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Schirrmacher, Malediven, Habermas

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Habermas und Schirrmacher auf den Malediven?
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Habermas und Schirrmacher auf Maledivenurlaub? / Bild: @photoripey

Die Geschichte der Republik der Malediven ist traurig, doch die Geschichte der FAZ ist es im Grunde ja auch. Unser Gastautor Jörg Metes erzählt, was die beiden verbindet.

Vor 50 Jahren, am 11. November 1968, wurde die Republik Malediven gegründet. Präsidenten hatte sie seither fünf.

Der erste Präsident (1968-78) und der zweite (1978-2008) waren Autokraten, sie ließen sich vom Parlament einfach ernennen. Der dritte (2008-2012) war der erste, der direkt vom Volk gewählt wurde. Der vierte (2012-2013) kam durch einen Putsch ins Amt, der fünfte (2013-2018) wieder durch Direktwahl.

Das Volk ist muslimisch. Der Islam ist Staatsreligion. Seit den späten 1970er Jahren gibt es im Staat Islamisten.1 Der zweite Präsident hat versucht, sie zu unterdrücken. Er war ein Diktator. Der dritte Präsident hat versucht, sie einzubinden. Er war ein Demokrat. Der vierte Präsident hat versucht, ihnen nach dem Mund zu reden. Er war nur eine Übergangslösung.2 Der fünfte Präsident ist selbst Islamist.

Eine traurige Geschichte

Die Geschichte der Republik Malediven ist eine traurige Geschichte. Die Islamisten haben sich weder unterdrücken noch einbinden lassen. Sie haben ihre Kinder von den Schulen genommen, sie haben ihre Frauen verhüllt, sie haben ihre Männer als Kämpfer in den Islamischen Staat geschickt.3 Ein Imam, der der Regierung des dritten Präsidenten angehörte, hielt in der Moschee Predigten gegen sie. Im Februar 2012 mußte der dritte Präsident dann zurücktreten; meuternde Polizisten haben ihn mit der Waffe dazu gezwungen. Und Islamisten stürmten am selben Tag das Nationalmuseum und zerstörten alles, was ihnen dort unislamisch erschien.

Der vierte Präsident, bisher Vizepräsident, entpuppte sich als Anhänger des zweiten. Zu seinem Glück sollte ihm der fünfte das nicht nachtragen. Den zweiten und den dritten Präsidenten nämlich ließ der fünfte dann wegen angeblicher Putschpläne vor Gericht stellen und zu Haftstrafen verurteilen – so, wie es übrigens auch der zweite zu seinen Amtszeiten mit dem ersten getan hat. Ausgerechnet der vierte Präsident ist der bisher einzige gewesen, der später nicht der Verschwörung angeklagt wurde. Wie es dem fünften unter dem sechsten ergehen wird, bleibt abzuwarten.

Der fünfte Präsident war dann beides, Islamist und Autokrat. Er hat sich nicht gescheut, auch konkurrierende Islamisten vor Gericht stellen und verurteilen zu lassen.4 Es kam unter ihm zu Meinungsverschiedenheiten im islamistischen Lager, und diese Meinungsverschiedenheiten dürften ein Grund dafür gewesen sein, daß er die Wahlen im September 2018 ganz unerwartet verloren hat. Der heutige Tag ist sein letzter Tag im Amt. Morgen wird der sechste Präsident vereidigt, ein alter Weggefährte des dritten und, so wenigstens hofft man, wie dieser ein Demokrat. Man wird sehen. Die letzten zehn Tage vor seiner Vereidigung allerdings hat der sechste jetzt in Mekka verbracht, sowohl zur Pilgerfahrt als auch zu Gesprächen mit dem saudischen Königshaus. Erst heute kehrt er von dort wieder zurück.5

Die Geschichte der Republik der Malediven ist eine traurige Geschichte, doch sie hat auch eine komische Fußnote.

Eine komische Fußnote

Im Februar 2011, ein Jahr vor dem Putsch, der ihn zum vierten Präsidenten machen sollte, bekam der damals noch Vizepräsident des dritten Präsidenten Besuch von einem Journalisten aus Deutschland. Der Journalist war nicht irgendwer. Er war Frank Schirrmacher, einer der fünf Herausgeber der FAZ.

Schirrmacher war zu Ohren gekommen, daß der Vizepräsident in den USA studiert und über Jürgen Habermas promoviert habe. Schirrmacher war außerdem zu Ohren gekommen, daß die Republik der Malediven sich von einer Diktatur zu eine Demokratie gewandelt habe, friedlich. Über beides wollte er sprechen. Und weil beides nicht stimmte, entspann sich ein langes, zähes und unfreiwillig recht komisches Interview, das am Ende gleich anderthalb Seiten der FAZ vom 9. Februar 2011 füllen sollte, als Aufmacher des Feuilletons.6

Die Überschrift in der Druckausgabe lautete: »Ein Gespräch mit Mohamed Waheed, dem Vizepräsidenten der Malediven: Nur ein Habermas kann uns retten«. Die Überschrift der bis heute abrufbaren Netzversion lautet: »Die Malediven als Demokratiemuster – Nur ein Habermas kann uns retten«. Die Netzversion ist illustriert mit einem Foto von Habermas, dessen Unterzeile lautet: »Von Habermas lernen heißt Demokratie lernen – Der Frankfurter Philosoph hat den Malediven den Weg zu einem liberalen Land gewiesen«. Und es zeugt von einer gewissen Größe der FAZ, daß sie das alles bis heute nicht gelöscht hat.

Das Interview ist wirklich sehr lang. Schirrmacher ergreift in ihm nicht weniger als fünfzigmal das Wort. Er beginnt es mit dem Satz: »Herr Waheed, Sie haben über Jürgen Habermas promoviert und sehen in seinem Denken einen wichtigen Impuls für die Demokratisierung von Gesellschaften.« Er möchte mit dem Vizepräsidenten über Habermas sprechen. Er nennt den Namen Habermas immer wieder. Doch der Vizepräsident möchte ganz augenscheinlich nicht.

Wenn der Vizepräsident der Malediven nicht will

Es lohnt sich nicht, das Interview ganz durchzulesen. Das Gespräch kommt nie in Gang. Schirrmacher versucht es mit allen möglichen Themen: Islam, Afghanistan, Deutschland, Drogenschmuggel. Er staunt über die Vielzahl von Inseln, aus denen die Republik besteht. Er erkundigt sich, auf welcher davon die nationale Universität gebaut werden soll. Er lobt die »hervorragende Küstenwache«. Er findet, daß »die Bevölkerung auf den Malediven einen glücklichen Eindruck vermittelt«. Für Schirrmacher steht fest: »Sie haben den politischen Wandel auf den Malediven vollzogen«. Der Vizepräsidenten geht nur nicht darauf ein. »Sie persönlich«, erklärt ihm Schirrmacher, »sind in ganz Europa bekannt«. Dem Vizepräsidenten wird allmählich wohl auch mulmig. »Vielleicht«, fragt Schirrmacher, »existiert ja irgendwo eine Art islamischer Habermas?«. Der Vizepräsident nimmt den Namen Habermas sicherheitshalber nicht mal in den Mund.

Die Geschichte der Republik der Malediven ist traurig, doch die Geschichte der FAZ ist es im Grunde ja auch. »Muslimische Gesellschaften«, hat Schirrmacher das Interview in der Druckausgabe noch angetextet (oder antexten lassen), »müssen lernen, dass die Deutung der Welt das Ergebnis von Kommunikation ist, nicht von Predigten. Dazu müssen sie ein wichtiges Lebensmittel importieren: deutsche Philosophie.« Grundgütiger.

Das Thema aber, über das der Vizepräsident in Wahrheit promoviert hatte (Stanford 1987), lautet: »Determinants of knowledge production and use in external financing of education: a case study of a foreign aid project in Sri Lanka«.7


  1. Yameen Rasheed, A tool for the atolls, Himal Southasia, 20 June 2012, https://himalmag.com/a-tool-for-the-atolls/
  2. Azra Naseem, Who is the President of the Maldives? Dhivehi Sitee, June 28, 2012, https://www.dhivehisitee.com/executive/being-mwh-manik/
  3. Azra Naseem and Mushfique Mohamed, The long road from Islam to Islamism, Dhivehi Sitee, May 30, 2014, https://www.dhivehisitee.com/religion/islamism-maldives/
  4. The Maldives Nine: Who Are They?, Maldives Independent, February 03 2018, https://maldivesindependent.com/politics/the-maldives-nine-who-are-they-135595
  5. President-elect departs to Saudi Arabia, Maldives Independent, November 7 2018, https://maldivesindependent.com/politics/president-elect-departs-to-saudi-arabia-142539
  6. Frank Schirrmacher, Die Malediven als Demokratiemuster: Nur ein Habermas kann uns retten, faz.net, 09.02.2011, http://www.faz.net/-gqz-y5zk
  7. https://searchworks.stanford.edu/view/1273489
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