
Zwischen dem Film „Die 120 Tage von Sodom“ und den unter dem Begriff „Epstein Files“ bekannt gewordenen Missbrauchsvorwürfen lassen sich strukturelle Parallelen erkennen, auch wenn beide Phänomene unterschiedlichen Sphären angehören: dort ein radikales Kunstwerk, hier reale Kriminalfälle, die bis in hohe gesellschaftliche Kreise reichen. Ein Vergleich muss daher vorsichtig erfolgen. Er kann jedoch helfen, bestimmte Machtmechanismen sichtbar zu machen.
Der Film „120 Tage von Sodom“ von Pier Paolo Pasolini aus dem Jahr 1975 ist eine lose Adaption des Romans von Marquis de Sade. Der Film verlegt die Handlung in die Endphase des italienischen Faschismus und zeigt vier mächtige Männer, die Jugendliche entführen, gefangen halten und systematisch erniedrigen. Die Behandlung der gefangenen Jugendlichen nimmt im Laufe der Zeit immer drastischere Formen an, so bekommen sie Kot zu essen und werden wie Tiere an der Leine geführt. Am Ende werden sie gefoltert und ermordet. Die dargestellten sexuellen Grausamkeiten sind dabei nicht Selbstzweck; Pasolini verstand sein Werk als Allegorie auf die absolute Macht und die Entmenschlichung des Individuums. Sexualität wird zur Sprache der Herrschaft: Der Körper des Anderen wird zum Objekt, über das beliebig verfügt werden kann.
Im Fall von Jeffrey Epstein handelt es sich um reale Ereignisse. Gerichtsakten und Zeugenaussagen dokumentieren systematischen sexuellen Missbrauch Minderjähriger sowie ein Netzwerk aus Geld, Einfluss und gesellschaftlicher Abschottung. Anders als bei Pasolini geht es hier nicht um symbolische Überzeichnung, sondern um tatsächliche Straftaten mit konkreten Opfern. Die Parallelen liegen weniger im Detail der Handlungen als in der Struktur der Macht. Sowohl in „Die 120 Tage von Sodom“ als auch in den Epstein-Enthüllungen tritt ein Milieu wohlhabender, einflussreicher Männer hervor, dass sich scheinbar außerhalb normaler moralischer und sozialer Regeln bewegt. In beiden Fällen existieren abgeschlossene Räume – im Film eine Villa, in der Realität private Anwesen oder Inseln –, die als geschützte Sphären fungieren, in denen Macht ohne Kontrolle ausgeübt wird. Entscheidend ist dabei die Entmenschlichung: Menschen werden nicht mehr als Subjekte wahrgenommen, sondern als austauschbare Mittel zur Befriedigung von Bedürfnissen oder zur Demonstration von Dominanz.
Privilegierte Kreise und fehlende Rechenschaft
Ein weiterer Berührungspunkt ist die Verbindung von Elite und Straflosigkeit. Pasolinis Film zeigt, wie politische Macht jede Grenze überschreitet, wenn sie nicht durch Institutionen oder Moral gebremst wird. Die Epstein-Fälle warfen ähnliche Fragen auf: Wie können solche Strukturen über Jahre bestehen? Welche Rolle spielen gesellschaftliche Netzwerke, Loyalitäten und Abhängigkeiten? Manche Kulturhistoriker meinen tatsächlich, dass extreme ästhetische Darstellungen von Gewalt und Perversion Gefahr laufen, das dargestellte Böse zu überhöhen. Wenn das Grauen formal streng komponiert, kunstvoll inszeniert oder symbolisch überhöht wird, kann es eine verstörende Faszination erzeugen. Der Historiker und Publizist Joachim Fest kritisierte 1976 in der „FAZ“, Filme wie Pasolinis „Die 120 Tage von Sodom“ würden den Faschismus „auf eigentümliche Weise interessant“ zeigen. Gerade so, „als sei diese Herrschaftsform eine Mischung aus sexuellen Abartigkeiten, Konzentrationslager und Großer Oper gewesen, ein modernes Sodom. So verhelfen sie dem Faschismus zu einer Mythologisierung ins Perverse und gewähren ihm die Weihen des attraktiv Bösen.“
„Die 120 Tage von Sodom“ ist eine bewusst extreme, symbolische Kunstform, die das Publikum schockieren soll, um politische und gesellschaftliche Mechanismen offenzulegen. Die Epstein-Fälle hingegen sind keine fantasierte Allegorie, sondern Teil einer gesellschaftlichen Realität. Der Film arbeitet mit Übertreibung und Abstraktion; die realen Fälle sind konkret, dokumentiert und sind strafrechtlich relevant. Der Vergleich ist daher weniger ein Gleichsetzen als ein analytischer Zugriff: Pasolini zeigt in künstlerischer Radikalität, wie Macht den menschlichen Körper zum Herrschaftsinstrument machen kann. Die realen Ereignisse um Epstein verdeutlichen, dass solche Dynamiken nicht nur theoretische Konstruktionen sind, sondern unter bestimmten Bedingungen tatsächlich entstehen können. In diesem Sinne liegt die Parallele nicht in der Ästhetik oder im Ausmaß der dargestellten Grausamkeit, sondern im zugrunde liegenden Motiv: der Verbindung von Macht, Enthemmung und der systematischen Reduktion des Menschen auf ein Objekt.
Wenn aktuell Wim Wenders als Jurypräsident der Berlinale sagt: „Wir müssen uns aus der Politik heraushalten“ ist das falsch. Denn Filme sind immer politisch. Im Fall von Pasolini sogar so stark, dass er mit seinem Leben bezahlen musste – in der Nacht vom 1. auf den 2. November 1975 wurde er am Strand von Ostia bei Rom brutal ermordet. 1976 wurde der damals 17-jährige Pino Pelosi als Täter verurteilt. Er hatte zunächst gestanden und gab an, Pasolini im Streit getötet zu haben. Später – 2005 – widerrief er sein Geständnis und behauptete, mehrere unbekannte Männer seien daran beteiligt gewesen. Die bekannte italienische Journalistin Oriana Fallaci schrieb schon kurz nach seinem Tod, er sei von einem faschistischen Schlägertrupp erschlagen worden. Es existieren Indizien und Spekulationen über mehr als einen Täter und mögliche Hintermänner – bis in Kreise der Mafia hinein. Pasolini – seit seiner Jugend bekennender Kommunist, obwohl ihn die Partei wegen seiner Homosexualität ausgeschlossen hatte – äußerte sich immer wieder zu politischen Fragen. Er galt als unbequemer Intellektueller. Außerdem recherchierte er in den Wochen vor seinem Tod an einem Roman („Petrolio“) über Italiens Erdölindustrie. Der Mord bleibt einer der rätselhaftesten politischen Kriminalfälle in Italien. Pasolinis ästhetische Radikalität wirkt wie eine düstere Prophezeiung, deren Echo noch immer in unserer Realität nachhallt.
