Tohoku und der „Bernd“

Kernkraftwerk Fukushima Foto: Asacyan Lizenz: CC BY-SA 3.0

Als am 11. März 2011 das Tohuko-Erdbeben mit dem anschließenden Tsunami mehrere hundert Kilometer japanische Küste vernichtete, knapp 20.000 Tote plus 2.000 Vermisste forderte, diskutierte im 10.000 Kilometer entfernten Deutschland jeder über über das ebenfalls betroffene Atomkraftwerk Fukushima. Von unserem Gastautor Horst Kläuser.

Als damaliger ARD-Reporter in Japan bekam ich rasch mit, das nur die Reaktorkatastrophe in Deutschland interessierte: die Empathie für die Opfer des Tsunamis hielt sich in Grenzen.

Rund um das Kraftwerk wurden zwar auch hunderttausende evakuiert, aber es starb niemand. Ich wurde Mal ums Mal nach Fukushima gefragt – unbestritten ein mehrfacher Super-GAU. Dass aber, nur wenige Kilometer entfernt, ganze Städte verschwunden waren, eine Schule allein 300 tote Kinder zu beklagen hatte, 600.000 Menschen obdachlos wurden und 400.000 Wohnungen zerstört wurden, nahm man hierzulande nur am Rande wahr. Manchmal musste ich in meinen Live-Gesprächen am Ende extra erinnern…

Daran denke ich heute.

Es ist völlig unzweifelhaft, dass die aktuellen Starkregen, die Hochwasser (die jüngsten Hitzewellen in Nordamerika erwähne ich nur der Vollständigkeit halber) klare und sichtbare Auswirkungen der Klimakatastrophe sind. Der Begriff Klimawandel ist ein Euphemismus, den wir deshalb nicht mehr benutzen sollten. Die Welt darf nicht eine Sekunde länger warten, etwas dagegen zu tun. Es ist sehr spät, vielleicht schon zu spät.

Hunderttausende sind an Volme, Wupper, Ahr, Mosel, Rhein usw. betroffen, weit über 100 Menschen starben, viele werden noch vermisst. Haustiere ertranken. Tausende Häuser sind zerstört, Straßen, Bahnstrecken. Existenzen, Gärten, Campingplätze sind vernichtet – viele, viele Menschen stehen vor dem Nichts, haben nicht mal Schuhe oder eine Tasse, aus der sie trinken könnten.

Ja, darüber wird berichtet.
Aber ebenso großen Raum nimmt die Frage ein, wer denn nun schuld sei, inclusive direkter Verantwortung für die Toten. An erster Stelle auf der Anklagebank: Armin Laschet. Seine Politik ist bekannt. Man muss sie nicht schätzen. Es gibt Widersprüche und Fehler. Ähnliches gilt für andere PolitikerInnen und Regierungen, auch solche, die länger als drei Jahre im Amt sind. Deren Wahlkampf ist aber vorüber …

Diese unglaubliche Katastrophe nun aber als ein wohlfeiles Vehikel im Wahlkampf zu missbrauchen, Opfer und Betroffene einseitig zu instrumentalisieren, ist in meinen Augen schäbig und billig.

Die richtige Reihenfolge muss sein: retten, bergen, aufräumen, Menschen bei ihren persönlichen Dingen unterstützen, Wohnraum schaffen, Infrastruktur an Straßen und Bahnstrecken wieder herstellen, Unternehmen sichern, das Leben zurückkehren lassen.

Und DANN, gern auch laut und kontrovers, muss über Konsequenzen und Ursachen gestritten werden.
Ich zweifele sehr daran, dass persönliche  Anfeindungen hier weiterhelfen. Eine globale Katastrophe, an der wir gewiss beteiligt sind, aber nicht die Hauptlast tragen, schon mal gar nicht auf Ebene einzelner Bundesländer, schreit nach globalem Handeln und nicht nach „fangt den Dieb“. Dass dabei die Politik einzelner Personen und Parteien auf den Prüfstand gehört, ist selbstverständlich in einer Demokratie.

Ich suche in manchen Kommentaren von Menschen, die warm und trocken sitzen und sich in wurstigen Namenverhunzungen an Laschet abarbeiten, vergeblich nach Empathie, Hilfsbereitschaft und sei es auch nur per Überweisung. Stattdessen spüre ich eine feurige Rachelust, eine Wut und eine gute Gelegenheit, es dem (oder denen), die man eh schon nicht mochte, mal zu zeigen – „Bernd“, das Tief in die Schuhe zu schieben.

Laschet, Scholz, Dreyer und auch Baerbock reisen in die Katstrophengebiete. Das ist gut und richtig so.

Meine Solidarität gehört aber – wie 2011 – den Opfern, den Obdachlosen und den Verzweifelten.

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Susanne Scheidle
Susanne Scheidle
2 Jahre zuvor

Es ist richtig, dass sich die Empathie für die Opfer in Japan in Grenzen gehalten hat und bis heute noch nicht die Toten des Tsunami und die Havarie in Fukushima auseinandergehalten werden – bzw. suggeriert, dass die Toten Opfer der Havarie waren, was nicht stimmt.

Und es ist auch richtig, dass in der jetzigen Situation alle Empathie den Opfer der Katastrophe gelten sollte und das erste, was jetzt zu tun ist, den Menschen zu helfen, die alles verloren haben und die Schäden so gut es geht zu beseitigen.
Und nein, Parteipolitik ist gerade nicht gefragt.

Was allerdings nervt ist, dass Armin Laschet jetzt so tut, als wäre er schon immer der Vorreiter des Klimaschutzes gewesen.
Das war er nicht.
Und wenn er – wie gestern Abend geschehen in der Aktuellen Stunde auf WDR – nach vollmundigen Forderungen nach mehr Klimaschutz die Moderatorin auf die Nachfrage, ob die gerade stattfindende Katastrophe ein Umdenken bei ihm ausgelöst hätte, abwatscht mit den Worten: "Es ist hier nicht die Zeit für Parteipolitik", ist das ziemlich peinlich.
Das erinnert fatal an seinen Auftritt im Frühjahr als die Corona-Infektionszahlen erneut durch die Decke schossen und er unverdrossen behauptete, das hätte ja niemand vorhersehen können (außer diversen Wissenschaftlern vielleicht, die genau davor gewarnt hatten), und im übrigen hätte er sich immer an die Empfehlungen der Wissenschaft gehalten (mit "Perspektivwechsel" und "Brückenlockdown"?).

Natürlich ist Armin Laschet nicht schuld an der Flutkatastrophe und es ist ausgesprochen dämlich, jetzt mit dem Finger auf ihn zu zeigen, weil er andere Prioritäten hatte, weil das niemandem hilft, nicht den Leuten, die jetzt nicht mehr aus und ein wissen und auch nicht dem Klima.
Genauso dämlich ist es allerdings, zu leugnen, dass man bisher andere Prioritäten hatte.
Armin Laschet ist gewiss nicht der einzige Politiker, der Probleme damit hat, Fehler zuzugeben, zu sagen: "Da lag ich falsch, aber jetzt habe ich es kapiert!"
Und es soll in dem Zusammenhang auch nicht vergessen werden, dass "Umdenken" in Deutschland nicht hoch angesehen ist, Umdenken wird in Deutschland noch immer gerne als "Umfallen" diffamiert.

Aber wenn man sich zu oft auf allzu dreiste Art wegduckt drängt sich schon der Verdacht auf, dass es in Wahrheit nur eine Priorität gibt: Die Wahl zu gewinnen.
Und das ist auch nicht gerade ein Zeichen von Empathie.

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