
Nordrhein-Westfalen setzt für seine wirtschaftliche Zukunft auf Künstliche Intelligenz. Doch die Infrastruktur des Landes ist ein Problem.
Vom Industriebetrieb über Hochschulen bis zum Jugendlichen im Kinderzimmer werden in den kommenden Jahren alle auf die Leistung von Rechenzentren angewiesen sein. Ob für KI-Modelle, Bürosoftware oder Streamingdienste: Ohne Rechenzentren läuft nichts.
Sie sind Teil einer Infrastruktur, die längst so unverzichtbar ist wie Straßen, Schienen und Wasserleitungen. Und diese Rechenzentren brauchen Strom, viel Strom. Ihre Größe wird daher auch nicht, wie bei einem Computer, durch die Rechenleistung angegeben, sondern durch den Stromverbrauch. Nach einer Studie des Branchenverbandes Bitkom verfügten alle Rechenzentren in NRW 2025 über eine Anschlussleistung von knapp unter 400 Megawatt. Das entspricht dem Stromverbrauch aller Haushalte einer Stadt wie Köln. Sollten alle derzeit geplanten Rechenzentren tatsächlich gebaut werden, würde sich die benötigte Leistung auf rund 750 Megawatt nahezu verdoppeln.
Wie diese digitale Zukunft Nordrhein-Westfalens aussehen soll, davon hat Ministerpräsident Hendrik Wüst (CDU) eine klare Vorstellung. In einem Beitrag für die CDU-nahe Konrad-Adenauer-Stiftung schrieb er im vergangenen Jahr: „In Nordrhein-Westfalen haben wir hervorragende Voraussetzungen, zum führenden deutschen und europäischen KI-Standort zu werden.“
Und tatsächlich kann das Land Erfolge vorweisen: In Jülich hat mit „Jupiter“ der schnellste Rechner Europas den Betrieb aufgenommen. Am 12. März hat Microsoft mit dem Bau des ersten von mehreren Rechenzentren im Rheinischen Revier begonnen, und der US-Konzern Blackstone baut eine Anlage für 4 Milliarden Euro in Lippetal.
Doch die digitale Zukunft besteht nicht nur aus einigen Leuchttürmen. NRW ist ein Flächenland mit 18 Millionen Einwohnern und Hunderttausenden Unternehmen.
Eines von ihnen führt Stephan Guht. Guht ist Geschäftsführer von A + E Keller in Arnsberg, einem Industrieunternehmen, das vor allem für die Automobilindustrie arbeitet. Und auch hier spielt KI eine immer größere Rolle. Schon heute setzt A + E Keller auf KI, wenn es um das Übersetzen von Texten geht. „Man kann heute problemlos Online-Meetings in unterschiedlichen Sprachen führen, die zeitgleich vom Programm übersetzt werden.“ Für die Zukunft hat Stephan Guht weitreichende Pläne. Schon heute schleusen Qualitätssicherungssysteme an den Fertigungsanlagen automatisch Schlechtteile aus. Die optischen Kontrolleinrichtungen werden anhand von Grenzmustern programmiert. Künftig soll KI jedoch mehr leisten: „Die KI soll anhand der Kontrollergebnisse helfen, die Fertigungsprozesse zu optimieren. Das heißt, im besten Fall in die Maschinensteuerung so eingreifen, dass Schlechtteile weitgehend vermieden werden können.“
Doch können diese – und künftig weitere – Rechenzentren ohne Probleme an die Netze im Land angeschlossen werden? Eine Anfrage bei Stadtwerken und Netzbetreibern zeigt: Es ist vor allem eine Frage der Größe.
Rechenzentren mit einer Anschlussleistung zwischen drei und fünf Megawatt lassen sich in vielen Regionen Nordrhein-Westfalens noch vergleichsweise kurzfristig anschließen. Es sind Zentren, wie sie Chemieparks und große Industriebetriebe benötigen. Auch gestreamte Filme laufen über diese eher kleinen Zentren, die dennoch so viel Strom verbrauchen wie 10.000 Haushalte.
Eng wird es bei Rechenzentren mit mehr als zehn Megawatt Anschlussleistung. Diese Größenordnung ist typisch für Standorte, auf deren Rechnern Materialforschung betrieben wird oder Digital Twins laufen, virtuelle Abbilder von Fabriken, mit denen sich Produktionsprozesse simulieren und optimieren lassen. Ausgerechnet in Süd- und Ostwestfalen, zwei der wichtigsten Industrieregionen Nordrhein-Westfalens, ist es zurzeit nicht möglich, Rechenzentren dieser Größenordnung kurzfristig ans Netz anschließen zu lassen. Enervie, zuständig für die Stromnetze in großen Teilen Südwestfalens, geht davon aus, dass es zehn Jahre dauern würde, ein 10-MW-Rechenzentrum anzuschließen. Die Bielefelder Netz GmbH rechnet mit einer Wartezeit von bis zu drei Jahren. Besser schaut es in Münster, Bonn, Bochum, Köln und Dortmund aus, wenn das Netz nicht extra ausgebaut werden muss.
Wo die Kapazitäten der Stadtwerke an ihr Ende kommen, schlägt die Stunde von Verteilnetzbetreibern wie Westnetz oder Amprion, zuständig für das Höchstspannungsnetz in Nordrhein-Westfalen. Auch wenn beide auf Anfrage keine genauen Zahlen nennen, stellt Westnetz klar: „Der Bedarf an Netzanschlüssen für Rechenzentren wächst nicht nur linear, sondern exponentiell.“ Wo zu Beginn der Digitalisierung vereinzelte Anfragen im zweistelligen Megawattbereich typisch waren, hat das Unternehmen nun regelmäßig mit Projekten von 100 Megawatt Anschlussleistung zu tun. „Anschlüsse mit einer Leistung von 50 bis 100 MW liegen in der Größenordnung des Leistungsbedarfs von Städten bis zu 100.000 Einwohnern vor.“ Es sind die großen Rechenzentren von Google, Microsoft oder Amazon, die in dieser Liga spielen. In der Regel müsse dafür das Netz verstärkt oder neue Anschlüsse gebaut werden. Kurzfristige Anschlüsse, sagt Amprion, seien in der Regel nicht möglich.
„Rechenzentren“, sagt NRW-Wirtschaftsministerin Mona Neubaur (Grüne), „sind die Grundlage einer leistungsfähigen, zukunftssicheren digitalen Infrastruktur.“ Dass das Land ein attraktiver Standort für Investitionen in Rechenzentren ist, belegen auch die bisherigen Ansiedlungserfolge. Nordrhein-Westfalen sei grundsätzlich ein leistungsfähiger Standort, sagt auch der Branchenverband German Datacenter Association, um sofort einschränkend zu bemerken: „Der limitierende Faktor ist jedoch – wie bundesweit – der Stromnetzausbau.“ Neue Rechenzentrumsprojekte würden im Schnitt bis zu sieben Jahre auf den Netzanschluss warten.
André Stinka, der wirtschaftspolitische Sprecher der SPD-Fraktion, kritisiert: „Während die Landesregierung öffentlich Tempo beim Ausbau von Windkraft, Batteriespeichern und neuen Industrieansiedlungen verspricht, klaffen Anspruch und Wirklichkeit bei den Netzkapazitäten spürbar auseinander.“ Die Ansiedlung großer Rechenzentren entfalte enorme Strahlkraft für KI, Digitalisierung und regionale Wertschöpfung. Flexible Anschlussregeln, intelligentes Engpassmanagement und eine realistische Netzplanung seien wirtschaftspolitische Kernfragen. Henning Höne, Vorsitzender der FDP-Landtagsfraktion, sieht vor allem Chancen: An etablierten Standorten wie Frankfurt würden Energie und Fläche zunehmend zum Flaschenhals. „Das ist eine echte Chance für NRW, wenn wir jetzt die richtigen Weichen stellen: Für weitere große Rechenzentrumsprojekte braucht es einen beschleunigten Ausbau der Strom- und Übertragungsnetze sowie mehr Tempo bei Netzanschlüssen.“ Versorgungssicherheit und wettbewerbsfähige Energiepreise seien dabei zentrale Standortfaktoren. Für die günstigen Energiepreise will das grüne Ministerium sorgen. Künftig soll mehr Strom von Windkraftanlagen auf dem Meer nach NRW kommen.
Der Text erschien in einer ähnlichen Version bereits in der Welt am Sonntag