
Man habe nur ein Berliner Kraftwerk treffen wollen, aber nicht beabsichtigt, dass die Kettenreaktion einzelne Haushalte vom Strom abschneide, erklärten die Attentäter der „Vulkangruppe“ in einem Bekennerschreiben. Ja ne, ist klar. Treuherziger und dämlicher hat wohl noch keine linksextremistische Truppe ihre Taten zu verbrämen versucht. Man muss schon einen ziemlichen Schaltfehler im Kopf haben, um ernsthaft zu glauben, die Zerstörung von Großtechnik der Energieversorgung gehe an den Wohnungen von Pflegebedürftigen, diabeteskranken Rentnern und anderen vulnerablen Menschen vorbei.
Wenig überraschend, dass ein solcher Anschlag in der mit linksextremistischen Milieus überversorgten Bundeshauptstadt passiert. „In Berlin ist radikale Herrschaftskritik für viele Common Sense“, zitiert die „Welt“ den Extremismusforscher Hendrik Hansen. An entsprechenden Debattenzirkeln, Rückzugs- und Resonanzräumen herrscht kein Mangel. Auch „manche Parteien im Berliner Raum“ seien hier zu nennen, so Hansen. Tatsächlich ziehen diese nur ungern und halbherzig klare Grenzlinien zur „Gewalt gegen Sachen“, wie es beschönigend schon seit den Zeiten der frühen RAF heißt. Obwohl die „Vulkangruppe“ schon mehrfach zuschlug – zum Beispiel auch 2014 hinter dem Anschlag auf das Tesla-Werk in Brandenburg stecken soll – gelang bislang kein nennenswerter Fahndungserfolg. Der Kampf gegen Links, so scheint es, hat politisch und damit auch bei den Behörden keine Priorität. Man ist vollauf mit anderem beschäftigt.
Es dauerte Tage, bis die ganze Dimension des Brandanschlags auf das Stromnetz am 3. Januar ins Bewusstsein der politischen Entscheidungsträger einsickerte. Auch das dürfte zumindest teilweise mit den Tätern zusammenhängen, deren politische Herkunft früh klar war. Kriminelle, die angeben, sie müssten was gegen die „Klimakrise“ oder ein anderes links-grünes Anliegen tun, können bei den üblichen Empörungszuständigen in Medien und Politik erst einmal mit Beißhemmung, teils sogar mit klammheimlichem Wohlwollen rechnen. Man stelle sich kurz vor, eine rechte Terrorgruppe hätte sich zu dem Anschlag bekannt. Da wäre politisch und medial ganz anders Druck im Kessel entstanden.
Berlins Regierender Bürgermeister Kai Wegner von der CDU zeigte sich jedenfalls weder zu angemessenem Krisenmanagement in der Lage, noch nannte er in der gebotenen Deutlichkeit Ross und Reiter. Berliner Winter können bekanntermaßen hart sein, tagelang durchgehende Minus-Temperaturen sind nichts Besonderes. Der Ausfall von Strom und damit der Heizung ist da keine Kleinigkeit. Die Hilflosigkeit und fast aufreizend gemächliche Routine, mit der in dieser für manche Menschen lebensbedrohlichen Lage zunächst agiert wurde, lässt tief blicken.
„Bei den vielen Besitzern von Villen in diesen Stadtteilen hält sich unser Mitleid in Grenzen“, ließ die Vulkangruppe im zynischen RAF-Jargon wissen. Die Reichen können sich doch gefälligst selbst helfen – unterschwellig war das vielleicht auch der Hintergrund für das zunächst schwerfällig anlaufende öffentliche Krisen-Engagement. Doch abgesehen davon, dass auch Villenbesitzer das Recht auf funktionierende staatliche Krisenbewältigung haben, leben auch im Berliner Südwesten wie in allen besseren Vierteln keineswegs nur Millionäre.
Der Fall hat aber auch schlaglichtartig gezeigt, wie schlecht in diesem Land kritische Infrastruktur geschützt ist und wie wenig Betreiber auf das schnelle Beheben von Schäden und notfalls aufs Improvisieren vorbereitet sind. Und das zumindest dürfte keineswegs eine Berliner Spezialität sein. Fahrt doch mal nach Kiew und macht bei den Ukrainern ein Praktikum, möchte man den technischen Abteilungen raten. Die Raketentreffer der Russen auf die ukrainische Energieinfrastruktur dürften ja noch etwas verheerender sein als die Taten von Klima-Terroristen in Berlin, sind aber dennoch offenkundig schneller behoben.

Dit is Berlin. Mit Ansage:
https://www.focus.de/panorama/berliner-blackout-behoerdenbericht-warnte-noch-vor-chaos-jetzt-ist-es-da_f762fc1d-5979-4086-baef-2bed83089cac.html