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Corona-Tagebuch aus Israel: Ruhrbarone-Gastautor schon geimpft

Oliver Vrankovic bekommt den BioNTech-Impfstoff geimpft.

Ruhrbarone-Gastautor Oliver Vrankovic (Corona-Tagebuch aus Israel Teil 1, Teil 2, Teil 3)  arbeitet in Israel als Altenpfleger und wurde bereits geimpft. Hier berichtet er über die Impfkampagne in Israel.

Ich wurde als einer der ersten unter 50jährigen weltweit gegen Corona geimpft. Ich würde gerne eine bombastische Geschichte daraus machen, aber die Verabreichung des Impfstoffs von BioNTech am Neujahrstag verlief völlig unspektakulär.

Am Neujahrstag wurde die Marke von einer Million Geimpfter in Israel überschritten, die Allermeisten davon Israelis über 60 Jahre. Bevor der Millionste Israeli am späten Vormittag in Umm Al Fahm im Beisein von Netanyahu geimpft wurde, war das Altenheim, in dem ich arbeite, durch. Das schnelle Vorankommen mit den Impfungen in Israel hat mehrere Gründe, wobei die geringe Größe des Landes einer dieser Gründe ist. Der Impfstoff wird nach der Ankunft vom Pharmagiganten Teva im Auftrag des Staates nach Shoham im Zentrum des Landes verfrachtet und von dort an die vier großen Krankenkassen und die großen Krankenhäuser verteilt.

Und bei den vier halbstaatlichen und miteinander konkurierenden Krankenkassen liegt der Schlüssel zur Erklärung der VacciNation. Anders als in Deutschland haben die Krankenkassen überall im Land kleine Kliniken, in denen die Hausärzte und Schwestern sitzen und denen Apotheken angegliedert sind. Sie sind die ersten Anlaufstellen für Kranke und dort werden die Überweisungen an Fachärzte ausgestellt, die meist in den größeren medizinischen Zentren der Krankenkassen sitzen. Dies bedeutet für die Impfkampagne, dass es von der Auslieferung an die Krankenkasse bis zum Verimpfen keinen Zwischenschritt braucht.

Bei mir in Ramle z.b. kontaktiert die größte Krankenkasse Israels Clalit alle ihre Mitglieder über 60 und diejenigen, die zur Risikogruppe gehören und vergibt Impftermine in ihrem Impfzentrum, das sie in ihrem medizinischen Zentrum in der Stadtmitte errichtet hat. So bekamen meine Mitbewohnerin, die zur besonders gefährdeten Risikogruppe gehört und meine älteren Nachbarn ihre Impftermine.
Bei mir im Heim lief die Sache etwas anders. Für uns wurde eine Palette mit Tausend Impfdosen aus dem Kühlschrank des Shiva Krankenhaus geholt, dass sich neben den Krankenkassen und der Armee auch an der Impfkampagne beteiligt. Da wir keine Verwendung für die Tausend Impfdosen der Palette haben, mussten wir uns mit anderen Heimen zusammenschließen, was den Impftermin im Heim leider mehr als eine Woche über den Beginn der Impfkampagne am 23.12. hinaus verzögert hat.

Zu den Gründen des gelungenen Impfstarts in Israel gehört auch, dass Israel es geschafft hat, sich eine große Menge an Impfstoff von BioNTech zu sichern. Und auch von Moderna. Obwohl die Verträge und ihre Klauseln unter Verschluss sind, gibt es Hinweise auf die Gründe für diesen Coup. Der erste ist das Interesse der Hersteller, Israel als showcase für die Wirksamkeit zu haben. Eine durchgeimpfte und immune Gesellschaft ist die beste Werbung für den Impfstoff und das schnelle Vorankommen in Israel erzeugt ja ganz offensichtlich auf die Regierungen dieser Welt einen großen Beschaffungsdruck. Kehrseite ist, dass nach jüngsten Berichten die kontinuierliche Nachversorgung mit Impfstoff in Israel derzeit gefährdet ist, da Länder mit Engpässen zunehmend irritiert reagieren. Man wird sehen wie sich das ausspielt.

Ein weiterer Grund für die Beschaffung großer Mengen an Impfstoff liegt in der israelischen Mentalität und wurzelt im selben Boden, der das desaströse Versagen bei der Eindämmung der Ausbreitung von Corona bedingte. In Israel gibt es eine wenig schmeichelhafte Benennung für das Phänomen sich über Regelungen und Konventionen hinwegzusetzen, um einen Vorteil zu erlangen. Chuzpa. Diese Chuzpa hat sich im Fall der Impfstoffbeschaffung aber sehr positiv ausgespielt und Leben gerettet. Es scheint gesichert, dass der israelische Premier persönlich bei Pfizer und Moderna anrief um eine Bestellung aufzugeben und Israel für die Auslieferung mehr als den offiziellen Preis gezahlt hat. Dies hat das Land gegenüber der EU und anderen Käufern, die ihre Bestellungen im Internet oder per Telefon oder Fax zu den offiziellen Konditionen aufgegeben haben in den entscheidenden Vorteil gesetzt (wie es übrigens in unlängst auch bei den Masken gelaufen ist) und Netanyahu wird für die Beschaffung von zig Millionen Impfdosen nicht nur bei seinen Anhängern sondern auch von seinen politischen Gegnern gefeiert.

Als der Beginn der Impfkampagne für den 23.12. verkündet wurde und sich Netanyahu an Vorabend medienwirksam als erster Israeli impfen lies, begann im ganzen Land eine von den wichtigsten Medien getragene Aufklärungskampagne, die Jedem die absolute Notwendigkeit des Impfens ins Hirn hämmerte. Die Anzahl der Impfgegner ging zurück und Covidioten verstummten in der Öffentlichkeit, bzw. wurden leiser. Nachdem die Impfkampagne angelaufen war ohne dass es zu Vorfällen kam erklärten sich zuletzt 80% der Israelis bereit, sich impfen zu lassen. Vor einem Monat waren es noch weniger als die Hälfte.

Im Heim wurden alle Impfgegner (v.a. Russischsprachige MitarbeiterInnen, in deren community viele Verschwörungserzählungen im Umlauf sind) zu einem Gespräch mit dem Chefarzt des Hauses verpflichtet. Als gestern geimpft wurde, waren alle BewohnerInnen bis auf Einen (plus zwei BewohnerInnen, die kurz zuvor positiv getestet wurden) und alle Angestellten bis auf ein halbes Dutzend (plus eine positiv Getestete) dabei. Die vorab getroffene Einteilung der BewohnerInnen und MitarbeiterInnen in Gruppen wurde schnell aufgegeben, nachdem klar wurde, dass die Impfungen viel schneller ablaufen als gedacht. Zu den drei Impftischen kam ein Vierter, der von der Oberschwester meiner Station bemannt wurde. Der Ablauf war trotz seiner historischen Bedeutung trivial. Nach der Identitätsfeststellung und dem Abgleich mit der Krankenkasse musste an einem der beiden Befragungstische angegeben werden, ob man in der Vergangenheit allergisch auf Injektionen reagiert hat und welches der dominante Arm ist. Dann wurde der Ärmel auf dem nicht dominanten Arm mit einem Aufkleber markiert und man ging zu einem der vier Impftische und bekam die Spritze. Nachdem man sich dann in der Lobby unter Beobachtung des Chefarztes eine Viertel Stunde ausgeruht hat (oder auch nicht) konnte man sich bei der Heimleitung ein Päckchen Erdbeeren abholen und fertig.

Mir selbst war es wichtig ein gutes Bild zu haben und ich habe mit meiner Kollegin Zehavit ausgemacht, dass wir uns gegenseitig fotografieren. Dann aber musste ich den beiden alten Menschen im Rollstuhl, die vor mir dran waren, assistieren und kam dann direkt an die Reihe, bevor ich Zehavit Bescheid sagen konnte und musste entsprechend mit einem Selfie vorlieb nehmen. Natürlich habe ich mich von meiner großartigen Oberschwester impfen lassen, doch die war so im Schwung, dass ich sie nicht mehr dazu bringen konnte, beim Verabreichen zu posieren und so hab ich nur ihre Rückenansicht auf dem Selfie. Gespürt habe ich gar nix. Nicht den Einstich und auch danach nix. Ich hab die Erdbeeren geholt ohne mich auszuruhen und als ich versucht habe die Einstichstelle am Arm zu finden, ist mir dies nicht gelungen. Ich spüre bis heute nix .

Sechs Stunden nach der Impfung musste ich die knapp Zweihundert BewohnerInnen einzeln aufsuchen und sie nach ihre Wohlbefinden befragen. Eine Bewohnerin fühlte sich etwas schwach. Heute – einen Tag nach der Impfung – sind alle wohlauf. Da die Impfung zeitlich mit der Entdeckung der ersten beiden Ansteckungen im Heim zusammenfällt ist für Freude natürlich kein Platz. Im Gegenteil ist die Anspannung zurück. Auch auf das ganze Land bezogen ist vor dem Hintergrund einer extrem hohen Infektionsrate (knapp 6000 Neuansteckungen pro Tag bei weniger als zehn Millionen Einwohnern) kein unmittelbares Ende von Corona in Sicht. Im Gegenteil nähert sich die Anzahl der Menschen mit schwerem Krankheitsverlauf gerade der als sehr gefährlich geltenden Marke von 800 bei gleichzeitig sehr niedriger Bereitschaft der Bevölkerung sich an die Restriktionen zu halten und großem Unwillen der Politik diese durchzusetzen.

Die erste Impfdosis bekommen zu haben bedeutet nicht sofort immun zu sein. Aber es ist mindestens ein Licht am Ende des Tunnels und wenn Israel am 10.01. aufhört die ersten Injektionen zu vergeben und dann drei Wochen lang die zweiten Injektionen gibt, sollten Ende Januar tatsächlich alle von einem schweren Krankheitsverlauf besonders gefährdete Menschen zu 95% vor Corona geschützt sein.

Ich möchte diese persönliche Erfahrung teilen um nachdrücklich für eine Impfung zu werben. Bei gleichzeitiger Aufrechterhaltung der Vorsicht. Auf dass wir uns noch 2021 in den Armen liegen können.

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4 Kommentare zu “Corona-Tagebuch aus Israel: Ruhrbarone-Gastautor schon geimpft

  • #1
    Thomas

    Interessant finde ich auch das der ein millionste Geimpfte ein verurteilter Mörder war. Ich möchte nicht wissen was in so einem Fall in Deutschland los wäre. Zumal er auch noch Araber ist. In Israel. Für vielen Linke bestimmt überraschend. Jetzt kann man ja gar nichts mehr kritisieren.

  • #2
    Susanne Scheidle

    Offenbar hat man sich in Israel nicht nur genug Impfdosen gesichert, auch die Organisation der Impfkampagne ist auch klasse. Lief gestern ein Bericht im TV: Die Daten sind bei der Krankenkasse zentral gespeichert, müssen also nicht umständlich bei der Anmeldung erfasst werden… alles online, alles smooth…

    In D wird statt dessen allen Ernstes in Betracht gezogen, für die Terminvergabe zur Impfung die Nummer 116117 zu nutzen, allerdings, nix genaues weiß man nicht bisher, also jedenfalls nicht in NRW und allein das spricht Bände.

    @Thomas #1
    Da machen Sie sich mal keinen Kopp, wenn man was zum Kritisieren finden will, findet man auch was…

  • #3
    Holger H

    Ein Päckchen Erdbeeren? Nun ja, warum sich nicht. Ich bin neidisch. Nicht auf die Erdbeeren, sondern die schnelle Impfung. Sehr interessant, dass es auch zu einem Meinungsumschwung kam. Danke für den Bericht.

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