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Teil 2: Corona-Tagebuch aus einem israelischen Altenheim

Oliver Vrankovic im Dienst. Foto: Oliver Vrankovic

Im ersten Teil seines Tagebuchs hat unser Gastautor Oliver Vrankovic den Beginn von Corona in Israel nachgezeichnet und die Anstrengungen des Heims ein Eindringen und ein Verbreiten innerhalb des Heims zu verhindern.

Wer im Heim auch nur die entferntesten Anzeichen von Corona Symptomen zeigte wurde innerhalb des Heims isoliert. Wer zu einer Untersuchung oder Behandlung außer Haus musste, wurde im Anschluss zwei Wochen isoliert. Für die Angestellten wurde das Fiebermessen und das Ausfüllen eines Formblatts des Gesundheitsministeriums verpflichtend. Wer sich nicht wohl fühlte, musste zu Hause bleiben.

Am 25/03 verschärfte die Regierung die Einschränkungen nochmals. Mit einem Verbot sich mehr als 100 Meter vom Haus zu entfernen, hatte Israel eines der härtesten Corona Regime der freien Welt. Am 31/03 (729), 01/04 (695) und 02/04 (719) sah Israel die Höchste Zahl von Neuansteckungen innerhalb eines Tages. Am 01/04 wurden Zusammenkünfte auf zwei Personen begrenzt. Über die ultraorthodoxen Stadt Bnei Brak, wo die Anweisungen weitgehend ignoriert wurden und die Infektionszahlen extrem hoch waren, wurde ein Ausgangsverbot verhängt.

Besondere Ermahnungen für die Heime

Wir wurden im Heim zu Selbsteinschränkungen, über die jeweils geltenden Restriktionen hinaus, ermahnt. Wir wurden angehalten uns in unserer Freizeit mit niemandem zu treffen, nicht in Supermärkten einzukaufen und überhaupt nirgendwo hinzugehen und ständig Mund und Nase zu bedecken. Auf der anderen Seite mussten wir im Heim selbst bis zum 31/03 auf Masken und Schutzkleidung warten und noch länger darauf, am 13/04 endlich auf Corona getestet zu werden.

An Pessach haben wir uns auf der Pflegestation trotz der Umstände bemüht, eine Feiertagsatmosphäre herzustellen. Tische wurden dekoriert und ein Bewohner hat ein paar Zeilen aus der Haggada gelesen und wir haben gesungen. Unter Wahrung des Abstandsgebots. Selbstredend ersetzte dies den Bewohnern nicht das Zusammenkommen mit ihren Liebsten an diesem Abend, an dem sonst die Grossfamilie zusammen um den Tisch sitzt.

Da ich an der Grenze zu Bnei Brak wohne, bis ich einen Tag vor Pessach ins Heim gezogen, um mich vor Ansteckung zu schützen. Ab 12/04 kam die Heimatfront der israelischen Armee jeden Tag, um am Eingang zu kontrollieren, wer ins Heim darf und wer nicht. Am gleichen Tag wurden alle Israelis aufgefordert außerhalb der eigenen vier Wände Masken zu tragen.

Die  einzige Gruppenaktivität im Heim, die zum Mittelpunkt des sozialen Lebens avancierte, war die Turnstunde im großen Sommergarten. Dieses Corona bedingt geschaffene Angebot sah die Bewohner in mehreren Kreisen mit gebührendem Abstand voneinander um die Physiotherapeutin sitzen und die Übungen mitmachen.

Das Fenster zur Außenwelt

Zum Fenster zur Außenwelt wurde ein Teil der Lobby des Heim, der gegen den Vorhof verglast ist. Dort fanden sich zunehmend Angehörige ein, die ihre Liebsten so durch die Scheiben sehen konnten während sie mit ihnen am Handy redeten.

Dass ich meinen Kolleginnen aus meiner Gruppe während der Arbeit nicht zu nahe kommen darf ist eine eigene Herausforderung, da wir schon vor der Corona Krise eine Schicksalsgemeinschaft waren, die sich oft durch Zuwendung und Umarmungen gegenseitig bestärkt hat. Zwar haben wir alle die Arbeit im Heim, aber zum Lebensunterhalt hat diese Arbeit nie gereicht. Meine Kolleginnen haben neben der Vollzeitanstellung im Pflegeheim plus Überstunden noch halbe Stellen in anderen Einrichtungen. Da den Meisten von uns ihr Zweitverdienst weggebrochen ist, haben wir mit Vollzeitjob in einer Belastungssituation, Kinderbetreuung am Limit und Geldnot zur gleichen Zeit zu kämpfen.  Die angespannten Nerven führen zwar zu manchem heftigen Streit, doch diese Auseinandersetzungen werden immer recht schnell bereinigt und insgesamt versuchen wir Angestellte nicht nur mit den Bewohnern sondern auch mit uns gegenseitig fürsorglich umzugehen. In zunehmend vertieften Gesprächen mit den Kollegien wird immer klarer, dass die Krise nicht nur mir an die Nerven geht. Die Möglichkeit angesteckt zu werden und anzustecken und damit den Tod zu bringen liegt schwer auf der Psyche.

Eine besondere psychische Herausforderung war die Aufsicht über Verwandtenbesuche bei schweren Pflegefällen. In Zeiten von Corona nähern sich die Menschen von ihren Angehörigen isoliert dem Tod und sterben ohne ihre Familien am Bett. Nach mehr als einem Monat strikt durchgezogenen Besuchsverbote wurde eine Ausnahme für schwere Pflegefälle beschlossen. Da das Betreten des Heims weiter streng untersagt war führte der Weg für die nahestehen Angehörigen nach Voranmeldung und Fiebermessen von Außen durch ein Tor in den abgezäunten hinteren Garten der Pflegestation. Dort saßen die Besucher dann mit Schutzmaske ihrer Mutter (oder ihrem Vater) in drei oder vier Metern Abstand gegenüber, ohne dass diese sie immer erkannt oder auf sie reagiert hätten. Wenn ich Schicht hatte bekam ich stets die undankbare Aufgabe, aufpassen, dass es zu keiner Annäherung oder sogar Berührung kommt.

Die Abschottung wiegt schwer

Am Gedenktag an die Opfer des Holocaust und die Helden des Widerstands in diesem Jahr mussten letzten Überlebenden isoliert von ihren Familien sein, von ihren Kindern, Enkel und Urenkel, die für sie den späten Sieg über die Nazis bedeuten. Polizisten und Soldaten, die vor dem Heim salutiert haben konnten den Schmerz über die Einsamkeit an diesem Tag höchstens etwas lindern.
Noch schwerer lastete der lockdown eine Woche später am Gedenktag für die Gefallenen auf den Bewohnern, die an diesem Tag nicht auf die Friedhöfe gehen konnten.

Ende April sah Israel das Abflachen der Kurve. Im Heim wurde vorsichtig auf eine Normalisierung hingewirkt, sofern von Normalisierung bei aufrechterhaltenem Besuchsverbot, Abstandsgebot und Maskenpflicht die Rede sein kann. Die  Heimleitung begann Musiker einzuladen, die erez-israelische oder auch jiddische Lieder im großen Sommergarten vorgetragen haben und einen Konzertviolinisten, der die Menschen tatsächlich mit seiner Virtuosität für eine Stunde zerstreuen konnte.

Die „Besuche“ am Fenster mussten aufgrund des zunehmenden Andrangs so organisiert werden, dass es entlang der Fensterfront in der Lobby nach draußen drei voneinander getrennte spots gibt mit Tischen auf beiden Seiten der Glasbarriere, damit sich Bewohner und Angehörige so gegenüber sitzen können.

Ein Hoffnungsschimmer

Anfang Mai zeigte das strenge Corona Regime in Israel seine doppelte Auswirkung. Die Neuinfektionen gingen stark zurück und zeigten auf ein Ende der Krise. Gleichzeitig machte eine Arbeitslosigkeit von 25% (vor Corona 4%) eine weitere Aufrechterhaltung von Einschränkungen quasi unmöglich. Ende Mai waren Geschäfte, Strände, Schulen und Kindergärten offen. Weiter ausgesetzt blieben der Bahnverkehr und Großveranstaltungen. Die Grenzen blieben geschlossen und es galten weiter Masken-, Abstands- und Hygienepflicht.

Die 100 Meter Beschränkung wurden aufgehoben, Gaststätten und Hotels haben ihren Betrieb wieder aufgenommen und die Restaurants in Tel Aviv waren gleich am ersten Abend voll bis zum letzten Platz (120.000 Reservierungen).
Und auch das generelle Kontaktverbot zu älteren und damit gefährdeten Menschen wurde aufgehoben. Die Lockerungen stellten für das Heim und die Bewohner eine große Herausforderung.

Der Virus bedeutete weiter eine Lebensgefahr, aber auch die installierten Gegensprechanlagen an den Besuchsstationen konnten die Sehnsucht der BewohnerInnen, Kinder und Enkel nicht nur durch die Scheibe zu sehen, sondern auch zu drücken, kaum mehr stillen. Schließlich durften Bewohner nach Versicherung sich an das Abstandsgebot zu halten mit ihren Angehörigen auf Bänken im Vorhof des Heims sitzen. Da diese nicht ausreichten, wurde sich auf Bänken entlang der Straße, die am Heim vorbeiführt niedergelassen. In einzelnen Fällen wird Bewohnern inzwischen erlaubt, ihre Familien zu besuchen. Private Pflegerinnen dürfen das Gebäude für Einkäufe verlassen. Die Armee ist abgezogen und private Betreuerinnen, Anleiter und die Friseurin sind wieder im Heim. Kulturprogramm und Mitmachangebote wurden unter Einhaltung von Abstandsgebot und Maskenpflicht hochgefahren und inzwischen finden wieder vier Vorträge und ein Filmnachmittag pro Woche statt.

Alle haben darauf gewartet, dass Umarmungen wieder erlaubt werden. Und dann…

weiter geht es in Teil 3

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Ein Kommentar zu “Teil 2: Corona-Tagebuch aus einem israelischen Altenheim

  • #1
    Anna Andlauer

    Danke, Oliver, dass Du durchhältst und Dein Möglichstes tust, Leben zu retten.
    Anna

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