion müsse drastisch reduziert werden, weil Spargel oder Avocado einen desaströsen Klimafußabdruck haben. Es werden viele Mythen verbreitet, was die Klimabilanz bestimmter Verfahren anbelangt. In Wahrheit haben die am meisten kritisierten Verfahren der Fleischproduktion aufgrund ihrer Effizienz den geringsten Klimafußabdruck. Auch der IPCC empfiehlt daher eine nachhaltige Intensivierung, die FAO ja ohnehin. Dort ist keine Rede von einer bioveganen Beglückung der Menscheit. Dennoch wird ausgerechnet auf die effizienten Verfahren mit der Klimakeule eingedroschen. Es ist offenkundig, dass ethische Vegetarier das Klima nur vorschieben, um ihre Weltanschauung zu propagieren. Sie biegen sich alle Probleme so zurecht, dass sie auf ihre a priori feststehende Lösung passen. Die globale Fleischproduktion wird unbeeindruckt von solchen Debatten ohnehin weiter steigen. Öffentliche Diskussionen zum Thema müssten viel differenzierter geführt werden –, auf Basis realistischer Annahmen. Weltweiter Vegetarismus scheidet als praktikable Lösung aus. Menschen, die von einer fixen Heilsidee beseelt sind, haben in den zuständigen Kommissionen, Verhandlungen, Gremien eigentlich nichts verloren, führen aber überall das große Wort.

Sie haben ja 2015 bereits an einem vegetarismuskritischen Buch mitgeschrieben (Don’t Go Veggie!). Warum noch ein Buch? Sind Sie von der Abneigung gegen Vegetarier getrieben?

Keineswegs. Doch ethischer Vegetarismus ist nach wie vor in aller Munde. Hätte er sich inzwischen dezent aus der öffentlichen Debatte zurückgezogen, wäre weitere Kritik vielleicht nicht mehr so dringlich. Ersteres ist aber nicht der Fall. Im Gegenteil. Also hat ein weiteres Buch von der Sache her gewiss eine Berechtigung.

Was ist denn das Besondere an dem Buch?

Mein Beitrag dürfte auf dem Markt im Moment einmalig sein. Ich kenne jedenfalls im deutschsprachigem Raum kein Werk, das den ethischen Vegetarismus systematisch durchleuchtet und an seinen eigenen Maßstäben misst.

Was meinen Sie mit „durchleuchtet“?

Ich habe früher auf dem Bauernhof meines Onkels gerne an der Eiersortiermaschine gestanden. Dort wurden die Eier beleuchtet, sodass man auch feine Risse erkennen und die betreffenden Eier als „Knickeier“ aussortieren konnte. Im Buch zeige ich nicht in erster Linie, dass bestimmte Behauptungen falsch sind, sondern dass Argumente im Widerspruch zu anderen Argumenten stehen. Ich sage also bildlich gesprochen nicht: Das Ei ist faul. Ich sage: Schaut her, es hat hier und dort einen Riss. Und wer Knickeier als intakt verkauft, darf nicht mit dem Finger auf andere zeigen, die intakte Eier verkaufen, deren Farbe oder Größe einem nicht passt.

Das klingt immer noch abstrakt. Können Sie ein Beispiel geben?

Ja. Der Philosoph Peter Singer sagt, ethisch entscheidend sei, ob Wesen Leid empfinden können. Als Kriterium zur Identifizierung solcher Wesen gibt er Abwehrverhalten und ein Nervensystem an, das dem unseren ähnelt. Dies ist an sich nicht widersprüchlich. Es mag aus anderen Gründen kritikwürdig sein, aber das „Ei“ ist soweit intakt. Widersprüchlich wird das Ganze erst durch Singers Forderung, dass Ethik nicht vom Menschen her definiert werden, also nicht anthropozentrisch sein dürfe. Nun bekommt das Ei einen gewaltigen Riss. Denn es ist ja erkennbar anthropozenrisch, die Eintrittskarte in den moralischen Club nach dem Kriterium zu vergeben, ob Wesen „uns“ in irgend einer Weise ähneln oder gleichen. Ich zeige dann, wie andere ethische Vegetarier dies kritisieren und in welche Widersprüche sie sich ihrerseits verwickeln. So gehe ich im ganzen Buch vor. Mein Ergebnis ist, dass alle Kritik, die sie an anderen üben, in höherem Maße auf sie selber zutrifft. Das wiederum bedeutet: Rote Karte und Platzverweis vom ethischen Spielfeld – ganz unabhängig vom manifesten Inhalt der betreffenden Argumente.

 

 

Machen Sie es sich da nicht zu leicht?

Ich mache es mir leicht und schwer zugleich. Es ist wichtig zu betonen, dass die ethischen Vegetarier in der Bringschuld sind. Denn sie verlangen von anderen, ihr Handeln zu ändern. Moral ist ja keine Privatsache. Moralische Normen gelten nicht nur für einen selbst, sondern prinzipiell für alle, die fähig sind, sie zu befolgen. Also müssen die ethischen Vegetarier schon gute Gründe im oben genannten Sinn liefern. Die skeptische Position trägt hingegen keine Begründungslast, muss auch ihrerseits nichts Schlüssigeres präsentieren. Man kann es sich also bequem machen und zusehen, wie die ethischen Vegetarier sich argumentativ abrackern. Begehen sie dabei Fehler, kann man einfach den Daumen senken. Schwer daran ist erstens, jene Unstimmigkeiten auch zu erkennen, und zweitens zu vermitteln, dass Nichtvegetarier gar nichts anderes tun müssen als letzteres.

Wirklich? Ist das so einfach?

Es gibt nun einmal bestimmte Regeln des vernünftigen Diskurses. Ethische Vegetarier fordern von anderen, diese einzuhalten. Sie selbst verstoßen jedoch sehr oft dagegen, indem sie versuchen, ihre Begründunsgslast dem Gegenüber aufzubürden. Das gilt selbst für die hochgeistigen Philosophen unter ihnen, die es eigentlich besser wissen müssten. Sie setzen alles daran, ihre Kommunikationspartner sofort in den Rechtfertigungsmodus zu bringen. Danach haben sie leichtes Spiel. Es ist für viele Menschen schwer, sich davon nicht übertölpeln zu lassen. Man kann den ethischen Vegetariern aber nichts Schlimmeres antun, als sie streng beim Wort zu nehmen. Nur wenn man sie konsequent ernst nimmt, gibt man ihnen – salopp gesprochen – auch Gelegenheit, sich zu blamieren. Wenn man hingegen schon lacht, bevor der Witz erzählt ist, hat man sich zu früh gefreut. Sprüche der Marke „Vegetarier essen meinem Essen das Essen weg“ prallen weitgehend ab. Die Vordenker des ethischen Vegetarismus sind hochintelligente, hochgebildete Leute und machen gerade bei intelligenten und gebildeten Menschen Eindruck. Sie vertreten zwar eine törichte Idee, aber das tun sie mit allen Mitteln ihres Intellekts. Viele Einwände, die Normalbürger spontan formulieren, sind zwar im Prinzip berechtigt, aber von ethischen Vegetariern während etlicher Jahrzehnte, gar Jahrhunderte eingehend diskutiert worden. Man muss also auf der Höhe ihrer Argumentation sein, um zeigen zu können, dass der vegetarische Moralzwerg tatsächlich auf Stelzen geht.

Ist das alles nicht dennoch zu intellektuell und abgehoben? Glauben Sie, sie erreichen damit die Menschen?

Im Prinzip ist das sehr einfach. Es fällt den Leuten aber aus irgend einem Grund schwer, logisch zu argumentieren. Wer immer nur in Assoziationen oder Bildern denkt, ist jeder Propaganda hilflos ausgeliefert und kann wie ein Tier abgerichtet werden. Wollen die Menschen das? Wollen sie von vegetarischen Propagandisten auch in dieser Hinsicht zum Tier gemacht werden? Die Kur dagegen heißt logisches Denken. Immanuel Kant spricht nicht umsonst davon, dass man seinen Verstand – nicht seine Vernunft – nutzen solle, um aufgeklärt zu sein. Vernünftig ist es laut Kant, seinen Verstand ohne Leitung eines anderen zu gebrauchen. Zitat: „Die Maxime, jederzeit selbst zu denken, ist die Aufklärung.“ Und das Werkzeug des menschlichen Verstandes ist die Logik. Weg vom emotionalen Subtext! Weg vom Assoziieren und Hineinphantasieren! Dann wird der Blick frei.

Und wer das nicht schafft?

Den mache ich darauf aufmerksam, dass die ethischen Theorien, die den Vegetarismus als praktische Konsequenz empfehlen, ebenfalls „abgehoben“ sind. Wer außer den Fachphilosophen (und mir) hat denn schon wirklich all diese Werke gelesen? Das sind nur ganz Wenige. Dennoch haben die Schriften eines Peter Singer oder Tom Regan gewaltige Wirkung bis ins Alltagsleben entfaltet. Die Ansichten der führenden Theoretiker sind in Gestalt von Schlagworten und Versatzstücken im Alltagsbewusstsein verankert. Die Leute wissen aber in der Regel nicht, welchen Ursprung diese Anschauungen haben. Allein der Begriff „Tierwohl“ („Animal Welfare“) mit seinem Schwerpunkt auf vermuteten inneren Zuständen der Tiere hat einen Interpretationsspielraum geschaffen, der mit den von Disney geprägten idyllischen Vorstellungen gefüllt werden kann. Vegetarische Philosophen zeigen also, dass man mit abstrakten Theorien durchaus bei Normalbürgern Wirkung erzielen kann. Ihre Theorien mussten nur in geeigneter Weise fasslich gemacht und vermittelt werden. Auch abstrakte vegetarismuskritische Gedanken können im Prinzip in der gleichen Weise fasslich gemacht werden. Man müsste dieses Projekt nur einmal ernsthaft angehen. Mein Buch kann dazu die Grundlage liefern.

Müssen die Leserinnen und Leser nicht erst zu Philosophen werden, um ihr Buch zu verstehen?

Das Buch ist im Verhältnis zum Gegenstand leicht verständlich. Und ich bin selber kein Philosoph. Die Leser müssen nur insofern Philosophen werden, als sie dazu angeregt werden, auch das infrage zu stellen, was sie für offensichtlich halten. Mögliche Schwierigkeiten ergeben sich nicht aus einer zu komplizierten Ausdrucksweise, sondern aus der Konsequenz, mit der ich meine Methode anwende.

Auch hier: ein Beispiel bitte!

Nehmen Sie die allgemein verbreitete Abneigung gegen „Massentierhaltung“. Selbst engagierte Kritiker des Vegetarismus beeilen sich zu versichern, dass sie „Massentierhaltung“ auf das Schärfste verurteilen. Damit schwächen sie ihre Argumentation bis zur Wirkungslosigkeit ab. Denn der Affekt gegen „Massentierhaltung“ ist den Menschen vor allem von Tierrechtlern antrainiert worden. Wer ihn teilt, hat damit bereits einen Vertrag mit dem Veganismus unterschrieben. Dies lege ich im Buch ausführlich dar. „Massentierhaltung“ wird dort weder verteidigt noch verurteilt. Ich zeige vielmehr, dass es keine Position gibt, von der aus die Ablehnung derselben als rational begründet gelten kann. Der Ausdruck ist eine reine Kampfparole. Wenn die Bürger weiterhin Fleisch und Tierprodukte nutzen wollen, kommen sie nicht umhin, ihren Affekt gegen die „Massentierhaltung“ aufzugeben. Denn genau das ist der Türspalt, durch den ethische Vegetarier ihre ganze Weltanschauung zwängen.

Ob die Leser Ihnen darin folgen werden?

Warum nicht? Wer überhaupt für Argumente empfänglich ist, kann auch für dieses Argument empfänglich sein. Ich mache mir aber insgesamt keine Illusionen: Das Buch kommt zu einer Zeit, in der die Debatte längst zugunsten des ethischen Vegetarismus entschieden zu sein scheint. Doch vielleicht ist es ja genau der richtige Zeitpunkt, da die unangenehmen Konsequenzen in Gestalt von Verboten und Gängelung immer deutlicher erkennbar werden. Mein Buch kann dazu beitragen, dass die Menschen nicht auf Sündenböcke eindreschen, die ihnen von vegetarischer Seite präsentiert werden. Ganz allgemein ist das Buch schlicht ein Beitrag zur Meinungsvielfalt. Denn es wird vielen aufgefallen sein, dass von Pluralität beim Thema Fleischkonsum in der veröffentlichten Meinung nicht wirklich die Rede sein kann.

Klaus Alfs Buch  „Kritik der vegetarischen Ethik: Wie vernünftig ist der Verzicht?“ erscheint am 31.10.2019

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5 Kommentare zu “Klaus Alfs: Kritik der vegetarischen Ethik

  • #1
    Aude

    Ich dachte, ich begebe mich mal als Veganerin aus meiner Filterblase und lese dieses Interview. Aber es wird ja am Anfang im Bezug auf Klimaaspekte hauptsächlich ziemlich pauschal schwadroniert, weshalb man darauf gar nicht richtig eingehen kann, für die nötigen Details muss man wohl das Buch lesen. Aber gut, es wird ja auch schnell zur Ethik geschwenkt. Der Knackpunkt hier ist ja anscheinend, dass man gar nicht auf Leidfähigkeit von Tieren eingehen muss, da dies als Punkt zur moralischen Berücksichtigung im Widerspruch zur nicht anthropozentrischen Betrachtung stünde. Da sich die Relevanz der Leidfähigkeit nur aus der menschlichen Leidfähigkeit herleite. Aber das stimmt doch so nicht ganz, das ist doch nur der Abwesenheit einer anderen Eigentschaft geschuldet, die wir erkennen könnten. Ja, was wir erkennen können, leitet sich daraus her, was wir erleben können, aber könnten wir etwas nicht erleben aber dennoch erkennen wäre es trotzdem relevant, wenn man ethisch handeln will. Und selbst wenn man unbedingt anthropozantrisch bleiben will, verroht unser Umgang mit Tieren sicherlich den Menschen, da wir mit dem Ausblenden von Tierleid erlernen, dass man Leid einfach ausblenden darf, obwohl man es erkennt.

  • #2
    Aude

    Nachtrag:
    Zudem wir auch ziemlich sicher wissen, dass Tiere leidensfähig sind, hat ja jeder empathisch intakte Mensch auch Mitleid mit Tierleid und Leid eines vernunftbegabten Wesens zählt doch auch nach anthropozentrischer Beurteilung.

  • #3
    Matti Ostrowski-Klein

    Hahaha ich muss herzhaft lachen. So ein schlechter Versuch.
    Im Prinzip besteht die Argumentation aus argumentativ wertlosen ad-hominem Argumenten
    "weil vegetarier sich nicht an ihre eigenen Regeln halten, sind ihre Inhalte falsch". So ein rhetorisch billiger und intellektuell unterfordernder Versuch die Argumente der Vegetarier zu "entkräften"

  • #4
    Ivan

    „Trotz oder gerade wegen des medialen Trommelfeuers für einen Wohlstandsverzicht um der Tiere willen betrachten viele Menschen jene Entwicklung wohlwollend oder billigend.“

    Ein Verzicht auf Fleisch bedeutet jedoch nicht, generell auf Wohlstand zu verzichten. Als ob es keine wohlschmeckenden Alternativen gäbe …

    „Man arbeitet mit Angst, Drohungen, negativen Verheißungen, Berufung auf höhere Mächte, moralischen Anklagen, Empörung und vielem anderen mehr. […] Es steht außer Frage, dass vegetarische Protagonisten die Mittel des Überredens sehr gut beherrschen. Es steht aber /in/ Frage, ob sie die Ansichten von Bürgern, die sich nicht über den Löffel balbieren lassen, ohne rhetorische Tricks in ihrem Sinne zu ändern vermögen.“

    Es ist sicher richtig, dass man jemanden zu etwas überreden kann, ohne ihn von der Sinnhaftigkeit dessen zu überzeugen, nur würde ich nicht alle möglichen moralischen Anklagen und negativen Verheißungen als faule rhetorische Tricks abstempeln, es geht ja hier gerade um eine ethische Frage („moralische Anklagen“) und eine negative Verheißung kann doch überzeugend sein, solange gut untermauert wird, dass das Verheißene bei Nichtbefolgung tatsächlich eintritt.

    „Wer die Sache mit emotionalem Abstand betrachtet, kann die Begeisterung der Beteiligten für ihre eigene Arbeit nicht nachvollziehen.“

    Was zählt Alfs denn alles zur Emotionalität? Komplett emotionsbefreit verspürt man auch nicht das Bedürfnis, sich um Ethik überhaupt zu kümmern.

    „Und zwar, so Lomborg, weil die Wirkung des allgemeinen Fleischverzichts gleich null wäre.“

    Nicht ganz null; was Lomborg eigentlich sagt: „Going vegetarian only reduces emissions by 2.1%
    4% from the food, but rebound (vegetarian food cheaper => increase in other consumption => slightly higher CO₂ emissions) lowers this reduction by 1.89%.“

    Für Kritik an der These vgl.: http://vegetarisk.dk/how-lomborg-is-manipulating-on-meat-climate-and-sustainability/

    „In Wahrheit haben die am meisten kritisierten Verfahren der Fleischproduktion aufgrund ihrer Effizienz den geringsten Klimafußabdruck. […] Es ist offenkundig, dass ethische Vegetarier das Klima nur vorschieben, um ihre Weltanschauung zu propagieren.“

    Neben dem Klimaschutz-Aspekt wäre da ja noch der (für mich eigentlich entscheidende) tierschützerische Aspekt – wobei jemand, der tierethisch motiviert ist, dennoch zusätzlich auf andere Vorteile eines Umstiegs auf tierlose Landwirtschaft gegenüber dem Status quo hinweisen kann.

    „Widersprüchlich wird das Ganze erst durch Singers Forderung, dass Ethik nicht vom Menschen her definiert werden, also nicht anthropozentrisch sein dürfe. […] Denn es ist ja erkennbar anthropozenrisch, die Eintrittskarte in den moralischen Club nach dem Kriterium zu vergeben, ob Wesen ‚uns‘ in irgend einer Weise ähneln oder gleichen.“

    Na ja, je nachdem, was mit Anthropozentrismus gemeint ist. Wenn ein Mensch etwas beurteilt, dann tut er das natürlich aus seiner und somit aus der Perspektive eines Menschen heraus. Das ZIEL ist hier aber die Erkenntnis, ob ein Wesen Leid empfinden kann (Pathozentrismus), wenngleich dazu freilich Analogieschlüsse vom Menschen aus herangezogen werden.

    „Es ist wichtig zu betonen, dass die ethischen Vegetarier in der Bringschuld sind. […] Die skeptische Position trägt hingegen keine Begründungslast, muss auch ihrerseits nichts Schlüssigeres präsentieren.“

    Die Position der ethischen Vegetarier bedarf also einer Begründung, die Gegenposition aber nicht? Interessant. Darf ich alles tun (Vergewaltigung, Mord etc.), solange mir niemand überzeugend und formal korrekt dargelegt hat, dass ich es nicht tun sollte?

    Ziemlich oft wird man in einem umfassenden ethischen System (egal ob für oder wider das Töten von Tieren zur Nahrungsgewinnung) etwas finden, was nach einem wunden Punkt anmutet – auf diese Weise kann Alfs so tun, als hätte er gezeigt, es sei vollkommen in Ordnung, Tiere zum Essen zu töten. Wie bequem! Problem: Dass bestimmte Begründungen nicht überzeugend oder fehlerhaft sind, bedeutet nicht, dass sich überhaupt keine überzeugende Begründung anführen lässt. Es stellt sich eben die Frage, für welche der Positionen Überzeugenderes präsentiert werden kann.

  • #5
    MA pol Dragan Pavlovic

    Vielen Dank an Klaus Alfs, dass er sich die Mühe macht niveauvoll und solide mit den ethischen Scheinargumenten der Radikalen Veganer (RVegs) auseinanderzusetzen. Das Buch ist ein Muss für jeden der nun prüfen möchte ob Klaus Alfs hält, was er verspricht: Eine stichhaltige Kritik der vegetarischen Ethik zu liefern.
    Mir selbst erscheinen schon grundlegende Argumente der veganen Fraktion unplausibel, hier nur das offensichtlichste: Entweder der Mensch hat sich schon immer gegen die Tiere als deren Konsument versündigt oder er hat es nicht. Das Urteil den Menschen in Ernährungsfragen mit Tabus zu belegen und zum Sünder zu stempeln ist per se menschenverachtend und wohlbekannt aus diversen Religionen. An Sexualtabus glaubt kein Mensch mehr. Ernährungstabus hingegen werden unhinterfragt "geschluckt" nachdem sie wieder aufgewärmt wurden. Noch. Die langfristige Perspektive – ginge man nun davon aus, der Mensch wäre ein Verbrecher wider die "Mitgeschöpfe" von Anfang an – hätte rechtliche Konsequenzen von nicht absehbarer Tragweite. Mit welcher Argumentation soll einmal begangenes Unrecht nachträglich geheilt werden? Wie kann ein Mensch der in seinem Leben ein Schnitzel und ein Glas Milch getrunken hat und zum "Mörder" oder zum "Kollaborateur der Mörder" geworden ist (das Urteil der Veganer!), jemals freigesprochen werden? Da Mord nicht verjährt, trifft der Vorwurf der Radikalen Veganer wider die Vegetarier und die Menschen mit abwechslungsreicher Ernährung sie selbst: Sie sind die grössten Heuchler einer ethischen Überlegenheit. Fast ausnahmslos war jeder Veganer selbst ein Mörder – nach den eigenen erhobenen & unerreichbaren Kriterien von ethischer Reinheit und absoluter Güte. Die Weltfremdheit und der Tugendterror mit dem sie sich selbst quälen und ihre Mitmenschen traktieren ist wohl bekannt von schizophrenen Störungen wie der Psychologe Prof. Hans Schauer darlegt: http://hansschauer.de/html/dir4/ch08.html

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