Von Vorfreude keine Spur: Die Fußball-WM 2026 interessiert mich weniger als Katar

Ein Land in Aufregung. Archiv-Foto: Robin Patzwaldt

Während die Fußball-Saison 2025/26 auf Vereinsebene in ihren letzten Zügen liegt, macht sich so langsam ein Gedanke im Hinterkopf breit: Die WM kommt. Angeblich.

Irgendwo zwischen XXL-Kommerz, politischer Dauerkrise und der schleichenden Selbstentfremdung des modernen Fußballs soll im Sommer also in den USA, Kanada und Mexiko das nächste „größte Sportereignis der Welt“ steigen. Früher hätte allein die Nachricht von einem anstehenden Fußball-Großturnier bei mir gereicht, um Vorfreude auszulösen. Heute löst der Gedanke daran bei mir bestenfalls ein müdes Schulterzucken aus. Vielleicht werde ich alt. Vielleicht hat der Fußball ein Problem. Wahrscheinlich beides.

Fußballsättigung statt Fußballfieber

Die nationale Saison 2025/26 zieht sich inzwischen wie ein Kaugummi über Monate hinweg, und statt Begeisterung bleibt vor allem eines hängen: Erschöpfung. Bundesliga, Champions League, Nations League, Klub-WM, Supercups, Marketingtouren rund um den Globus – der Fußball hat sich selbst zu einer pausenlosen Dauerbeschallung entwickelt.

Früher war ein großes Turnier während der Sommerpause in der nationalen Liga noch ein emotionaler Höhepunkt, ein besonderes Ereignis im Kalender. Heute wirkt die WM eher wie der nächste Pflichttermin auf einer endlosen Liste von Events, die vor allem eines wollen: Reichweite, Klicks und Milliarden.

Nach einer Saison, in der der deutsche Profifußball nur selten echte Magie versprühte, fällt es schwer, noch einmal tief in die emotionale Reserve zu greifen. Zu viel Mittelmaß, zu viel Inszenierung, zu wenig Leidenschaft.

Der Fußball, einst Volkssport mit Herz, wirkt zunehmend wie ein überproduziertes Unterhaltungsprodukt. Die Vorfreude auf eine WM? Irgendwo zwischen VAR-Diskussionen, Anstoßzeiten für TV-Märkte und Sponsorengebrüll verloren gegangen.

Die FIFA macht aus Gleichgültigkeit ein Geschäftsmodell

Natürlich trägt auch die FIFA ihren Teil dazu bei, dass die Begeisterung schwindet. Oder nennen wir das Kind beim Namen: Die FIDA – Fédération Internationale der Absurditäten. Dieses Turnier mit 48 Teams wirkt weniger wie ein sportlicher Wettbewerb, sondern eher wie ein gigantisches Expansionspaket für noch mehr Einnahmen.

Mehr Mannschaften, mehr Spiele, mehr Übertragungen, mehr Werbung – und gleichzeitig weniger Exklusivität. Was einst ein sportliches Premiumprodukt war, wird zunehmend zur aufgeblähten Dauerveranstaltung. Die WM verliert ihren besonderen Reiz, wenn Quantität endgültig über Qualität siegt.

Katar 2022 war zumindest noch ein Turnier, das Diskussionen auslöste. Menschenrechte, Korruption, Winter-WM – man konnte sich aufregen, debattieren, Haltung zeigen. 2026 hingegen? Es fehlt selbst dafür die Energie. Statt Empörung herrscht Leere. Die FIFA hat es geschafft, aus moralischer Kontroverse pure Gleichgültigkeit zu machen. Fast schon beeindruckend.

Politische Bauchschmerzen statt sportlicher Vorfreude

Hinzu kommt die politische Dimension, insbesondere mit Blick auf die USA als Hauptaustragungsort. Polarisierung, gesellschaftliche Spannungen, innenpolitische Eskalationen – das Land liefert derzeit reichlich Gründe, ein globales Wohlfühlturnier kritisch zu betrachten.

Natürlich ist Sport nie völlig unpolitisch, auch wenn Funktionäre diese Mär gern pflegen. Doch wenn das Gastgeberumfeld mehr Unbehagen als Euphorie auslöst, färbt das zwangsläufig auf die Wahrnehmung des Turniers ab. Eine WM sollte verbinden, faszinieren und für einige Wochen den Fußball feiern. Stattdessen schwingt diesmal eher das Gefühl mit, Zeuge eines weiteren gigantischen PR-Spektakels zu werden, das in erster Linie wirtschaftliche Interessen bedient.

Wenn selbst Fußballfans nur noch gähnen

Das vielleicht deutlichste Warnsignal: Die Gleichgültigkeit ist längst kein individuelles Phänomen mehr. Selbst im fußballverrückten Umfeld höre ich immer häufiger dieselben Töne. Kaum jemand spricht mit echter Vorfreude über das Turnier. Keine hitzigen Debatten über Favoriten, keine euphorischen Reisepläne, kaum echtes WM-Fieber.

Vielleicht ist genau das das größte Problem: Die WM 2026 fühlt sich nicht wie ein sportliches Großereignis an, sondern wie ein weiteres Kapitel im überdehnten Fußballkalender. Ein Event, das statt Sehnsucht eher Müdigkeit erzeugt.

Und so bleibt am Ende vor allem ein ungewohntes Gefühl: Nicht Wut, nicht Protest, nicht Vorfreude – sondern Desinteresse. Für ein Turnier, das einst die Welt elektrisierte, ist das womöglich das vernichtendste Urteil überhaupt.

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