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Revier-Kampagne in Berlin: Endlich gute Werbung – aber das wird nicht reichen

Gut Ding will Weile haben. Zurzeit wirbt der Regionalverband Ruhr (RVR) in Berlin mit den günstigen Mieten für das Ruhrgebiet. Die Idee ist gut und das nicht nur, weil wir in diesem Blog  schon 2012 auf sie kamen:



„In allen deutschen Großstädten steigen die Mieten rasant. Im Ruhrgebiet nicht. Das wäre eigentlich eine Chance für das Ruhrgebiet, auf als Wohn- und Arbeitsstandort auf sich aufmerksam zu machen.(…) Das Ruhrgebiet könnte jetzt offensiv werben: Um Studenten, um Künstler, um Familien, die sich Düsseldorf, Köln oder Berlin nicht mehr leisten können.“

Die Aktionen des RVR in Berlin, Autos mit Plakaten werben für das Revier, erregt Aufmerksamkeit. Sowohl die Wirtschaftswoche als auch die FAZ berichten und zitieren aus einer Studie, die dem Ruhrgebiet „Potentiale wie Berlin“ attestiert. Tatsächlich kann das Ruhrgebiet in einigen Bereichen mit Berlin und anderen Ballungsgebieten mehr als mithalten: „Im Regionenvergleich nimmt die Metropole Ruhr bei den Standortfaktoren Wohn- kosten, Wissenschafts- und Studierendendichte sowie Freizeit- und Kulturflächen die Spitzenposition im Ranking ein. In keiner anderen Metropolregion kann man so günstig Wohnraum mieten (6,26 €/m2) und Immobilien erwerben (1.795,80 €/m2). Auch bei der Dichte von Studierenden (49 je 1.000 Einwohner), Forschungseinrichtungen (1,87 je 100 km2), Hochschulen (0,81 je 100 km2) und Universitäten (0,11 je 100 km2) belegt das Ruhrgebiet den ersten Platz. Gleiches gilt für den Anteil der Flächen, die für Freizeit, Erholung und Sport genutzt werden (16,5 Prozent).“

Allerdings sind die Unterschiede zu Berlin nach wie vor groß. Klar, das Einkommen in der Hauptstadt ist so niedrig wie in Bochum, da tut sich nicht viel. Aber der Nahverkehr in Berlin ist deutlich besser und günstiger und auch die wirtschaftliche Dynamik ist in der Hauptstadt größer:

  Man kann im Ruhrgebiet preiswert wohnen und hier auch, zumindest in Bochum, Dortmund und Essen, seinen Spaß haben. Aber mit Jobs sieht es weiterhin schlecht aus und ohne Auto kann man sich nur teuer und schlecht fortbewegen. Dafür steht man mit dem Auto oft im Stau.

Die FAZ hat die Probleme erkannt und blickt hinter die Werbung:

„Der Ist-Zustand ist mau: Von den untersuchten Regionen hat die Metropole Ruhr das geringste Bruttoinlandsprodukt je Einwohner, es liegt ein Viertel unter dem Durchschnitt des Testfelds. Am höchsten ist hingegen die Arbeitslosenquote von 9,2 Prozent, sie liegt fast vier Prozentpunkte über dem Durchschnitt. Vergleichsweise wenige Menschen arbeiten in der Region zudem in der Forschung und Entwicklung, kümmern sich also um die Zukunft.“

Und die Wirtschaftswoche stellt fest:

„Werden die jungen Menschen, die heute dort studieren, morgen auch noch dort leben? Gewiss nur dann, wenn sie nach ihrem Abschluss einen Job finden, der ihnen gefällt. Für Dieter Hecht, Professor für Volkswirtschaftslehre an der Hochschule Bochum, ist dies der entscheidende Punkt. „Die jüngsten Untersuchungen aus dem Jahr 2015 zeigen, dass es immer noch einen Brain Drain im Ruhrgebiet gibt“, so Hecht. Das heißt: Mehr Studierende wandern ab als zu.“

So schön die Kampagne in Berlin auch ist, solange das Ruhrgebiet nicht seine größten Probleme angeht, wird sie leider verpuffen. Und die größten Probleme sind Arbeitsplätze, zu geringes Wachstum und der grauenhafte Nahverkehr.

 

 

 

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4 Kommentare zu “Revier-Kampagne in Berlin: Endlich gute Werbung – aber das wird nicht reichen

  • #1
    Arnold Voss

    Es gibt noch ein weiteres Problem. Wer einmal die flächendeckende urbane Dichte Berlins mit ihren vielen, eng beieinander liegenden kulturellen und sozialen Angebote erfahren hat, wird sich, besonders als junger Mensch, nicht durch geringere Mieten von dort zurückholen lassen. Er wird stattdessen in Berlin enger zusammenrücken und/oder städtische Randlagen in Kauf nehmen. Hinzu kommt, dass in nächster Zeit die riesige potentielle Baufläche des Flughafen Tegel endich frei wird und die Bebauung des Tempelhofer Feldes neu debattiert werden wird.

    Aber wenn es noch mindestens 10 Jahre in Berlin so weiter geht wie bislang, und das wird es sehr wahrscheinlich, bekommen auch weniger urbane Agglomerationen wie z.B. das Ruhrgebiet eine neue Chance. Aber nur wenn sie ihre Urbanitätsnachteile durch eine erheblich bessere ÖPNV Erreichbarkeit ausgleichen. Ich sehe allerdings nirgendwo auch nur den Ansatz eines entsprechend radikalen Umdenkens was die entsprechende Reorganisation, Integration und den technischen Ausbau des öffentlichen Nahverkehrs in der Region betrifft.

  • #2
    Ke

    Aus meinem Umfeld haben einige Ex Berlin Fans Berlin wieder verlassen.
    Vorzugsweise in die konservativen Ecken Deutschlands , um eine Familie zu gründen.
    Was würde Berlin ohne seinen Hauptstadtstatus machen?

  • #3
    Ruhr Reisen

    Die Mieten steigen. Und zwar zweistellig – auch in Bochum. Wenn man nicht in die Gußstahlstraße einziehen will. Halbwegs anständige 2,5 Zimmerwohnungen sind 2020 durchschnittlich ab 400 Euro aufwärts kalt beziehbar. Renter/innen und Studis können noch Butzen ab 16 qm bis 30 qm von über 300 beziehen außerhalb von Wattenscheid, Werne, Hofstede…. Soll das hier dann so weiter gehen, wie in Berlin? – Darauf können Ruhris verzichten!
    Solange der Tagesspiegel über die "Metropole Ruhr" lacht, die mit Bussen in der Hauptstadt Berliner Schwaben abwerben will, ist noch alles gut…

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