
Bei der Klimapolitik haben die Gerichte Wähler und Politiker entmachtet. Doch wenn Wahlen egal werden, ist die Republik in Gefahr.
Das Bundesverwaltungsgericht hat nach einer Klage der Umwelthilfe die Bundesregierung verpflichtet, neue Klimaschutzmaßnahmen zu ergreifen. Ob die Arbeitsplätze kosten oder zu Wohlstandsverlusten führen, ist egal. Das Klima geht vor. Urteile des Bundesverfassungsgerichts und des Europäischen Gerichtshofs für Menschenrechte decken die Entscheidung der Verwaltungsrichter. Der Entscheidungsspielraum der Politik ist stark begrenzt. In der FAZ sagt Rechtsprofessor Christian Calliess von der Freien Universität Berlin: „Die Klimaentscheidungen aus Karlsruhe und Straßburg laufen auf eine Art normatives Rückschrittsverbot hinaus.“ Was bedeutet, dass die Politik den eingeschlagenen Pfad der Klimapolitik nicht mehr ändern kann, auch wenn es dafür eine Mehrheit in den Parlamenten gäbe. Sollten die Bürger in den kommenden Jahren angesichts von Deindustrialisierung, hohen Energiepreisen und zunehmenden Wohlstandsverlusten eine andere Politik fordern, kann sie nicht umgesetzt werden. Die von Umweltverbänden eingeklagte und zu geltendem Recht gewordene Klimapolitik ist damit nicht revidierbar.
Aus Aktivistensicht ist das auf den ersten Blick ein großer Erfolg: Die Politik muss, unabhängig von Mehrheiten, ihrer Linie folgen, Spielraum für Kompromisse gibt es nicht. Die Umwelt- und Klimabewegung hat es damit erst einmal geschafft, dass es keine politische Debatte mehr über ihre Forderungen geben kann: Sie sind zu höchstem Recht geworden und damit den demokratischen Verfahren entzogen. Was die Bürger oder die Politik will, ist egal. Doch diesem Triumph wohnt eine Katastrophe inne: Wenn Bürger nicht nur das Gefühl haben, sondern wissen, dass sie entscheidende Politikbereiche wie Wirtschafts-, Klima- oder Energiepolitik nicht mehr beeinflussen können, werden sie sich von der Demokratie abwenden, denn der Bürger wurde vom nun grünen Recht vollkommen kastriert und die von ihm gewählten Parteien und Abgeordneten gleich mit.
Deutschland bewegt sich mit seiner Klimapolitik in einem globalen Wettbewerb mit Wirtschaftsräumen wie den USA, China und großen Teilen des Globalen Südens, die anderen klimapolitischen Regeln folgen: Weniger rechtlich gebunden, stärker industriepolitisch ausgerichtet und mit deutlich niedrigeren Energie- und Regulierungskosten. Während diese Länder auf Wachstum und industriepolitische Spielräume setzen, riskiert Deutschland Wohlstandseinbußen und damit seine demokratische Stabilität.
Durch die radikale Verrechtlichung der Klimapolitik und ihrer Entfernung aus dem bislang üblichen politischen Diskurs wird Kritik an ihr von nun an Systemkritik sein, denn innerhalb des politischen und rechtlichen Systems der Bundesrepublik lässt sie sich nicht mehr ändern. War radikale Systemkritik die längste Zeit ein Kennzeichen rechts- und linksradikaler politischer Sekten wie der NPD und der DKP und gelangte erst durch die Erfolge der AfD zu einer größeren Bedeutung, wird sie nun in die Mitte wandern: Die demokratischen Parteien, die sich an das Recht gebunden fühlen, werden nicht mehr in der Lage sein, den Wählerwillen auch nur durch Kompromisse abgemildert umsetzen können. Warum sollte man sie wählen, wenn sie so ohnmächtig wie Berlins regierender Bürgermeister Kai Wegner sind, dessen Entscheidung, auf den vereisten Bürgersteigen der Hauptstadt zu erlauben, Salz zu streuen, nach einer Klage des Naturschutzbundes vom Verwaltungsgericht kassiert wurde, obwohl sich die Berliner auf den Straßen die Knochen brechen?
Die Gerichte haben mit ihren Urteilen nicht nur gegen ihr von Philip Manow in seinem Buch „Unter Beobachtung“ benanntes Eigeninteresse verstoßen, politische Mehrheiten wahrzunehmen und sich auf sie einzustellen. Sie haben sich auf einen Weg eingelassen, an dessen Ende im besten Fall das steht, was sie nach Manow am meisten fürchten, nämlich „…das schlichte Ignorieren ihrer Urteile durch die Politik“ und im schlimmsten Fall eine Krise, welche die Existenz der Bundesrepublik in ihrer heutigen Form gefährdet.
Am Ende könnten die Erfolge der Umwelthilfe und ihrer Verbündeten die Existenz der Republik gefährden.

Es verwundert einen gar nicht, dass die grüne Ideologie die Republik ruinieren wird. Denn wie in der Weimarer Republik geht es gegen die westwärts gewandte Republik. Ob man die Republik zerstört durch den Ausstieg aus der Kernenergie plus preußischen Obrigkeitsstaat (Grüne) oder durch ein Bündnis mit Putin’s Russland plus preußischen Obrigkeitsstaat (AfD) macht unterm Strich letztendlich keinen Unterschied. Im ersten Fall (Grüne) wird die Westbindung untergraben, in dem man die modernste, sauberste und verlässlichste Form der Energieerzeugung abschaltet und zerstört, im anderen Fall (AfD) wird die Westbindung offen zerstört. Beide können sich daher glatt die Klinke in die Hand geben – was aber gar nicht weiter verwundert!
[…] die eigentlich den Diskurs des Tages bestimmen sollten, wie etwas diese Nachricht, die ich bei den Ruhrbaronen fand und die bisher völlig an mir vorübergegangen […]
Dass die Justiz der Republik in den Rücken fällt und sie untergräbt, kennt man aus der Weimarer Republik. Irgendwie kommt einem somit alles bekannt vor!
Lieber Hase,
das sind ja schöne, sinnfällige und plausible* Thesen!
Durch das Abschalten der AKW wird die Republik zerstört?
Wir Grüne haben die AKW abgeschaltet?
Wir Grüne führen den preußischen Obrigkeitsstaat ein?
Das alles womöglich im Alleingang?
Das klingt in meinen Ohren nach krausen Glaubenssätzen ohne Wurzeln in der Realität!
Aber Du kannst das ja gern mal hier belegen. Einstweilen halte ich die spalterischen Verschwörungsmärchen und Untergangslyrik, wie Du sie hier präsentierst, für die wirklich schädlichen Einflüsse auf die Republik oder doch zumindest für die Debattenkultur.
Liebe Grüße
Markus
*nicht
Viel Lärm um nichts? Natürlich entscheidet in der Demokratie das Parlament, Wahlen sind NICHT egal.
Insoweit lassen Sie, sehr geehrter Herr Laurin, bei meinem FAZ Zitat leider den für Ihren Aufhänger wichtigen nachfolgenden Satz weg. Denn in der FAZ geht das Zitat noch weiter:
Eine Aktualisierung oder Flexibilisie-
rung durch den Gesetzgeber sei möglich,
„wenn überragende Interessen des Ge-
meinwohls dies rechtfertigen“, sagt Cal-
liess. Aber die Hürden dafür liegen hoch.
Nach dem Karlsruher Klimabeschluss von
April 2021 muss der Staat sicherstellen,
dass künftige Generationen durch erfor-
derliche Maßnahmen zur CO2-Minderung
nicht unverhältnismäßig in ihren Frei-
heitsrechten eingeschränkt werden.
Aber in der Tat, in einem demokratischen Rechtsstaat kontrollieren die Gerichte den Gesetzgeber am Maßstab der Verfassung und der Gesetze sowie des von der deutschen Poltik mitbeschlossenen Völker- und Europarechts.
Und das wollen auch Sie als „Ruhrbaron“ wahrscheinlich nicht aufgeben. Man stelle sich z.B. vor, es gäbe nach Wahlen mit entsprechenden Mehrheiten keine gerichtliche Kontrolle bei Eingriffen des Gesetzgebers in das Eigentum (Art. 14 GG) oder einer von manchen gewünschten Vergesellschaftung von Wohnungsunternehmen (Art 15 GG). Hier wird von Ihnen sicher nicht bestritten, dass das Parlament auch nach Wahlen nicht völlig frei sein kann und rechtsstaatlich durch die Gerichte kontrolliert werden muss. Und so ist es eben dann auch mit den rechtsstaatlichen Grenzen von zu viel (Übermaßverbot) und zu wenig (Untermaßverbot) Klimaschutz. Dem BVerfG geht es mit seinem Mindestschutz doch gerade um einen gerechten Freiheitsschutz über die Zeit: Wenn wir jetzt zu wenig tun, dann droht 2040 eine Vollbremsung, die die Freiheit aller mit einem Schlag massiv beschränken wird.
Das wäre zu rechtfertigen, wenn der CO2-Ausstoss Deutschlands und Europas im globalen Maß entscheidend wäre. Aber das ist er nicht. Faktisch ist es nahezu egal, wie sich Deutschland verhält: Entscheidend sind längst Staaten wie China und Indien und andere Aufsteiger, die heute noch Schwellenländer sind. In ihrem Ursprüngliche Antrag für den CDU-Parteitag in Stuttgart brachten es CDA und MIT auf den Punkt: „Seit 1990 konnten die Treibhausgas-Emissionen in Deutschland über einen Zeitraum von 35 Jahren um 48,2 % gesenkt werden, während im gleichen Zeitraum die globalen Emissionen um rund 60 % angestiegen sind. Dies verdeutlicht, dass nationale Alleingänge mit hohen wirtschaftlichen Kosten bislang keine ausreichende globale Wirkung entfalten.“ Wir gefährden also unsere Demokratie für symbolische Handlungen. Und der Traum, dass andere Staaten uns folgen ist ja wohl ausgeträumt. Ann-Katrin Kaufhold, die Vizepräsidentin des Bundesverfassungsgerichts, sieht auch das Parlament und nicht die Gerichte als entscheidende Instanz: „Die zentrale Institution ist und bleibt das Parlament, auch bei Klimaschutz und Klimaanpassung. Der grundlegende gesellschaftliche Wandel, den wir so dringend benötigen, kann nur von den Parlamenten ausgehen. Gerichte, Zentralbanken, Wissenschaft und Verwaltungsbehörden – sie alle müssen mitziehen und unterstützen. Sie können die Parlamente an ihre Aufgaben erinnern und verfügen über zum Teil mächtige Hebel, um Anpassungen umzusetzen. Aber in einer Demokratie kann keine Institution das Parlament als Motor gesellschaftlicher Veränderung ablösen.“
Wir sollten froh sein, dass Gerichte hierzulande noch funktionieren und eben nicht davor einknicken, wenn Politik und Parlamente auf populistischen Druck hin künftigen Generationen die Lebensgrundlagen entziehen will.
Weder ist Deutschland „zu klein“, um klimapolitisch relevant zu sein, noch spricht es für wirtschaftliche Vernunft, wenn die glücklicherweise vor ein paar Jahren mühsam gestellten Weichen Richtung Klimaneutralität wieder verbogen werden und versucht wird, der guten alten Zeit mit Atomkraft, Verbrennermotoren und ineffizienten Heizsystemen ein deutsches Refugium zu schaffen, anstatt klare wirtschaftliche Rahmenbedingungen zu schaffen, die die Transformation hin zu Decarbonisierung, Elektrifizierung und Digitalisierung vorantreiben. Ich weiß nicht, warum die Ruhrbarone so vehement auf das Pferd des im Zeitgeist so beliebten Grünenbashings setzen?
@Thomas Mielke: Ich habe keine Lust von der AfD regiert zu werden, nur weil die Wirtschaft in diesem Land wegen grüner Spinnereien gegen die Wand fährt und die Menschen AfD wählen, weil die demokratischen Parteien nichts tun können, um Wachstum zu ermöglichen. Grüne Politik macht braun.
https://www.ruhrbarone.de/wenn-wahlen-egal-werden/255289/#comment-1370117
Das ist zwar löblich, aber keine Antwort eines Journalisten. Die Grünen haben jede Menge Schwächen oder nennen wir es blinde Flecken (z.B. der (Nicht-) Umgang mit dem Islam), aber der wirtschaftspolitische Kurs von Habeck war klimapolitisch deutlich konsistenter als das, was Reiche, Merz & Co. aktuell fabrizieren. Dies bestätigt ein Blick auf die großen globalen Trends der Weltwirtschaft, wo man zunehmend und verifizierbar erkennt, dass Sonne, Wind und Speichertechnologie die Energieträger sind, auf denen man eine elektrifizierte und digitalisierte CO2-neutrale Zukunft aufbauen kann.
Den Klimawandel nicht ernst nehmen wird uns irgendwann auf die Füße fallen, und das wissen die Gerichte, die sich von den Stimmungsschwankungen einer Wahlperiode nicht beeinflussen lassen.
Thomas Mielke: Dann warten wir doch mal ab wer davon profitiert, wenn Wahlen egal werden. Es werden weder das Klima noch die demokratischen Parteien sein.