Kaputtgespart, schöngefärbt: Warum Ruhrgebietsstädte wie Waltrop lieber glänzen als sanieren

Der Kiepenkerlbrunnen in Waltrop wird durch einen ‚Klimaplatz‘ ersetzt – Fördergeld macht es möglich. Foto(s) Robin Patzwaldt

Dass viele Städte im Ruhrgebiet finanziell längst nur noch auf dem Zahnfleisch kriechen, ist wahrlich keine neue Erkenntnis. Doch was sich aktuell wieder zwischen klammen Stadtkassen, grotesken Förderprogrammen und kommunalpolitischer Realitätsverweigerung abspielt, lässt einen als halbwegs denkenden Bürger regelmäßig zwischen Fassungslosigkeit und Galgenhumor pendeln.

Pleite, aber Hauptsache schick gepflastert

Es ist schon ein faszinierendes Schauspiel: Da verfallen Innenstädte, marode Straßen gleichen besser vorbereiteten Offroad-Strecken, historische Gebäude rotten vor sich hin – aber gleichzeitig werden millionenschwere Prestigeprojekte durchgezogen, als hätte man im Rathaus heimlich den Jackpot geknackt.

Bei mir vor der Haustür, im chronisch klammen Waltrop etwa, wird gerade munter das Stadtzentrum aufwändig umgestaltet, Fahrradstraßen werden eingerichtet, als sei man kurz davor, Münster Konkurrenz zu machen, und Parks erhalten Designer-Beläge, die deutlich teurer sind als normaler Asphalt sind. Warum? Weil irgendein Fördertopf genau solche „besonderen Projekte“ verlangt.

Anders gesagt: Man bekommt Geld nicht für sinnvolle, dringend notwendige Sanierungen, sondern bevorzugt für möglichst kreative Ausgabenphantasien wie hippe ‚Klimaplätze‚, die zukünftig einen völlig intakten Brunnen in der örtlichen City (für den sich die Stadt vor wenigen Jahren nebenbei gesagt nicht einmal mehr das Wasser leisten konnte) ersetzen sollen.

Wenn aber ’nur‘ ein historisches Fachwerkhaus in der Altstadt gerettet oder die unzähligen Schlaglöcher in den Straßen der Stadt gestopft werden sollen, dann scheitert es am leeren Kassenstand bei der Stadtverwaltung. Wird jedoch in hochtrabenden Ausschreibungen mit Farb-Asphalt, Kunstobjekten oder städtebaulichem Firlefanz geglänzt, helfen millionenschwere Fördermittel bei der Realisierung. Das ist für kritisch mitdenkende Zeitgenossen inzwischen nur noch schwer zu ertragen.

Da fragt man sich als Steuerzahler schon, ob in diesem Land wirklich noch jemand nüchtern Prioritäten setzen kann.

Fördertopf-Irrsinn statt echter Problemlösung

Das Kernproblem ist nicht allein die Armut der Kommunen. Es ist vor allem das absurde System dahinter. Städte sind gezwungen, sich an Förderrichtlinien anzupassen, die oftmals mehr mit politischer Symbolik als mit praktischer Vernunft zu tun haben, wenn sie ihren Bürgern denn überhaupt noch etwas bieten wollen. Statt notwendiger Infrastrukturpflege gibt es Geld lieber für fragwürdige Modellprojekte, Klimaschmuckstücke oder gestalterische Prestigeobjekte.

Das Ergebnis: Kommunen wie Waltrop, die aus eigener Kraft kaum ihre Pflichtaufgaben stemmen können, bauen plötzlich Luxuslösungen, weil „normale“ Projekte eben nicht gefördert werden. Man könnte fast meinen, politische Entscheider hätten beschlossen, dass man den Niedergang wenigstens dekorativ gestalten sollte.

Für Bürger wirkt das zu Recht wie Hohn. Denn während Grundsteuern steigen, Gebühren explodieren und soziale Leistungen immer schwerer finanzierbar werden, entsteht vor Ort häufig genau der Eindruck von Misswirtschaft, der Politikverdrossenheit massiv befeuert.

Demokratie leidet unter kommunalem Dauerchaos

Wenn Bibliotheken schließen, Sportangebote verschwinden, Straßen verrotten und gleichzeitig Millionen in fragwürdige Förderprojekte fließen, verliert der Bürger nicht nur Vertrauen in seine Stadtverwaltung – sondern in das gesamte politische System. Genau darin liegt die eigentliche Gefahr.

Der Städte- und Gemeindebund warnt inzwischen völlig zurecht vor einem massiven Vertrauensverlust. Denn wenn Menschen das Gefühl haben, dass vor Ort nur noch mit Förderlogik statt gesundem Menschenverstand regiert wird, stärkt das zwangsläufig Frust, Protest und politische Extreme.

Das Ruhrgebiet ist in dieser Hinsicht längst ein Mahnmal. Viele Kommunen kämpfen seit Jahrzehnten mit strukturellen Problemen, Altschulden und immer neuen Belastungen durch Bund und Land. Doch statt nachhaltiger Reformen erleben Bürger häufig nur kosmetische Eingriffe und kreative Buchhaltung.

Schluss mit dem Fördermittel-Theater

Was es endlich braucht, ist keine weitere Mogelpackung aus Düsseldorf oder Berlin, kein neues bürokratisches Förderprogramm und keine politisch hübsch verpackte Symptombehandlung. Nötig wäre ein radikales Umdenken.

Solange jedoch weiterhin absurde Anreizsysteme bestehen, bei denen man für bunten Luxus eher Geld bekommt als für solide Stadtentwicklung, wird sich am Grundproblem nichts ändern.

Dann bleibt vielen Städten im Ruhrgebiet nur die Rolle, ihren schleichenden Verfall mit hübschem Pflaster, neuen Fahrradstraßen und symbolischer Modernisierung zu kaschieren.

Oder anders gesagt: Der Karren steckt tief im Dreck – aber immerhin bekommt er jetzt eine frisch gestrichene Felge.

 

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