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Monsanto: Willkommen in Leverkusen

Bayer-Kreuz Foto: H005 Lizenz: Gemeinfrei

Aus Bayers Monsanto-Übernahme können Impulse beim Kampf gegen den Welthunger folgen. Dem steht aber die Dämonisierung der grünen Gentechnik und der modernen Landwirtschaft durch Bioromantiker im Wege. Von unserem Gastautor  Kolja Zydatiss.

Seit dem 7. Juni ist es amtlich. Der deutsche Traditionskonzern Bayer hat das US-amerikanische Biotechnologieunternehmen Monsanto für rund 54 Milliarden Euro übernommen. Wenige Tage zuvor hatten die Kartellwächter vom amerikanischen Justizministerium dem Deal zugestimmt, der somit die letzte bürokratische Hürde genommen hat.

Bayers Stärke war bisher das Pharmageschäft. Außerdem ist man der weltweit zweitgrößte Hersteller von Pflanzenschutzmitteln. Neben dem Leverkusener Konzern (Jahresumsatz: 35 Milliarden Euro) wirkt Monsanto wie ein Zwerg. 2017 machte das Unternehmen aus St. Louis/Missouri cirka 13 Milliarden Euro Umsatz (also etwas weniger als die beliebte amerikanische Biosupermarktkette „Whole Foods Market“).

Mit der Monsanto-Übernahme kauft sich Bayer vor allem Expertise bei der Herstellung von gentechnisch verändertem Saatgut ein. Es ist dieser Fokus auf die umstrittene grüne Gentechnik, der Monsanto zum vielleicht verhasstesten Unternehmen der Welt gemacht hat. In den letzten Jahren gab es regelmäßige Demos („March against Monsanto“) und ein von NGO-Aktivisten organisiertes pseudojuristisches „Monsanto-Tribunal“, bei dem das Unternehmen des „Ökozids“ beschuldigt wurde. Unter dem Hashtag #MonsantoEvil werden die vermeintlichen Missetaten des Konzerns in den sozialen Medien protokolliert.

Hierzulande wird der Hass auf Monsanto durch eine technophobe Grundstimmung und antiamerikanische Reflexe besonders befeuert. Viele Deutsche sind von einer romantischen Skepsis gegenüber technologischen Neuerungen geprägt und halten die USA für einen großen Vergifter, der ihrekostbaren Körpersäfte mit „Genen“, „Hormonen“ und „Chlor-Hühnchen“ verunreinigen will. Vor diesem Hintergrund mutiert „Mon$anto“ (oder „Monsatan“) zur Verkörperung des Bösen schlechthin.

Bei genauerer Betrachtung entpuppt sich ein Großteil der Kritik jedoch als Hysterie. Wie jedes profitorientierte Unternehmen ist Monsanto keinesfalls ein Wohltätigkeitsverein oder über jede Kritik erhaben. Während des Vietnamkriegs war Monsanto etwa einer der größten Produzenten des hochgiftigen Entlaubungsmittels Agent Orange. Heute gehen die Anwälte des Unternehmens mit aller Härte gegen Landwirte vor, die seine patentierten Pflanzensorten ohne Erlaubnis anbauen.

Man kann darüber diskutieren, ob das Patentrecht reformiert werden muss. Für die überschäumende Wut, die Monsanto vielerorts entgegenschlägt, gibt es jedoch keinen Anlass. Unzählige wissenschaftliche Studien haben gezeigt, dass gentechnisch veränderte Pflanzen nicht gefährlicher für die Umwelt oder Verbraucher sind als konventionell gezüchtete. Das verschriene Herbizid Glyphosat, von Monsanto unter dem Markennamen Roundup auf den Markt gebracht, gehört tatsächlich zu den Umweltschonenderen (erst recht im Vergleich zum „natürlichen“ Schwermetall Kupfer, das in der Bio-Landwirtschaft als Alternative verwendet wird). Und die vielbeschworene Schauergeschichte von den angeblich „tausenden indischen Bauern“, die wegen Monsantos „Gen-Baumwolle“ Selbstmord begangen hätten, ist Fake News vom Feinsten.

Letztlich geht es in der Monsanto-Debatte nicht wirklich um das Unternehmen und seine Geschäftspraktiken, sondern um die Bewertung der modernen Landwirtschaft im Allgemeinen. In den Augen seiner Kritiker steht Monsanto für eine moralisch verdorbene konventionelle Landwirtschaft, die von „Großinvestoren“, „Ackergiften“, „Massentierhaltung“ und „Agrogentechnik“ geprägt ist. Dieser „Agrarindustrie“ wird das Ideal einer „biologischen“ oder „bäuerlichen“ Landwirtschaft gegenübergestellt, die mit „traditionellen“, „natürlichen“ Methoden arbeitet und viel besser für Mensch und Umwelt sein soll.

Dabei ist jede Form von Landwirtschaft ein tiefer Eingriff in die Natur, und damit schon per Definition „unnatürlich“. Es spricht vieles dafür, unsere Nahrung auf eine Weise zu produzieren, die Ressourcen und Artenvielfalt schont. Bei der Biolandwirtschaft handelt es sich jedoch nicht um ein offenes System, das neue wissenschaftliche Erkenntnisse und Innovationen berücksichtigt, sondern um eine rigide Ideologie.

Die Wurzeln des Biolandbaus liegen in der sogenannten Lebensreformbewegung des 19. und frühen 20. Jahrhunderts. Deren Anhänger lehnten Urbanisierung und Industrialisierung ab und strebten nach einem idealisierten „Naturzustand“. Abgesehen von technischen Hilfsmitteln wie Traktoren sind Biobauern so ziemlich alle Innovationen verboten, die seit der Mitte des 18. Jahrhunderts in der Landwirtschaft dazugekommen sind, u.a. Mineraldünger, synthetische Pflanzenschutzmittel und natürlich Gentechnik. Der Autor Ludger Weß vergleicht den Biolandbau daher mit einer Medizin, die bewusst auf Errungenschaften wie Röntgen oder Antibiotika verzichtet.

Diese Selbstbehinderung führt vor allem zu einer horrenden Ineffizienz. Je nach Nutzpflanze ist 20 bis 50 Prozent mehr Fläche nötig, um gleich viel zu ernten wie im konventionellen Landbau. Immer wieder müssen ganze Ernten aufgrund von Schädlingsbefall entsorgt werden. Pro Flächeneinheit lassen sich für die Biolandwirtschaft einige ökologische Vorteile nachweisen. Durch die geringere Produktivität werden diese jedoch relativiert bzw. ins Gegenteil verkehrt. Mehr Anbaufläche bedeutet vor allem weniger Natur. Tatsächlich hätte eine Komplettumstellung auf Bioprodukte die großflächige Zerstörung von Wäldern, Steppen und Feuchtgebieten mitsamt der dort lebenden Wildtiere und -pflanzen zur Folge.

Nicht Bullerbü-Romantik, sondern High-Tech ist der Schlüssel zu einer Landwirtschaft, die das inflationär genutzte Etikett „nachhaltig“ wirklich verdient hat. Die verteufelten „konventionellen“ Landwirte produzieren nicht nur immer größere Erträge auf immer weniger Fläche. Es gelingt ihnen auch, ihren Pestizid-, Wasser- und Düngemittelverbrauch immer weiter zu reduzieren. Auf modernen Höfen überfliegen Drohnen die Felder. Anhand der gesammelten Daten können verschiedene Teile des Ackers individuell behandelt werden (mit einer Präzision von wenigen Quadratmetern). Bei Pflanzen, die in Reihen angebaut werden, sorgt die Echtzeitkinematik für eine zentimetergenaue Ausbringung von Substanzen (Dünger, Fungizide und Insektizide über den Reihen, Herbizide zwischen den Reihen).

In Zukunft wird auch die Grüne Gentechnik eine immer wichtigere Rolle in der Landwirtschaft spielen. Korrekt angewandt kann sie den Pestizideinsatz weiter senken und die Erträge weiter steigern. In einer Welt, in der die Bevölkerung rasant wächst und der steigende Meeresspiegel viele bisher genutzte Agrarflächen in Küstennähe versalzen wird, ist die Möglichkeit, Nutzpflanzen gentechnisch zu optimieren, kein Kuriosum oder nette Zusatzoption, sondern ein lebensrettendes Werkzeug.

Durch die Bayer-Monsanto-Fusion wird Know-How in den Bereichen Pflanzenschutz und Gentechnik in einem neuen transatlantischen Konzerngebilde gebündelt. Auf dem Papier ist ein mächtiger Akteur entstanden, der das Potential hat, bei der Lösung wichtiger Menschheitsprobleme, wie Hunger und Mangelernährung, mitzuhelfen. In der Praxis wird Bayer Crop Science (der Name Monsanto soll vollständig verschwinden) wohl durch das deutsche Misstrauen gegenüber der „Agrarindustrie“ im Allgemeinen und der grünen Gentechnik im Besonderen ausgebremst werden.

Wie kaum eine andere Branche muss die moderne, hochtechnisierte Landwirtschaft mit einer extremen Kluft zwischen realen Leistungen und öffentlichem Image kämpfen. Vielen Menschen ist nicht bewusst, dass die verfemte „Agrarindustrie“ in unseren Breitengraden den Hunger und die harte körperliche Arbeit abgeschafft hat, die das Leben unserer Vorfahren prägten. Auch die Fortschritte bei Umweltschutz werden kaum gewürdigt.

Am miesen Image der konventionellen Landwirtschaft wird sich fürs Nächste wohl wenig ändern. Gibt es dennoch einen Lichtblick? Vielleicht. Durch die Bayer-Monsanto-Fusion sitzt der verhassteste Vertreter der Agrarindustrie künftig nicht mehr im fernen Amerika. Ob der Große Satan den Deutschen sympathischer wird, wenn er am Rhein wohnt?

Der Artikel erschien bereits auf Novo

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