Wenn die Linke vor lauter Bäumen den Wald nicht sieht…

Michael Foucault – Einer Vordenker der Postmoderne Grafik: Nemomain Lizenz: CC BY-SA 3.0


Mittlerweile haben aufbauend auf den Theorien des Queerfeminismus und Postkolonialismus Debatten über Betroffenheit, Subjektivität und Reproduktion von Diskriminierung so überhand genommen, dass die eigentlichen Ziele der selbsternannten Linken aus den Augen verloren werden und die wirklich wichtigen Diskussionen, die der Erreichung eben jener Ziele zugrunde liegen sollten, nicht mehr geführt werden. Von unserer Gastautorin Tina Sanders.

Als das oberste Anliegen der – wohlgemerkt, radikalen – Linken gilt die Schaffung einer emanzipierten Gesellschaft frei von kapitalistischen und patriarchalen Herrschafts- und somit Unterdrückungsmechanismen und -strukturen. Die Schaffung einer Welt, in der alle “ohne Angst verschieden sein können” (Adorno, Theodor W. (2003): Minima Moralia, 1. Auflage, 116.). Dieser Anspruch sollte nicht nur für  VertreterInnen marx’scher Ansätze und der Kritischen Theorie gelten, sondern der gesamten Linken ein Anliegen sein, bedeutet doch bereits der Begriff radikal, diese Strukturen und die daraus resultierenden Probleme an der Wurzel zu benennen, analysieren und kritisieren. Sobald es jedoch heißt, es gebe keine objektive Wahrheit und Wahrnehmung, werden diese nicht nur verschleiert, sondern es stellt sich die Frage: “Wofür bzw. wogegen soll eigentlich gekämpft werden?” Zwar lag Foucault mit der Entwicklung seiner Diskursanalyse, die vor allem der Frage nachgeht, weshalb in (sozio)politischen und historischen Diskursen Äußerungen genauso auftreten wie sie es tun, mitnichten falsch. Sie zählt zurecht mittlerweile zu einer der wichtigsten Methoden im humanwissenschaftlichen Bereich. Allein Sprache und Diskurse zu kritisieren jedoch lässt völlig aussen vor, dass die maßgeblichen Mechanismen des Kapitalismus sich hinter dem Rücken der an ihnen Beteiligten vollziehen, sodass die Kritik des Kapitalismus auf dieser Basis regelmässig verkürzt geübt wird, wo sie überhaupt noch praktiziert wird.

Ihren Platz nehmen stattdessen Theorien und Konzepte wie Queer Theory, Critical Whiteness, kulturelle Aneignung und Postkolonialismus ein. So einleuchtend es ist, beispielsweise Kritische Männlichkeitsforschung zu betreiben, so ist es auch nicht verkehrt – im Sinne von Critical Whiteness – Weiße und ihren Status innerhalb der Mehrheitsgesellschaft aufzuzeigen und zu analysieren. Der Einsatz dieser Theorien kann allerdings völlig aus dem Ruder laufen, sobald cis-Männern, das heißt Männern, die sich mit ihren angeborenen Geschlechtsteilen und ihrer sozialisierten Männlichkeit wohl fühlen, pauschal eine Täterrolle zugeschrieben wird. Des Weiteren wird Weißen aufgrund ihrer Privilegien, die sie nun mal realistisch gesehen genießen, die Fähigkeit abgesprochen, sich empathisch in die Lage einer nichtweißen Person hineinversetzen und sich solidarisch im Kampf gegen Rassismus engagieren zu können. Genauso verhält es sich mit cis-Männern: Selbstverständlich wird ein sogenannter cis-Mann niemals wissen wie es sich anfühlt, als Frau nachts alleine die Straßen der Stadt entlang laufen zu müssen, allerdings bedeutet das nicht, dass er nicht objektiv feststellen kann, dass genau diese Situation eine Herausforderung darstellt. Auch der Postkolonialismus verkennt die kapitalitalistische Produktionsweise und das Patriarchat völlig, indem er den USA und der EU die gesamte Schuld an kapitalistischer Ausbeutung zuschiebt sowie Diskriminierung und Unterdrückung einzig und alleine dort verortet. Auch das Konzept der kulturellen Aneignung, dass das Übernehmen von beispielsweise asiatischen oder afrikanischen kulturellen Eigenheiten als Kulturkannibalismus bzw. Rassismus anprangert, manifestiert eher den Status von Nichtweißen als das Andere, von der Norm abweichende und praktiziert darüber hinaus einen beinahe schon rechtsextrem anmutenden Ethnopluralismus, die Theorie, dass Kulturen unter sich bleiben und nicht vermischt werden sollen, und betreibt Identitätspolitik anstatt tatsächlich bemüht zu sein, die Ursachen für rassistische Strukturen und Mechanismen bekämpfen zu wollen.

Diese Identitätspolitik führt außerdem dazu, dass das Bemühen darum, zu definieren, wann Rassismus, Sexismus, Homophobie, Inter- und Transfeindlichkeit, Antisemitismus sowie die Diskriminierung von Menschen mit Behinderung tatsächlich stattfindet, dadurch verunmöglicht wird, dass einzig und alleine die davon Betroffenen zu Wort kommen dürfen. Selbstredend sind die Erfahrungen, Empfindungen und Gedanken von vor allem diesen relevant und ermöglichen denen, die nicht betroffen sind, Einblick und somit Empathie und Solidarität bezüglich der real existierenden Verhältnisse. Es sollte des Weiteren ihrer strukturellen Unsichtbarmachung entgegen gewirkt und ihnen Gehör verschafft werden. Allerdings sorgen ein vollkommener und ausschließlicher Bezug darauf, was die Meinung der Betroffenen ist sowie daraus folgende Redeverbote (zur weiteren Information: http://jungle-world.com/artikel/2012/30/45919.html) nicht zu emanzipatorischem Potenzial. Dies zeigt sich vor allem, wenn insgeheim eine Hierarchisierung der Diskriminierung und Unterdrückung festgestellt werden kann, da sich z.B. wiederholt mit Nichtweißen solidarisiert wird, die teils antisemitisch agieren (zur weiteren Information: http://www.haaretz.com/israel-news/1.735206) oder mit TürkInnen, die KurdInnen verfolgen (zur weiteren Information: https://kurier.at/politik/inland/erdogan-anhaenger-demonstrierten-wieder-in-wien/210.190.016) etc. – diese Aufzählung ließe sich unendlich fortführen und was sich hier zeigt, ist: Solidarität und Emanzipation müssen intersektionell gelten und objektiven, universell gültigen Ansprüchen gerecht werden, denn Betroffenheit alleine bedeutet nicht, dass diesen Personen pauschal der Sinn nach etwas anderem als Identitätspolitik und einer Besserstellung innerhalb der patriarchalen, neoliberalen Gesellschaft steht. Noch weniger bedeutet es, dass von Diskriminierung Betroffene automatisch emanzipatorisch agieren.

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13 Kommentare

  1. #1 | Widerspruchsfrei sagt am 10. Februar 2017 um 19:55 Uhr

    "Des Weiteren wird Weißen aufgrund ihrer Privilegien, die sie nun mal realistisch gesehen genießen, die Fähigkeit abgesprochen, sich empathisch in die Lage einer nichtweißen Person hineinversetzen und sich solidarisch im Kampf gegen Rassismus engagieren zu können."

    "Noch weniger bedeutet es, dass von Diskriminierung Betroffene automatisch emanzipatorisch agieren."

    Oder gar widerspruchsfrei.

  2. #2 | Flo sagt am 10. Februar 2017 um 20:47 Uhr

    Geht es nicht darum seine eigene Rolle kritisch zu sehen, zu akzeptieren, dass man auch mal etwas nicht versteht und dem Gegenüber zu glauben? Jemanden diskriminierten zu unterstützen, heißt auch eigene Macht abzugeben. Vor allem die Macht zu sagen was richtig ist. Es heißt aber auch zu akzeptieren, dass man als Mann keinen Job bekommt, weil der für eine Frau oder jemanden der Behindert wird, per Quote reserviert ist. Bzw. dem oder der zu helfen, die uns nachher unsere Position streitig macht. Man kann nicht von jemanden Dankbarkeit verlangen, aber meiner Erfahrung nach, hat sich solidarisches Handeln immer gelohnt.

    Es ist richtig, jede/r ist gleichzeitig in einer Opfer- und einer Täterrolle im großen Verteilungskampf und verhält sich dementsprechend. Jede/r ist auch indoktriniert durch Erziehung und Erfahrung, ich verletze auch ständig Menschen, vergesse ständig zu gendern und komme nicht klar mit den vielen Geschlechtern. Ein Kommunist kann auch Rassist sein. Wie spricht es sich mit oder über Jemanden der Gendervoid ist?

    Die "weißen heterosexuellen Männer und Frauen" klammern sich vehement an ihre Macht und sind auf dem Vormarsch. Hierbei verbündet sich der "weiße Reiche" mit der "weißen Unterschicht". Letztere haben von der intellektuellen Elite ja nichts bekommen was ihre Situation verbessert. Wir, als Teil der Elite, nur ohne Geld, haben uns in unserem Machtkampf immer auf die Unterstützung der Unterdrückten verlassen, aber ohne tatsächlich etwas zu geben. Es ist an der Zeit, diesen Unterdrückten auch etwas zu geben und wenn wir sie nur mal selbst entscheiden und reden lassen.
    ( Das wir dies können zeigt schon unsere Machtposition.) Mit all den Problemen und Widersprüchen, die es mitbringt, den jeder hat ein Recht auf ein Stück des Kuchens. Und Geflüchtete sind mal Opfer, aber können dann auch Täter sein und ein Iraker bekämpft seinen jesidischen Landsmann. Versuchen wir Verständnis füreinander zu schaffen und verändern die Institutionen und Strukturen, so dass diese ein besseres und sicheres Umfeld für alle bieten. Machen wir die Probleme bewusst, aber Maßen uns nicht an die Lösung dafür zu kennen, denn alles ist so verdammt komplex wir müssen darüber auch mal reden. Recht habe ich auch nicht, soll ich deswegen ruhig bleiben?

  3. #3 | Rene sagt am 11. Februar 2017 um 09:37 Uhr

    Es gibt beileibe einfachere und effektivere Wertemodelle, um ein guter Mensch zu sein. Wie wär's z.B. einfach nur mit dem Kant'schen Imperativ. Bei den Diskussionen (sowohl der Befürworter als auch der Gegener) der hier aufgerissenen Themen habe ich vor allem den Eindruck, dass sich die jeweiligen Gruppen und Grüppchen gerne gegenseitig auf die roten Knöpfe drücken. Sad.

  4. #4 | Helmut Junge sagt am 11. Februar 2017 um 10:03 Uhr

    @Flo, solche Nischen, in denen "weiße heterosexuelle Männer" die ihr Cis-Männer nennt, kein Rederecht haben, sind mir, älterer Cis-Mann bisher nicht bekannt. Ich vermute. ihr seid genau deshalb auch eine männerfreie Gruppe. Ihr solltet mal ein Video drehen, damit auch Außenstehenden klar ist, worum es eigentlich geht.

  5. #5 | Simon sagt am 11. Februar 2017 um 10:37 Uhr

    Unter dem Strich ein guter Artikel, ich teile wirklich das meiste darin. Einen Kritikpunkt hätte ich allerdings:

    "Auch der Postkolonialismus verkennt die kapitalitalistische Produktionsweise und das Patriarchat völlig, indem er den USA und der EU die gesamte Schuld an kapitalistischer Ausbeutung zuschiebt sowie Diskriminierung und Unterdrückung einzig und alleine dort verortet."

    Dieser Aussage kann ich so nicht zustimmen. Für mich handelt es sich dabei um einen verkürzten Rundumschlag gegen den Postkolonialismus. Postkolonialismus (oder postcolonial studies) ist ungleich Antiimperialismus. Es gibt auch genug martrialistsiche/marxistische postkoloniale Theoretiker*innen die etwa auch nicht in leninistischer Tradition stehen. Oft sind diese aber nicht bekannt, oder die gesellschaftstheoretische Grundlage interssiert Leser*innen gar nicht, weil der Fokus auf anderen Dingen liegt. Ich unterstelle der Autorin eine oberflächliche Kenntnis dieser Richtung, anders wäre so eine Aussage nicht möglich.

    Sollte die Aussage absichtlich polarisierend sein, finde ich das auch nicht richtig, denn linke Grabenkämpfe lassen sich durch solche Aussagen eher nicht überbrücken.

    Solidarische Grüße

  6. #6 | ke sagt am 11. Februar 2017 um 12:29 Uhr

    @2:
    "Jemanden diskriminierten zu unterstützen, heißt auch eigene Macht abzugeben. Vor allem die Macht zu sagen was richtig ist. Es heißt aber auch zu akzeptieren, dass man als Mann keinen Job bekommt, weil der für eine Frau oder jemanden der Behindert wird, per Quote reserviert ist"

    Während meiner Erziehung etc. habe ich nie erlebt, dass Frauen diskriminiert werden. Es gibt natürlich geschlechtsspezifische Klischees für die jeweiligen Geschlechter. Aber in meinem Job, in meiner Familie etc. kenne ich dies nicht. Auch beim Sport gibt es gemischte Wettbewerbe im Breitensport. Jeder ordnet sich dort ein, was seiner Leistungsfähigkeit entspricht.

    Für mich gibt es keine größere Diskriminierung als eine Quote für Berufe etc. Insbesondere dann, wenn es Geschlecht, Migrationshintergrund, angebliche soziale Benachteiligung geht.

    Es gibt auch viele Ex-Kolonien, die sich hervorragend entwickelt haben. Die Infrastruktur Afrikas basiert heute noch auf der der Kolonialzeit. In vielen Fällen hatte sich nichts verändert.

    Der Staat muss natürlich sorgen, dass Regeln eingehalten werden.
    Welches Signal ist dabei bspw
    http://www.focus.de/regional/videos/regelung-in-nordrhein-westfalen-polizistinnen-sollen-nur-noch-mit-maennern-auf-streife-gehen_id_6620747.html

    Welches Signal sendet der Staat, wenn er die sportlichen Voraussetzungen für die Polizei am Sportabzeichen festlegt?
    Entweder ist es wichtig, dass man schnell rennt oder nicht.
    Entweder ist es wichtig, dass man richtig schreibt oder nicht.

    Wenn mich mit den Aussagen/Theorien, die hier angesprochen werden, beschäftige, habe ich nicht den Eindruck, dass sie mit meiner erlebten Wirklichkeit in Verbindung gebracht werden können.
    Sie ähneln zu häufig den Versuchen aus vergangenen Zeiten nachzuweisen, dass die Erde der Mittelpunkt des Solarsystems ist.

  7. #7 | abraxasrgb sagt am 11. Februar 2017 um 12:48 Uhr

    Ist "linke" Wahrnehmung nicht durch den Satz "lieber einen Standpunkt, als weiten Horizont" als Taktik zur Reduktion der Komplexität der Wirklichkeit, generell gekennzeichnet?

  8. #8 | Flo sagt am 11. Februar 2017 um 13:40 Uhr

    Hallo Helmut,
    Redeverbote habe ich auch noch nicht erlebt, bin selbst eher außenstehend und ein "weißer Mann". Ich kenne Menschen aus den verschiedensten Gruppierungen und erlebe eine schwere Krise der Linken. Antideutsche applaudieren Trump und Netanjahu, Antisemiten bei den Linken solisarisieren sich mit palästinensischen Terroristen und sprechen Israel das Existenzrecht ab. Globalisierungskritiker mit ihrer vereinfachen Kapitalusmuskritik geben jüdischen Bänkern die Schuld und fordern mit extrem Rechten zusammen einen nationalen Sozialismus. Und all dies während "weiße heterosexuelle Männer wie Trump", um es etwas einzugrenzen, Oberwasser kriegen. Ich stecke jetzt nicht in einer totalen Ideologiekrise, aber entscheide meist nur noch von Fall zu Fall. Postkoloniale Studien oder Gender Studien sind alle wirklich sozial sinnvoll und wissenschaftlich höchst interessant. Sie sollten vor allem in Ruhe ihr Zeug machen können. Es geht aus der Rechten Ecke hervor, dass wir linke nur öko und gender wollen, aber das ist schlicht falsch, wir sollten uns nicht gegenseitig die Augen aushacken, sondern uns einigen. Es sind ja oft keine Linken Parteien oder Gruppen, wie die Grünen, die für alle Linken stehen. Es sind auch bei den Gender Studien etc. nicht alle aus den Bereichen, die so handeln wie im Artikel beschrieben…mehr wollte ich eigentlich gar nicht sagen. Solidarisiert euch, mit moderaten Grenzen und haltet die Widersprüche aus…

  9. #9 | oGNZo sagt am 11. Februar 2017 um 14:26 Uhr

    Danke für diesen Text. Das Thema an sich ist für mich schon etwas älter, deshalb freue ich mich sehr, hier etwas anregendes dazu zu lesen.

    So sehr wir nicht nur auf Opfer hinweisen sollten, sondern uns deren selbstständiges emanzipatives Handeln wünschen müssen: Die Erfahrung eines privilegierten Menschen bleibt weiterhin relevant für die Reproduktion dieser Gesellschaft. Auch das Erlebnis anderer Perspektiven ist eine solche Erfahrung. Ich persönlich "tausche" mich tatsächlich nur sehr ungern mit jemandem aus, der davon ausgeht, dass ich nur ein pädagogisches Objekt bin, dass zum Thema aufgrund genetischer Zufälle und einem nicht offensichtlichen oder nicht explizit geäußerten Traumas nichts beitragen oder verstehen kann. Und ich bin hier bereits der hoch gebildete, mit den Themen vertraute und ernsthaft interessierte Gesprächspartner und möchte mir deshalb gar nicht vorstellen, wie schnell andere Menschen vor solch einseitigen, tribunalistischen Gesprächen fliehen. Vieles von dem, was sich kritische Praxis nennt, bleibt hier doch ein eher wissenschaftliches Handeln, ein Sammeln von Erfahrungen für die Theoriebildung, ein Durchdeklinieren der Fälle, Forschung. Dies ist jedoch keine Praxis im eher avantgardistischen Sinne, die diese Welt wirklich verändern möchte, sondern produziert schlicht eine Reihe von Aussagen und Feststellungen, die in den schlimmsten Fällen auch noch mit Schuld operieren und sich darin dann an einer vielleicht zufällig zuhörenden, privilegierten Person abarbeiten. Hier einfach auf eine Wahrheit zu setzen und diese im Gespräch oder großdiskursiv als Anklage durchsetzen zu wollen, kann man machen. Vielleicht ermutigt dies ja einige der strukturiert Benachteiligten, es liefert ihnen für sich und ihre Situation zumindest ein (zum Teil schrecklich praxisfernes) Vokabular. Man kann auf diese Weise an sich selbst und der eigenen Emanzipation und der eigenen fremd verschuldeten Unmündigkeit arbeiten. Man sollte dann aber auch ehrlich sein, dass es einem zunächst nur um sich selbst und die eigene Identität geht und dabei häufig nicht um die Überwindung eines Täter-Opfer-Narrativs. Und wenn man selbst bereits so aufwändig die Widersprüche und Ungleichheiten dieser Welt mit sich selbst aushandelt, könnte man wohl auch einer privilegierten Person zugestehen, dass sie diese gelegentlich unverschuldete Situation in sich selbst verhandeln muss und dass es hier oh Wunder sogar Zwischenstadien der Reflektion geben kann. Zumindest sollte man dies fördern, wenn man an einem Wandel wirklich interessiert ist. Die schlichte Machtergreifung und die pure Überwältigung bleibt ein feuchter Traum, die Reduzierung des Gegenübers eine fortgeschriebene Schande. Um Foucault zu paraphrasieren: Es geht nicht darum, den Spieß umzudrehen, der Spieß ist das Problem. Ich persönlich wünsche mir zumindest nicht noch mehr akademischen und moralischen Duktus. Das empfinde ich als weltfremd und das könnte man viel dialogischer und philanthroper gestalten. Ich kenne da gute Beispiele und weiß, dass das geht. Fazit: An der Praxis arbeiten und mehr Menschen überzeugen, sonst hilft auch die beste Analyse nichts.

  10. #10 | Flo sagt am 11. Februar 2017 um 15:05 Uhr

    @6 Hallo, na die Realität um einen herum kann tatsächlich sehr anders sein, als bei anderen. Ich komme eher aus der Arbeiterschicht, bin jetzt aber durch Studium etc. eher in der bürgerlichen Schicht angekommen, es sind sehr unterschiedliche Welten. Ich sehe die intellektuelle Linke mittlerweile kaum noch legitimiert über die Arbeiterschicht zu urteilen, mich selbst sehe ich mich entfremden von dieser. Frauenrechte waren immer ein Thema der bürgerlichen Welt, ich denke noch nicht einmal ein besonders linkes Thema. Aber die Linke war bisher immer dafür bekannt sich mit Themen und Gruppen zu solidarisieren, die ebenfalls unter den herrschenden Bedingungen leiden. Ich erlebe es oft, dass Frauen in Bereichen diskriminiert werden wo es sinnlos ist, in manchen Bereichen ist es sicher sinnvoll, wie beim Thema Polizei, es ist ein Widerspruch, aber Warum auch nicht? Ich merke es auch bei Freunden mit Migrationshintergrund. Alltagsrassismus ist nur wahrnehmbar, wenn man betroffen ist und es anspricht. Darum geht es glaube ich, wenn man sich anhören muss, man hätte keine Ahnung. Aber ich merke auch, dass die Betroffenen selbst oft sehr unsicher sind. Man sollte miteinander einfach reden.

  11. #11 | Flo sagt am 11. Februar 2017 um 15:11 Uhr

    Bei Quoten war ich mir lange unsicher, positive Diskriminierung ist immer noch Diskriminierung. Die Unterschiede werden hervorgehoben. Aber ich sehe es als einen Zwischenschritt, hin zu einem weniger diskriminierenden Umfeld. Wenn in den Behörden etc. die Gesellschaft proportional korrekter abgebildet ist, brauchen wir auch keine Quote mehr. Warten nervt aber…

  12. #12 | Davbub sagt am 11. Februar 2017 um 20:17 Uhr

    "Dies zeigt sich vor allem, wenn insgeheim eine Hierarchisierung der Diskriminierung und Unterdrückung festgestellt werden kann,…"
    Geht es nicht immer um ganz handfeste materielle Ansprüche, die -zu recht oder unrecht- unter dem Deckmantel der Anti-Diskriminierung gestellt werden? Geht es nicht in Wirklichkeit auch immer um Verteilungskämpfe, die unter den "Opfergruppen" mindestens genauso brutal ausgefochten werden wie die gegen die Unterdrücker; z.B. Planstellen und Fördergelder, die von den Unterdrückern eingefordert werden? M.M. nach führt dies nicht selten zu erneuten Ungerechtigkeiten, z.Zt. im ÖD in NRW. Und kann man diese Situation wirklich je auflösen? Die Ungleichheit ist doch auch das Treibmittel der Gesellschaft, der Anreiz, die eigene Lebenssituation und die der Nachkommen zu verbessern.

    Haben sich nicht "die Juden" (welch eine dumme Bezeichnung einer der heterogensten Gruppen der Welt) vehement gegen die Errichtung eines Mahnmal für alle NS-Opfer gewehrt? In Berlin kann man die Ergebnisse der Opferolympiade besichtigen: Anhand der Größe, der Kosten sowie dem zeitlichen Abstand der Errichtung zum Kriegsende lassen sich die Gewichtung und das Ansehen der jeweiligen Gruppe in der Gesellschaft sehr gut bemessen (verloren haben -glaube ich- die Schwulen & Lesben).
    Als ich als junger Mensch in Paris war, gab es in der Metro an den reservierten Plätzen noch auf Metallschildern genaue Auflistungen, in welcher Reihenfolge die "Benachteiligten" diese in Anspruch nehmen durften: Zunächst -natürlich- die Kriegsversehrten, dann schwangere Frauen, auch die sonstigen Behinderungen waren gestaffelt. Eine schwangere Frau mußte also aufstehen, wenn ein Kriegsgeschädigter erschien. Hatte der Behinderte jedoch sein Bein im Verkehr verloren, durfte sie sitzen bleiben. Das bizarre Bild dieser Schilder wird mir immer vor Augen bleiben.

  13. #13 | ke sagt am 11. Februar 2017 um 20:34 Uhr

    Für mich gibt es nichts Schlimmeres und Demotivierendes als Quoten.

    – Quoten demotivieren Leistungsträger
    – Quoten zeigen weniger leistungsorientierten Menschen, dass sich anstrengen nicht lohnt, da die Quote nachweist, dass man weniger Chancen hat.


    @10: Willkommen im Club bzgl. des Backgrounds.
    Ich habe mich nie benachteiligt gefühlt. Natürlich konnten wir nicht ins Ausland in den Urlaub fahren. Der Weg zur Uni etc musste selber erobert werden, weil die Familie über keine Erfahrungen verfügte und die Schule bis auf einen Besuch beim Arbeitsamt auch wenig über die Möglichkeiten bzgl. eines Studiums vermittelte.
    Das musste man selber machen. Genauso, wie man sich jetzt auch selber weiterbilden muss, seine Chancen suchen muss etc.
    Das lernt man. Hier muss jeder seinen Weg finden und meinen seinen körperlichen und geistigen Fähigkeiten klar kommen.

    Wenn ich kleine Kinder sehe, die immer wieder Aufstehen und laufen wollen und die immer wieder nach dem "Warum" fragen, frage ich mich, was passiert, damit so viele Menschen die intrinsische Motivation verlieren.
    Quoten bzw. die bequeme Opferhaltung sind hier sicherlich ein Grund, mit dem der Staat als Autorität sagt, dass bspw. Frauen eine Quote benötigen, dass geringere sportliche Anforderungen bei der Polizei ausreichen, dass es bspw. bei den Grünen eine Doppelspitze gibt, obwohl nur knapp 40 Prozent der Mitglieder Frauen sind.

    Was soll das? Das kann auch nicht für einen "Übergangszustand" helfen.
    Was bringen bspw. viele Professorinnen im Bereich Genderforschung für die Gleichberechtigung?

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