Oberhausen: Wohnen im Schatten der Köpi-Arena


Oberhausen will die Neue Mitte ausbauen. Im Umfeld des Einkaufszentrums CentrO soll künftig auch gewohnt und geforscht werden.

Das CentrO in Oberhausen gehört zu den größten Einkaufszentren Deutschlands. 1996
eröffnet, sollte es der Kern einer selbstbewusst „Neue Mitte“ genannten neuen Innenstadt
werden. Davon ist nach 25 Jahren nicht viel zu sehen: Ein paar Bürogebäude, Discounter mit
großen Parkplätzen und eine Großspielhalle bestimmen das Umfeld der Shoppingmall. Das
soll sich nun ändern. Die Stadt Oberhausen hat, das renommierte Architektur- und
Planerbüro Albert Speer und Partner mit der Erstellung eines Masterplans Neue Mitte 4.0
beauftragt. Die Neue Mitte soll von einem außerhalb der Ladenöffnungszeiten öden Unort
zu einem lebendigem Stadtquartier werden. Nach den Plänen entstehen im Osten der noch
in großen Teilen unbebauten Fläche des ehemaligen Stahlwerks Gutehoffnungshütte
Wohnungen. Um das Fraunhofer-Institut Umsicht, das sich mit Umweltforschung
beschäftigt, sollen weitere Institute und Startups angesiedelt werden. Auch ein Teil der
Stadtverwaltung wird auf das Areal ziehen und das Versprechen, das im Begriff Neue Mitte
steckt, wahr machen: Ein Sozial-Rathaus soll mit 140 Mitarbeitern zieht in ein bereits
vorhandenes Gebäude ein.

Für die Stadt soll damit der Erfolgsgeschichte der Neuen Mitte weitergeschrieben werden:
„Die Neue Mitte“, antwortet die Stadt auf Anfrage der Welt am Sonntag, „hat sich mit 23
Millionen Besucherinnen und Besuchern im Jahr als größtes Urban Entertainment Center
Europas etabliert.“ Mit Gasometer, König Pilsner Arena und Centro sowie sei sie „eine
Destination von überregionaler Bedeutung“. Sie sei ein Beispiel für einen erfolgreichen
Strukturwandel, der noch nicht abgeschlossen sei. Zur Weiterentwicklung des von
vierspurigen Straßen durchzogenen Areals mit gewaltigen Parkplätzen soll auch in den
Nahverkehr investiert werden. So will die Stadt die Straßenbahn, die 1996 mit der Eröffnung
des Centros wiedereingeführt wurde, verlängert werden. Rad- und Fußwege sollen angelegt
werden und auch über Bau einer Seilbahn wird nachgedacht.

Wasser in den Planerwein gießt jedoch Amazon. Nachdem McFit-Gründer Rainer Schaller
seine Pläne in einer alten Thyssenhallen neben dem Centro die weltgrößte Fitnesshalle
The Mirai zu eröffnen aufgeben hat, will Amazon sie nun als Logistik-Standort nutzen.
Das Baurecht ist auf der Seite des Internethändlers. Die Lokalpolitik hofft nun, dass
das Verkehrskonzept, welches Amazon vorlegen muss, Möglichkeiten bietet, die
Ansiedlung doch noch zu verhindern. Ein Warenverteilzentrum passt so gar nicht in die
Aufwertungspläne von Speer und Stadt.

Die Neue Mitte 4.0 ist nicht der erste Versuch der Stadt Oberhausen, das Umfeld des
Centros weiterzuentwickeln. Vor 20 Jahren arbeitete die Stadt an dem Projekt Ovision.
Um einen mit Wagons befahrbaren Gläsernen Menschen herum waren ein
Tagungszentrum und Showrooms von Forschungseinrichtungen geplant. In ihnen sollte
Wissenschaft unterhaltsam vermittelt werden.

Mit 177 Euro Steuermitteln wollte Oberhausen damals für das Großprojekt von Land,
Bund und Europäischer Union als Förderung bekommen. 2006 beendete die damalige
Landeswirtschaftsministerin Christa Thoben die Pläne wegen wirtschaftlicher
Aussichtslosigkeit. Bereits ein Jahr zuvor hatte die Landesregierung festgestellt, dass
Oberhausen so pleite sei, dass es kein eigenes Geld in das Projekt stecken dürfe.

Als die Stadt wenige Wochen später einen irischen Investor präsentierte, der auf dem
Gelände eine Automeile oder ein internationales Mehrmarken-Autohaus
errichten wollte, war die Freude in Oberhausen zwar groß. Sie währte jedoch nicht
lang: Auch diese Pläne wurden nie umgesetzt.

Bis zum kommenden Frühjahr wollen die Stadt und die Planer von Speer und Partnern
nun, teilweise gemeinsam mit den Bürgern, am Masterplan weiterarbeiten. Dann wird
es darum gehen, Bauherren zu besorgen, Fördermittel einzuwerben und nach
Forschungsinstituten zu suchen, die sich in der größten Stadt Deutschlands ohne
Universität oder Fachhochschule ansiedeln wollen. Auch was Startups betrifft, steht
Oberhausen in einem scharfen Wettbewerb mit anderen Städten. Immerhin sind die
Pläne von Speer und Partner nicht von dem Größenwahn geprägt, der bislang die Neue
Mitte-Pläne kennzeichnete. Der führt zu vielen Flops. Aber ohne ihn würde es in der
Stadt auch nicht eine des größten Malls der Republik geben.

Der Artikel erschien in einer ähnlichen Version bereits in der Welt am Sonntag

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2 Kommentare

  1. #1 | Björn Wilmsmann sagt am 13. Juli 2021 um 19:34 Uhr

    Mit der seit 2020 nun deutlich breiteren Akzeptanz und Normalisierung von Remote Work und verteiltem Arbeiten ergäbe sich eine Chance, was die Ansiedlung von Forschungsinstituten und Startups angeht: Der geographische Ort und die physische Nähe z.B. einer Hochschule sind weitestgehend irrelevant geworden.

    Ob diese Chance von den verantwortlichen Stadtplanern auch so wahr genommen wird? Wer weiß. Bisher dachte man gerade im Ruhrgebiet ja doch eher in lokalen Kategorien und begrenzten Horizonten – mit dem Einkaufszentrum und der Innenstadt als Goldstandard der Stadtentwicklung.

    Was das Wohnen angeht, dürfte Oberhausens Chance vor allem als günstiger Vorort Düsseldorfs zu sehen sein: Die Landeshauptstadt und deren attraktives Angebot ist von dort schnell erreichbar (sogar mit dem Zug), aber Mieten und Immobilienpreise dort dürften dann doch um einiges niedriger liegen.

  2. #2 | Angelika, die usw. sagt am 14. Juli 2021 um 13:03 Uhr

    #1 "…Oberhausens Chance vor allem als günstiger Vorort Düsseldorfs…"

    @Björn Wilmsmann
    Wer mit seiner Familie in OB wohnt (günstiger als in D. (klar!), Mietpreis, Grundstückspreis), der muss seine schulpflichtigen Kinder aber in Oberhausener Schulen bzw. Schulen der Nachbarstädte unterrichten lassen, sicherlich nicht auch in D., dort wird nur der Arbeitsplatz der Eltern (oder eines Elternteils) sein.
    Und in OB wird gerade eine Grundschule geschlossen (hörte ich von einer Grundschullehrerin), nicht, wegen zu wenigen Schülern, sondern um Kosten zu senken (Heizung, Hausmeister, Gebäudesanierung usw.) – die Klassen anderer Grundschulen werden dadurch noch größer. Und die Ausstattung der Schulen in OB? So gut wie in D?

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