Bis zum bitteren Ende – Die Toten Hosen hören auf

Ein Konzert der Toten Hosen. Foto: Andreas Wolf
Ein Konzert der „Toten Hosen“. Foto: Andreas Wolf

Die Düsseldorfer Band verkündete, dass sie am 29. Mai 2026 ihr letztes Studioalbum veröffentlichen wird, das von einer großen Abschiedstournee begleitet wird. Diesen Anlass nutze ich, um auf die Geschichte der Band und auf meine Geschichte mit der Band zurückzublicken.

Angetrieben von der Punkexplosion 1977, gründete sich ein Jahr später die Band „ZK“ im Umfeld des Düsseldorfer Ratinger Hof. Am Mikrofon stand der damals 16-jährige Andreas Frege, auch bekannt unter Campino. 1980 stieg Andreas von Holst, der auch Kuddel genannt wird, an der Gitarre ein. Nach 2 LPs und zwei Singles spielten ZK am 21. November 1981 ihr letztes Konzert in Neuss. Gemeinsam mit einem der Roadies, Andreas Meurer, gründeten Frege und von Holst eine neue Band, die unter dem Namen Die Toten Hosen bekannt werden sollte. Außerdem gingen „Die Mimmi’s“ und die „Panhandle Alks“ aus der Trennung von „ZK“ hervor.
Die drei Andreas suchten sich mit Walter Hartung, der bald von Michael Breitkopf an der Gitarre ersetzt werden sollte, Musiker für ihr neues Projekt. Trini Trimpop, der bereits Erfahrung bei „Der KFC“ sammeln konnte, wurde für das Schlagzeug angeworben. Die Toten Hosen waren geboren. Die Besetzung blieb über die Jahre relativ konstant. Es folgten mehrere Wechsel hinter den Trommeln und Wolfgang Rohde, genannt Wölli, saß von 1986 bis 1999 auf dem Hocker. Wegen gesundheitlicher Probleme, die mit mehreren Bandscheibenvorfällen zusammenhingen, überließ er seinen Platz dem Briten Vom Ritchie. Ritchie, der von Anfang an Teil der Punkbewegung war, spielte in zahlreichen Bands und arbeitete in den 1990er Jahren als Roadie für die Toten Hosen. Als Wölli durch seine Krankheit immer mehr eingeschränkt wurde, sprang Ritchie für ihn ein, bis er ihn schlussendlich offiziell ersetzte.

Die Band erlebte zahlreiche Abenteuer, zu denen zweifelsfrei ein Konzert 1983 mit „Planlos“ in der Ost-Berliner Erlöserkirche in Rummelsburg und ein Auftritt 1988 mit „Die Vision“ auf dem Gelände der Hoffnungskirche in Pankow zählen dürften. Da die Punkszene in der DDR staatlicher Verfolgung ausgesetzt war, mussten solche Konzerte konspirativ organisiert werden.

Ich muss ca. sechs Jahre alt gewesen sein, als die Hosen in mein Leben getreten sind. Als Ende der 1980er Jahre in einer bayerischen Kleinstadt nahe der tschechischen Grenze geborener Sohn eines Arbeiterpaares dürfte es zig Menschen geben, deren Einstieg in den Punk ähnlich ausgesehen hat.
In meinem Fall war es die Nachbarstochter, die in der Wohnung über uns aufgewachsen ist, die mir diese Welt eröffnete. Sie war einige Jahre älter und durfte an manchen Wochenenden babysitten, wenn meine Eltern, die zu diesem Zeitpunkt Anfang 30 waren, ausgehen wollten. Zu diesem Zeitpunkt erschien „Love, Peace & Money“, auf dem die Band ausgewählte Stücke mit englischen Texten für den internationalen Markt neu eingespielt hatte. Ich erinnere mich noch gut daran, dass ich, immer wenn ich mit meiner Mutter im Einkaufszentrum war, meine Zeit in der Musikabteilung verbrachte, wo man die CDs, die vor einigen Jahren der Schallplatte kurzzeitig den Rang abgelaufen hatten, zu einem Mitarbeiter an einem Tresen bringen konnte, der sie einem dann einlegte, sodass man die Musik über Kopfhörer anhören konnte. Im Nachhinein stelle ich mir diesen Job extrem stressig vor. Vor allem, wenn man bedenkt, dass der Großteil der „Kundschaft“ aus Kindern wie mir bestand, die weder über eine Kaufabsicht verfügten, noch über das nötige Geld. Es verwundert also nicht, dass einige Jahre später Barcodescanner die Mitarbeiter am Tresen ersetzen. Man konnte jede beliebige CD scannen und dann, wie gewohnt, über Kopfhörer hören. Nur – wenn mich meine Erinnerung nicht täuscht – konnte man nun nur noch Ausschnitte der Songs hören, was der Sache für mich aber keinen Abbruch tat. So verbrachte ich etliche Stunden in der Musikabteilung des Kaufhauses, die mehrfach innerhalb des Gebäudes umgezogen ist. „Love, Sex & Money“ dürfte mir nicht zuletzt wegen des Coverartworks, auf dem die Band mit etlichen nackten Frauen zu sehen ist, besonders im Gedächtnis geblieben sein.

Besagte Nachbarstochter war Fan der Toten Hosen. Das bedeutete, dass sie sämtliche Berichte und Artikel, die überwiegend in der Bravo erschienen sind, aus und klebte sie in ein Heft. Außerdem besaß sie eine für einen Teenager beachtliche Sammlung an CDs, von denen ich mir oft welche ausleihen durfte. Auch meine Eltern merkten recht schnell, dass Musik eines meiner Hauptinteressen war, und so bekam ich als Geburtstagsgeschenk ein tragbares Radio, das auch Kassetten und CDs abspielen konnte. Ich nutzte das Gerät, das ich zusammen mit meinem Vater nach Klangqualität (die anderen angetretenen Konkurrenten klangen laut ihm zu blechern) aussuchte, um Hörspiele wie „TKKG“ oder „Die drei Fragezeichen“ zu hören, die ich entweder aus der Stadtbücherei auslieh oder auf dem Flohmarkt erstand. Als nun die geliehenen CDs dazukamen, fragte ich meinen Vater, der einer der ersten Raubkopierer war (die ersten CD-Brenner kamen auf den Markt und mein Vater interessierte sich sehr früh für Computer), ob er mir manche kopieren könnte. Manche Alben von den Hosen konnte ich auf diese Weise nicht meiner Sammlung hinzufügen. Meine Eltern hatten wohl Vorbehalte, was Punk anging, was damit zusammengehangen haben durfte, dass in unserer Kleinstadt sich die ersten Kids die Haare bunt färbten und begannen, Lederjacken zu tragen. Stattdessen versuchte man, mir die „BRAVO-Hits“ schmackhaft zu machen. Da die Hosen ab der vierten Ausgabe des Samplers eigentlich auf fast jeder vertreten waren und auch sonst einige rockige Nummern vertreten waren, ging ich darauf ein und hörte dann eben diese Songs auf den CDs hoch und runter. Einige Jahre später habe ich auf dem Flohmarkt ein grünes Shirt erstanden, auf dem das Cover der 1996 erschienenen Single „Zehn kleine Jägermeister“ gedruckt war. Zwar war es mir mindestens zwei Größen zu groß, aber das hielt mich nicht davon ab, es viel und oft zu tragen. Einmal meinte ein Mitschüler auf dem Pausenhof zu mir, dass ich das Shirt nun schon mehrere Tage am Stück anhätte und es vielleicht mal waschen sollte.

So verging die Zeit und ich hörte vor allem „Damenwahl“, „Ein kleines bisschen Horrorschau“, „Kauf mich!“ und „Opium fürs Volk“. Bis 2002 das Album „Auswärtsspiel“ erschien, verfolgte ich die Hosen akribisch und besorgte mir alle Neuerscheinungen. „Zurück zum Glück“, das 2004 erschien, kannte ich dann eher aus dem Radio und von MTV, das tagein, tagaus auf meinem Röhrenfernseher lief. Zu diesem Zeitpunkt hatte mir ein älterer Cousin schon ein Mixtape mit den Worten „Das ist echter Punk!“ in die Hand gedrückt, auf dem „Slime“, „Toxoplasma“ und andere Deutschpunkbands waren. Die Hosen habe ich aber, trotz ihres Rufes in der Punkszene, in die ich nun immer tiefer eintauchte, „Kommerz“ und Verräter zu sein, niemals verleugnet. „Das Lied“ meiner ersten richtigen Freundin und mir sollte „Bonnie und Clyde“ werden. Gerne erinnere ich mich an die vielen langen Autofahrten mit meinem damaligen besten Freund, bei denen wir das Livealbum „Im Auftrag des Herrn“ auf Anschlag hörten und lauthals mitsangen.

Die folgenden Alben der Band kannte ich nur noch aus Rundfunk und TV. Mein Musikkosmos ist stetig gewachsen. Unersättlich habe ich alles, was irgendwie mit Punk zu tun hatte, die nischenhaftesten Subgenres aus allen Ecken der Welt aufgesogen. Das Schicksal sorgte dann dafür, dass ich unverhofft wieder mit den Hosen in Kontakt kam. Ich beschloss, meiner mir damals zu klein gewordenen Heimat den Rücken zu kehren, und zog auf der Suche nach Abenteuer nach Berlin, wo ich nach einiger Zeit der Einfindung Abitur machen sollte. Bei der Einführungsveranstaltung in der Aula meiner neuen Schule in Treptow stand der Rektor auf der Bühne und hieß die neuen Schüler willkommen. Es war kein anderer als John Frege – Campinos 12 Jahre älterer Bruder, der ihm die ersten Punk-Platten vorgespielt hatte und ihn 1976, als er zu Besuch beim englischen Teil seiner Familie in London war, mit zu seinem ersten Punk-Konzert genommen hatte. Ich erinnere mich noch an einen meiner Kumpels, der in der ersten Schulwoche ein altes Hosen-Shirt zur Schule anzog, um Pluspunkte zu sammeln. In unserem letzten Jahr dort, ging John Frege in Pension und es gab ein Abschiedsfest auf dem Schulgelände, bei dem neben den Toten Hosen auch eine Schwester der Frege-Brüder auftrat, die Harfe spielte – laut John die einzige in der Familie, die ein musikalisches Talent besäße.

Von der „Punk Rock High School“ ging es für mich dann an die Universität. Da ich aus einfachen Verhältnissen kam und seit meinem elften Lebensjahr Halbwaise war, konnte ich nicht mit finanzieller Unterstützung durch meine Mutter rechnen, weshalb ich begann, mich mit Jobs über Wasser zu halten. Einer dieser Jobs war bei der unabhängigen Jugendinitiative „Kein Bock auf Nazis“, die Präventionsarbeit gegen Rechtsextremismus leistet. Dadurch reiste ich vor allem an Wochenenden zu Konzerten und Festivals, um dort einen Info- und Verkaufsstand zu betreuen. Wie es das Schicksal so wollte, waren die Toten Hosen eine der prominentesten Unterstützer der Kampagne, weshalb ich öfter auf deren Konzerten anwesend war. Diesmal rein beruflich. Ich saß nun nach den Konzerten mit der Band, die ich seit meiner frühen Kindheit höre, beim Feierabendbier im Backstage-Bereich. Ein besonders in Erinnerung gebliebener Moment war ein Open Air in Leipzig, bei dem unter anderem Bad Religion, eine weitere wichtige Band meiner Jugend spielte. Es waren 70.000 Zuschauer vor der Bühne und ich lud meinen Freund, mit dem ich etliche Stunden Hosen-Lieder singend im Auto verbrachte, ein, um als Mitarbeiter getarnt die alten Zeiten aufleben zu lassen. Der damals schon an Nierenkrebs erkrankte Ex-Schlagzeuger Wölli fuhr ebenfalls zum Konzert, um seine ehemalige Band zu sehen, und war sogar mit ihnen auf der Bühne. Im April 2016 starb er an den Folgen seiner Erkrankung. Es war sein letzter Auftritt in der Öffentlichkeit. Es war ein ergreifender Augenblick, und mit vielen anderen Songs der Hosen verbinde ich ebenso sentimentale Erlebnisse aus meinem Leben.

Auch heute lege ich die Platten der Hosen, die ich mir über die Jahre auf Vinyl nachgekauft habe, ab und an gerne auf und schwelge in Erinnerungen. Nun kann man die ewige Diskussion, ob die Hosen denn nun noch Punk seien, oder ob sie zu irgendeinem Zeitpunkt aufgehört haben, Punk zu sein, ewig weiterführen. Für mich und wahrscheinlich für viele andere Kids in den 90ern waren sie das Ticket für den Einstieg in eine Welt, die bis zum heutigen Tage der einzige rote Faden ist, der sich durch mein Leben zieht. Deswegen sage ich danke für das Eröffnen dieses Lebensweges an die Toten Hosen und nicht zuletzt an meine Nachbarin aus Kindertagen. Gleichzeitig muss ich mich wohl bei meiner Familie dafür entschuldigen, dass ich nicht den einfachen Weg gewählt habe und dadurch oft angeeckt bin.
Nichtsdestotrotz bleibt das Motto der Toten Hosen und auch in gewisser Weise meines: Bis zum bitteren Ende!

Am 29. Mai 2026 erscheinen das letzte Studioalbum der Toten Hosen „Trink aus, wir müssen gehen!“ sowie das Bonusalbum „Alles muss raus!“, auf dem die Band 25 Songs mit Kollegen und Freunden, die sie in den 45 Jahren Bandgeschichte begleitet haben, gemeinsam eingespielt hat. Außerdem wird das Album von einer ausgiebigen Abschiedstournee begleitet. Vielleicht werde ich mir ein Ticket kaufen und ein letztes Mal mit den Hosen in die Vergangenheit zu reisen!

 

„Trink Aus! Wir Müssen Gehen“-Tour 2026:

07.06.26 Esch/Alzette – Rockhal (ausverkauft)
08.06.26 Esch/Alzette – Rockhal (ausverkauft)
13.06.26 Stuttgart – Cannstatter Wasen (ausverkauft)
20.06.26 Zürich – Stadion Letzigrund (ausverkauft)
27.06.26 Frankfurt – Deutsche Bank Park (ausverkauft)
03.07.26 Düsseldorf – Merkur Spiel-Arena (ausverkauft)
04.07.26 Düsseldorf – Merkur Spiel-Arena (ausverkauft)
08.07.26 München – Hans-Jochen-Vogel-Platz (ausverkauft)
09.07.26 München – Hans-Jochen-Vogel-Platz (ausverkauft)
11.07.26 Berlin – Olympiastadion Berlin (ausverkauft)
17.07.26 Köln – RheinEnergiestadion (ausverkauft)
18.07.26 Köln – RheinEnergiestadion (ausverkauft)
25.07.26 Freiburg – Messeplatz (ausverkauft)
14.08.26 Bremen – Bürgerweide (ausverkauft)
15.08.26 Hannover – Messe (ausverkauft)
21.08.26 Nohfelden – Bostalsee (ausverkauft)
22.08.26 Nohfelden – Bostalsee (ausverkauft)
27.08.26 Hamburg – Trabrennbahn Bahrenfeld (ausverkauft)
29.08.26 Dresden – Rinne (ausverkauft)
02.09.26 Münster – Open Air Halle Münsterland (ausverkauft)
05.09.26 Minden – Weserufer/Kanzlers Weide (ausverkauft)
09.09.26 Bayreuth – Volksfestplatz
12.09.26 Wien – Ernst-Happel-Stadion (ausverkauft)

„Trink Aus! Wir Müssen Gehen“-Tour 2027:

12.06.27 Nürnberg – Max-Morlock-Stadion
17.06.27 Mannheim – Maimarktgelände
19.06.27 Bern – Stadion Wankdorf
23.06.27 Graz – Messe Graz – Open Air
26.06.27 Leipzig – Festwiese
03.07.27 Braunschweig – Eintracht-Stadion
07.07.27 Konstanz – Bodensee Stadion
10.07.27 Düsseldorf – Merkur Spiel-Arena (ausverkauft)

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