
Unter der Oberfläche Nordrhein-Westfalens lagern zahlreiche Bodenschätze. Nicht immer lohnt es sich, sie zu fördern. Bei Gas ist das anders: Dort blockiert die Politik aus ideologischen Gründen den Abbau. Die Öko-Religion ist wichtiger als eine günstige Versorgung und sichere Jobs.
Am Rand eines Gewerbegebiets am Stadtrand Krefelds sitzt der Geologische Dienst des Landes Nordrhein-Westfalen. Was im Boden des Landes liegt, wird hier seit Jahrzehnten untersucht. Ein Wissen, das immer wertvoller wird. Vor allem, wenn es um die Energieversorgung geht.
Kann Nordrhein-Westfalen sich selbst mit Gas versorgen? Gibt es zwischen Rhein und Weser die wertvollen seltenen Erden, von denen die Industrie abhängig ist? Lange interessierte sich nur wenige für die heimischen Bodenschätze, doch die Krisen der vergangenen Jahre haben das Interesse an ihnen neu geweckt.
Kaum jemand weiß so gut darüber Bescheid, was unter den Häusern, Straßen und Äckern Nordrhein-Westfalens liegt, wie Roland Strauß, der Leiter des Geschäftsbereichs Angewandte Geowissenschaften beim Geologischen Dienst des Landes Nordrhein-Westfalen: „Nordrhein-Westfalens Gesteine spiegeln mehr als 540 Millionen Jahre Erdgeschichte wider. Das Rheinische Schiefergebirge wurde seit dem jüngeren Tertiär gehoben und war über lange Zeit der Erosion ausgesetzt.“ Dadurch seien die Gesteinsschichten des Erdaltertums heute häufig an der Erdoberfläche freigelegt. Oft lägen nur wenige Meter Lockergestein darüber, dann folge bereits das Festgestein. „Entsprechend vielfältig sind die Vorkommen von Bodenschätzen – von Mineralen bis hin zu unterschiedlichen Kohlearten.“
Ob schwere seltene Erden wie Yttrium und Thulium, das für den Bau von Batteriespeichern wichtige Lithium oder das für Halbleiter benötigte Gallium: Viele der begehrten Bodenschätze wurden in NRW gefunden. 34 Rohstoffe sind im europäischen „Critical Raw Materials Act“ aufgeführt. Mit ihm will die Europäische Union die Versorgung mit Rohstoffen sicherstellen, auch durch Förderung innerhalb der EU. Entscheidend, sagt die Geowissenschaftlerin Christa Claßen, ist der Unterschied zwischen einem Vorkommen und einer Lagerstätte. „Ein Vorkommen bedeutet lediglich, dass ein Rohstoff vorhanden ist. Eine Lagerstätte liegt erst dann vor, wenn sich dieser Rohstoff wirtschaftlich gewinnen lässt. Ob das der Fall ist, hängt unter anderem vom jeweiligen Marktpreis ab.“
Steinkohle ist noch in großen Mengen vorhanden, im Münsterland sogar noch in 6000 Meter Tiefe. Aber wirtschaftlich hat sich der Abbau seit den 60er-Jahren nicht mehr gelohnt. Auch der Abbau der seltenen Erden lohnt sich nicht. Zu gering sind die Vorkommen, zu kompliziert ist es, sie zu fördern.
Aber drei nutzbare Schätze liegen im Boden Nordrhein-Westfalens: Kies, Sand, Kalkstein sind wichtig für die Bauindustrie und die Grundlage für Beton. Die vor allem am Niederrhein gefördert werden, sind für die Bauindustrie wichtig. 131 Betriebe haben 2024 51,3 Millionen Tonnen Kies, Sand und Ton im Wert von 729,5 Millionen Euro gefördert. Die Kiesgruben sorgen immer wieder für Streit, Bürgerinitiativen laufen seit Jahren Sturm gegen die Förderung.
Und dann ist da noch ein ganz besonderer Sand: Quarzsand. In NRW gibt es drei Quarzsandlagerstätten: in Haltern am See im nördlichen Ruhrgebiet, bei Frechen sowie in Herzogenrath. Er besteht aus Siliziumdioxid mit einem Reinheitsgrad von bis zu 99,8 Prozent. Das Halbmetall ist die Grundlage aller Computerchips.
Am wertvollsten sind allerdings die Gasvorkommen. „Diese Vorräte“, sagt Roland Strauß, „vor allem Schiefergas, liegen im Weserbergland an der Grenze zu Niedersachsen.“ Dort lagern nach Erkenntnissen der Geologischen Dienstes tausende Kubikkilometer Gas. Nicht alles davon lässt sich wirtschaftlich fördern, aber eine große Menge schon Experten gehen davon aus, dass wie Vorräte ausreichen, um ganz NRW 30 Jahre lang mit zu versorgen. „Da mit den bundesgesetzlichen Regelungen und der Zielformulierung im Landesentwicklungsplan des Jahres 2017 die Genehmigung eines Fracking-Einsatzes in unkonventionellen Lagerstätten in Nordrhein-Westfalen ausgeschlossen ist, stellt sich diese Option derzeit aber nicht.“ Das ist eine politische Entscheidung, die der Geologische Dienst nicht bewertet. Auch im Koalitionsvertrag der schwarz-grünen Landesregierung wird eine unkonventionelle Gasförderung, das sogenannte Fracking, ausgeschlossen. Doch als der 2021 geschlossen wurde, hatte Russland noch nicht mit der Vollinvasion der Ukraine begonnen, und auch der Krieg Israels und der USA gegen das Mullah-Regime im Iran war nicht absehbar. Gas war preiswert, die Versorgung schien gesichert. Doch das heimische Gas fördern will das Wirtschaftsministerium trotzdem nicht, wie es auf Anfrage der Welt am Sonntag mitteilt: „Von den Planungen bis zur Aufnahme einer Gewinnung würden viele Jahre vergehen, falls die standortbezogene Prüfung überhaupt zu einer Genehmigungsfähigkeit führt. Zudem ist angesichts des mangelnden Interesses von Unternehmen fraglich, ob eine wettbewerbsfähige Förderung in Nordrhein-Westfalen überhaupt möglich wäre.“ Auch die SPD setzt nicht auf Gas aus NRW: Deutschland habe sich vor einigen Jahren erst mit dem Ausbau der LNG-Infrastruktur für den Gasimport entschieden, sagt André Stinka, der energiepolitische Sprecher der SPD-Fraktion: „Das würde man konterkarieren.“ Im Gegensatz zur Landesregierung führen die Sozialdemokraten auch ökologische Bedenken an: „Fracking bedeutet Risiken fürs Trinkwasser, Bodenerschütterungen und -senkungen.“ Anders sieht es Dietmar Brockes, energiepolitischer Sprecher der FDP-Landtagsfraktion: „Die Folgen des Iran-Kriegs zeigen wieder einmal eindrücklich, wie verletzlich unsere Energieversorgung ist.“ Energiepolitik müsse Versorgungssicherheit, Klimaschutz, Bezahlbarkeit und Unabhängigkeit zugleich im Blick behalten. „Deshalb müssen wir ideologische Denkverbote endlich überwinden und die verantwortungsvolle Nutzung heimischer Energiepotenziale ermöglichen.“ Deutschland und Nordrhein-Westfalen würden über erhebliche Schiefergasvorkommen verfügen, die einen Beitrag zur Versorgungssicherheit leisten könnten.
Das sieht auch der Energieökonom Manuel Frondel, Leiter des Kompetenzbereiches „Umwelt und Ressourcen“ beim Wirtschaftsforschungsinstitut RWI in Essen, so: Heimisches Gas könnte die Importabhängigkeit verringern, besonders von Importen von verflüssigtem Erdgas (LNG) aus Katar und den USA. Doch damit Gas in NRW gefördert werden kann, müsste es zu einer Aufhebung des seit 10 Jahren geltenden Fracking-Verbots kommen. Die ökologischen Risiken wären gering, wie die Expertenkommission Fracking in ihrem Bericht für den Bundestag aus dem Jahr 2021 festgestellt hat: „Moderne Fracking-Technologien haben strenge Umweltauflagen. Die rechtlichen Einschränkungen sollten daher auf Basis aktueller wissenschaftlicher Erkenntnisse und der veränderten energiepolitischen Lage überprüft werden.“
Ludwig Möhring ist Hauptgeschäftsführer des Bundesverbands Erdgas, Erdöl und Geoenergie. Er geht davon aus, dass die Erschließung der unkonventionellen Lagerstätten 20 Prozent des deutschen Gasbedarfs decken könnte und NRW dabei eine relevante Rolle spielen könnte. Die Industrie steht bereit, wenn Fracking erlaubt wäre und die Genehmigungen erteilt würden: „Rein technisch wären die Gasproduzenten dazu in der Lage, innerhalb eines halben Jahres nach Beginn der Bohrarbeiten die Erdgasproduktion aufzunehmen.“ Die in Deutschland infrage kommenden Unternehmen könnten dabei auf international verfügbares Know-how zugreifen. Auch unter Klimagesichtspunkten ist heimisches Erdgas vorteilhaft: Es vermeidet die mit dem Import von alternativ erforderlichem LNG verbundenen zusätzlichen CO2-Emissionen von bis zu 30 Prozent.
Die Ressourcen sind da. Doch ob sie genutzt werden, entscheidet die Politik. Und die ist beim Thema Gas bislang zurückhaltend. Noch.
Der Artikel erschien in einer ähnlichen Version bereits in der Welt am Sonntag