Norbert Bolz: Zurück zur Normalität

Norbert Bolz in einer Phoenix-Talkshow Screenshot: Ruhrbarone


Es wirkt wie ein irrer Zufall. Nur wenige Wochen nach Erscheinen von Norbert Bolz’ Buch „Zurück zur Normalität. Mit Augenmaß und gesundem Menschenverstand“ bekam der Medienwissenschaftler am 23. Oktober dieses Jahres frühmorgens Besuch von der Polizei, ausgelöst durch Ermittlungen wegen eines Posts in den sozialen Medien.

Und es scheint fast so, als habe das Buch diesen problematischen Schritt erst ausgelöst, schließlich lag der betreffende Tweet auf X (vormals Twitter) bereits länger als eineinhalb Jahre zurück – und mit Normalität dürfte die aktuelle Meldemuschimentalität gewisser Kreise wohl sowieso nichts am Hut haben. Eine bessere Werbung für sein Buch und einen stärkeren Beleg für seine Thesen kann sich Bolz jedenfalls kaum vorstellen.

Das Buch selbst, erschienen am 24. Juni 2025 bei LangenMüller, ist ein kulturkritischer Essay, der die Gegenwart als Kampf um Selbstverständlichkeiten beschreibt. Bolz’ Leitidee ist der „Zangenangriff“ auf die bürgerliche Gesellschaft. Von der einen Seite komme „Wokeness“, die früher Normales pathologisiere oder moralisch verdächtig mache. Von der anderen Seite stehe ein politisch medialer Alarmismus, der das Außergewöhnliche zur Dauerlage erkläre und damit den Ausnahmezustand normalisiere.

Am schärfsten ist Bolz dort, wo er den Normalitätsbegriff als Errungenschaft verteidigt. Im Interview beschreibt er Normalität als das, was sich bewährt hat, worauf man sich verlassen kann, was funktioniert und zur Selbstverständlichkeit geworden ist, ohne dass es jemand zentral festlegt. Genau hier liegt aber auch die Sollbruchstelle. „Bewährt“ ist kein neutraler Maßstab, sondern hängt von Perspektive, Zeitraum und Machtverhältnissen ab. Bolz räumt ein, dass Wandel Fortschritt sein kann, zieht die Grenze zur „Überdehnung“ aber oft nach eigener Intuition. Manchmal fehlt es so an wissenschaftlicher Tiefe, wobei die Frage ist, ob Bolz hier überhaupt wissenschaftlich unterwegs sein wollte oder es ihm tatsächlich um ein Meinungswerk ging.

Stilistisch ist das typisch Bolz. Pointiert, aphoristisch, teils polemisch. Das liest sich schnell und streitbar, trennt aber nicht immer sauber zwischen Diagnose, Wertung und Beleg. Manchmal möchte man „Kommentar“ über die Seiten schreiben, Beim Alarmismus, den er auch mit der Corona-Zeit verbindet, trifft er einen Nerv. Die Erschöpfung durch moralische Überhitzung, Empörungsschleifen und Lagerdenken ist real. Gleichzeitig wirkt seine Konflikterzählung stellenweise grob, wenn sie Kulturkämpfe vor allem als Kampf „Eliten“ gegen „normale Leute“ rahmt. Das ist zwar durchaus korrekt, aber eben nicht durchgehend.

Unterm Strich ist „Zurück zur Normalität“ weniger Beruhigung als Intervention. Wer eine scharf formulierte Gegenrede zum Zeitgeist sucht, wird fündig. Wer nüchterne Sozialwissenschaft und breite empirische Absicherung erwartet, wird sich an der Zuspitzung reiben. Mich jedenfalls enttäuscht das Buch nicht, schließlich verrät bereits der Begriff „Augenmaß“ im Untertitel bereits, dass es eher um subjektive Empfindungen als um empirische Weisheiten gehen wird.

Norbert Bolz - Zurück zur Normalität
Norbert Bolz – Zurück zur Normalität

 

 

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paule t.
paule t.
1 Monat zuvor

Norbert Bolz ist mir in jüngster Zeit vor allem durch seine Stellungnahme zum Ausschluss des Rechtsextremisten Joachim Paul von der Oberbürgermeisterwahl in Ludwigshafen aufgefallen.
https://www.welt.de/videos/video68984766dbbc3327c9f828e6/afd-kandidat-paul-in-ludwigshafen-medienwissenschaftler-bolz-das-ist-der-extremste-akt-von-realitaetsflucht.html

Da hat er behauptet, es ginge nur um „Machtpolitik“, genauer gesagt:
„Es geht um die prinzipielle Ausschaltung der Opposition.“ Damit schließt er sich vollständig der Selbstdarstellung der AfD an, dass nur sie Opposition wäre, die anderen Parteien dagegen keine Opposition sein, auch wenn sie tatsächlich – als nicht an der Regierung beteiligte, diese kontrollierende und kritisierende Parteien – natürlich sehr wohl sind. Denn tatsächlich gab es bei der Wahl in Ludwigshafen ja auch ohne diesen Rechtsextremisten immer noch 4 Kandidaten, die für ganz unterschiedliche politische Ansichten und Ziele standen. Es wurde also nur ein oppositioneller Kandidat ausgeschlossen, keineswegs „die Opposition“ und schon gar nicht „prinzipiell“.

Weiterhin hat er dazu behauptet: „Das ist offensichtlich ein Rechtsbruch.“ Leider hat er es sich dabei gespart, diese Behauptung irgendwie zu begründen.
Das wäre ja auf zwei Ebenen möglich: Man könnte – formale Ebene – in die einschlägigen Gesetze (Gemeindeordnung und Kommunalwahlgesetz Rheinland-Pfalz) schauen, ob der Wahlausschuss korrekt vorgegangen ist, sich bei der Begründung des Ausschlusses auf ein im Gesetz vorgesehenes Kriterium gestützt hat usw. (Spoiler: Ja. Die Vorgehensweise war korrekt, und die Bezugnahme darauf, dass es zur Wählbarkeit gehört, dass der Kandidat „die Gewähr dafür bietet, daß er jederzeit für die freiheitliche demokratische Grundordnung im Sinne des Grundgesetzes eintritt“, ebenfalls. Das wurde vor der Wahl auf allen Ebenen der Gerichtsbarkeit ohne den Hauch eines Zweifels bestätigt.)
Oder man könnte auf der inhaltlichen Ebene untersuchen, ob die Begründung, nämlich dass der Kandidat Zweifel an seinem Eintreten für die FDGO bietet, inhaltlich stimmt. Meiner Meinung nach ist ziemlich gut belegt, dass Paul rechtsextreme, gegen die FDGO gerichtete Positionen vertritt, mit anderen rechtsextremen Politikern und Organisationen zusammenarbeitet und diese, unter anderem mit Ressourcen aus seinem Landtagsmandat, auch unterstützt. Aber man könnte ja irgendwie dagegen argumentieren.
Auf beiden Ebenen versucht Bolz aber nicht einmal, ein Argument zu bringen. Da ist gar nichts. Muss man sich erst mal trauen, als Professor um seine Meinung gebeten zu werden, so steile Behauptungen rauszuhauen („prinzipielle Auschaltung der Opposition“, „Rechtsbruch“ usw.) und kein einziges Argument dafür zu bringen. (Dass die „Welt“ diese völlig argumentfreie Stellungnahme zugunsten eines Rechtsextremisten ohne jede kritische Rückfrage bringt, sagt übrigens auch viel über die „Welt“.)
Kann man so jemanden für irgendetwas ernst nehmen?

Und weiter schwafelt er dann ebenfalls in völliger AfD-Manier davon, wie angeblich alle möglichen Institutionen, vom Rundfunk bis zu den Gerichten, grün unterwandert wären, also wohl voreingenommn gegen die AfD wären. Mal eben die komplette Justiz und andere Institutionen delegitimiert, wieder ohne ein inhaltliches Argument. Und noch weiter reproduziert er völlig AfD-kompatible Positionen zu den angeblich ach so schrecklichen Zuständen in Ludwigshafen.

So. Und dieser Typ hat also nun ein Buch geschrieben, dessen Titel vom AfD-Wahlslogan „Deutschland. Aber normal.“ auf den ersten Blick nicht zu unterscheiden ist – und auf den zweiten wahrscheinlich auch nicht:
– „normale Leute“ gegen „Eliten“.
– Angebliche „Wokeness“ – ein völlig undefiniertes „Find-ich-doof“-Wort, das nur zur Feindbildmarkierung taugt – als Hauptgegner.
– Angstwahnphantasien von einer angeblichen „reeducation der weißen, heterosexuellen Männer“ – so als wäre es irgendwie problematisch weiß, heterosexuell und männlich zu sein. Bin ich alles auch, ohne dass mir irgendjemand deswegen irgendeinen Stress macht – man muss als weißer, heterosexueller Mann nur hinnehmen, dass man damit nicht mehr das Maß der Dinge ist, also nicht mehr „Normalität“ (!) repräsentiert und das nicht-weiße, nicht-männliche, nicht-heterosexuelle nicht mehr die Abweichung ist.
– Ebensolche lächerliche Angstphantasien, dass „bürgerliche Normalität“ nicht mehr akzeptiert würde und dass es eine „absolute Intoleranz gegenüber traditionellen Lebensformen“ gäbe. Völliger Bullshit: Die meisten meiner Freund:innen und Bekannten leben ganz traditionell in heterosexuellen Beziehungen, in der Mehrzahl verheiratet, mit 1 bis drei Kindern im eigenen Häuschen, und sind tatsächlich auch mehrheitlich „weiß“. Solche Leute sind in Deutschland in gar keiner Weise irgendwelcher Intoleranz ausgesetzt. Sie sitzen halt nur nicht mehr automatisch in der ersten Reihe und andere Leute werden zunehmend – noch lange nicht vollständig – auch als gleichwertig akzeptiert. Und das finden viele der angeblich ach so diskriminerten Leute in „traditionellen Lebensformen“ auch völlig OK, weil sie nämlich auch LSBTIQ-Leute, nicht weiße Menschen, nicht traditionell lebende Menschen unter ihren Kindern, Verwandten, Freund:innen, Bekannten, Kolleg:innen etc. haben und weil sie wollen, dass es diesen gut geht. Oder auch einfach, weil sie anständige Menschen sind, die nicht die Diskriminierung anderer brauchen, um sich „normal“ zu fühlen.
–> Die typische, rechte Sehnsucht nach einer „ordentlich geführten“ Gesellschaft, in der es eine klar den Ton angebende Gruppe gibt – eben die weißen, heterosexuellen Männer – und jede Abweichung davon, jede Gleichberechtigung anderer zur angeblichen Diskriminierung dieser Gruppe umgedeutet wird. Alles schon von den ersten zwei Seiten (Leseprobe sei Dank muss man dafür kein Geld ausgeben).

Dem Autoren der Rezension ist anzurechnen, dass er erwähnt, dass es „eher um subjektive Empfindungen“ geht und „an wissenschaftlicher Tiefe“ fehlt. Deutlicher: Die Bräsigkeit eines weißen, alten, heterosexuellen Mannes (was zu sein OK ist, kann man ja nix dafür), der möchte, dass weiße, alte, heterosexuelle Männer doch bitte wieder das Maß aller Dinge werden sollen (was als Meinung definitiv nicht OK ist).

Also: Danke nein. Wenn ich ein AfD-Wahlprogramm lesen möchte, besorge ich mir das umsonst und zahle nicht 24 E’s dafür.

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