Ohne Grundlast gibt es weder Industrie noch Rechenzentren

Rechenzentrum in Indien Foto: PiDatacenters Lizenz: CC BY-SA 4.0

Wie alle Bundesregierungen der vergangenen Jahre hält auch die schwarz-rote Koalition unter Bundeskanzler Friedrich Merz an dem Plan fest, in Deutschland eine Energieversorgung ohne Grundlast aufzubauen.

Es war ein Tweet von erschreckender Schlichtheit, aber er beschreibt korrekt den Kurs des Umbaus der deutschen Energieversorgung. 2019 postete das Bundesumweltministerium, damals noch unter Leitung der ehemaligen AStA-Vorsitzenden der Ruhr-Universität Bochum, Svenja Schulze (SPD), auf dem heutigen X: „Grundlast wird es im klassischen Sinne nicht mehr geben. Wir werden ein System von Erneuerbaren, Speichern, intelligenten Netzen und Lastmanagement haben.“

Egal, ob – wie damals – Angela Merkel Kanzlerin war, Olaf Scholz oder wie heute Friedrich Merz die Regierung führt, ob CDU, SPD, Grüne oder FDP Teil von Koalitionen waren – der Satz ist längst zum Dogma der deutschen Energiepolitik geworden. Denn in Deutschland kann es nach dem Umstieg auf erneuerbare Energien keine Grundlast – also den Anteil an Strom, der zuverlässig und rund um die Uhr das ganze Jahr über zur Verfügung steht – nicht mehr in nennenswertem Umfang geben. Weder Sonne noch Wind liefern planbar Strom. Immer wieder kann es im Winter zu Dunkelflauten kommen, wenn Solaranlagen und Wind kaum Energie erzeugen.

Natürlich gibt es auch grundlastfähige regenerative Energien. Wasserkraftwerke liefern Strom zuverlässig das ganze Jahr über, aber im Gegensatz zu Norwegen, Schweden oder Österreich spielt Wasserkraft in Deutschland nur eine geringe Rolle. Das hat weniger damit zu tun, dass Deutschland keine großen Flüsse hat. Rhein, Donau und Elbe sind keine Rinnsale, aber sie eint, dass ihr Gefälle gering ist. Würde man den Rhein bei Königswinter stauen, würde die dort erzielte Wasserkraft kaum mehr als 700 Megawatt Leistung bringen – nicht mehr als die Hälfte dessen, was ein modernes Kernkraftwerk schafft.

In Deutschland sollen künftig vor allem Batteriespeicher dafür sorgen, dass der Strom auch fließt, wenn Sonne und Wind als Energiequellen ausfallen. Theoretisch ist das kein Problem, praktisch dagegen schon: Das deutsche Stromnetz ist nicht in der Lage, auch nur annähernd so viele Batteriespeicher anzuschließen, wie für eine sichere Versorgung notwendig wären. Und teuer würde es auch werden. Die Energieexperten gehen davon aus, dass man, um die 40 Gigawatt Strom für 24 Stunden zu ersetzen, die Sonne und Wind im Idealfall liefern, Batteriespeicher für 240 Milliarden Euro bauen müsste. Und nach 24 Stunden wären die dann leer – was bei einer Dunkelflaute von 14 Tagen unangenehm wäre: Es gäbe keinen Strom mehr.

Die Bundesregierung weiß das und hat längst darauf reagiert. Paragraf 14a des Energiewirtschaftsgesetzes sieht vor, dass Wärmepumpen, Wallboxen, Nachtspeicher-/Speicherheizungen, große Klimaanlagen und teilweise auch Batteriespeicher vom Netz genommen werden können, wenn der Strom knapp wird, das Verteilnetz überlastet ist oder eine Überlastung droht. Sie gelten als „steuerbare Verbrauchseinrichtungen“. Schon heute fahren Industriebetriebe ihre Produktion gegen Entschädigung herunter, wenn nicht genug Strom vorhanden ist.

Aber noch hat Deutschland Kraftwerke, die Grundlast liefern: Nachdem die letzten Kernkraftwerke 2023 ausgeschaltet wurden, liefern vor allem Stein-, Braunkohle- und Gaskraftwerke Strom, wenn die Erneuerbaren streiken. Aber auch das soll langfristig anders werden: Der Kohleausstieg soll spätestens bis 2038 erfolgen, bis 2045 soll Deutschland CO₂-neutral werden. Dann werden auch die Gaskraftwerke entweder vom Netz gehen oder mit grünem Wasserstoff betrieben werden müssen. Doch der ist so selten wie Einhörner. Erst kürzlich hat der Bundesrechnungshof die Wasserstoffstrategie der Bundesregierung als unrealistisch bezeichnet und zudem auf negative Folgen für das Klima – auch durch grünen, also mit Strom aus erneuerbarer Energie hergestellten – Wasserstoff hingewiesen.

Doch mit jedem Kraftwerk, das abgestellt wird, werden Fakten geschaffen, sinkt der Anteil der Grundlast an der Energieversorgung, und es steigt die Abhängigkeit, im Notfall auf Strom aus dem Ausland angewiesen zu sein: Französische Kernkraftwerke und künftig auch polnische Reaktoren sollen einspringen, wenn der Strom in Deutschland knapp wird. Dass Frankreich und Polen in einem kalten Winter ihre Bürger frieren lassen werden, um die deutsche Energiewende zu stützen, ist allerdings bei aller nachbarschaftlichen Zuneigung wenig wahrscheinlich.

Doch das absehbare Fehlen von Grundlast, die das Bundesumweltministerium als große Innovation darstellte, hat noch weitere Folgen – und die werden lange vor dem Abschalten des letzten Kraftwerks zu spüren sein: Kein Industrieland der Welt hat eine Stromversorgung ohne Grundlast, und keines ist bislang auf die Idee gekommen, dem deutschen Weg zu folgen. Denn ohne Grundlast können weder die traditionellen Industrien wie Chemie, Stahl und Automobil ausreichend versorgt werden, noch gibt es genug Energie für die digitale Industrie, deren Rechenzentren einen hohen Strombedarf haben.

Länder wie Dänemark werden gerne als „Wind-Wunder“ präsentiert, doch der Eindruck täuscht. Zwar stammen dort 50 bis 60 Prozent des Stroms aus Windkraft, und die Industrie ist beim Lastmanagement weit entwickelt. Aber das dänische Netz hängt am skandinavischen Verbund wie ein Herz-Lungen-Gerät. Die eigentliche Stabilität kommt aus Norwegen und Schweden, wo Wasser- und Kernkraft eine verlässliche Grundlast liefern. Allein wäre das dänische Modell nicht funktionsfähig.

Norwegen wiederum gilt als idealtypisches Erneuerbaren-Land, weil es seinen Strom fast vollständig aus Wasserkraft gewinnt. Das klingt nach einem Traum der Energiewende, ist aber schlicht geografische Fügung: Die Fjorde ersetzen dort Pumpspeicher, und die Topografie liefert gratis das, was Deutschland schmerzlich fehlt. Norwegen hat erneuerbare Grundlast – ein völlig anderer Ausgangspunkt. Ein Modell für Deutschland ist das nicht, weder technisch noch politisch.

Auch Portugal und Spanien, in Europa gerne als Vorzeige-Erneuerbare genannt, arbeiten nicht grundlastfrei. Portugal schafft es an einzelnen Tagen auf 100 Prozent Erneuerbare im Strommix, Spanien baut Solar- und Windenergie im Rekordtempo aus. Doch beide Länder sichern ihr Netz weiterhin mit Gaskraftwerken ab. Ganz ohne Backup geht es auch dort nicht. Spanien hat zwar einen gesetzlichen Atomausstieg bis 2035, aber die Debatte über eine Laufzeitverlängerung läuft längst. Die Betreiber Endesa, Iberdrola und Naturgy warnen, dass ein gleichzeitiges Abschalten aller fünf Reaktoren die Netzstabilität gefährden würde. Die konservative Opposition fordert eine Verlängerung um mindestens zehn Jahre, und selbst Teile der Sozialisten (PSOE) haben inzwischen vorsichtig eingeräumt, dass es „eine realistische Prüfung“ brauche, wenn der Erneuerbaren-Ausbau nicht schnell genug vorankommt. Die spanische Energiekommission hat zudem berechnet, dass ein kompletter Ausstieg Gasverbrauch und CO₂-Emissionen deutlich erhöhen würde.

China versucht theoretisch das, was Deutschland sich politisch wünscht – aber in einer völlig anderen Realität. Das Land baut gigantische Mengen Wind und Solar, errichtet die größten Batteriespeicher der Welt und investiert massiv in Smart-Grid-Technik. Gleichzeitig betreibt China aber das größte Kohlekraftwerksnetz der Erde, und es wächst weiter. Ohne Kohle würde das chinesische Netz in Sekunden instabil werden. Auch in Kernenergie investiert China massiv und fördert zudem die Forschung an neuen Reaktortypen wie Flüssigsalzreaktoren. China betreibt das weltweit erste experimentelle Thorium-Flüssigsalz-System. Auch in die Kernfusion steckt China mehr staatliche Mittel als jedes andere Land.

In den USA gibt es Regionen, die Teile des deutschen Konzepts schon nutzen. Kalifornien setzt seit Jahren auf Demand Response und Batteriespeicher im Gigawattmaßstab, hat aber den Ausstieg aus der Kernkraft bis auf Weiteres verschoben. Das Kernkraftwerk Diablo Canyon sei weiterhin nötig, um die Versorgungssicherheit zu gewährleisten. Texas produziert Windstrom wie kaum ein anderes Land, und New York treibt die Netzdigitalisierung voran. Doch auch dort bleibt Gas das Rückgrat der Versorgung. Ohne Gaskraftwerke ist kein amerikanischer Bundesstaat stabil. Die USA wollen ihre Kernkraft deutlich ausbauen. Die entsprechenden Programme wurden bereits unter Präsident Joe Biden beschlossen. Washington fördert die Laufzeitverlängerung bestehender Reaktoren, unterstützt die Entwicklung neuer Reaktortypen und treibt Forschung und Industrie bei der Kernfusion so stark voran wie kein anderes westliches Land.

Selbst Australien, berühmt für die Tesla-Megapacks in South Australia, kommt an der Grundlast nicht vorbei. Die Batteriespeicher wirken, sie helfen bei Frequenzstabilisierung und Netzsicherheit – aber sie ersetzen das Gassystem nicht. Auch dort bleibt fossile Grundlast die Basis der Versorgung.

Der Verzicht auf Grundlast, der zur deutschen Philosophie einer künftigen Energieversorgung gehört, wäre das Ende Deutschlands als Industriestandort. Und das sowohl für traditionelle wie für neue Industrien: Ob Stahlwerk, Chemiepark oder Rechenzentren – sie alle brauchen nicht nur eine günstige, sondern auch eine sichere Stromversorgung, und das jeden Tag des Jahres rund um die Uhr. Sie lassen sich nicht hoch- und runterfahren wie ein Laptop, auf dem man kapitalismuskritische Pamphlete schreibt, in denen von einer Wirtschaft ohne Wachstum geträumt wird.

Die Folgen sind absehbar: Rückgang des Wohlstands, Zunahme von Verteilungskämpfen, der weitere Aufstieg autoritärer und populistischer Parteien wie der AfD und der Linken. Der gesellschaftliche Preis für das „System von Erneuerbaren, Speichern, intelligenten Netzen und Lastmanagement“, von dem das Bundesumweltministerium schwärmte, wird hoch sein.

 

 

 

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paule t.
paule t.
1 Monat zuvor

Mir scheint, der Artikel beruht auf der absichtlichen Vermischung zweier unterschiedlicher Verständnisse des Wortes „Grundlast“, die dadurch möglich ist, dass es – laut Wikipedia, und das glaub ich mal – „keine eindeutige Definition [gibt], die Grundlastkraftwerke von anderen Kraftwerken abgrenzt“.

Das eine Verständnis – das aus dem Tweet des Umweltministeriums – scheint zu sein, dass die „Grundlast […] im klassischen Sinne“ (also diejenige Menge Strom, die immer mindestens gebraucht wird) durch Kraftwerke abgedeckt wird, die auch tatsächlich fast durchgehend auf gleichem Niveau produzieren – weniger aus technisch zwingenden Gründen als aus Gründen der Wirtschaftlichkeit, weil der Brennstoff im Vergleich zu den Investitionskosten billig ist. Das waren klassisch Atom- und Braunkohlekrafte. Kraftwerke mit teureren Brennstoffen, v.a. Gaskraftwerke, wurden dagegen nur nach Bedarf zugeschaltet.

Dass Grundlast in diesem Sinn gemeint ist, wird völlig klar, wenn man sich die Frage anschaut, auf die der Tweet antwortete. Diese lautete: „Welche Energieform soll nach der Abschaltung der Kohle- und Kernkraftwerke die Grundlast sichern bzw. diese Kraftwerke ersetzen?“ (Leider hat dieser Kontext es nicht in den Artikel geschafft …) Es ging also spezifisch um den Ersatz der ständig durchlaufenden Kohle- und Kernkraftwerke.
Quelle für die Frage: https://www.tichyseinblick.de/kolumnen/lichtblicke-kolumnen/energiewender-flasbarth-erklaert-energiewende/

Grundlast in diesem Sinne wird es mit steigendem Anteil erneuerbarer Energien tatsächlich nicht mehr geben, denn diese decken nunmal schon jetzt an einzelnen Tagen, künftig noch öfter die öffentliche Stromversorgung zu 100 % ab (und die Schwankungen im Tagesverlauf können dann Batterie- und Pumpspeicher übernehmen). Kraftwerke, die tatsächlich an jedem Tag des Jahres mit ungefähr gleicher Leistung produzieren, sind dann einfach unnötig, denn die Brennstoffkosten von AKWs und Braunkohlekraftwerken mögen niedrig sein – die von Photovoltaik und Wind sind null.

Das andere Verständnis von Grundlast(-kraftwerken) ist das, was in diesem Artikel ausgebreitet wird: Kraftwerke, die nicht tatsächlich an jedem Tag Strom produzieren, aber an jedem Tag auf Anforderung Strom produzieren könnten, so die Volatilität von Wind und Sonne ausgleichen und damit Versorgungssicherheit auch an wind- und sonnenarmen Tagen herstellen können. Dass Grundlast(-kraftwerke) in diesem anderen Sinne notwendig sind, bezweifelt kein Mensch, auch der überzeugteste Energiewendebefürworter nicht. Auch diese Grundlast kann zwar durch Lastmanagement reduziert werden, aber natürlich nicht vollständig. Deswegen kommen natürlich auch in jedem Konzept (das länger ist als ein Tweet) für die Energieversorgung mit vorwiegend Erneuerbaren Energien auch Kraftwerke vor, die in diesem anderen Sinne grundlastfähig sind.
Das sind derzeit und auch in den Konzepten der vergangenen Jahre Gaskraftwerke, weil die vergleichsweise gut regelbar sind, weniger CO2 ausstoßen als Kohlekraftwerke und bei zunehmendem Ausbau von erneuerbaren Energien auch mit daraus erzeugtem Wasserstoff oder synthetisiertem Methan betrieben werden können.
Also: Auch bei uns sind für Grundlast in diesem anderen Sinn genau die Kraftwerke vorgesehen, die der Autor als Grundlast etwa in Australien oder amerikanischen Bundesstaaten beschreibt. Dass Deutschland in diesem anderen Sinn auf Grundlast verzichten wolle, wie es der Autor beschreibt, ist also schlicht falsch.

Nur als Beispiel genannt sei der Klimaschutzplan 2050 der Bundesregierung von 2016. Dort steht genau in diesem Sinn auf S. 17/18: „Auf dem Weg zu einer vollständig auf erneuerbaren Energien basierenden Wirtschaft sind schnell regelbare Gaskraftwerke mit hohem Wirkungsgrad und vergleichsweise geringen CO2-Emissionen notwendig, weil wir sie als steuerbare Kraftwerke für die Versorgungssicherheit benötigen. In den nächsten Jahrzehnten müssen wir den Brennstoff Erdgas durch CO2-neutrales, regenerativ erzeugtes Gas ersetzen.“
Quelle: https://www.bundeswirtschaftsministerium.de/Redaktion/DE/Publikationen/Industrie/klimaschutzplan-2050.pdf?__blob=publicationFile&v=1

Der Autor argumentiert also gegen einen Strohmann, den er dadurch bastelt, dass er sich nicht die tatsächlichen, ausführlichen Energiekonzepte anschaut, in denen eine nötige Grundlast selbstverständlich vorkommt, sondern sich auf einen einzelnen, aus dem Kontext herausgerissenen Tweet einschießt, in dem das Wort „Grundlast“ mit dem Zusatz „im klassischen Sinne“ eine andere Bedeutung hat als in seinem Artikel. Oder in anderen Worten: Er versucht die Leser:innen für dumm zu verkaufen. Mit einem Blick auf reale, ausführliche Konzepte oder auch nur den Kontext des Tweets wäre dieser Artrikel schlicht nicht möglich gewesen.

paule t.
paule t.
1 Monat zuvor

Das ändert an meiner Hauptkritik an Ihrem Artikel gar nichts: Sie arbeiten sich nur am Begriff „Grundlast“ ab, der aber im Kontext der gestellten Frage und mit dem Zusatz „im klassischen Sinne“ (was Sie beides ignorieren) einfach etwas anderes bedeutet als in Ihrem Artikel – Sie argumentieren damit gegen einen durch Auslassung und Fehlinterpretation hergestellten Strohmann.

Und darauf aufbauend kontrastieren Sie die deutsche Energiepolitik, díe sich angeblich nicht um die „Grundlast“ in Ihrem Sinn kümmern würde, mit den verschiedenen Methoden anderer Länder/Regionen, das Problem anzugehen – die aber zum Teil genau dieselbe Methode sind, die die deutschen Konzepte tatsächlich sehr wohl vorsehen: Nämlich die verbleibenden Lücken der hauptsächlich vorgesehenen erneuerbaren Energien (plus Speicher plus Lastmaanagement) durch Gaskraftwerke auszugleichen. Wieder ein Strohmann, diesmal dadurch erreicht, dass Sie sich nicht um die tatsächlichen Konzepte kümmern, sondern sich nur auf diesen einen (obendrein wie geagt falsch verstandenen) Tweet stützen.

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Wasserstoffstrategie: Ja, das funktioniert bisher offensichtlich nicht gut.
Aber ich hätte gerne mal gewusst, was Sie als grundsätzliche, langfristige Alternative sehen.
Wasserstoff (oder darauf aufbauend synthetisiertes Methan o.Ä.) wird doch dem Konzept nach für zwei Zwecke gebraucht:

a) für industrielle Prozesse, die mit elektrischer Energie aus unterschiedlichen Gründen schlicht nicht funktionieren. Da wird Wasserstoff (oder synthetisiertes Methan o.Ä.) langfristig einfach zwingend gebraucht, wenn man denn von den fossilen Energien weg will. Oder kennen Sie eine weitere Alternative? (Die Alternative „Scheiß auf den Klimawandel, Arbeitsplätze sind wichtiger, wir benutzen weiter fossile Quellen“ geht natürlich immer.)
Die Frage ist nur, woher der Wasserstoff bzw. der für seine Produktion nötige Strom dann kommt.
Mögliche CO2-freie Quellen, soweit ich das sehe: Kernenenergie oder Windkraft und Photovoltaik.
Ich halte da weiter Windkraft/Photovoltaik für besser:

  • Die Gestehungskosten sind weitaus geringer.
  • Das grundlegende Problem dieser Energiequellen, ihre Volatilität, spielt hierfür kaum eine Rolle: Da das produzierte Gas problemlos gespeichert werden kann, kann der Wasserstoff eben in den Zeiten produziert werden, in denen Wind-/Solarstrom bei dem absehbaren weiteren Ausbau im Überschuss zur Verfügung steht. Dann stehen die Elektrolyseanlagen zwar zu anderen Zeiten zeitweise still, was ihre Rentabilität natürlich verringert – in Summe dürfte es aber immer noch billiger sein als Kernkraft.
  • Ein weiteres Argument, das gegen den Einsatz erneuerbarer Energien oft genannt wird, würde für diesen Zweck ebenfalls eine geringere Rolle spielen: Der Stromnetzausbau. Da die Elektrolyse-Anlagen eh größtenteils noch gebaut werden müssen, können sie ja an den Orten gebaut werden, wo zu den entsprechenden Zeiten die Überschüsse zu erwarten sind.
  • Problem: Die hierzulande produzierbare Menge wird auch auf länger absehbare Zeit nicht ausreichen. Ja, dann muss man eben importieren. Wie jetzt bei den fossilen Energieträgern auch. Von der jeweils günstigsten Quelle – auch im Ausland voraussichtlich erneuerbare.

b) für den Einsatz in Gaskraftwerken bei Dunkelflaute zur Deckung der Residuallast (oder bei Ihnen „Grundlast“):
Für diesen Zweck könnte man natürlich auch AKWs einsetzen, die dann aber weitgehend tatsächlich als Grundlastkraftwerke eingesetzt werden müssten (d.h. dauerhaft, auch bei eigentlich ausreichend möglicher Stromproduktion aus Sonne und Wind), damit die eh schon hohen Gestehungskosten der Kernkraft nicht völlig absurd hoch werden.
Wäre das billiger als die geplante Alternative, Gaskraftwerke nur als Reserve für Dunkelflauten vorzuhalten? Ich habe da meine Zweifel.
Für diesen Bereich kommt es darauf an, wie teuer Wasserstoff langfristig sein wird. Was wir aber sehen konnten: Zwei wichtige Bereiche der Energiewende haben sich kostenmäßig inzwischen sehr gut (und besser als in Prognosen) entwickelt, nämlich zuerst (und daher auch schon mengenmäßig) die Produktion von Strom aus Windkraft und PV selbst, und jetzt auch Batteriespeicher (die deswegen gerade davor stehen, in großem Ausmaß gebaut zu werden). Das gibt mir Hoffnung, dass das gleiche auch mit Elektrolyse-Anlagen funktionieren kann. Ja, das tut es bisher nicht gut – dafür muss der Ausbau, wie es der Rechnungshof anregt, auf Nachfrage- und Angebotsseite gleichmäßig erfolgen: Denn natürlich werden keine Prozesse auf Wasserstoff umgestellt, wenn die Versorgung nicht sichergestellt ist, und es wird keine Produktion aufgebaut, wenn man nicht auf sichere Abnahme setzen kann. Daher muss beides aufeinander abgestimmt werden.

Letztendlich läuft es also bei beiden Fragen auf eine Kostenabwägung hinaus, die aber mit Unsicherheiten behaftet ist. Ich halte diese Abwägung aufgrund der drastisch höheren Gestehungskosten bei Atomenergie für klar, zumal dabei regelmäßig noch die versteckten Subventionen durch Deckelung der Kosten für potenzielle Unfälle und für die wirklich dauerhafte Entsorgung dazukommen.
Sie mögen das aufgrund der Kosten der Alternativen – Lastmanegement, Gaskraftwerke vorhalten, deren Brennstoff – anders einschätzen.
Die unterschiedlichen Einschätzungen in dieser Frage sind aber m.E. kein Grund für die wütenden Grabenkämpfe, die Sie hier regelmäßig gegenüber Energiewende-Befürwortern inszenieren.

Es sei denn, natürlich, man würde eh einfach auf den Klimawandel scheißen und an fossiler Energie festhalten wollen.

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Zu dem Kulturkampf-Gehabe:
Ich finde es ermüdend, wie Sie immer wieder ihre Leier abspielen, dass die Energiewende zu wirtschaftlichem Niedergang führen würde und das die AfD stärken würde.

Zum einen könnten Energiewende-Befürworter das ja einfach umdrehen: Denn wenn deren Einschätzung, dass Atomkraft die weitaus teurere Alternative ist, zutreffen sollte, wären es nun mal die Atomkraft-Befürworter, die nach dieser Argumentationsweise wirtschaftlichen Niedergang und damit AfD-Aufstieg befördern würden. Damit wäre das Argument für diese Abwägung einfach wertlos. (Wieder: Es sei denn, man würde – im Einklang mit der AfD selbst – den Klimwandel einfach ignorieren.)

Zum anderen frage ich mich, ab welcher Intensität und Wiederholungsfrequenz und vor allem behaupteten Zwangsläufigkeit die Warnung vor einem solchen möglichen Effekt in eine Rechtfertigung einer solchen Wahlentscheidung umschlägt. Nach dem Motto: „Ist ja ganz logisch, die armen Hascherl können bei wenig Wirtschaftswachstum ja gar nicht anders, als Rechtsextreme zu wählen.“ Das hielte ich für eine gefährliche Argumentation.
Und auch für empirisch fragwürdig: Denn auch wenn es innerhalb eines einigermaßen einheitlichen politischen Raums zur gleichen Zeit nachweisbar sein mag, dass wirtschaftlich benachteiligte Regionen eher rechts wählen, so ist das in größerem Maßstab eben keineswegs automatisch so. Die USA zB haben in der Weltwirtschaftskrise nicht irgendwelche Rechtsextremisten gewählt, sondern Roosevelt. Vielleicht kommt es also auch (und vielleicht sogar stärker) darauf an, welche soziale Stabilität die Politik auch in wirtschaftlich schwierigen Zeiten herstellen will, und nicht nur auf die Wirtschaftskrise selbst. Dass soziale Unsicherheit zu extremistischem Wahlverhalten führt, ist nämlich mW auch gut belegt. Dann wären vielleicht die stetigen Polemiken von Parteien rechts der Mitte gegen den Sozialstaat ein für den Aufstieg der Rechtsxtremisten weitaus größeres Problem als eine schlechte Wirtschaftsentwicklung.

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