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Prognos-Studie: Hauptsache vor Gelsenkirchen


Eine neue Prognos-Studie im Auftrag des ZDF belegt erneut, was nahezu alle Studien ebenso belegen und jeder  weiß, der das Ruhrgebiet auch nur für ein paar Stunden verlässt: Das Ruhrgebiet ist am Ende. Gelsenkirchen ist auf Platz  401 das Schlusslicht der Liste. Herne, Duisburg und Oberhausen folgen. Arbeit, Lebensqualität oder Wohnen – überall ist es besser als hier. Aber das wird die Politik im Ruhrgebiet so wenig interessieren wie die Menschen und die wenigen verbliebenen Medien. Im Schönreden ist das Ruhrgebiet Spitze: In Gelsenkirchen werden sie sagen, dass sie sich für solche Studien nicht interessieren, in Dortmund, Essen und Bochum darauf verweisen, dass es in Gelsenkirchen noch schlechter ist und hey, besser als Herne ist man auch noch. Und mit dem unsäglich blöden Spruch „Woanders is auch scheiße!“ tröstet man sich, wobei er ja falsch ist: Woanders is sicher auch scheiße, aber längst nicht so beschissen wie hier. Der kluge Kassierer-Sänger Wolfgang Wendland hat es  auf den Punkt gebracht: „Dummheit. Armut. Ruhrgebiet.“ ist längst der Dreiklang des Reviers.

Die Gründe für das Elend sind ebenso bekannt, wie sie von niemandem angegangen werden: Das Kirchturmdenken, die Mischung aus Gejammer um Hilfe und die Großmannssucht, wenn ein Städtchen wie Dinslaken der Ansicht ist, es müsse zusammen mit Hungerleidern wie Duisburg, Bochum und Dortmund durch den Kauf der Steag im internationalen Energiegeschäft mitmischen.  Auf den Punkt gebracht: Es gibt zu viele Städte, zu viele Posten und all das wird regiert und verwaltet von Menschen, denen man zumeist in anderen Städten kaum mehr als die Überwachung des ruhenden Verkehrs zutrauen würde. Der einzige Mensch im Bochumer Rathaus mit einem Bürojob ohne Berufsausbildung ist bezeichnenderweise der Oberbürgermeister. Alle anderen, die nichts gelernt haben, kommen über eine Tätigkeit als Putzkraft nicht hinaus.

Leistung, Ideen – all das zählt hier nicht. Ein Parteibuch, das Trikot eines Fußballclubs und die Fähigkeit, beim Stadtfest ein Bier  halten zu können, sind wichtiger.

Und Ambitionen hat man ohnehin nicht. Anstatt zum Beispiel das, eher bescheidene, Ziel vorzugeben, man wolle einen besseren und preiswerteren Nahverkehr als Berlin, freut man sich, Parteifreunden einen Posten beim Verkehrsverbund VRR besorgt zu haben. Anstatt alles dafür zu tun, neue Jobs ins Ruhrgebiet zu holen,  verschwendet man Geld für lokale Werbekampagnen. Anstatt sich in der Kulturpolitik abzusprechen, baut jedes Dorf sein eigenes Konzerthaus. Der Blick ist immer nur auf den Nachbarn gerichtet: In Herne sind sie ärmer, Gelsenkirchen hat aber kein so schönes Theater und Hattingen mehr Fachwerkhäuser als Castrop-Rauxel.

Seit über zehn Jahren schreiben wir in diesem Blog über diesen Wahnsinn, dass sich etwas ändert glaubt längst niemand mehr von uns. Nach dem Ranking ist vor dem Ranking. Wie das Ruhrgebiet  dabei wegkommt, wissen wir alle.

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14 Kommentare zu “Prognos-Studie: Hauptsache vor Gelsenkirchen

  • #1
    Joe

    Wenn man den Kommentar so liest, könnte man den Eindruck bekommen, dass der Autor – und anscheinend nicht nur er – mit der Gesamtsituation irgendwie unzufrieden sind.

  • #2
    ke

    Ich habe mir ein paar Kategorien der Studie angeschaut und bin ehrlich gesagt erstaunt, dass man so eine Sammlung von statistischen Werten überhaupt diskutiert.

    Nehmen wir einen Wert für Bochum aus der Studie:
    "Raucher je 100 volljährigen Einwohnern Rang 391
    Anteil der Raucher an den Personen im Alter von 18 Jahren und älter im Jahr 2013"

    Was hat das jetzt mit Kirchturmdenken und Politik zu tun?
    Ist bspw. U-Bahn fahren toll, obwohl in den Haltestellen extreme Feinstaubwerte gemessen wurden?

    Interessant ist für mich, dass die stark unterschiedliche Lebenserwartung in den einzelnen Regionen noch nicht zu Klagen geführt hat.

  • #3
    Bebbi

    Oberbürgermeister ist nun mal ein Amt, für das man sich politisch qualifizieren muss. Ob das in Bochum der Fall ist, kann ich als Mensch aus dem Herrschaftsgebiet einer anderen SPD-Gliederung nicht beurteilen. Daraus zu schließen, dass jemand nicht kann, weil er keinen formalen Bildungsabschluss hat, finde ich persönlich ein bisschen unfair. Und was bringt es, wenn man einen OB mit Abschluss in Raumplanung hat, man davon aber nicht merkt in der tatsächlichen Politik?

    Man könnte die Story auch anders erzählen: Ganz in der Tradition einer verklärten Ruhrgebietsvergangenheit kann man in Bochum mit Fleiß und/oder was weiß ich es auch bis nach ganz oben schaffen.

  • #4
    sonoio

    …manches lässt sich halt nich ändern – wie die Anzahl der Sonnentage. Nehmen wir doch noch die Höhe über Normalnull hinzu! Bin gespannt wie da die Hamburger abschneiden! 😉 Spaß beiseite! Der Kommentator beklagt sich über das in der Region vorhandene Kirchtumdenken. Dabei ist in Realität nicht das Problem, dass Nachbargemeinden nicht miteinander reden. Das Problem ist vielmehr, dass die einzelnen Gemeinden und Städte hoheitliche Planungsaufgaben an den RVR abgeben haben. Im Ergebnis wird in Essen bestimmt, welche und wieviel Flächen in Dortmund für welche Nutzung zur Verfügung stehen. Der RVR kommt seiner Aufgabe jedoch nicht nach. Hat man doch jüngst beschlossen, erst einmal gar keine Änderungen mehr zu bearbeiten. In 3 Jahren vielleicht wieder. Und das obwohl gerade im Rahmen von Restrukturierungsprozessen eine Änderung der Flächennutzung notwendig ist. Investoren werden nach Hause geschickt, weil die in Essen es nicht hinbekommen. Kommunale Aufgaben bleiben unerledigt, weil zu viele Köpfe beteiligt werden müssen. Köln und Düsseldorf haben es da einfach. Die machen ihr Ding! Und wer ist nun erfolgreicher?

  • #5
    DEWFan

    Haha, was interessieren uns Ruhrgebietler andere Städte – außer im Rahmen einer Sightseeingtour. Und die machen wir gerne mal in Städte, die mindestens so schön wie München oder noch schöner sind. Dublin oder Stockholm z.B. 😆

    Und endlich steht Gelsenkirchen mal vor Dortmund – zumindest in der Fußball-Bundesliga 😂

    Ja ja die Probleme im Ruhrgebiet, von wegen schlechte Lebensqualität und so. Wir in Dortmund kriegen da ja nicht alles mit, bedingt durch unsere Randlage hinter den Wäldern und Feldern 😊

    Mal im Ernst habt ihr mal überlegt wo die Rating Agenturen ihre Sitze haben? Natürlich in Städten wie Hamburg, München und Berlin. Ein Schelm, wer böses dabei denkt: da gibt es noch einen undokumentierten Faktor mit hoher Gewichtung: "ist Sitz einer bedeutenden Rating Agentur" 😈

  • #6
    Detlev Winkler

    Stefan Laurin hat recht.
    Wenn man über die Jahre verfolgt, was an Projekten – hier durch die Dortmunder Brille gesehen – z. B. Hbf Do oder weiterführend der Rhein-Ruhr-Express umgesetzt wird bzw. nicht, könnte man kotzen. Die Vision für 2006 von Clement und Langemeier war:
    Zur WM 2006 fährt der Transrapid und über dem Hauptbahnhof Dortmund schwebt das UFO von Hadi Teherani.
    Einfach nur mal hingehen zum Hauptbahnhof Dortmund und mit dem Regionalexpress durchs Ruhrgebiet fahren und man weiß, warum die Rankings so ausfallen, wie sie – egal von welchem Medium veröffentlicht – immer ausfallen.

  • #7
    ruhrreisen

    na – dann bloß weg hier – auf nach heidelberg oder münchen! aber, moment, wie zahle ich da die miete…

  • #8
    DEWFan

    @#6: ein Problem sind gescheiterte Großprojekte, für die es keinen Plan B gab und diese nicht mal ne Nummer kleiner umgesetzt wurden.

    @#7: in Punkto Lebensqualität wird das maximal mögliche berücksichtigt, aber nicht die Verfügbarkeit für die Bürger. Oder anders ausgedrückt, das Preis-Leistungsverhältnis wie bei Stiftung Warentest & Co fehlt. Auch in den hochgelobten rheinischen Städten Köln und Düsseldorf gibt es Stadtteile wie Kalk und Oberbilk, die vom Niveau nicht besser sind, als GE-Ückendorf oder DO-Derne (Döner, Shisha, Tipico). Nur halt deutlich teuer.

    In Dortmund sehe ich insgesamt schon überwiegend positive Entwicklungen, wenn man den Blick zurück wagt. Allerdings gibt es auch immer wieder Rückschläge und vieles könnte auch schneller gehen. Und zu viel frisch gestrichene Fassaden lösen bereits Ängste vor der Gentrifizierung aus. 😯

  • #9
    Jens Matheuszik

    @Beppi: „Daraus zu schließen, dass jemand nicht kann, weil er keinen formalen Bildungsabschluss hat, finde ich persönlich ein bisschen unfair. Und was bringt es, wenn man einen OB mit Abschluss in Raumplanung hat, man davon aber nicht merkt in der tatsächlichen Politik?“

    Sehe ich genau so. Das Stefan das anders sieht ist nichts neues und bekannt.

    Ich habe im Oberbürgermeister-Wahlkampf 2015, in dem ich mich voller Überzeugung für Thomas Eiskirch eingesetzt habe, immer wieder gesagt, dass vielleicht auf dem Papier andere Personen qualifizierter sind – aber nicht tatsächlich. Und ich bin davon – jetzt ca. 3 Jahre später – immer noch von überzeugt.

  • #10
    Klaus Lohmann

    @#6 Detlev Winkler: Bevor der Arztbesuch nicht mehr aufschiebbar wurde, war die "Vision" von Clement und Langemeyer: ein Transrapid ohne Anschluss an den Dortmunder Flughafen, als "Bimmelschwebe" im Stop-and-Go-Betrieb, mit ungeplanten Mehrkosten für die enge Trassierung entlang der Fernbahn-Hauptachsen, ohne zukunftsweisende Energieversorgungskonzepte, eine "Ufo"-Planung ohne einen Funken Bahn-Expertise, mit Konsumtempel im Größenwahn von Sierau & Co. als damalige Planer, ohne ausreichende Finanzierung.

    Auch mit der Schwebebahn und einem CentrO-gleichen Konglomerat mit Einzelhandel-Kannibalismus würden die Reisenden heute kein wirklich anderes Bild von Dortmund bekommen – dafür sorgen aber nicht Gebäude, sondern Menschen mit der ersten Eigenschaft aus Wölfi Wendlands Spruch.

  • #11
    ke

    Wenn ich auf die Kriterien schaue, sind aber „Dummheit. Armut. Ruhrgebiet.“ alls keine Kriterien in der Studie.
    Dafür sind natürlich der "Frauenanteil in Kreistagen…" sowie die "Geschlechterspezifische Einkommensdifferenz" wichtig für das Ranking.

    BTW: Der Reisende auf Bahnhöfen bekommt insbesondere abends meistens "Armut" und oft auch mind. rauschmittelverursachte Dummheit zu sehen. Das gilt für nahezu alle Bahnhöfe.

    Reich fährt Auto.

  • #12
    Detlev Winkler

    @Klaus Lohmann

    Ich brauche keine Magnetschwebebahn hier und auch kein UFO. Aber das Drecksloch namens Dortmund Hauptbahnhof, durch das ich mich täglich bewege ist eine Zumutung und sollte auch nur nur als Beispiel dienen. Es mangelt hier ja an den Grundlagen, eben an einer vernünftigen Infrastruktur und das seit mindestens 25 Jahren. Das meinte ich. Da ist jeder Berliner Vorstadtbahnhof besser aufgestellt und in Stuttgart oder München werden Milliarden verbaut. Hier im Revier wird gerne ein Wolkenkuckucksheim geplant, andere kriegen auch mal was umgesetzt.

    @ke
    Mal einen z. B Niederländischen oder Schweizer Bahnhof anschauen. Geht auch anders.

  • #13
    Andreas

    @ Detlev Winkler #12

    Zitat: "Da ist jeder Berliner Vorstadtbahnhof besser aufgestellt"

    Ich lebe in Berlin. Von einem "Berliner Vorstadtbahnhof" habe ich noch nie gehört …

    und ob man den Berliner Hauptbahnhof gut finden muss, wäre dann noch eine andere Frage

  • #14
    ke

    @12 D. Winkler:
    Dass die meisten Revierbahnhöfe (welcher eigentlich nicht) eine Zumutung sind ebenso wie die Taktung der Bahnen in diesem Ballungsgebiet ,ist seit Jahren bekannt.

    Die Ufo Planungen aus den 90er Jahren (?) und auch der RRX zur WM 2006 zeigen, dass diese Probleme seit Jahrzehnten nicht beseitigt wurden, obowhl sie erkannt wurden

    Die Wolkenkuckucksheime in Leipzig, Stuttgart, Berlin etc. wurden umgesetzt. Hier lebt man wie die einst die DDR vom Bestand in Sachen Bahninfrastruktur.
    Dabei ist Dortmund einer der größten Bahnknotenpunkte gewesen.
    Als bevölkerungsreichstes Bundesland hat NRW es nie verstanden die Verkehrsprobleme in den Ballungsgebieten Rhein/Ruhr zu lösen.

    Die Berliner Bahn ist doch wohl an Schmutz, Lärm etc. kaum zu überbieten. Der Eindruck von Geschwindigkeit kommt auch nur auf, weil die alten Anlagen so laut sind.

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