
Man muss der CDU ja eines lassen: Wenn es darum geht, komplexe Probleme mit einem Holzhammer zu „lösen“, ist sie zuverlässig zur Stelle. Nun also ein Social-Media-Verbot für Kinder und Jugendliche, das heute auf dem Parteitag in Stuttgart beschlossen werden soll. Klingt entschlossen, klingt nach Handlungsfähigkeit – ist aber bei genauerem Hinsehen vor allem eines: erstaunlich naiv.
Die Grundidee wirkt auf den ersten Blick verführerisch simpel. Social Media macht jungen Menschen Probleme? Dann verbieten wir es halt. Fertig. Problem gelöst. So funktioniert Politik in Sonntagsreden – aber nicht in der Realität eines digital vernetzten Jahres 2026. Wer ernsthaft glaubt, man könne Millionen Jugendliche per Gesetz aus TikTok, Instagram & Co. aussperren, hat entweder die letzten 15 Jahre Internetentwicklung verschlafen oder unterschätzt massiv die Kreativität junger Menschen.
Schon heute scheitern Altersbeschränkungen regelmäßig an der Praxis. Ein Klick hier, ein falsches Geburtsdatum dort – willkommen im vermeintlich verbotenen Bereich. Ein pauschales Verbot würde daran exakt nichts ändern, außer dass es die Nutzung in intransparentere, weniger kontrollierbare Räume verschiebt. Glückwunsch: Dann sind die Plattformen weg aus der öffentlichen Debatte, aber die Probleme bleiben.
Noch problematischer ist die pädagogische Bankrotterklärung hinter solchen Forderungen. Ein Verbot sendet die Botschaft: Wir trauen euch nicht zu, verantwortungsvoll mit digitalen Medien umzugehen. Statt Medienkompetenz entschlossener zu fördern, statt Schulen besser auszustatten, statt Eltern zu unterstützen, wird der einfachste – und wirkungsloseste – Hebel gezogen. Das ist ungefähr so klug, wie Fahrräder zu verbieten, weil es Verkehrsunfälle gibt.
Natürlich gibt es reale Risiken durch Social Media: Suchtmechaniken, Desinformation, psychischer Druck. Aber wer glaubt, man könne diese komplexen Phänomene durch ein simples Altersverbot weitestgehend wegregulieren, betreibt Symbolpolitik in Reinform. Die wirklich harten Aufgaben – Plattformregulierung, Datenschutz, algorithmische Transparenz, Bildung – bleiben dabei Randthemen. Wie einfach und bequem!
Und dann ist da noch die praktische Frage: Wie soll das eigentlich kontrolliert werden? Altersverifikation per Ausweis? Gesichtsscans? Zentrale Identitätsdatenbanken für Minderjährige? Wer hier nicht sofort Bauchschmerzen bekommt, hat die Datenschutzdebatten der letzten Jahre ebenfalls verpasst.
Am Ende wirkt der Vorstoß wie ein politischer Reflex aus der analogen Welt: Wenn etwas neu und beunruhigend ist, verbieten wir es erstmal. Doch Jugendliche leben längst digital. Sie brauchen keine politischen Beruhigungspillen, sondern kluge Rahmenbedingungen, echte Aufklärung und Erwachsene, die die digitale Realität verstanden haben.
Ein Social-Media-Verbot für Minderjährige wäre kein mutiger Schutzschild. Es wäre vor allem ein teures, leicht zu umgehendes und pädagogisch fragwürdiges Placebo. Und davon gibt es in der Politik wirklich schon genug.
