Meine Leute

Hauptschule Butendorf Foto: W.Strickling Lizenz: CC BY-SA 4.0

Ich halte nichts von Degrowth oder Postwachstumsökonomie und das habe ich an dieser Stelle in vielen Artikeln auch immer wieder geschrieben. Ich möchte erklären, warum das so ist.

Das Konzeptwerk Neue Ökonomie ist der Ansicht, dass die Wirtschaft künftig schrumpfen muss. Seine Arbeit wird zu einem erheblichen Teil vom Staat finanziert. Heinrich Bedford-Strohm, der evangelische Landesbischof Bayerns, sagte zur Eröffnung des Kirchentages in Nürnberg: „Wir werden unser Glück nicht mehr am Wachstum des materiellen Wohlstands festmachen, sondern am Wachstum des Beziehungswohlstands. Wir werden unsere Freiheit nicht mehr danach beurteilen, wie hoch der Tachometer gehen darf, sondern dass wir uns schöpfungskonform fortbewegen.“ Ulrike Herrmanns Buch “Das Ende des Kapitalismus: Warum Wachstum und Klimaschutz nicht vereinbar sind“ war ein Bestseller und brachte der taz-Redakteurin und Armutspredigerin zahlreiche Talkshowauftritte ein. Wen wundert es? Vor allem bei den öffentlich-rechtlichen Sendern ist Wirtschaftswachstum nicht beliebt. Bei ihnen steht das Schrumpfen der Wirtschaft schon aus angeblich ökologischen Gründen hoch im Kurs – zumindest so lange, wie die Haushaltsabgabe wächst, mit der die Senderparty finanziert wird. Und klar, auch auf der Republica 23, dem vom Staat mitfinanzierten Spektakel der grünen Digital-Blase, war der Abschied vom Wachstum ein Thema. Um das live miterleben zu können musste man allerdings tief in die Tasche greifen: Das Standardticket kostete 299 Euro.

Mir ist dieses Denken vollkommen fremd, ja, ich lehne es ab. Ich wurde 1964 in Gelsenkirchen geboren und wuchs nebenan in Gladbeck auf. Meine Mutter und ich wohnten damals bei meinen Großeltern. Die Wohnung in der wir lebten war gut 60 Quadratmeter groß, wurde mit Kohleöfen beheizt und hatte anfangs kein Badezimmer. Ich erinnere mich noch gut daran, wie die Handwerker das Bad kurz bevor ich in die Grundschule kam einbauten.

Wir waren nicht arm. Zu dieser Zeit arbeitete mein Großvater noch als Sprengmeister auf der Zeche Graf Moltke und meine Mutter war technische Assistentin bei Siemens. Zwei Einkommen, das Geld war nicht knapp. Aber so wie die Wohnung in der ich damals lebte sahen viele in Deutschland in den 60er-Jahren aus. Die meisten Altbauten waren noch nicht renoviert. Ein Auto hatten wir nicht. Erst in den 70er Jahren machte meine Mutter ihren Führerschein. Das erste Auto kam dann ein paar Jahre später. Es war ein Opel-Kadett D Diesel. Bis vor Kurzem wäre er wegen seines geringen Verbrauchs als Öko-Auto durchgegangen.

Als ich Mitte der 80er-Jahre meinen Zivildienst beim mobilen-sozialen Hilfsdienst der Arbeiterwohlfahrt in Gelsenkirchen ableistete, lebten viele der alten Menschen bei denen ich putzte in Wohnungen mit Toilette auf dem Flur. Kohleöfen waren häufig, Wohnungen ohne Bäder keine Seltenheit. Es sagt sich leicht, dass der Wohlstand in Deutschland sinken muss, wenn man sich nicht vorstellen kann, was das in der Wirklichkeit bedeutet. Wenn man ahnt, was da auf die Menschen zukommt, ist man von dieser Idee nicht begeistert.

Aber es geht mir bei meiner Ablehnung der ökobourgeoisen Verherrlichung des einfachen Lebens auch um die Menschen, deren Leben diese Politik stark verändern wird, es geht mir um „meine Leute“.

Mit einer Unterbrechung von fünf Jahren, die ich in Frankfurt lebte, wohnte ich bis 1996 im Gladbecker Stadtteil Butendorf. 1996 zog ich dann nach Bochum. Viele Kinder mit denen ich aufwuchs stammten wie ich aus der Arbeiterklasse. Bei ein paar waren die Eltern kleine Angestellte. Der Vater eines Freundes von mir war sogar Unternehmer: Er backte Pita-Brote für griechische Imbisse.

Meine Schullaufbahn verlief nicht gradlinig. Von 15 bis 17 widmete ich mein Leben der Vernichtung des Kapitalismus. Der hatte damit letztendlich kein größeres Problem, aber da ich der irrigen und pubertären Ansicht war, dass ein Revolutionär nichts auf der Schule zu suchen hat, musste ich Ende der neunten Klasse das Gymnasium verlassen und verbrachte die Zehn auf dem Zweig auf der Hauptschule, von dem aus man nach dem Abschluss auf das Gymnasium wechseln konnte. Das war mein Plan und er ging auf: 1986 machte ich dann doch noch mein Abitur. Aber das Jahr auf der Hauptschule prägte mich trotzdem: Zum einen waren da die Mitschüler in meiner Klasse: Sie gehörten zu den besten Schülern der Hauptschule Butendorf und wollten weiterkommen. Sie träumten vom Gymnasium, dem Besuch der Fachoberschule oder einer Ausbildung, für die man einen Sekundarstufe I Abschluss brauchte. Sie wollte bessere Jobs, ein besseres Leben und träumten vom Aufstieg. Der gelang nicht immer wie geplant. Am Ende war ich der Einzige, der das Abitur schaffte, aber das lag nicht daran, dass sie dümmer waren als ich: Die Kultur auf dem Gymnasium war ihnen fremd, sie wurden unsicher und scheiterten auf diesem Weg. Eine Ausbildung haben sie am Ende alle gemacht und, soweit ich es beurteilen kann, haben sie auch gute Jobs gefunden.

Und dann waren da diejenigen, die ich auf dem Schulhof und im Viertel traf. Zwei 14jährige Jungs zum Beispiel, die, natürlich ohne ein Motorrad oder auch nur ein Mofa zu besitzen, eine Rockergruppe gegründet hatten. Sie versuchten sich als Kleinkriminelle, gerieten schnell in Visier der Polizei und wollten sich ins Ausland absetzen.  Über den Hafen von Rotterdam sollte es nach Südamerika gehen. Zwei Wochen nach dem Beginn der Flucht traf ich einen von ihnen an der Bushaltestelle wieder. Die Windpocken zwangen sie zur Rückkehr nach Gladbeck. Auch die beiden begannen irgendwann eine Lehre, kamen durch, gründete eine Familie und führten ein normales Leben.

Die Menschen aus meinem alten Stadtteil, meiner Schule, sie sind für mich genauso meine Leute, wie meine heutigen Freunde: Zu den zählen Facharbeiter, Handwerker und natürlich auch Akademiker. Diejenigen von ihnen, die studiert haben, waren meistens in ihren Familien die ersten, die zur Uni gingen. Und das haben sie auch nicht vergessen.

Meine Leute: Ich weiß, dass das kitschig klingt und der Begriff keine gedankliche Tiefe hat. Es geht dabei um vor allem um ein Gefühl. Aber mir ist es wichtig, dass es ihnen gut geht, und ich bin mir ziemlich sicher, dass es das nur tut, wenn sie in einem Land leben, in dem die Wirtschaft wächst und das zugleich eine Demokratie ist. Niemand von ihnen träumte je von sozialistischen Experimenten oder von der heute angesagten und ökologisch angehauchten Version des Antikapitalismus, der Postwachstumswirtschaft. Sie sind zu klug, um auf solche Gedanken reinzufallen. Zudem ist eine handwerklich-technische Ausbildung, zu der immer auch Kenntnisse über physikalische Grundlagen gehören, eine gute Basis, um zu erkennen, dass hinter den Plänen der Energiewende mehr Wollen als Wissen steht. Für sie lässt sich das Klimaproblem nur technisch lösen. Angst vor Kernenergie und Gentechnik haben sie nicht, aber natürlich ist ihnen Furcht nicht fremd: Sie wissen, was Wohlstandsverluste bedeuten, weil sie sich alle an Zeiten erinnern, in denen es ihnen deutlich schlechter ging als heute. Und dahin wollen sie nicht zurück. Sie haben aus guten Gründen Angst vor dem Alter, denn gerade werden ihre Ersparnisse entwertet. Viele ihrer Jobs in der Industrie sind in Gefahr. Und sie wissen, dass das Aufstiegsversprechen der Bundesrepublik für ihre Kinder keine Gültigkeit mehr haben wird, denn dafür braucht es eine Wirtschaft, die wächst.

Die ideologische Energie- und Wärmewende Deutschlands erkennen sie als einen Angriff der grünen Bürgerkinder. Für sie gibt es in dieser Frage kein „Kommunikationsproblem“, sie haben nichts „falsch verstanden.“ Sie können sich diese Politik schlicht nicht leisten und sie wissen das.  Ich kann sie gut verstehen, ich habe viel von ihnen gelernt und sie sind mir wichtig. Es sind ja schließlich meine Leute.

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